Der Held der Nation lebt auf sieben Quadratmetern, in einem Zimmer, das kein Fenster hat. Zou Shiming macht das Licht an, die Neonröhre flackert, auf dem Boden liegen Socken, Vitamintabletten und Boxershorts. Man müsste mal lüften, wenn es denn ginge. Ein Bett, ein Wandschrank, hinter einer Schiebetür ein kleines Bad, das ist alles. Unter dem Kopfkissen schauen die weißen Ohrstöpsel eines iPod hervor, auf einem Regal stehen Flakons von Calvin Klein und Adidas, daneben liegt ein Buch: "101 Sextipps". Sein Zimmer ist übersichtlich, sein Leben ist es nicht.
Zou sucht seine Medaille. Er hätte schwören können, dass sie in dem kleinen dunkelblauen Rollkoffer ist. Unter der Bettdecke holt er sein Handy hervor und ruft seinen Trainer an. "Lehrer, wissen Sie, wo wir die Goldmedaille verstaut haben?"
Sie steckt in einer Seitentasche des Koffers, in einem roten Etui mit der Aufschrift Team China. Er hat sie irgendwann nach den Spielen dort aufbewahrt. Niemand, sagt er, hat sie sich seitdem anschauen wollen. Auch er nicht.
Er lächelt und hängt die Medaille an einen Bettpfosten. An der Wand baumelt ein roter Ausweis, in Plastik eingeschweißt: "Delegierter des 17. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas". Die Partei schmückt sich gern mit ihren großen Sportlern, deswegen hat sie ihn aufgenommen.
Zou Shiming ist ein Boxer, der beste, den China jemals hatte. Er ist Amateurweltmeister und Asienmeister. Er hat in seiner Karriere kaum einen Kampf verloren. Nach dem Aus im Halbfinale bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 gewann er schließlich die Bronzemedaille. In Peking im vergangenen Jahr holte er für sein Land eine von 51 Goldmedaillen. Er hat seinen Auftrag erfüllt, für sein Vaterland und für die Partei, für die Provinz und seinen Trainer.
Er streicht mit dem Zeigefinger über den Ausweis und starrt an die kahle Zimmerwand. Nach einer Weile sagt er, es sei alles nach Plan verlaufen, aber jetzt hat er einen anderen Plan. Zou will Profi werden, er will auf die große Bühne, in Las Vegas boxen, den Eine-Million-Dollar-Traum leben. "Ich will nach Amerika", sagt er. Aber sie wollen ihn nicht gehen lassen.
Das Sportinternat Qingzhen liegt in den Bergen von Guizhou, einer der ärmsten Provinzen Chinas. Hier in Guizhou ist das China zu besichtigen, in dem der Wirtschaftsboom der letzten Jahre nicht stattgefunden hat. Es ist eine Welt, in der die Bauern kleine Parzellen bewirtschaften, die kaum reichen, um eine Familie zu ernähren, eine Welt, in der die Töchter und Söhne als Wanderarbeiter in die Metropolen ziehen. Die Menschen in Guizhou sagen, dass es hier in ihrer Provinz keine drei Meter ohne einen Hügel gibt, keinen Menschen mit mehr als drei Yuan in der Tasche und keine drei Tage ohne Regen.
Heute scheint die Sonne. Auf dem Feld vor dem Sportzentrum weiden Wasserbüffel, aus den Schornsteinen des nahe gelegenen Ziegelwerks steigt Rauch, man hört pfeifende Werkzüge über die Gleise rumpeln. Zou nimmt sie schon lange nicht mehr wahr. Diese Idylle, sagt er, erdrückt ihn.
Auf dem Willkommensschild des Internats prangt ein Schriftzug: Boxing is leaving into the world from here.
Boxen heißt, in die Welt hinauszugehen?
"Schön wär's", sagt Zou. Es ist kalt in der Halle, und wenn er spricht, sieht man seinen Atem. An der Wand hängen drei Plakate, auf denen man ihn boxen sieht. Daneben, gelb auf rot, die Slogans: Setz dir große Ziele. Sei ehrgeizig. Erklimm die Gipfel. Gewinn die Goldmedaille.
Er hat nach den Olympischen Spielen eine Pause eingelegt. Jetzt trainiert er wieder jeden Tag. Aber er weiß nicht so recht, wofür, er will fit bleiben, egal was kommt. 1,64 Meter ist er groß, er boxt in der niedrigsten Gewichtsklasse, dem Halbfliegengewicht, bei seinem Olympiasieg wog er 48 Kilogramm. Seine Hände sind so klein und zart wie die eines Kindes. Er trägt eine Kapuzenjacke und sieht trotz seiner 27 Jahre fast aus wie ein Teenager.
Zous Waffe im Ring ist die Geschwindigkeit. Er boxt nicht, er tanzt, seine Beine sind schnell. Wenn Zou kämpft, sieht es aus wie eine Mischung aus chinesischer Kampfkunst und Boxen. Er macht die Gegner erst müde und schlägt dann zu. Als er bei den Studentenweltmeisterschaften vor gut vier Jahren in der Türkei seinen Gegner mit 21:1 Schlägen ausgetanzt hatte, fragte ein deutscher Trainer seinen chinesischen Kollegen nach dem Geheimnis dieses seltsamen Boxstils. Wahrscheinlich ist es mehr als nur ein anderer Stil, eher eine andere Sportart.
Aufgewachsen ist Zou in einem Fabrikbezirk in Zunyi, einer Stadt in den Bergen nahe dem Internat. Der Vater arbeitete in einer Fabrik, in der Rüstungsgüter hergestellt wurden, die Mutter als Kindergärtnerin. Sie habe ihn als Kind wie ein Mädchen behandelt, manchmal sogar mit Röckchen gekleidet. Mit zwölf sollte er die chinesische Kampfkunst Wushu lernen. Für ihn war das "zu mädchenhaft". Er begann heimlich mit dem Boxtraining.
"Im Ring konnte ich ein Mann sein", sagt er. Früher war er schüchtern. Jetzt soll ihn niemand mehr aufhalten, wenn er zeigen will, dass er ein ganzer Kerl ist. Ab und zu springt er während des Gesprächs auf und boxt wild in die Luft.
1995 wechselte Zou Shiming auf die Sportschule von Zunyi. Bei der Talentsichtung wurden die jungen Sportler vermessen und dann auf die Disziplinen verteilt. Sie haben ihn ausgemustert, weil die Spannbreite seiner Arme nicht mindestens drei Zentimeter länger war als seine Körpergröße.
Zwei Wochen später bewarb er sich noch einmal und wurde genommen. Zou war schneller und beweglicher als die anderen, und er trainierte härter. In den Ferien ist er manchmal heimlich über das Gitter der Boxschule geklettert, um allein gegen den Sandsack zu prügeln.
Sein Trainer Zhang Chuanliang ist ein schmächtiger Mann mit grauem Haar und braunem Teint, beim Sprechen knackt er mit den Fingern. Er hat Zou entdeckt, als der 14 Jahre alt war. Er trainiert ihn bis heute. Zhang ist eigentlich Wushu-Trainer, später wechselte er zum Boxen. Sein Wissen hat er sich bei einem indonesisch-chinesischen Boxer und aus dem Fernsehen abgeschaut, bei den Live-Übertragungen aus Amerika. Den Rest macht er nach Gefühl und Intuition.
Dazu gehört auch, dass er sich über Traditionen hinweg- und sich den Regeln der Funktionäre widersetzt. Chinas Boxer trainieren 40 Stunden pro Woche, mindestens, bei Zou sind es nur 12 Stunden, sein Trainer sagt, das sei effektiver und schütze vor Verletzungen. Außerdem habe er Zeit für ein Leben jenseits des Sports. Er darf ausgehen, tanzen, Konzerte besuchen und im Internet die Welt entdecken und den Glamour des amerikanischen Boxens.
Zou Shiming sagt manchmal "Vater" zu seinem Trainer. Er sei der Einzige, der ihn verstehe - besser, als es seine Eltern je gekonnt hätten. Vor den Olympischen Spielen, als die Funktionäre Chinas Athleten immer mehr unter Erfolgsdruck setzten, reiste Zhang mit seinem Schützling ohne Erlaubnis in die Hafenstadt Qingdao ab. Während der Spiele weigerten sie sich, im olympischen Dorf zu wohnen, sie schliefen in einem Wohnheim. Die Profikarriere, sagt Zhang, sei nun der richtige Schritt in Zous Laufbahn.
Im vergangenen November war Don King beim Kongress des World Boxing Council in Chengdu. Der schillernde Boxpromoter erkundigte sich nach Zou Shiming. King trug eine Krawatte mit dem Slogan "Support our troops", unterstützt unsere Truppen, und er sprach von Rohmaterial, das es in China reichlich gebe. Eine Million Dollar will Don King dem Idol zahlen, wenn er bei ihm einen Profivertrag unterschreibt und in die USA kommt.
Unweit des Himmelstempels in Peking hat der chinesische Boxverband in einem weißen Gebäude mit halbrunden Fenstern seinen Sitz, im Eingang hängt ein buntes Blumenbild. Der Bau ist Teil des nationalen Trainingszentrums, ein Denkmal des sozialistischen Staatssports. An den Toren stehen grau uniformierte Wachen.
Boxen hat keine große Vergangenheit in China. 1953 starb ein Boxer im Ring, sechs Jahre später wurde unter Mao Zedong der Sport verboten. Boxen, das war für die Kommunisten ein Spiegelbild des Kapitalismus, brutal und rücksichtslos.
Erst vor ein paar Jahren hat sich Boxen wieder an den Sportschulen Chinas etablieren können. Verbandspräsident Chang Jianping, 50, ist Mitglied der Kommunistischen Partei und zugleich Vizepräsident des Internationalen Amateurboxverbandes. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet er in den unterschiedlichsten Abteilungen der sogenannten Generalverwaltung Sport. Wassersport, Gewichtheben, Kampfsport, Trainingswissenschaft, seit 2005 ist er Generaldirektor für Boxen. Seine Aufgabe ist es, Gold zu sammeln für die Ehre des Vaterlandes. Zous Olympia-Gold ist das erste für den chinesischen Boxverband.
Zou will Profi werden, aber der Funktionär will nicht, dass er das Land verlässt. Anders als beispielsweise im Basketball trennt der Boxsport Amateure und Profis. Yao Ming kann als Profi in der amerikanischen Basketball-Liga spielen und trotzdem an den Olympischen Spielen für China teilnehmen, vorausgesetzt, China bekommt einen großen Teil seiner Einkünfte. Aber im Boxen sind nur Amateure olympisch. Ein Kampf in Las Vegas wäre das Ende für den Amateurboxer Zou. Boxpräsident Chang Jianping will, dass Zou auch in drei Jahren in London Gold für China holt. Man sehe, sagt der Funktionär, Zous Zukunft in China.
China hat das Talent Zous gefunden, es hat ihn ausgebildet und zu den Wettkämpfen geschickt, es bietet ihm ein sorgenfreies Leben. Sie haben ihn zum Ehrenbürger der Provinz gemacht. In der Zeit vor den Olympischen Spielen zahlte ihm die Provinz knapp 870 Euro monatlich. Heute verdient er 220 Euro. So viel verdienen manche Bauernfamilien in Guizhou nicht im Jahr. Für seinen Olympiasieg bekam er von der Zentralregierung eine Prämie von 350 000 Yuan, rund 40 000 Euro, eine Stiftung aus Hongkong schenkte ihm 80 000 Dollar und ein Kilogramm Gold. Für seine Auftritte bei Galaveranstaltungen in Hongkong und Macau erhielt er üppige Honorare. Und seine Eltern leben inzwischen in einer Wohnung, die ihnen der Staat geschenkt hat.
China hat Zou zu einem relativ reichen Mann gemacht, Zou müsste dankbar sein, aber zur Dankbarkeit gehört auch, dass er
akzeptiert, nicht sich selbst zu gehören, sondern seinem Land.
Don King, Las Vegas, MGM Grand, Oscar de la Hoya, Muhammad Ali, Amerika lockt, er könnte einfach gehen, so wie auch kubanische Boxer ihr Land verlassen. "Ich bin kein Angsthase, und natürlich können sie mir nicht verbieten, China zu verlassen", sagt Zou. "Als Europäer werden Sie das nicht verstehen, aber ohne Erlaubnis werde ich nicht gehen. Ich bin ein Patriot. Ich werde mein Land nicht verraten."
Zou sitzt auf einem Stuhl in der Boxhalle, ein paar Meter neben dem Ring, in dem er jeden Tag trainiert. Er spricht von seinen Eltern, die behandelt würden wie kleine Könige, von seinem Trainer, den er dann zurücklassen müsste, weil Don King seine eigenen Betreuer hätte. Zou sieht nicht aus wie jemand, der zu allem entschlossen ist, um seinen amerikanischen Eine-Million-Dollar-Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Und auch Don King ist vorsichtig, denn eigentlich braucht er chinesische Boxer nicht für den amerikanischen Markt, sondern für den chinesischen. Er will Profikämpfe in China veranstalten, und das geht nicht ohne die Funktionäre.
Zou Shiming hat zusammen mit seinem Trainer alles versucht, mit Funktionären geredet, mit den Leuten im Verband. Immerhin gibt es jetzt einen neuen Vorschlag des Boxpräsidenten. Nächstes Jahr wird der Amateurbox-Weltverband, AIBA, eine neue Weltliga gründen, die World Series of Boxing, in der Halbprofis boxen sollen. Dort können dann auch Amateure Geld verdienen, aber nicht so viel wie die Profis in den USA. Es sei Zous Entscheidung, sagt der Präsident.
Seit seinem Finale in Peking hat er kein einziges Mal mehr bei einem Turnier geboxt, im August beginnt in Mailand die Weltmeisterschaft der Amateure, im Oktober folgen Chinas Nationalspiele, ein Wettbewerb der Provinzen.
Zou wartet ab und trainiert jeden Tag. Es gibt kaum chinesische Sportler, die sich mit Ausländern treffen, er redet viel und oft von seinem Traum, was ziemlich unchinesisch ist.
Natürlich hat er von dieser neuen Welt-Liga gehört. Sie interessiert ihn nicht. Für ihn ist sie nichts als eine schlechte Kopie des richtigen Boxens.
CATHRIN GILBERT, ANDREAS LORENZ