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DER SPIEGEL 14/2008 vom 31.03.2008, Seite 42

Autoren: Markus Deggerich und Holger Stark

BANDEN

Gefallene Engel

Rockerkrieg auf deutschen Straßen: Die Motorradclubs Hell's Angels und Bandidos kämpfen mit allen Mitteln um die Vorherrschaft - auch mit Waffengewalt. Aussagen eines Aussteigers ermöglichen nun tiefe Einblicke in diese Parallelgesellschaft.

Es ist Rolf D. sichtlich unangenehm, so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Unruhig rutscht der korpulente 53-Jährige auf dem Zeugenstuhl im Gerichtssaal hin und her. Er bittet um Wasser. Das blaue Sweatshirt und die ausgebeulte Jeans hängen an ihm herunter, unter den Augen zeigen tiefe Ringe, wie müde der Mann ist. Er ist müde vor Angst: "Ich habe meine Probleme", sagt der Kraftfahrer dem Vorsitzenden Richter des Landgerichts Münster. "Da können Sie einen drauf lassen."

Seine Probleme sitzen ihm im Nacken. Auf den Zuschauerbänken, rechts hinter Rolf D., hocken rund 30 Mitglieder der Rockergang Bandidos. D. war lange einer von ihnen. Er hatte es als "Treasure", als Schatzmeister, in die Führungsetage geschafft. Durch eine Menschenwand aus bewaffneten Polizisten getrennt, sitzt links daneben ein ebenso stark besetzter Block Hell's Angels, Intimfeinde der Bandidos.

Ex-Schatzmeister D. sagt im Mordprozess gegen seine früheren Kameraden Heino B., 48, und Thomas "Addi" K., 36, aus. Beiden wirft die Staatsanwaltschaft vor, am 23. Mai 2007 im westfälischen Ibbenbüren Robert K., 47, erschossen zu haben, einen Hell's Angel.

Für die Staatsanwälte ist Rolf D. ein Kronzeuge, für die Rocker ist er ein Verräter. Er hat mit dem Gesetz des Schweigens gebrochen, das äußerst simpel ist: Rocker reden nicht mit Polizisten. Rocker regeln ihre Sachen selbst.

Woche für Woche, Gerichtstermin für Gerichtstermin ist nun ein seltsames Schauspiel im beschaulichen Münster zu besichtigen - der Aufmarsch der Banden. Zum Prozessauftakt im Dezember versammelten sich mehrere hundert Rocker beider Lager aus ganz Deutschland vor dem Gericht, mühsam durch 600 Polizisten voneinander getrennt. Doch bei der Verhandlung sind nicht nur die Symbole der verfeindeten Gangs zu besichtigen, Motorräder und Lederjacken. Die Aussagen von D. ermöglichen einen erschreckenden Einblick in die Parallelgesellschaft der beiden Motorradclubs.

Hell's Angels gegen Bandidos, Rocker gegen Rocker - für Außenstehende mag der Unterschied nicht größer sein als der zwischen Pepsi und Coke. Doch zwischen den Beteiligten herrscht der blanke Hass. Der Mord von Ibbenbüren ist dabei nur der vorläufige Höhepunkt eines Rockerkriegs, eine von vielen Schlachten zwischen den Muskelmännern auf Motorrädern quer durch die Republik, mit Schüssen in Cottbus, Machetenangriffen in Berlin und bewaffneten Überfällen auf der Autobahn.

Auge um Auge, Zahn um Zahn, so lautet das Gesetz dieses Krieges, bei dem es fast alttestamentarisch um die vermeintliche Ehre, aber - ganz Moderne - auch um wirtschaftliche Interessen und Gebietsansprüche geht. Die Gruppen kontrollieren weite Teile der Türsteherszene, und wer die Türen kontrolliert, der kontrolliert auch die Drogen in den Clubs und Discotheken des Landes. Beim Rockerkrieg geht es um ein Finanzvolumen von jährlich vielen Millionen Euro, zu den Geschäftsfeldern zählen Waffenhandel, Glücksspiel, Schutzgelderpressung, Bars und Bordelle. Wie Konzerne haben die Banden ihre lokalen Ableger: 300 Ortsvereine, sogenannte Chapters, hat die Polizei bundesweit gezählt, mit insgesamt 3000 Mitgliedern.

Bis heute umweht die Rocker ein Hauch von Großstadtromantik, als ginge es in ihren ordentlich angemeldeten Motorradclubs nur um Bier, Bike und Busen, um eine Bruderschaft mit archaischen Riten. Machos, klar, Mafia, nein. Doch die Aussagen Rolf D.s und die martialischen Aufmärsche an den Prozesstagen in Münster haben nichts zu tun mit der Easy-Rider-Romantik der amerikanischen Highways, jenem Mythos von Freiheit und Männlichkeit. Sie führen in eine kriminelle Welt mit Kokain und Knarren vom Kaliber 7,65 Millimeter. Mit einer Waffe dieses Kalibers wurde der Hell's Angel Robert K. regelrecht hingerichtet.

Es muss etwas von Highnoon gehabt haben, als der Mörder am 23. Mai vergangenen Jahres, kurz vor halb neun, das Motorradgeschäft "V-Team American Bikes" in Ibbenbüren-Laggenbeck betrat. Robert K. war an dem Laden beteiligt. Er soll bei Überfällen auf die Bandidos in der Vergangenheit mitgewirkt haben - jedenfalls glaubten das die Bandidos.

Vermutlich ahnte K., was der Rocker zu dieser frühen Stunde von ihm wollte; K. versuchte, durch das Materiallager zu flüchten, vergebens. Der Mörder hatte den Türrahmen noch nicht passiert, als er zu schießen begann. Das erste Projektil traf K. im linken Unterarm und blieb im unteren Bauch stecken, der zweite Schuss verfehlte sein Ziel. Die dritte Kugel war tödlich: Sie trat im linken oberen Rückenbereich ein, zerfetzte den Herzbeutel und die Aorta und trat durch die Brust wieder aus. Der Hell's-Angel-Mann schleppte sich ins Materiallager, zweimal noch feuerte der Täter, ohne ihn zu treffen. In der Werkstatt brach K. zusammen und verblutete.

Der Krieg zwischen den "Engeln" und den "Banditen" hat international eine lange Geschichte. Beide Banden kommen aus den USA und wurden von Kriegsveteranen gegründet - sie betrachten sich als die Elite unter den weltweiten Motorradclubs. Der militärische Hintergrund erklärt auch die straffe Hierarchie, den Hang zu Symbolen und Orden, bis hin zur Lederjacke als Uniform. Die Bandidos kommen aus Texas, 1966 von Marines, Vietnam-Veteranen, ins Leben gerufen. In den Achtzigern entstanden die ersten Ableger in Frankreich, später in Skandinavien.

Die Hell's Angels sind älter, der weltweit größte und berühmteste Club feierte in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Die Angels wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von ehemaligen Crews einer Bomberstaffel der US-Luftwaffe gegründet. Aber fliegende Engel mit froher Botschaft waren die Angels nie. Bei den Mitgliedern sind laut einer Untersuchung von Europol über die Hälfte vorbestraft.

Dass die Gangs in Deutschland nicht verboten sind, liegt an rechtlich hohen Hürden: Man müsste nachweisen, dass der Verein kriminelle Zwecke verfolgt. Einzelne Chapters wurden geschlossen, doch die Mitglieder verteilten sich dann auf andere Chapters oder Clubs. Zudem schienen die Banden hierzulande nicht so gefährlich zu sein. Während sich die verfeindeten Gruppen in Skandinavien Schlachten lieferten, blieb es in Deutschland vergleichsweise ruhig. Der Grund: Die Angels hatten die Hoheit im Milieu.

Doch im November 1999 schloss sich ein anderer deutscher Motorradclub den internationalen Bandido-Strukturen an. Seitdem wollen die Bandidos expandieren, die Angels wiederum ihr Stammland verteidigen: Man schlägt sich, wo man sich trifft, keine Gelegenheit wird ausgelassen.

Kaum hatten die Angels in Berlin vor knapp zwei Monaten ein neues Clubheim eröffnet, erhielten sie auch schon Begrüßungsbesuch der Bandidos: Es war nachts um halb eins, als zwei hochrangige Berliner Angels in der Nähe ihres Treffs plötzlich von hinten mit Macheten und Holzknüppeln angegriffen wurden. Nur ihren dicken Lederjacken haben sie es zu verdanken, dass die Klingen keine lebensgefährlichen Wunden schlagen konnten.

In der Hauptstadt verteidigen die Angels ihr Terrain gegen die Bandidos, die sich im Berliner Norden und zunehmend auch in Brandenburg breitgemacht haben. Zum neuen Clubheim "Angelplace" nahe dem Charlottenburger Schloss führt eine Treppe hinauf, von der aus jeder rechtzeitig zu sehen ist, der sich dem Treff nähert. Sogenannte Prospects und Hangarounds, Anwärter auf die Mitgliedschaft, die sich noch bewähren müssen, sichern den Eingang. Sie filzen unangemeldete Besucher, mustern Fremde mit einem Blick, der das Rockermotto verinnerlicht hat: "Gott vergibt - ein Angel nie."

Drinnen lacht Angel Buddy, so nennt er sich, über solche Sprüche. Für Rocker zählten allein "Ehre, Achtung, Kameradschaft und die Liebe zum Bike", erklärt er. Die Berichte von saufenden, prügelnden Chaoten mit viel PS und wenig IQ seien alle übertrieben, der Phantasie von Journalisten und Polizisten entsprungen.

Buddy, 43, ist seit acht Jahren Mitglied der Angels und singt das Hohelied der Gemeinschaft: "Konflikte Einzelner sind stets auch Konflikte der Gruppe", erklärt Buddy, als wären die Angels so etwas wie Musketiere der Arbeiterwohlfahrt: "Wer keinen Job hat, dem besorgen wir einen, rumhängen geht nicht." Bordelle? Waffen? Drogen? "Wer mit Drogen handelt", sagt er und nippt am Mineralwasser, "fliegt raus."

Ermittler sind da anderer Ansicht. Berliner Polizisten bezeichnen die Rockerclubs als "Kriminelle auf Rädern" und befürchten, dass der Kampf um die Vorherrschaft gnadenlos wird. Wer sich an einem Angel direkt vor deren neuem Club vergreife, der wisse genau, worauf er sich einlasse: "Der geht aufs Ganze und muss mit Vergeltungsaktionen rechnen", so ein Berliner LKA-Ermittler.

Der vorerst letzte Schusswechsel zwischen Bandidos und Angels dauerte zwei Minuten, an einem Samstagnachmittag Anfang Februar auf einem Marktplatz im brandenburgischen Cottbus. Diesmal ging es andersherum, die Angels jagten einen Bandido: Andre S., 25, fürchtete um sein Leben und feuerte schließlich aus einer Pistole fünfmal. Getroffen wurde der 27-jährige Angreifer Robert H. - zwei der Kugeln blieben in seinem Oberkörper stecken, eine Notoperation rettete sein Leben.

Die Angels griffen an, obwohl der Bandido gemeinsam mit seiner 22-jährigen Frau und dem elf Wochen alten Sohn unterwegs war. Auch die Frau wurde geschlagen; ihr und dem Baby drohten die verfeindeten Rocker aus einem Auto heraus mit dem Tod. Angriffe auf oder im Beisein der Familie waren bis dahin mit der "Rockerehre" nicht vereinbar.

Bei der anschließenden Wohnungsdurchsuchung beim "Präsidenten" eines Brandenburger Bandido-Chapters erschossen die Polizisten dessen Hund. Der "Präsident" aber folgte der "Omertà" und schwieg - wie alle Rocker, außer Rolf D.

Der Ex-Bandido hat umfassend ausgesagt - weil er um das Leben seiner Familie fürchtete. Seine Kumpane hatten mitbekommen, dass ihr Schatzmeister in die Vereinskasse gegriffen hatte. Die Bandidos fuhren deshalb am 19. Mai 2007 bei D. zu Hause vor. "Die wollten meine Frau verprügeln. Da fiel bei mir die Klappe."

D.s Beschreibungen zufolge sind die Rockerclubs kriminelle Banden mit kleinbürgerlichen Zügen. Mitgliedsbeiträge werden teilweise per Lastschriftverfahren eingezogen. Daneben jedoch gab es laut D. in Münster eine sogenannte Tomatenkasse, in die "sämtliche Einnahmen aus den Geschäften mit Koks, Waffen und Frauen" eingezahlt worden seien. Zeitweise lagen rund 70 000 Euro Bargeld in der schwarzen Kasse, die wie eine Hausbank funktionierte: Führende Bandidos konnten sich daraus Geld leihen, um eigene Geschäfte zu finanzieren - mussten aber den Kredit und Teile des Gewinns wieder einzahlen.

D. berichtete auch von Maschinenpistolen, Handgranaten und abgesägten Schrotflinten der Bandidos: "Ich kannte keinen, der keine Waffe hatte." Wenn sie auswärts Partys gefeiert hätten, seien schon vorher am Ort der Feier Schießeisen und Drogen versteckt worden. Wurden die Motorradkonvois dann auf der Fahrt zum Fest kontrolliert, war man immer sauber.

Als Nebenjob hat D. mit Bandido-Komplizen Schulden eingetrieben. Wenn er dafür die Genehmigung vom Chef des Chapters hatte und der am Erlös beteiligt wurde, hatte er freie Hand. Ein Discobesitzer aus dem Westfälischen schickte die Rocker für ein paar hundert Euro zu einem Spediteur, der dann so lange "bearbeitet wurde, bis er sich nicht mehr rührte". Einmal habe er mit vier weiteren Komplizen, ausgerüstet mit Maschinenpistole und Schrotflinten, "Jagd auf 'Angels' gemacht". In der Nähe einer Autobahn habe man sich in einem Opel Omega auf die Lauer gelegt. Als ein paar Angels vorbeiknatterten, hätten D. und Komplizen die Verfolgung aufgenommen und aus den geöffneten Fenstern auf die verhassten Rivalen gefeuert - Wildwest mitten in Deutschland.

"Es ist ein ewiges Hin und Her", sagt der Aussteiger. Doch die Kämpfe bleiben oft unbemerkt von Öffentlichkeit und Staatsgewalt. Schuss- und Stichverletzungen lassen sich die Bandenmitglieder von befreundeten Ärzten behandeln.

Im Mai 2007 endete der Verdrängungskampf für Robert K. tödlich. Als einer der wenigen Angels mit Wohnsitz im Bandido-Land rund um Osnabrück sei er immer mal wieder Zielscheibe für Vergeltungsaktionen geworden, sagte D. aus. Zu Beginn des vergangenen Jahres sei dann ein Mann aus der Führung des Bandido-Chapters Münster der Idee verfallen, unbedingt die höchste Auszeichnung des Motorradclubs zu erwerben - und gab angeblich den Angriff in Auftrag.

Es ging um einen Aufnäher für das Heiligste des Rockers, seine Jacke. Den sogenannten Expect-no-mercy-Aufnäher, zu Deutsch "Erwarte keine Gnade", dürfen nur jene an die Kutte heften, die einen Angel mit einer Schusswaffe oder einem Messer lebensgefährlich verletzt haben. So soll Robert K. zum Ziel geworden sein - für einen Rockerorden, für ein Stück Stoff.

Im kommenden Monat soll in Münster das Urteil gesprochen werden. Recht wird einkehren, aber gewiss nicht Ruhe. Die Sicherheitsbehörden rechnen mit weiteren tödlichen Attacken. Denn die Bruderschaften akzeptieren keine Gesetze und Richtersprüche - außer ihre eigenen. Die Länder Berlin und Brandenburg haben deshalb nun eine Rocker-Soko gegründet - und als erste Maßnahme die eigenen Ermittler überprüfen lassen: Denn vor kurzem fiel eine Rockerrazzia in der Hauptstadt aus, weil sie vorher verpfiffen worden war.

Für den Zeugen Rolf D. kommt die Angst der Polizei nicht überraschend: Die Banden seien "gut vernetzt". Über seine eigene Zukunft macht sich Rolf D., der nun mit seiner Familie im Zeugenschutzprogramm des Landeskriminalamts an einem geheimen Ort lebt, keine Illusionen: "Ich bin zum Abschuss freigegeben."

MARKUS DEGGERICH, HOLGER STARK

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