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DER SPIEGEL 20/2007 vom 14.05.2007, Seite 154

Autor: Hilmar Schmundt

INTERNET

Revolution auf dem Olymp

"Nature" gilt als renommierteste Wissenschaftszeitschrift der Welt. Nun wird das Blatt zur Multimediaplattform umgebaut: mit Blogs, Podcasts und einer Filiale in "Second Life".

Timo Twin irrt leicht orientierungs- los über den Strand, dann zickzack den Hang hinauf. "Na endlich, ich wusste doch, dass es hier irgendwo ist", sagt der Mann im roten T-Shirt. Über einem weitläufigen Platz prangt groß wie ein Bauschild das Logo seines Unternehmens, weiß auf rotem Grund: "Nature".

Timo Twin ist in seinem neuen Reich angekommen, auf einer Insel im Online-Rollenspiel "Second Life". Der Name der Insel ist Programm: "Second Nature". Der Avatar sieht dem Timo im realen Leben nur entfernt ähnlich - dieser ist ein großer Mann Ende dreißig mit leicht rundlichem Harry-Potter-Gesicht. Er heißt Timo Hannay. Und er ist so etwas wie der Vertreter der Wissenschaftszeitschrift "Nature" in der virtuellen Welt.

Dass Firmen wie Nissan oder Coca-Cola eine virtuelle Filiale in der Spielwelt aufbauen, mag ja noch angehen. Aber "Nature"? Für viele ist sie die Wissenschaftszeitschrift schlechthin - und das seit über 130 Jahren. Gegründet wurde das Blatt 1869 unter lebhafter Beteiligung von Heroen der Wissenschaftsgeschichte wie Tyndall, Spencer, Huxley. Jeder von ihnen wohl ein Kandidat für den Nobelpreis - wenn es den damals schon gegeben hätte.

"Nature" stellt gemeinsam mit dem amerikanischen Konkurrenzblatt "Science" den Doppelgipfel des naturwissenschaftlichen Olymps dar. In "Nature" haben Einstein, Röntgen, Crick publiziert. Nur wer glaubt, einen ganz großen Wurf gemacht zu haben, wagt es, seine Arbeit einzusenden. Und doch wird nur jedes zwölfte Manuskript akzeptiert.

Und nun baut dieses Bollwerk der akademischen Hochkultur eine Filiale in einer wuseligen Spielwelt? Das klingt, als zöge die Queen um nach Las Vegas - how utterly shocking.

Timo Hannay kennt derlei Einwände - und er liebt es, der nörglerischen Kritik noch eins draufzusetzen: "Das Kerngeschäft von ,Nature' ist nicht, eine Zeitschrift zu machen", sagt er, "sondern den Austausch zwischen Wissenschaftlern zu ermöglichen." Und der finde eben zunehmend elektronisch statt.

Viele Printmedien sehen sich durch das Internet bedroht, doch für Blätter wie "Nature" ist das Problem besonders brisant. Denn seit es im Netz kostenlose Archive wie die Public Library of Science gibt, sind Forscher nicht mehr auf Verlage angewiesen. Der russische Mathematiker Grigorij Perelman zum Beispiel wurde 2006 mit der Fields-Medaille geehrt, so etwas wie dem Nobelpreis für Mathematiker. Sein legendärer Aufsatz, der erstmals die sogenannte Poincaré-Vermutung beweist, wäre der perfekte Scoop für "Nature" gewesen. Das Genie jedoch stellte sein Werk einfach ins Netz, jederzeit abrufbar im Web-Journal "Arxiv.org".

Damit Perelmans Beispiel nicht Schule macht, treibt sich Timo Hannay in Online-Spielwelten herum. Er leitet die Abteilung Web Publishing bei "Nature". Seine Aufgabe: das altehrwürdige Magazin ins Internet-Zeitalter zu katapultieren (Link-Liste unter www.spiegel.de/nature).

Sein Team aus derzeit 25 Mitarbeitern sitzt im zweiten Stock eines umgebauten Lagerhauses. Hier, in einer unscheinbaren Seitengasse direkt hinter dem mächtigen Gewölbe des Bahnhofs King's Cross, liegt die Zentrale der Nature Publishing Group, einer Dachmarke, unter der über 30 Fachmagazine versammelt sind.

Mittlerweile befindet sich diese ur- britische Institution in deutscher Hand: Sie gehört zum Stuttgarter Verlagskonzern Holtzbrinck, ebenso wie "Die Zeit", "Der Tagesspiegel", eine Handvoll Regionalzeitungen, der Rowohlt-Verlag und seit Januar das akademische Online-Netzwerk "studiVZ". Stefan von Holtzbrinck, der Vorsitzende der Geschäftsführung, informiert sich immer wieder persönlich über den Fortgang von Hannays Online-Experimenten. Denn Hannay soll mehr als nur den Web-Auftritt einer Zeitschrift gestalten. Er soll erkunden, wie die Zukunft der Wissenschaftskommunikation aussieht.

"Wollen Sie einen Kaffee?", fragt Hannay, setzt sich an den Rechner und dirigiert seinen digitalen Stellvertreter Timo Twin zum Magic Molecule Model Maker, der entfernt an einen Kaugummiautomaten erinnert. "Ich mache mal etwas Koffein", sagt Timo Twin, und schon purzeln bunte Atome aus dem Automat und setzen sich zu einem Koffeinmolekül zusammen, das

groß wie ein Klettergerüst vor dem Timo-Avatar im Cyberspace schwebt, dreidimensional und frei drehbar. Per Mausklick spuckt die virtuelle Maschine auch andere Moleküle aus: Adrenalin, Viagra, Aspirin - ganz nach Wunsch.

"Der Magic Molecule Model Maker wirkt wie Spielerei", sagt Hannay. "Aber er wird viel von Chemikern genutzt, die bei einem Vortrag oder einer Diskussion rasch eine dreidimensionale Abbildung brauchen, die sich auch drehen lässt."

Für Biologen entwickelt sein Team außerdem eine begehbare virtuelle Zelle und für Astronomen eine interaktive Himmelskarte. Natürlich bietet "Nature" auch einen Podcast an - aber der ist nur der Probelauf für ein weit ambitionierteres Projekt: In Zukunft sollen Autoren ihre Laborprotokolle per Video im Netz hinterlegen dürfen.

Auch den virtuellen Globus von Google Earth hat "Nature" für eigene Zwecke erweitert: Wer verfolgen will, wie sich die Vogelgrippe über den Erdball ausbreitet, lädt sich ein kleines Modul von der Website der Zeitschrift und kann dann mit Hilfe einer interaktiven Zeitleiste die Ausbreitung der Seuche nachvollziehen.

Bisweilen allerdings verläuft die Online-Entwicklung etwas überstürzt: Zwischenzeitlich ließ sich die Website mit den Pressemitteilungen von Dritten per Internet manipulieren - 2006 wurden sogar einmal etliche Mitteilungen vollständig gelöscht.

Hannay beschreibt sich selbst als Wissenschaftler. Früher versuchte er, als Neurophysiologe den Mechanismen von assoziativen Erinnerungen auf die Spur zu kommen - und veröffentlichte sogar Forschungsergebnisse in "Nature". Das Webpublishing sieht er nun als eine Art Fortsetzung der Hirnforschung mit anderen Mitteln: "Ich habe es jetzt mit Internet-Verbindungen statt mit Nervenzellen zu tun, aber es geht doch um dieselben Fragen: Wie entsteht durch intuitive Verknüpfungen ein intellektueller Mehrwert?"

Das beste Beispiel für seinen assoziativen Ansatz ist der "Nature"-Dienst namens Connotea, eine Art intelligente Link-Sammlung. Wer einen interessanten Artikel im Internet gefunden hat, kann mit einem einzigen Klick den Link und die bibliografischen Angaben auf der Connotea-Site speichern. Automatisch verweist Connotea auf Link-Listen von Gleichgesinnten und ermöglicht die Kontaktaufnahme. Der geniale Trick: Selbst wenn die Leser ausschließlich Artikel der Konkurrenz speichern sollten, bleiben sie doch "Nature" virtuell verbunden. Zugleich bekommt der Verlag Einblick in die Interessen der Leser - und verdient daran, indem er, präzise auf das Interessenprofil ausgerichtet, Werbung einspielt.

In vielerlei Hinsicht ist "Nature" anderen Verlagen technisch einen Schritt voraus. Hannay braucht keine markigen Parolen auszugeben wie "Online First", denn "Nature" setzt schon lange auf die Vorabveröffentlichung im Internet. Auch müssen nicht erst mühsam Mauern eingerissen werden, um Online- und Print-Redaktion zusammenzulegen - bei "Nature" sitzen ohnehin alle unter einem Dach, rund um einen großen Lichthof, der vom Keller bis zum Dach reicht.

Und dennoch wirken die Mitarbeiter der Web-Abteilung mit ihren Kapuzenshirts und Turnschuhen immer noch leicht exotisch. Wenn Hannay verreist ist, vertritt ihn bisweilen ein Plüschhase auf dem Chefsessel. Zwischen Programmierhandbüchern und japanischer Fachliteratur steht ein Terrarium mit afrikanischen Riesenschnecken.

Und wenn sich Hannay mit seinem Team bisweilen zu Besprechungen online in "Second Nature" trifft, schicken einige Spielfiguren mit grünen Haaren oder mit auffälliger Ähnlichkeit zu "Star Wars"-Helden. In Weblogs erzählen sie über ihre Projekte, im Internet-Fotoportal Flickr zeigen sie Fotos vom gemeinsamen Karaoke-Singen, in Podcasts plaudern sie über den satirischen "Ig-Nobelpreis".

Einiges davon mag banal erscheinen - und doch sind es Schritte, die eine Revolution des Wissenschaftsbetriebs vor- bereiten. Zum Beispiel fußt die Glaubwürdigkeit von "Nature" vor allem auf dem aufwendigen Peer-Review-Verfahren: Koryphäen der jeweiligen Fachbereiche begutachten dabei die eingereichten Manuskripte. Dennoch fallen auch sie immer wieder auf Betrüger herein: "Nature" ging dem deutschen Physik-Hochstapler Jan Hendrik Schön auf den Leim, das Konkurrenzblatt "Science" dem südkoreanischen Klonfälscher Hwang Woo Suk. Dessen Betrug fiel erst auf, als ein Informant per E-Mail darauf hinwies.

Also entschloss man sich bei "Nature" voriges Jahr, die Internet-Begutachtung auszuprobieren, den sogenannten Open Peer Review: Ausgewählte Artikel sollten von der Web-Öffentlichkeit vorab diskutiert und kritisiert werden.

Die Teilnahme war enttäuschend, nur fünf Prozent der Autoren machten mit, weshalb der Test vorerst im vergangenen Dezember beendet wurde. Hannay aber spricht dennoch von einem "Experiment, das bald fortgesetzt wird". Der erste Versuch sei unter anderem daran gescheitert, dass Forscher sich ungern in ihre unveröffentlichten Manuskripte sehen ließen, aus Angst vor Ideenklau.

Denn das, was im In-ternet veröffentlicht wird, taucht bislang meist nicht im offiziellen Citation Index auf, der für die Karriere eines Forschers so wichtig ist wie für einen Moderator die Quote. In dieser Rangliste ist genau festgehalten, welcher Wissenschaftler wann was veröffentlicht hat und wie oft er zitiert wurde.

Daher sucht Hannay derzeit nach einer Methode, wie sich auch informelle Beiträge in einem Internet-Forum zuverlässig erfassen lassen. "Wir könnten die

Forschung beschleunigen, wenn Wissenschaftler nicht mehr aus Angst, dass ihnen jemand zuvorkommt, ihre Ergebnisse zurückhalten", sagt er. "Diesen Prozess wollen wir auf den Kopf stellen: Wenn ein Forscher davor Angst hat, könnte er extra einen schnellen, ungeprüften Vorabbericht bei uns ins Netz stellen, um zu belegen, dass er der Erste war."

Auch hier wird wieder offenbar, wie sich die Rolle der Zeitschriften verändert: "Die Aufgabe von ,Nature Online' ist es, neue Leute und Ideen zusammenzubringen", erläutert Hannay, "wir stellen sozusagen den Pub, den Türsteher und den Barmann - aber ob es ein lustiger Abend wird, hängt von den Gästen ab."

Der digitale Pub mit grünhaarigen Avataren und Podcast-Geplauder mag futuristisch wirken. Und doch erinnert er stark an die Gründergeneration von "Nature".

Damals, vor über hundert Jahren, tobte ein erbitterter Verdrängungswettbewerb zwischen diversen jungen, meist unterfinanzierten und kurzlebigen Wissenschaftszeitschriften (das Konkurrenzblatt "Science" wäre mehrfach fast eingegangen und wechselte häufig die Besitzer). Doch "Nature" hatte einen entscheidenden Vorteil: Der Verleger Alexander Macmillan liebte Partys. Regelmäßig lud er die klügsten Denker seiner Zeit zu sich nach Hause ein zu "Talk, Tobacco and Tipple" - Plaudern, Quarzen, Picheln. Auf dies solide Fundament stellte er seine Zeitschrift: Wissenschaft sollte einfach Spaß machen.

Jahrzehntelang traf sich die Gründergeneration von "Nature" einmal im Monat in einer Art Offline-Community in London zum Schlemmen, Trinken und Palavern. Die Clique nannte sich X-Club, weil sie nur eine Regel akzeptierte: keine Regeln.

Ebenso eigenwillig geriet denn auch die erste Ausgabe. Der Aufmacherartikel begann mit einer überschwänglichen Ode des jungen Goethe, mit einem Fragment namens "Die Natur".

Wohin genau heute die weitere Entwicklung geht, weiß nicht einmal Timo Hannay. Im August lädt er wieder ein zum Science-Foo-Treffen: Ein Wochenende lang plaudern Forscher aus aller Welt und allen möglichen Fachrichtungen in Kalifornien auf dem Gelände der Suchmaschine Google. Foo ist der Begriff, den Programmierer verwenden, um alle Möglichkeiten offenzulassen - ähnlich wie das X damals im X-Club.

Der alte Alexander Macmillan wäre sicher in Kalifornien dabei, wenn er nicht schon über hundert Jahre tot wäre. Nach dem dritten Glas hätte er dann vielleicht lautstark aus Goethes Aufmachertext aus der ersten "Nature"-Ausgabe rezitiert: "Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder - Alles ist neu und doch immer das Alte." HILMAR SCHMUNDT

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