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DER SPIEGEL 10/2006 vom 06.03.2006, Seite 138

Autoren: Rafaela von Bredow und Jörg Blech

"Zellen zum Gedankenlesen"

Der amerikanische Neurologe Vilayanur Ramachandran über die Entstehung der Sprache, die Ursache des Autismus und jenes System im Gehirn, das den Menschen zum Menschen macht

SPIEGEL: Professor Ramachandran, wenn ich anfange, meine Hand Richtung Tisch zu bewegen, dann vermuten Sie ...

Ramachandran: ... dass Sie aus meiner Kaffeetasse trinken wollen (hebt seine Hand Richtung Tasse)! Gut, was, meinen Sie, habe ich jetzt vor?

SPIEGEL: Ihre Tasse vor dem Übergriff schützen?

Ramachandran: (lacht) Genau. Und das wissen wir voneinander, ohne es, so wie jetzt, laut aussprechen zu müssen.

SPIEGEL: Das wispern uns offenbar die in letzter Zeit so heiß erforschten Spiegelzellen im Gehirn zu. Wie muss man sich das vorstellen?

Ramachandran: Während Sie die Finger ausstrecken und zugreifen, feuern in Ihrem Gehirn bestimmte Nervenzellen - diesen Zusammenhang kennen wir seit langem. Überraschend und erst seit kurzem bekannt ist jedoch, was sich in meinem Gehirn abspielt: Da feuern die gleichen Nervenzellen wie bei Ihnen - gerade so, als ob ich zugriffe. Durch bloßes Zuschauen versetze ich mich also unweigerlich in Sie hinein. Als diese Spiegelzellen vor einigen Jahren erstmals in Gehirnen von Affen aufgespürt wurden, war mir klar: Die Entdeckung dieser Nervenzellen wird für die Psychologie bedeuten, was die Entdeckung des Erbmoleküls DNA für die Biologie bedeutete.

SPIEGEL: Sie wollen behaupten, diese Zellen seien die stoffliche Basis für alles menschliche Verhalten?

Ramachandran: Natürlich können sie nicht jeden kleinen Aspekt der menschlichen Natur erklären. Die Spiegelzellen sagen zum Beispiel nichts darüber, warum man ein Gemälde scheußlich findet oder warum

man sich in Person A und nicht in Person B verliebt. Vielmehr geht es hier um grundlegende Phänomene, die die Psychologie nicht einmal begonnen hat zu verstehen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Ramachandran: Die Spiegelneuronen erklären unser soziales Miteinander. Wir brauchen sie, damit wir uns in andere Menschen einfühlen, ihre Absichten ahnen können. Wir dachten ja immer, dahinter stecke eine vielschichtige psychologische Fähigkeit - jetzt erkennen wir, dass diese Begabung auf der Tätigkeit einzelner Nervenzellen beruht!

SPIEGEL: Wie viele dieser Wunderzellen hat ein Mensch denn im Gehirn?

Ramachandran: Von den Kommando-Nervenzellen im Vorderhirn scheinen 30 Prozent Spiegelneuronen zu sein. Wir haben noch nicht in allen Regionen gesucht, aber bezogen auf alle Hirnzellen scheinen sie nur wenige Prozent auszumachen.

SPIEGEL: Es ist also eine kleine, aber feine Klasse von Nervenzellen, die den Menschen zum Menschen macht?

Ramachandran: Allerdings. Ich gehe davon aus, dass Spiegelneuronen die Evolution des Menschen entscheidend vorangetrieben haben. Dass sie die Basis waren für die Entstehung der ersten Wörter, der Proto-Sprache. Warum können wir beispielsweise Metaphern gebrauchen? Das war immer ein Rätsel. Ich habe das Gefühl, dass diese Einfühlungszellen die Brücke schlagen zwischen Neurologie und Soziologie - zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften, wenn Sie so wollen.

SPIEGEL: Was brachte Sie auf die Idee, dass diese Zellen so bedeutsam sein könnten?

Ramachandran: Der italienische Hirnforscher Giacomo Rizzolatti und seine Kollegen hatten bereits 1996 herausgefunden: Egal ob ein Affe selbst nach einer Erdnuss greift oder zuguckt, wie ein anderer Affe nach einer Erdnuss grapscht - es sind jeweils genau dieselben Neuronen in seinem Gehirn aktiv. Erstaunlicherweise wurde die Entdeckung von der Öffentlichkeit zunächst kaum wahrgenommen.

SPIEGEL: Aber Sie hielten sie für eine wissenschaftliche Sensation?

Ramachandran: Ja. Diese Nervenzellen sind fähig zu erkennen, was in des anderen Affen Kopf vorgeht. Ist das nicht absolut faszinierend? Zumal wir inzwischen wissen, dass sie genau dies auch bei uns tun - wir können die Gedanken anderer Menschen lesen, weil wir Spiegelneuronen haben.

SPIEGEL: Man liest Gedanken, wenn man einem anderen beim Essen zusieht?

Ramachandran: In gewissem Sinne schon. Immerhin unterscheidet sich die visuelle Wahrnehmung eines nach Erdnüssen greifenden Gegenübers komplett von dem, was ich wahrnehme, wenn ich selbst zupacke. Und trotzdem feuern meine Spiegelzellen, als wäre ich es, der handelt. Dafür muss ich irgendeine mentale Übersetzung der Aktion meines Gegenübers geleistet haben.

SPIEGEL: Bei den Experimenten mit Affen handelte es sich um zielgerichtete Bewegungen in Richtung Nahrungsquelle. Irgendetwas muss beim Menschen hinzugekommen sein, damit er fähig zu richtigem Einfühlungsvermögen wurde.

Ramachandran: Richtig, das haben Kollegen an der University of California in Los Angeles erstmals nachgewiesen. Beim Menschen kennen wir ja schon lange sensorische Zellen im Gehirn, die auf Schmerz reagieren, etwa auf einen Nadelstich. Die Kollegen fanden nun heraus, dass einige dieser Neuronen auch feuern, wenn eine andere Person mit einer Nadel gepikst wird. Hier haben wir also echte Empathie-Zellen! Ich nenne sie auch Dalai-Lama-Neuronen.

SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?

Ramachandran: Weil sie die Barriere zwischen dir und deinem Gegenüber auflösen. Diese höhere Erkenntnis, sich nicht grundsätzlich von anderen Menschen zu unterscheiden, sehen die Traditionen des östlichen Mystizismus als Grundlage der Erleuchtung. Unser Einfühlungsvermögen ist keineswegs irgendein abstraktes kognitives Konstrukt, es ist im Gehirn verankert. So gesehen sind Spiegelneuronen unsere Grundlage für Ethik und Moral.

SPIEGEL: Das heißt, um die Handlungen und Gefühle von Artgenossen zu verstehen, lassen wir sie als eine Art virtuelle Realitätsshow im Gehirn ablaufen?

Ramachandran: Ja, und zwar tun wir das schon wenige Stunden nach der Geburt: Streckt die Mutter ihre Zunge heraus, macht das Neugeborene dasselbe.

SPIEGEL: Was passiert da im Köpfchen?

Ramachandran: Um das hinzukriegen, muss das Baby die visuelle Erscheinung der Mutter, ihr Gesicht, ihre Zunge im Gehirn richtig abbilden. Diese Kartierung muss es in Deckung bringen mit dem, was in seinem Stammhirn geschieht, denn das steuert die Muskeln für Lippen und Zunge des Kindes. Das Neugeborene kann ja seine eigene Zunge gar nicht sehen.

SPIEGEL: Wozu soll das gut sein?

Ramachandran: Abstraktion. Mit Hilfe der Spiegelneuronen abstrahiert das Kind das, was es sieht. Hier, ich zeige Ihnen mal, wie herausragend wir Menschen diese außergewöhnliche Fähigkeit beherrschen (er kritzelt einen Stern und einen amöbenartigen Kreis auf ein Blatt Papier). Stellen Sie sich vor, dies seien zwei Symbole aus dem Alphabet der Marsianer. Das eine bedeutet "bubba", das andere "kikki". Welches ist was?

SPIEGEL: Ist doch klar, der Stern steht für "kikki", die Wolke ist "bubba".

Ramachandran: So antworten 98 Prozent aller Leute, egal ob sie nun Englisch, Hindi oder Deutsch sprechen. Niemand hat ihnen das Marsianer-Alphabet beigebracht, und grüne Männchen sind sie auch nicht. Woher also wissen sie, welches Symbol was bedeutet?

SPIEGEL: Sagen Sie es uns.

Ramachandran: Anders als bei "bubba" reizt das Geräusch, wenn Sie "kikki" sagen, wenn also Ihre Zunge scharf gegen den Gaumen schlägt, die Haarzellen in Ihrem Ohr abrupt nacheinander ...

SPIEGEL: ... und diese Abruptheit, meinen Sie, ist auch dem visuellen Eindruck dieses Sterns eigen?

Ramachandran: Genau. Bild und Geräusch haben also etwas miteinander gemein, nämlich die abstrakte Eigenschaft der Zackigkeit oder Kikkiheit. Die jeweils angesprochenen Hirnareale bringen nun die jeweiligen Abbildungen des visuellen und des akustischen Reizes in Deckung. Und diese eingebaute Fähigkeit basiert, meine ich, auf dem Spiegelzellensystem.

SPIEGEL: Sie sagten vorhin, es erkläre zudem, wie Sprache entstand, wie also unsere Vorfahren vom Grunzen und Kreischen zur Sprachkunst eines Shakespeare gekommen sind.

Ramachandran: Mit der Entstehung vielschichtiger Satzbauregeln haben die Spiegelneuronen sicherlich nichts zu tun, aber wahrscheinlich damit, wie die allerersten Wörter entstanden sind. Das ist ja immer noch ein großes Rätsel. Klar ist nur, dass unsere affenähnlichen Ahnen nicht ums Lagerfeuer gesessen haben, ihre Äxte hochhielten, und einer rief: "Axt! Und jetzt alle: Axt!" Es ist wohl eher so, dass die visuelle Erscheinung von Objekten eine unwillkürliche, nicht beliebige Ähnlichkeit mit bestimmten Geräuschen hat. Also haben wir den Laut und das Objekt mit Hilfe der Spiegelnervenzellen abstrahiert und so aufeinander bezogen.

SPIEGEL: Wie bei bubba und kikki.

Ramachandran: Genau.

SPIEGEL: Müssten dann nicht "Hund", "dog" und "chien" ähnlich klingen?

Ramachandran: In Thailand heißt er "kuta", auf Hindi "mai"- keinerlei Gemeinsamkeit, ich weiß. Das halten mir die Linguisten auch vor. Dazu kann ich nur sagen: Ich rede über die frühesten Anfänge der Sprache. Sobald sie sich differenzierte, konnte der Zusammenhang zwischen Geräusch und Objekt beliebig werden.

SPIEGEL: Wie, glauben Sie, ist das System der Spiegelneuronen ursprünglich entstanden? Doch wohl kaum, damit wir alle eines Tages sprechen lernen.

Ramachandran: Ich glaube, die Spiegelzellen sind evolviert zum Klettern auf Bäume.

SPIEGEL: Das erfordert abstraktes Denken?

Ramachandran: Der Affe muss dazu die Wahrnehmung seiner Finger und Gelenke

in Übereinstimmung bringen mit dem Bild eines Astes, der mal horizontal, mal vertikal, mal schräg vor ihm auftaucht. Das ist eine Art von Abstraktion. Wenn ein solches System dann erst einmal etabliert ist, kann's losgehen mit der Menschwerdung.

SPIEGEL: Und die Fähigkeit, die Zunge rauszustrecken, wenn Mama es tut, war dabei entscheidend?

Ramachandran: Ja. Denn die Fähigkeit zur Imitation ist ja weit mehr als das. Sie ist die Basis von Kultur. Und Kultur wiederum ist das, was uns Menschen so einzigartig macht. Wir sind der kultivierte Affe. Ich erkläre Ihnen, was ich damit meine: Nehmen Sie zum Beispiel den Eisbären. Der hat, durch die natürliche Selektion, Millionen Jahre gebraucht, um sein Fell zu entwickeln. Nun kommt ein Mensch, sieht ihn, tötet ihn und hüllt sich in seinen Pelz. Sohn und Tochter gucken ihm zu, Spiegelzellen feuern, sie machen's später genauso. So ist der Mensch in einer einzigen Generation statt in Jahrmillionen zu einem Fell gekommen. Die Botschaft verbreitet sich im Nu durch die Bevölkerung - das ist Kultur.

SPIEGEL: Warum haben dann Affen so gut wie keine Kultur - obwohl sie doch nachweislich über Spiegelneuronen verfügen?

Ramachandran: ... was sie ja auch durchaus zur Imitation befähigt. Guckt ein Orang-Utan zu, wie einer im Boot einen Fluss überquert, springt er selbst in den Kahn

und fängt an zu rudern. Unter den Primaten sind die Orang-Utans die Besten im Nachahmen. Falls wir aussterben, haben sie meiner Meinung nach die beste Chance, Kultur zu entwickeln.

SPIEGEL: Anstalten dazu haben sie aber bisher noch nicht gemacht.

Ramachandran: Das Spiegelzellsystem ist dazu notwendig - aber für sich genommen nicht ausreichend. Vor allem aber ist es beim Menschen wesentlich ausgefeilter.

SPIEGEL: Könnten wir ohne Spiegelzellen überleben?

Ramachandran: Ja, aber wir wären nicht mehr menschlich. Wir wären nicht einmal Primaten. Vielleicht so etwas wie ein Krallenaffe.

SPIEGEL: Und was wäre, wenn meine Spiegelzellen einfach schlechter arbeiten würden?

Ramachandran: Dann wären Sie ein Autist. Als ich zum ersten Mal einen Vortrag von Rizzolatti hörte, dachte ich: "Mein Gott, wenn es das ist, was diese Zellen tun, dann können sie wunderbar fast alle Symptome des Autismus erklären!"

SPIEGEL: Die Weltabgewandtheit?

Ramachandran: Diese Einsamkeit, das komplette Fehlen von Einfühlungsvermögen, das ist das Hauptsymptom. Ja. Aber autistische Kinder zeigen auch repetitive Bewegungen, sie können sehr schlecht imitieren, ihre Sprache ist oft verarmt, sie verstehen keine Metaphern.

SPIEGEL: Es gibt auch andere Theorien, die Autismus erklären: das Fehlen bestimmter Hormone im Hirn beispielsweise.

Ramachandran: Ja, aber sie erklären nicht die spezifischen Symptome. Spiegelneuronen können das - wir haben das vor kurzem an autistischen Menschen gezeigt.

SPIEGEL: Wie?

Ramachandran: Mit der Elektroenzephalografie lassen sich Hirnströme beobachten. Eine bestimmte Komponente davon heißt m-Welle. Die wird im Hirn eines gesunden Menschen unterdrückt, wenn er eine Handlung vollzieht. Das Faszinierende ist, dass diese Welle auch unterdrückt wird, wenn man eine andere Person bei einer Handlung beobachtet. Offenbar sind die Spiegelneuronen an der Unterdrückung der m-Wellen beteiligt. Bei autistischen Kindern zeigte sich nun aber ein anderes Bild: Zwar wird die m-Welle auch bei ihnen unterdrückt, wenn sie einen Löffel oder einen Stift greifen. Wenn sie jedoch jemand anderen dabei beobachten, wird die Welle unvermindert gesendet! Wir waren ziemlich aufgeregt - es passiert schließlich nicht jeden Tag, dass man aufwacht und sich sagt: Wir haben die Ursache des Autismus gefunden. Im Dezember haben dann Kollegen aus Los Angeles Kernspin-Untersuchungen an autistischen Kindern veröffentlicht, die unsere Arbeit bestätigen.

SPIEGEL: Wird es irgendwann eine Pille geben, die den Spiegelzellen von Autisten auf die Sprünge hilft?

Ramachandran: Im Moment sind wir dabei, es mit Biofeedback zu versuchen. Dafür schaut sich der Patient seine Gehirnströme an, in diesem Fall die m-Welle. Der Autist versucht nun, sie zu unterdrücken - um auf diese Weise womöglich die Aktivität seiner Spiegelnervenzellen zu erhöhen.

SPIEGEL: Haben Sie schon Ergebnisse?

Ramachandran: Nein, das wird noch Monate dauern.

SPIEGEL: Wenn die Spiegelneuronen bei gesunden Menschen die Grenze zwischen dem Ich und den anderen auflösen - wo bleibt da das Selbst?

Ramachandran: Es ist gewiss nicht so abgeschottet, wie wir uns das bisher vorgestellt haben. Das Selbst ist ein soziales Konstrukt, nicht dieser private, bevorrechtigte Fixpunkt, der es zu sein scheint. Der könnte eine Täuschung sein. Aber ich betrete hier das Terrain der Metaphysik ...

SPIEGEL: ... nur zu.

Ramachandran: Das ist, als würde ein Physiker fragen, was genau eigentlich die Schwerkraft ist. Man kann ihre Eigenschaften erklären, aber nicht, was sie ist. Wie Bertrand Russell gesagt hat: Das tiefste philosophische Problem ist die Frage danach, warum etwas da ist und nicht nichts da ist. Das können wir nicht erklären.

SPIEGEL: Professor Ramachandran, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Vilayanur Ramachandran

gilt als einer der einflussreichen Vordenker der Neurowissenschaften. In zahlreichen Büchern erklärt der Arzt und Psychologe von der University of California in San Diego die Rätsel des menschlichen Gehirns und Bewusstseins - und überrascht dabei gern mit kühnen Thesen. Als der aus Indien stammende Ramachandran, 54, vor Jahren die Entdeckung der sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn zur Grundlage der Psychologie erklärte, wurde er von seinen Kollegen kaum ernst genommen. Heute zählt das Studium dieser wundersamen Zellen zu den aufregendsten Gebieten der Hirnforschung.

* Jörg Blech und Rafaela von Bredow in San Diego.
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