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DER SPIEGEL 14/2006 vom 03.04.2006, Seite 110

Autor: Georg Mascolo

USA

Mit Pumps in die Wüste

Amnestie oder Massendeportation? Verbittert streitet Amerika, wie es mit den elf Millionen Illegalen im Lande umgehen soll.

Langsam schiebt sich die Sonne über die Berge im Arivaca-Tal, wo Arizonas Wüste so schön ist wie in den Tourismusbroschüren. Schroffe Felsformationen glitzern im Morgenlicht, eine wirkt wie die Miniatur des Zuckerhuts in Rio. Zwischen meterhohen Kakteen huschen Kojoten und Roadrunner. Arivaca ist Schutzgebiet, Befahren verboten. Doch für die Staatsmacht, die im ersten Tageslicht anrückt, gelten solche Beschränkungen nicht.

Motorräder und Jeeps brausen durch die Wüste, ein Gefängnisbus fährt vor, Hubschrauber kreisen in der Luft. "Dusty" (staubig) haben die amerikanischen Grenzschützer ihre Aktion getauft: Steil stoßen die Helikopter herab und überdecken ein Häuflein Menschen mit einer Wolke aus aufgewirbeltem Wüstensand und Kakteendornen.

Hier an der mexikanisch-amerikanischen Grenze beginnt Nacht für Nacht für ungezählte Latinos die Reise nach "El Norte", hoch ins ersehnte Nachbarland. Socken über den Schuhen sollen die Spuren verwischen, Knoblauch an den Beinen Schlangen und Skorpione fernhalten. Vier Tage sind es mit ein bisschen Glück bis Tucson, einen weiteren braucht es bis nach Phoenix. Arivaca ist das neue Drehkreuz für illegale Einwanderer in die USA.

Es sind so viele, dass im Tal bereits die Verstecke knapp werden, in jeder Senke, jeder Straßenunterführung kauern die "Inmigrantes". Berge von Müll weisen den Grenzern den Weg, weggeworfene Ponchos und Rucksäcke. Auch Zahnbürsten und Kämme - Dinge, mit denen sich die Überläufer feingemacht haben für den ersten Tag ihres neuen Lebens.

1,2 Millionen Menschen wurden vergangenes Jahr an dieser Grenze verhaftet, womöglich noch einmal halb so viele blieben unentdeckt. Auch heute füllt sich in Arivaca der erste Häftlingsbus schnell, auf Kommando ziehen die Gefangenen die Schnürsenkel aus den Schuhen und werfen sie in eine Plastikwanne. Es wird noch nicht mal Mittag sein, dann sind sie zurück in Mexiko, vorerst jedenfalls. "Nächste Woche haben wir die wieder hier", sagt einer der Grenzschützer. "Nein, morgen schon", knurrt sein Kollege.

Amerika ist eine Nation von Einwanderern. "Gebt uns Eure müden, Eure armen, Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren", fordert die Inschrift auf dem Sockel der Freiheitsstatue in New York. Doch diese Nation ist tief gespalten in der Frage, ob dieses Versprechen für die Müden und Armen, die jeden Tag im Arivaca-Tal oder anderswo an der 3141 Kilometer langen Südgrenze ins Land drängen, auch wirklich noch gilt.

Angst vor Überfremdung und die Furcht, dass Terroristen ebenso leicht wie Migranten ins Land kommen könnten, hat die Sicherheit an der Grenze zum politischen Topthema werden lassen. Erbittert streiten die Republikaner darüber, ob ein großzügiges Gastarbeiterprogramm und Amnestie oder Massendeportation und Abriegelung die Lösung sind. US-Präsident George W. Bush laviert zwischen den Fronten.

Die Hispanics verweigerten die Integration und seien daher für den amerikanischen Traum nicht zu gebrauchen, behauptet Zivilisationspessimist Samuel Huntington. Er warnt vor der Spaltung der USA "in zwei Kulturen und zwei Sprachen"; fast klingt es so, als drohe eine feindliche Übernahme von "Gods own country". Die Zahlen zum Thema allerdings sind wirklich eindrucksvoll: Nicht nur 11 Millionen Illegale leben im Land, die 41 Millionen Hispanics stellen auch die größte Bevölkerungsminderheit in den USA. Aus den weißen Mehrheiten in Miami und Los Angeles sind längst Minoritäten geworden, in zehn Jahren wird es

in New York und Washington wohl ebenso sein. Als "Mexifornia" verspotten die Einwanderungsgegner Latino-Hochburgen wie Kalifornien.

Amerika werde zum neuen "Turm von Babel", behauptet auch Tom Tancredo, einer der republikanischen Abgeordneten, die vergangenen Dezember im Kongress für ein härteres Grenzgesetz stimmten.

Demnach sollen künftig Bodensensoren, Drohnen und meterhohe Zäune den Übertritt in die USA verhindern, den Wechsel also von der Dritten in die Erste Welt. Illegale würden zu Verbrechern erklärt, wer sie medizinisch behandelt, macht sich strafbar. Es ist ein Gesetz, dass "den barmherzigen Samariter und wahrscheinlich sogar Jesus Christus selbst kriminalisieren" würde, empört sich US-Senatorin Hillary Clinton.

In Arivaca hat Reverend Randy Mayer seinen roten Mercury neben dem Gefängnisbus geparkt, "Los Samaritanos" steht auf den Türen. Fünfmal in der Woche ziehen Mitglieder seiner Gemeinde in die Wüste, um den Flüchtigen zu helfen. Was hier ablaufe, sei "eine unmenschliche Treibjagd", sagt Mayer.

Auf mehr Kontrolle setzt die US-Regierung seit Jahren schon, seit 1986 wuchs der Etat der Grenzpolizei um 1000 Prozent. Zäune riegeln Teile Kaliforniens und die Übergänge zu den Bevölkerungszentren des Südens ab. Wer jetzt noch kommt, muss durch die Wüste.

"Unsere Regierung dachte, eine Stelle wie diese sei ein natürliches Hindernis und kein Mensch so verzweifelt, dass er versuchen würde, sie zu durchqueren", so Mayer: "Jetzt stellen sie fest, dass fluchtwilligen Latinos gar nichts anderes mehr übrigbleibt." Er hat schon mal einen Kinderwagen in dieser Einöde gefunden, dann stolperte ihm mitten in der Wüste eine Frau entgegen - in Pumps.

Mayer deponiert für die Gehetzten Wasserflaschen im glühenden Sand, auf mexikanischer Seite lässt er Karten mit den entsprechenden Koordinaten verteilen. Es ist die einzige Hilfe zum Überleben in der unbarmherzigen Glut. 473 tote Grenzgänger verzeichnete die Statistik binnen 12 Monaten - Menschen, die verdurstet waren oder am Hitzschlag gestorben.

Ein Mann humpelt heran, das Gesicht von Schmerz verzerrt, den Arm auf eine riesige Astgabel gestützt. In der Dunkelheit ist er über einen Felsen gestolpert, das Knie ist verletzt. Medizinische Hilfe will er nicht, nur erst einmal zurück nach Mexiko. "Er hat Glück gehabt, dass er noch laufen kann", sagt Mayer und schaut auf die Uhr. Er muss in seine Kirche, der Bibelkreis wartet: "Washingtons Politik beschränkt sich darauf, diese Leute in Gefahr zu bringen; wenn sie den Sprung aber schaffen, geben wir ihnen einen Job."

Angesichts dieses Dilemmas hat sich eine seltsame Koalition aus Big Business und den Kirchen formiert. Eine Mauer zur Abwehr der Illegalen quer über den amerikanischen Kontinent ziehen? Das wäre wie in Berlin, wie in den Tagen des Kalten Kriegs, meint Tom Donohue, Chef der US-Handelskammer: "Wir brauchen diese Menschen." Tatsächlich hängen ganze Branchen von den billigen Arbeitskräften ab. Illegale zerlegen Rinder in den großen Schlachthöfen des Mittleren Westens, sie waschen Autos, spülen das Geschirr in den

Restaurants und pflegen die Gärten in den reichen, weißen Vorstädten.

Keine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, kein Drängen auf Mindestlohn, keine Krankenversicherung - Amerikas boomende Wirtschaft liebt die Latinos. Auch die Statistik verrät, dass es so etwas wie eine stillschweigende Übereinkunft zwischen dem Staat und den Flüchtlingen gibt: 2004 wurden gerade mal drei US-Betriebe wegen Beschäftigung von Illegalen bestraft.

Politisch ist jetzt der Senat am Zug - mit den Stimmen republikanischer Abweichler empfahl der Justizausschuss vergangene Woche eine Amnestie. Bedingung: Steuernachzahlungen und 1000 Dollar Strafe. "Amnestie ist Anarchie", protestierte ausgerechnet ein berühmter Einwanderer, Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger.

George W. Bush, inzwischen selbst in der eigenen Partei schwer angeschlagen, versucht es mit Zugeständnissen an beide Lager: Er will schärfere Kontrollen und keine Amnestie, dafür aber ein großzügiges Gastarbeiterprogramm. Dass sich die Grenze zwischen einem armen und einem reichen Land einfach abriegeln lässt, glaubt der Präsident nicht. "Wenn du 50 Cent am Tag verdienst, deine Kinder hungrig sind und du die Chance siehst, 50 Dollar zu verdienen - dann machst du dich auf den Weg", hat Bush einmal gesagt.

Im November sind Kongresswahlen, und eine überwältigende Mehrheit der Ameri-

kaner verlangt nach mehr Sicherheit im Süden. Doch auch die Latinos mahnten vergangene Woche, auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen. "Auch wir haben einen Traum", skandierten Hunderttausende überall im Land. Die Positionen scheinen unvereinbar. So unvereinbar, dass vor der Wahl möglicherweise überhaupt kein Gesetz zustande kommt. Und dass es im Arivaca-Tal wohl so bleibt, wie es ist. Genau davor aber hat Bruce Parks Angst.

Parks ist Pathologe, der oberste Leichenbeschauer von Pima County und somit zuständig für Arivaca. In seinem Büro ist das Brummen von Dieselgeneratoren zu hören, die beiden Kühlauflieger im Hof brauchen Strom. Sie sind voller Leichen.

Hitzschlag sei ein schrecklicher Tod, sagt der Mediziner: "Der Körper heizt sich auf, auf 42 Grad, die Menschen reißen sich die Kleidung vom Leib. Dann suchen sie sich einen Platz zum Sterben." 191 Tote kamen vergangenes Jahr auf Parks Seziertisch. Oft sind die Körper durch den Flüssigkeitsverlust so verunstaltet, dass kaum das Geschlecht zu erkennen ist.

Noch ist Arizonas Frühlingssonne mild, und wenn Parks einen Wunsch hat, dann den, dass in Washington schnell entschieden wird.

Mit jedem Tag kann die Wüste wieder zum unbarmherzigen Glutofen werden.

GEORG MASCOLO

* In Los Angeles am 25. März.
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