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DER SPIEGEL 6/2009 vom 02.02.2009, Seite 69

Autor: Jochen-Martin Gutsch

Gesellschaft

Die Pfandbon-Falle

Ortstermin: Ein Berliner Gericht verhandelt über eine Kassiererin, die 1,30 Euro unterschlagen haben soll - und über den Kapitalismus.

Als Barbara E. den Sitzungssaal 334 betritt, beginnen die Leute zu klatschen. Manche stehen auf, es ist ein bisschen wie in einem Film, einem amerikanischen Gerichtsfilm. Die Leute schauen auf Barbara E. wie auf eine Heldin. Sie lächelt unsicher, eingerahmt von zwei Rechtsanwälten. Eine runde, unscheinbare Frau in einem hellblauen Wollpullover.

An der Tür stehen zwei Polizistinnen. Unten, vor dem Gebäude des Arbeitsgerichts, zwei Polizeiwagen. Vor dem Gerichtstermin hatten sich rund 50 Leute für eine kleine Demonstration zusammengefunden, die IG Metall und die Leute von einem Solidaritätskomitee, der DGB-Kreisverband Tempelhof-Schöneberg war mit einem Plakat vertreten. Alles wegen Barbara E.

Die Richterin eröffnet die Verhandlung. Sie schaut auf den überfüllten Gerichtssaal. Sie sagt: "Wir müssen dafür Sorge tragen, dass diese Verhandlung normal verläuft." Es klingt, als befürchte sie eine Revolte. Alles wegen Barbara E. Alles wegen 1,30 Euro.

Die Richterin trägt den Sachverhalt vor. Der Fall ist einfach. Womöglich ist genau das das Problem. Man fragt sich, wie er jemals vor Gericht gelangen konnte. Aber es gibt jetzt kein Zurück mehr. Was als 1,30-Euro-Streit begann, wurde mit den Monaten immer größer, bedeutsamer. Aus Barbara E. aus Hohenschönhausen wurde ein Symbol im Klassenkampf.

Barbara E. war Kassiererin, 31 Jahre lang. Erst in verschiedenen Berliner HO-Kaufhallen, da gab es noch die DDR. Nach der Wende übernahm Kaiser's einige Kaufhallen, die jetzt Supermärkte hießen. Das Arbeitsverhältnis von Barbara E., heute 50 Jahre alt, lief weiter, sie arbeitete in einem Kaiser's-Supermarkt in Berlin-Hohenschönhausen, bis an jenem Januar-Tag im vergangenen Jahr die Sache mit den 1,30 Euro passierte. Oder passiert sein soll.

Am 12. Januar 2008 wurden im Supermarkt zwei Pfandbons gefunden. Irgendein Kunde musste sie dort verloren haben. Sie waren nicht viel wert. 48 Cent und 82 Cent. Die Pfandbons wurden im Kassenbüro hinterlegt. Die Kassiererin Barbara E., so der Vorwurf, soll die Pfandbons genommen und am 22. Januar bei einem Einkauf in ihrer Filiale für sich eingelöst haben. Im Februar lag ein Brief im Briefkasten von Barbara E. Die fristlose Kündigung.

Barbara E. zieht vor das Arbeitsgericht. In der ersten Instanz verliert sie. Die Rechtsprechung ist hart bei Dingen wie Unterschlagung. Unabhängig vom Wert.

Jetzt läuft die Berufung.

Der Anwalt von Barbara E. sagt: Der Verdacht gegen Frau E. wurde nie bewiesen. Und selbst wenn: Darf man kündigen nach 31 Jahren, wegen 1,30 Euro?

Der Anwalt von Barbara E. sagt: Für die Kündigung muss es andere Gründe geben. Frau E. sei damals an den Streiks im Einzelhandel beteiligt gewesen. Mit den Pfandbons sei versucht worden, ihr etwas anzuhängen. Um sie dann loszuwerden.

Es klingt nach einer Verschwörung. Konzern versus Streikführerin.

Die Zuschauer murmeln zustimmend. Bei Lidl wurden die Mitarbeiter ausspioniert. Auch bei Penny und Rewe. Detektive kamen zum Einsatz und versteckte Kameras. Im Moment scheint alles möglich im Einzelhandel, im Kapitalismus. Auch eine Pfandbon-Falle.

Die Richterin ruft die Zeugin Frau K. herein. Eine schmale, blonde Frau, eine ehemalige Kollegin von Barbara E. Es beginnt eine Beweisaufnahme. Über eine Stunde lang. Die verschlungenen Wege zweier Pfandbons im Wert von 48 und 82 Cent sollen aufgeklärt werden.

Die Zeugin Frau K. saß an der Kasse, als Barbara E. die Pfandbons einlöste.

"Wie geht so ein Kassiervorgang eigentlich genau vor sich?", fragt die Richterin.

"Wie? Na, janz normal."

"Sind das die Pfandbons?", fragt die Richterin. Frau K. geht ans Richterpult. Die Anwälte folgen. Sie alle schauen jetzt auf zwei Stückchen Papier wie auf eine Mordwaffe. Frau K. nickt.

"Haben Sie Frau E. darauf angesprochen, als Sie sahen, dass die Bons nicht abgezeichnet waren?", fragt die Richterin.

"Nee, hab ick nich", sagt Frau K.

Einige Leute im Saal lachen. Es wird laut. Barbara E. ist ihre Heldin. Eine Art Fahnenträgerin. Der Anti-Ackermann. Ein Solidaritätskomitee hat sich gegründet, Gewerkschafter, linke Gruppen, Politiker schlugen sich in den vergangenen Monaten auf ihre Seite, es gab Demonstrationen, Flugblätter und Boykottaufrufe gegen Kaiser's. In den Verhandlungspausen treten wildfremde Leute an Barbara E. heran, um ihr die Hand zu schütteln, wie einem Popstar. Die Geschichte scheint in die Zeiten zu passen. Als Bestätigung für die Krise des Kapitalismus, die Schlechtheit des Systems, in der Banken Milliarden verzocken, meist folgenlos für die Akteure. Kaum ein Gericht wird je über sie urteilen. Stattdessen gibt es Rettungspakete.

"Ruhe bitte, sonst muss ich den Saal räumen lassen", ruft die Richterin.

Die Anwälte stellen weitere Pfandbon-Fragen, der Tathergang wird zerpflückt, die Pfandbon-Übergabe rekonstruiert, Tatortskizzen werden herumgereicht, Frau K. beschimpft Barbara E., und Barbara E. beschimpft Frau K., und es sieht nicht so aus, als könnte irgendjemand den ganzen Wahnsinn doch noch stoppen. Ganz vernünftig, ohne Kündigung, Anwälte und Solidaritätskomitees.

"Wollen Sie noch einmal über einen Vergleich nachdenken?", fragt die Richterin.

Beide Parteien lehnen ab.

Ende Februar werde das Gericht sein Urteil sprechen, sagt die Richterin. Aber es sieht wohl nicht gut aus für Barbara E.

Ihr Anwalt sagt, er ziehe notfalls vor das Bundesarbeitsgericht. Barbara E. sagt, sie mache weiter, auch bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

JOCHEN-MARTIN GUTSCH

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