Wer in den vergangenen Tagen den Autor Christian Kracht auf dem Handy anrief, vernahm am anderen Ende der Leitung ein fremdartig brummendes Freizeichen. Keine Antwort. Kracht war nicht zu erreichen. Womöglich war er wieder auf der Flucht, wie die Helden seiner Romane, die Kracht gern weg und immer weiter weg laufen lässt. Sein Verleger sagte dann, Kracht sei in Malawi.
Das könnte stimmen, schließlich stammt der Ich-Erzähler des neuen Kracht-Romans ebenfalls aus Malawi. Es könnte aber auch, wie alles beim Schriftsteller Kracht, genauso gut nicht stimmen, es könnte perfekt organisierte Desinformation sein, ein Verwirr- und Versteckspiel, ein stetiges Schaffen von Verunsicherung.
Diese Strategie verfolgt nicht nur die Person Kracht; sie zieht sich auch durch seine Texte: Nach seinen Romanen "Faserland" (1995) und "1979" (2001), auf deren vermeintlich seichte Oberflächenstruktur die meisten Kritiker hereinfielen, nach ein paar sehr sonderbaren Interviews, in denen er etwa dem Taliban-Führer Mullah Omar Respekt zollte, und nach einigen kürzeren Stücken, die sich mit dem Okkultisten Aleister Crowley oder Nordkoreas Diktator Kim Jong Il befassten, lässt sich sagen, dass Kracht es liebt, Fallen zu stellen. Sie sollen ihn schützen vor dem Zugriff anderer.
Wer dem immer höflichen, oft schüchternen Kracht begegnet, in seiner merkwürdig ältlichen Kleidung, die ihn manchmal aussehen lässt wie den Weltreisenden Tim aus "Tim und Struppi", der glaubt zunächst an eine Inszenierung. So kann ja niemand sein. Zwischen seinen Höflichkeiten redet Kracht am liebsten abwegiges Zeug, oft von Menschen, von denen sein Gegenüber noch nie gehört hat, die aber irgendetwas Bahnbrechendes erfunden haben, eine Glasglocke zum Beispiel, die - wenn man sie über einer Stadt aufspannt - so viel Wärme sammelt, dass die Stadt vom Boden abhebt. In solchen Momenten wird klar, hier hat einer seine Inszenierung, wenn es je eine war, so verinnerlicht, dass sie von seinem Selbst nicht mehr zu trennen ist.
Wenn man über den amerikanischen Phantom-Schriftsteller Thomas Pynchon nichts weiß, weil man wirklich kaum etwas weiß, dann weiß man über Kracht nichts, weil man zu viel weiß: zu viel von ihm Behauptetes, wieder Zurückgenommenes, von seinen vielen Anhängern Lanciertes. Mal soll er dem Rechtsokkultismus verfallen sein, dann wieder dem Sowjetkommunismus, manchmal soll er in Nepal leben oder in Argentinien, dann in Berlin oder doch München, jetzt also in Malawi.
Christian Kracht, 41, war Redakteur bei "Tempo" und berichtete auch kurze Zeit für den SPIEGEL aus Indien. Sein dritter Roman in 13 Jahren, der an diesem Montag erscheint, borgt seinen pathetischen wie irreführenden Titel von einem englischen Volkslied: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten"*.
Das Buch wird auf den ersten Blick all jene bestätigen, die wie die "Süddeutsche Zeitung" oder "Die Zeit" dem Autor eine Faszination für das Mystisch-Faschistoide unterstellt haben: Die Handlung spielt heute, doch in einer von Totalitarismus und Krieg beherrschten Welt. Alles, was Halt geben könnte - Zivilisation, menschliche Nähe, technischer Fortschritt -, ist verschwunden. Obendrein wählt Kracht für diese Vision eine Sprache, die sehr offensichtlich und gekonnt dem Duktus von Ernst Jünger nachspürt, wie er aus "Strahlungen" bekannt ist, Jüngers Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg: Menschliches Leid, das so anteilslos wie präzise auserzählt wird, findet seinen Widerpart in ästhetisierten Naturbeschreibungen.
Diese Sprache, die auf merkwürdige Weise alt und ungeheuer modern zugleich klingt, gepaart mit den Themen Krieg und Totalitarismus - das ist eine äußerst riskante Konstruktion. Ist sie bloß einer dunklen Faszination für das Böse, das Kranke, das Verbotene geschuldet? Dann ließe sich das Buch vergessen. Oder ist Krachts Sprache in der Lage, das zu leisten, was Literatur im besten Fall kann, Ängste und Alpträume freischälen, neue Denkarten eröffnen? Dann wäre das Buch brillant.
Um seine Kriegsszenerie zu schaffen, muss der Autor erst den Geschichtslauf verändern, eine Alternativweltschreibung anlegen. Bei Kracht, selbst Schweizer, ist Lenin 1917 aus der Schweiz nicht nach Russland zurückgekehrt, sondern hat eine Großmacht gegründet, die SSR, die Schweizerische Sowjetrepublik. Sie ist in einen fast hundertjährigen
Krieg mit deutschen und britischen Faschisten verstrickt, nur Afrika, von den Schweizern kolonialisiert, ist eine Oase der Zivilisation.
In der Schweiz dagegen herrscht klirrender, düsterer Winter. Es liegt Schnee und manchmal ein blutüberströmter Leichnam darin. Der Krieg hat fast jeden technologischen Fortschritt verhindert; die Menschen reiten auf Pferden, an deren Sättel sie Maschinengewehre schrauben, sie fahren in Draisinen, werfen Bomben aus Luftschiffen, decken sich mit Hundefellen zu. Einzig die Steckdosen unter den Achseln mancher Menschen sowie umherschwirrende Sonden fallen aus dem vormodernen Setting.
Dass diese Möglichkeitswelt so plastisch wie die hochaufgelöste Szenerie eines Computerspiels wirkt, dass sie den Leser in sich hineinsaugt, ihn immer wieder alarmiert - dafür sorgt die sorgsam eingesetzte Ernst-Jünger-Sprache, die immer nur wenige Striche braucht, um Bilder wie diese zu erschaffen:
"Den Balkon betretend, sah ich das erhabene Bild Dutzender deutscher Luftschiffe, die den Himmel über meinem Kopf füllten. Und während vor den runden, gläsernen Scheiben der Gasmaske die Sonne orangerot und wundervoll glühend hinter den Alpen versank und unsere Scheinwerfer wie weiße Nadeln den Abendhimmel durchstachen, begann erneut das infernalische, monströse Bombardement des Réduit."
Wenn ein Autor seinen Erzähler heute so sprechen lässt, kann man das für manieriert halten, auch für reaktionär. Man kann aber auch erkennen, dass eine Erzählung, die ihre Leser aus allen Gewissheiten herausreißen will, auf eine Sprache angewiesen ist, die anders klingt als jene, mit der wir unseren vermeintlich abgesicherten Alltag beschreiben.
Worauf also fällt der Mensch von heute zurück, wenn die Gegenwartskoordinaten abgeschafft sind und einzig Ideologie und Krieg Halt versprechen? Wenn es notwendig ist, "dass der Krieg weiterging", denn "er war der Sinn und Zweck unseres Lebens"? Das Wegbrechen von Verlässlichem, das Zurückgeworfensein des Menschen auf den Kern seiner Identität - das waren immer die Fragen, die Kracht in seiner Literatur bewegt haben.
Schon in seinem Debüt "Faserland", das irrtümlicherweise immer noch als Grundlagenwerk der deutschen Popliteratur gilt, reist ein Erzähler durch eine in ihren Äußerlichkeiten - Markennamen, Orte, echte Personen - leicht identifizierbare Bundesrepublik, die in ihrem Kern aber längst verrottet war. Schon damals ging es Kracht darum auszutesten, in welch verzweifelte Lagen es den Menschen versetzt, wenn das äußere Koordinatensystem, das jede menschliche Identität stabilisiert, plötzlich unzuverlässig wird.
Sechs Jahre später, in seinem zweiten Roman "1979", verschärft Kracht die Versuchsanordnung: Nun schickt er seinen Ich-Erzähler ins alte, westlich geprägte Teheran, wo jedoch gerade die Islamisten die Macht übernehmen. Die neue Umgebung ist dem Erzähler unverständlich. Das Identitätsstiftende kann nun nicht mehr von außen kommen, der Mensch muss sich seiner selbst von innen gewiss sein. Doch Krachts Helden sind das nicht. Der Erzähler landet in einem chinesischen Arbeitslager, wird seiner Identität beraubt. Doch ist er physisch auch gefangen, existentiell ist er frei. Es ist diese Befreiungshoffnung, die das Schreiben von Christian Kracht antreibt.
Auch der Ich-Erzähler im neuen Roman befreit sich am Ende. Er ist ein Schweizer Parteikommissär, ein Schwarzer aus Nyasaland, dem heutigen Malawi, der dort auf Schweizer Militärakademien herangezüchtet und gehirngewaschen wurde. Er glaubt an den Kommunismus, an die Gleichheit der Menschen, er ist gutmütig und tolerant, doch irgendwie sind ihm die Gefühle abhandengekommen.
Sein Auftrag entspricht dem von Kapitän Marlow aus Joseph Conrads Novelle "Herz der Finsternis": Er soll einen gewissen Brazhinsky aufspüren, einen Mann mit ungeheuren Kräften, der dem System außer Kontrolle geraten ist und sich in einer gigantischen Alpenfestung aufhalten soll, dem Réduit, dem "Jahrhundertwerk der Schweizer", dem "Kern, Nährboden und Ausdruck unserer Existenz".
Doch dieser Kern hat sich, wie so häufig in totalitären Systemen, verselbständigt. Als der Erzähler bemerkt, "dass hier oben etwas zu Ende ging, dass eine fürchterliche und allumfassende Dekadenz des Geistes betrieben wurde", verliert er mit dem Untergang seiner ideologischen Gewissheit die letzte Konstante seiner Existenz. Er ist so verloren wie frei, das Ideologische macht Platz für Metaphysisches.
Es sind die Wahrheiten der westlichen Zivilisation, die Kracht präzise anpikst: Mit dem "Ende der Geschichte", das der amerikanische Politologe Francis Fukuyama 1989 ausrief, feierten wir die Überwindung der totalitären Systeme; Kriege gibt es in Westeuropa nur in der "Tagesschau"; und wenn wir auch jeden Tag aufs Neue vieles nicht verstehen, haben wir doch gelernt, darüber hinwegzugehen.
Krachts Buch ermuntert uns, vielleicht zu bemerken, wie porös etwa Kriegslügen und Folter die sicher geglaubten Ideale der westlichen Gesellschaften haben werden lassen. Und könnte nicht Krachts unkontrollierbarer Wahnsinn eines sich selbst zerstörenden Systems womöglich der gleiche sein, der in diesen Tagen das internationale Finanzsystem durchdrehen lässt?
Das Zurückdrehen der Zeit, das Wiederherstellen verbrauchter Ideale, der alten zuverlässigen Ordnung: Es ist ein aussichtsloses Unterfangen. Es endet im Wahnsinn. Das sagt uns Krachts Roman. Wer den Autor immer noch reaktionär nennen mag, wird auch in diesem Buch vordergründige Argumente finden. Aber ist es reaktionär, seiner Zeit voranzuschreiben? Christian Kracht traut sich genau dies. PHILIPP OEHMKE