Es wird keinen Ehebruch mehr geben und weniger Scheidungen. Immer wenn die Frau behauptet, der Mann habe gestern noch dieses oder jenes versprochen, wo habe er denn nur sein Gedächtnis, dann sagt künftig der Mann: "Hier, Schatz, ich muss es nur einschalten, ich zeig dir sofort, was ich wirklich gesagt habe." Und es wird Friede sein.
Firmen werden zu Mannschaften werden. Jeder im Büro weiß, was alle anderen denken und welche Hilfe sie benötigen. Wer etwas nicht begriffen hat, klickt das gemeinsame Gedächtnis an: Da steht's, jeder Plan, das letzte Lob, alle Ultimaten der Chefs. Schlagkräftig wird die Firma der Zukunft, konstruktiv, kreativ und all das, denn es gibt keine Intrigen mehr.
Es wird auch das Ende der Behandlungsfehler kommen. Ärzte müssen nicht mehr rätseln, weil die Patienten alles dabeihaben: Puls, Blutdruck, Operationsberichte, die Diagnosen der vergangenen 60 Jahre. Fragt der Arzt, seit wann das so gehe mit den Schmerzen, sagt der Patient: "Hier, sehen Sie, seit dem 28. Oktober 1994."
Und wenn das schöne, neue Leben doch zu Ende geht, muss niemand mehr wirklich sterben: Kinder und Enkel schreiten weiterhin durch die Biografie der Ahnen, sie schreiben sie fort, erinnern sich an früher, lachen über hundert Jahre alte Witze, jetzt, da endlich die Jungen das Denken der Alten verstehen.
Gordon Bell sagt, er könne keine Nachteile erkennen. Auf dem Klo und beim Sex könnten wir die Kameras und Mikrofone ja ausschalten.
Gordon Bell protokolliert und kopiert sein Leben, während er es führt. Jedes Gespräch, seine Gedanken, jedes Dokument, alle Reisen, die Mahlzeiten, Arztbesuche und sämtliche Begegnungen archiviert er; Bell trägt einen kleinen schwarzen Kasten an einem Halsband, "SenseCam" heißt das Ding, es spürt Körperwärme, also Menschen auf, mit denen Bell kommuniziert, und fotografiert diese Menschen alle 30 Sekunden. Bell sagt auch, unsere Welt werde eine andere sein mit dem zweiten, endlich perfekten Gedächtnis - wenn wir unser ganzes Leben abrufen und noch einmal leben können, wenn sich das erste, das menschliche Hirn konzentrieren kann auf das, was wichtig ist, weil das zweite Hirn, die Maschine, den Rest denkt. Wenn das Leben exakt wird, weil es keine falschen Zeugenaussagen mehr gibt und keine Fehlurteile, keine Lüge, keinen Betrug, nur noch Objektivität. Weil das Zeitalter der totalen Erinnerung gekommen sein wird.
Es ist ganz leicht, Gordon Bell für ein bisschen irre zu halten. Einen Freak. Er führt selten einen Satz zu Ende, ständig klickt er sich, während er redet, durch die digitale Version seines Lebens, von Eltern zu Enkeln, "sehen Sie hier", sagt er und zeigt auf den Bildschirm, "da wird mir gleich der Bypass gelegt".
Es ist aber auch nicht schwieriger, den Mann zum Propheten zu erklären. Das halbe Computer-Museum in Mountain View in Kalifornien steht voll mit Zeug, das Gordon Bell erfunden hat. Er hat beim Entwurf von 30 Multiprozessoren mitgewirkt und baute 1965 seinen ersten Rechner, und 1972 schrieb Gordon Bell das "Gesetz der Computergattungen", das besagt, dass alle zehn Jahre eine neue Computergeneration die alte ersetzen werde.
Der Typ ist ein Guru seiner Welt, seit er Computer miteinander verknüpfte, was seine Jünger als Fundament dessen begreifen, was wir heute Internet nennen. Und ernst nehmen sollte man ihn wohl auch deshalb, weil Gordon Bell, 73, Microsoft hinter sich hat, Bill Gates und diese ganze 78 000-Mann-Armee mit ihren 14,07 Milliarden Dollar Jahresgewinn.
Wenn dieser Gordon Bell also recht hat, könnte es ganz gut sein, dass wir in wenigen Jahren anders denken werden. Dass wir uns anders erinnern werden. Dass wir eine neue Meinung darüber haben werden, was wichtig ist und was banal, was öffentlich ist und was privat.
Es ist sonnig und warm in Downtown San Francisco, wo es wenige Cafés gibt, Starbucks natürlich, aber sonst nichts, kaum Kneipen, nur raffinierte Architektur für all die kalifornischen Entdeckerfirmen.
455 Market Street, 16. Etage: Gordon Bell trägt schwarzen Pulli zur schwarzen Hose, den Schädel rasiert, er hat blaue Augen hinter der randlosen Brille und famos große Ohren, er redet und lacht und fuchtelt mit den Armen herum. Beige sind die Wände hier, Bell sitzt vor dem Fenster. Schließt die Jalousien. Verlorene gelbe Zettel finden sich noch in diesem Büro, letzte Bücher - Reliquien aus der Zeit des Papiers. Bell startet den Rechner, einen Dell Latitude D620. Vicki, seine Assistentin, sitzt in der Ecke und wartet auf Arbeit.
"Telepräsenz" war einst Bells Thema, "da zu sein, ohne wirklich vor Ort zu sein", das war die Möglichkeit, durch Aufnahmen und Projektionen ein zweites, virtuelles Ich zu erschaffen, das an Konferenzen teilnimmt, während das echte Ich segeln oder einkaufen geht. Heute heißt Bells Projekt "MyLifeBits", sein Traum ist das künstliche Hirn. Das Ende der Lüge und der Sieg der Wahrhaftigkeit sind das Ziel.
Das menschliche Gedächtnis trägt uns durchs Leben, weil Erinnerungen uns prägen; sie formen künftige Entscheidungen, machen uns zu denen, die wir sind, und manchmal auch zu denen, die wir sein wollen, da uns das Gedächtnis hin und wieder täuscht. Es schönt und lässt aus und bringt dadurch schon mal Stringenz in ein Leben, das eigentlich wenig Stringenz hätte.
Bauen Gordon Bell und seine Leute von Microsoft Research also endlich Maschinen, die denken werden wie wir, nur schneller, lückenlos, effektiver? Erschaffen sie nichtorganisches Leben?
Das Ganze fing vor knapp zehn Jahren an, als Bell sich wieder mal über die vielen Papierberge in seinen Büros ärgerte, in denen er doch nichts wiederfand, da rief ihn ein Freund an und fragte, ob er Bells Bücher scannen und speichern dürfe. Bell sagte "Ja, klar", dachte dann erst darüber nach und begann selbst zu scannen, was so herumlag: Postkarten und Notizbücher, Fotoalben und Schuhkartons voller Fotos, Steuerakten, die Berge seines Lebens, die Müllhaufen auch. Nur die Rasierklingen und die Modellflugzeuge, die er als Kind gesammelt hatte, konnte er nicht finden.
Und seither speichert Bell, was er sieht, hört, sagt und spürt, er versucht das, was sich Liebende wünschen und alle, die Momente des Glücks erleben: Er versucht, die Gegenwart festzuhalten für die Zukunft.
Gordon Bells Leben heute, die elektronische Version: 2305 Videos, 106 572 Fotos, 20 536 Lieder, 176 733 Web-Seiten, 6542 PDF-Dateien, 3183 gescannte Dokumente, 2473 Powerpoint-Präsentationen, 225 Bücher, 17 717 Word-Dokumente, 136 675 E-Mails und 1866 Excel-Dateien.
73 Jahre Leben ergeben rund 475 000 Dateien und brauchen einen Speicherplatz von 285 000 Megabyte - und brauchten vermutlich sehr viel mehr, drei Terabyte vielleicht, wenn man mit zehn und nicht erst mit 64 Jahren zu archivieren begänne.
Zunächst sammelte Gordon Bell nur, mehr tat er noch nicht, aber dann entdeckte er, was zu seiner Vision werden sollte; er muss jetzt nicht lange herumklicken, schon hat er Vannevar Bushs Aufsatz von 1945 wiedergefunden: "Wie wir denken werden". In diesem Text sagte der damalige amerikanische Regierungsbeamte Bush kleine Kameras voraus, die der Mensch von morgen bei sich tragen werde, und Bush erwartete "einen mechanischen Ordner", in dem "ein Individuum all seine Bücher, Schallplatten und Kommunikation lagert, so dass es ihn mit wachsender Schnelligkeit und Flexibilität konsultieren kann": "Memex" nannte Vannevar Bush dieses Ding, "Memex" kürzt "Memory Extender" ab, Erinnerungserweiterer.
"Brillant, visionär, fucking genial", murmelt Bell vor sich hin. "Verstehen Sie? 1945!" Bell drückt jetzt nicht zart auf seine Tastatur, er klopft und prügelt. "Hier", sagt er, "und das ist nun mein Manifest."
"Memexismus" steht da: "Memexismus ist der Gebrauch von Computertechnologie, die ein Individuum dazu befähigt, den Informationsstand des eigenen Selbst in den Cyberspace zu transferieren." Es ist, sagt Bell, "der Glaube, dass irgendwann alles, was menschliches Leben ausmacht, in den Cyberspace emigrieren wird".
Nicht alles, was Gordon Bell tut und sagt, ist neu. Überall auf der Welt gibt es Blogger. Seiten wie YouTube, Facebook, StudiVZ und MySpace sammeln alles, was die Generation 2.0 nicht vergessen mag. Was früher Tagebücher waren, sind heute Programme wie OneNote. Jeder kann alles immer online stellen und natürlich jederzeit wieder abrufen, um sich zu erinnern.
Bell ist aber radikaler als alle anderen, seit er begriffen hat, dass es Raumprobleme nicht mehr gibt: Vor 15 Jahren sorgten sich Computernutzer um Platz; ein Gigabyte Stauraum war über tausend Dollar teuer, heute kostet ein Gigabyte nicht mal 30 Cent. Das Weltgedächtnis ist endlos geworden, "bald passt ein menschliches Leben in ein Mobiltelefon", sagt Bell.
Es klingt so leuchtend und glitzernd und ist, wenn man sich so durchklickt durch Bells Alternativgehirn, natürlich doch wie in jedem größeren Keller: so viel Schrott!
Wen interessiert, was Gordon Bell während seiner Radtour durch Frankreich gegessen hat? Ob's regnete beim vorletzten Hafenspaziergang? Wer muss dabei sein, wenn die Bells streiten und die Ehefrau fragt: "Hast du das etwa auch aufgenommen?" Und reinwerfen kann man natürlich alles in einen Keller, aber wie findet man's wieder? Weil es Datenmüll ist, schiere Masse, wenn man keine tauglichen Systeme fürs Lagern und fürs Suchen hat, braucht es virtuelle Gänge, Regale, Schubfächer und dann die richtige Beschriftung.
Es braucht Leute wie Jim Gemmell und Mary Czerwinski, die denken wie Bell und manchmal noch ein wenig weiter.
Mary Czerwinski und ihr Team versuchen, Füllungen für die Gedächtnislücken zu entdecken, Wege für Gordon Bell. "VIBE" heißt Czerwinskis Team, das steht für "Visualization and Interaction for Business and Entertainment"; 18 junge, schlaue, ziemlich gewandte Menschen bilden VIBE. Czerwinski, blond und blauäugig, Kognitive Psychologin und seit 13 Jahren bei der Firma, sitzt nun im Konferenzraum von Haus 112 von Microsoft in Redmond, bei Seattle, vor ihr steht ein Laptop, sie zeigt, was ihr Laden kann.
Mary Czerwinski und ihre Leute haben "StatusWriter", das virtuelle Logbuch, entwickelt und "FacetMap", das soll die Erinnerungsmaschine im virtuellen Hirn sein.
Sie arbeitet mit bunten Bällchen; jeder Ball, den Mary nun auf die Leinwand projiziert, ist ein Bereich aus dem Leben des Gordon Bell. Mary zoomt sich heran, dieser Ball zeigt den Namen Mary Czerwinski, sie klickt, sie ist jetzt mittendrin in all den Gesprächen und Briefwechseln zwischen Czerwinski und Bell. Wer auf diese Weise etwas sucht, findet vielleicht nicht das, was er finden wollte, aber sicherlich eine Menge Dinge, die auch interessant sind. Voraussetzung ist ein Ausgangspunkt, ein Name, ein Datum; das ist der Unterschied, denn menschliche Erinnerung funktioniert oft über Bilder, textlos, das können Computer eher nicht.
Moment, sagt Czerwinski, "hier ist noch ein Film, irgendwo", aber dann findet sie ihn nicht, es ist das alte Problem: Mary weiß nicht, wie der Film heißt, sie hat kein Stichwort, darum sucht sie und sucht und sagt dann, dass sie an einer Software arbeite, die uns helfen soll, uns mit unterschiedlicher Gewichtung zu erinnern: an manches ganz beiläufig, ganz klein, oben links auf dem Bildschirm, an manches, das wir einst mit Hingabe gespeichert haben, mit Jingle und Leuchtschrift.
Bell und Czerwinski glauben, dass die Diskussion darüber abgeschlossen sei, ob der Mensch in die Richtung strebt, die ihre Richtung ist. Die Frage scheint zu sein, was das alles mit uns machen wird. Wie verändert es unser Denken?
Gordon Bell wurde mit den Jahren süchtig, sein Sohn Brigham nennt es "egozentrisch". Am Anfang hatte er sein Leben ziemlich beiläufig dokumentiert, während er es halt lebte; nach einer Weile lebte er dann so, dass er dieses Leben besser dokumentieren konnte. Die Kopie formt das Original: Weil E-Mails leichter aufzufinden sind als Telefongespräche, telefoniert Bell weniger und schreibt ständig.
"Lifelogging" heißt das, wenn Menschen elektronische Protokolle des eigenen Lebens führen, "Lifeblogging" nennt es Bell, wenn diese Protokolle im Internet auftauchen. Bell wurde besser darin, er wurde der Beste mit den Jahren. Sein elektronisches Gehirn hat nun zwei Hälften, eine für die Vergangenheit, eine fürs Gegenwärtige. Ein GPS führt er bei sich, es meldet Bells Computer, wo der Chef sich befindet, wohin er reist. Seine Kamera fotografiert und sendet, man fühlt sich ein wenig beobachtet; er macht 692 Fotos während des Interviews.
Es ist sowieso ein eher unruhiges Gespräch. Manche Gedanken scheinen Bell schlicht zu langsam zu sein: Er schneidet Sätze an der Stelle ab, wo sich der Gedanke gerade erahnen lässt, Spaceheads heißen exzentrische Geister wie er in Amerika. Und während er so vor sich hin flattert, flackert neben ihm sein zweites Ich und spuckt die gespeicherten Fotos in zufälliger Reihenfolge aus.
Die Enkel. Der kleine Bell im Strampelanzug. Der große Bell im Weißen Haus. Der alte Bell auf dem Operationstisch. Bell beim Tauchen. Was halt so passiert in einem amerikanischen Leben. Die Golden Gate Bridge. Ein Tomaten-Käse-Sandwich. Sydney Harbour.
Gordon Bell wurde am 19. August 1934 in Kirksville in Missouri geboren, und MyLifeBits kann diesen Tag ziemlich spektakulär in die Gegenwart holen: Hier, in diesem Backsteinhaus, wuchs Bell also auf; diese zwei dort, der ernste Elektriker Chester und Lola, die Grundschullehrerin im weißen Kleid, sind seine Eltern; ach, guck an: "Al Capone nach Alcatraz überführt", das schrieb der "Kirksville Daily Express" am 20. 8. vor knapp 74 Jahren, dann meldet er die Geburt des Babys Gordon Bell.
Zeitungen übrigens liest Gordon Bell schon lange nicht mehr. Sagt man einem wie ihm, wie sinnlich es sei, Papier zu halten, dann kichert er, das versteht er nicht.
Als Gordon Bell ein Junge war, liebte er Drähte und Turbinen, er zeigt jetzt Fotos von Drähten und Turbinen. Er liebte auch seinen Chemiebaukasten, davon gibt es kein Foto. Er hatte einen Herzfehler, musste sechs Monate lang im Bett liegen und Radio hören; Football-Profi konnte er nicht mehr werden, sein Vater kaufte ihm ein Pony, hier, so sah Snippy aus, er mochte das Vieh nicht.
"Ich bin Ingenieur", sagt er, "immer gewesen, ich baue gern Sachen."
Er konnte das wohl einfach: verstehen, wie Dinge funktionieren, Motoren, Maschinen, am Ende Computer. Bell ging ans MIT, das berühmte Massachusetts Institute of Technology, dann zur Digital Equipment Corporation, dann unterrichtete er Informatik und Elektrotechnik, aber schnell langweilten ihn die eigenen Kurse, und er ging wieder zu Digital Equipment. "Er ist witzig, aufregend, charismatisch, aber er passt nicht in eine organisierte Umgebung", sagt Ken Olsen, Bells einstiger Chef, und das ist auch der Grund, warum sie ihm bei Microsoft dieses Büro mitten in San Francisco gegeben haben, ein paar Leute dazu und viel Geld - mach mal, Gordon, wir sehen schon, was herauskommt.
Was kommt heraus?
Dass Computer ablenken können vom wirklichen Leben, weil sie Kommunikation mit fernen Menschen erleichtern und mit nahen Menschen verhindern; dass es vielen, die vorm Bildschirm hocken, um die digitale Darstellung eines Lebens geht, das sie in Wahrheit gar nicht führen - das sind Thesen, mit denen einer wie Bell nichts anzufangen weiß.
Es gibt auch 2008 noch Juristen, die an so etwas wie Datenschutz und Persönlichkeitsrechte erinnern, es gibt Medientheoretiker, die sagen, dass Vergessen ganz gesund sei: "Der natürliche Filterprozess führt erst zu Wissen und Weisheit", sagt Frank Nack, Informatiker in Amsterdam, ein "großer Freund des Vergessens".
Und wenn wir ständig beobachtet werden und ständig beobachten, werden wir dann nicht vorsichtig und gestelzt und erst recht verlogen? Die Realität wird doch Reality-TV, wenn nichts mehr verschwindet und nichts vertraulich bleibt - wenn jeder Bekannte ein Leserreporter ist, wird dann nicht jeder Flirt zum diplomatischen Akt? Wird alles Berechnung, weil jeder Satz justitiabel ist, werden die Menschen humorlos und feige, gleichgeschaltet, da alle nach Manuskript reden?
Die Welt eine Bundespressekonferenz?
"Dein wirkliches Hirn wird so etwas wie der Exekutivmanager all dieser technischen Möglichkeiten werden", sagt dagegen Martin Conway, Psychologe an der Universität Leeds. David Allen, amerikanischer Persönlichkeitstrainer, sagt, dass die Zerbrechlichkeit unseres Kurzzeitgedächtnisses die wesentliche Ursache von Stress sei: "Wir fürchten, das zu vergessen, was wir heute zu tun haben."
Naht also die Befreiung des modernen Menschen? Endlich Entspannung?
"MyLifeBits gibt mir Reinheit", das sagt Gordon Bell, "ich kann mein eigenes Gedächtnis klären und entladen. Die Sklavenarbeit macht mein Cyber-Ich, ich kann kreativer denken." - "Wir können unsere tatsächliche Erinnerung ständig auffrischen, können Trivialitäten an den Computer abgeben, können uns fokussieren", sagt Bells Kollege Jim Gemmell.
Der soll Bells Experimente begleiten und daraus Produkte entwickeln, die Microsoft verkaufen kann. Gemmell sitzt ein paar Kilometer weiter südlich in Kalifornien, in Gebäude 5 des Microsoft-Campus in Mountain View, in einem dieser langgezogenen Sandsteingebäude auf riesigen Parkplätzen, hinter grünlichem Glas. Gemmell ist ein Kanadier mit Kinnbärtchen und etwas langer Hose.
Als er heiratete, 22 Jahre ist's her, verbot Gemmell Fotokameras, weil er seine Erinnerung an die Hochzeit ganz für sich haben wollte, nur in seinem Kopf. Aber die Erinnerung ist inzwischen verschwommen, und heute tut Gemmell seine Haltung von damals leid. Heute sagt er: "Wenn ich eine SenseCam getragen hätte, vielleicht schon an dem Tag, als ich meiner künftigen Frau zum ersten Mal begegnete ... was für ein Schatz wären diese Bilder!"
Seit 1995 arbeitet er mit Bell zusammen, Gemmell schreibt Software für Bell. Dass jede Website, die Bell besucht, automatisch in seinem zweiten Hirn landet, dass seine Kamera direkt ans zweite Hirn sendet: Das ist Gemmells Werk.
"HealthVault", das Gesundheitsgedächtnis, kann man schon nutzen. Auch die automatische Klassifizierung gespeicherter Dokumente bietet die Firma bereits an, man muss nicht mehr jedes Dokument selbst beschriften, damit es im virtuellen Hirn sein Schubfach findet.
Leute wie Gordon Bell, Jim Gemmell und Mary Czerwinski sind Praktiker, sie entwerfen und bauen und denken lieber an technische Möglichkeiten als an moralische Abgründe. Gordon Bell glaubt, dass es nicht mehr lange dauern werde, bis das digitale Gedächtnis uns sagt, wie viele Kalorien wir essen werden, wenn wir im Restaurant eine Bestellung aufgeben; es wird Herzschlag und Organfunktionen protokollieren und jederzeit druckbereit haben.
Das zweite Hirn könnte Eltern melden, wie ihre Kinder in der Schule zurechtkommen, wann sie träumen und wann sie stören; auch die Kinder werden ja Kamera und Mikrofon tragen. "Die Möglichkeiten sind nur beschränkt durch unsere Fähigkeit, uns diese Möglichkeiten vorzustellen", sagt Bell.
Mary Czerwinski, die Psychologin, sagt, die nächste Computergeneration könne uns so individuell helfen wie früher mal beste Freunde: "Die Maschinen der Zukunft können unser Urteil schärfen, unser Gedächtnis stützen, uns auf Fehler und Versäumnisse hinweisen. Sie werden uns bei der Auswahl und bei der Organisation helfen. Unsere kognitiven Fähigkeiten, unsere Möglichkeiten, Probleme zu lösen, werden auf jeden Fall gesteigert werden."
Mary möchte vor allem sich selbst kontrollieren. "Ich habe ja längst viel an den Computer delegiert", sagt sie, "Telefonnummern kenne ich schon lange nicht mehr auswendig, ich weiß nicht einmal mehr, welche Termine ich habe, bis exakt 15 Minuten vor einem Termin, dann werde ich daran erinnert." Trotzdem forscht Mary heute weniger als früher, arbeitet weniger an dem, woran sie eigentlich arbeiten will, weil sie zu steil aufgestiegen ist innerhalb der Firma und deshalb 65 Prozent ihrer Zeit mit E-Mails verbringt: "Ich wünsche mir, dass mein digitales Gehirn sehr wichtige von wichtigen und unwichtigen Mails trennt, dass es weiß, welche Mails ich immer sofort beantworte, und entsprechend vorsortiert. Ich will unter 45 Prozent bleiben", sagt sie.
Jim Gemmell glaubt, dass es bald so weit sein werde, dass wir aus dem Urlaub zurückkehren mit Fotos, Filmschnipseln, Text- und Fotodateien und dem Computer sagen: "Mach was draus", und dann montiert der Computer einen Ferienfilm und stellt ihn ins Netz und verschickt ihn an Mutti. "Auto-Storytelling" soll das heißen.
Scheitern könnten Czerwinski, Gemmell und ihr Prophet Gordon Bell allerdings auch, ein kleiner Haken ist da noch.
Vor über 20 Jahren wurden Fragmente des Weltwissens auf Disketten abgelegt, lange verschwunden, heute vermutlich unlesbar. Dies ist der Alptraum des Gordon Bell: dass die übernächste Computergeneration, die von 2028, die Sprachen der Generation von 2008 nicht mehr versteht.
Die winzigen Rechner werden rattern vor Anstrengung, sie haben die JPegs und Word-6-Dokumente, die Gordon Bell einst in sein unsterbliches Gedächtnis gepackt hat, vor Stunden gefunden. Aber sie können den alten Kram nicht mehr öffnen.