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Kultur SPIEGEL 4/1999 vom 29.03.1999, Seite 12

Autor: Merle Ginsberg

Film

Comeback-Queen

Fast wie im wahren Leben: In dem Woody-Allen-Film "Celebrity" kehrt Melanie Griffith, 41, zurück auf die Leinwand - als altgewordene Schauspielerin mit viel zu engen Kleidern und zuviel Collagen im Körper.

Melanie Griffith hat eine Schwäche für große Auftritte, sogar bei einem Interview-Termin in einer etwas zu üppig ausgestatteten Suite des St.-Regis-Hotels in New York. Sie trägt ein braunes, sehr kurzes Jersey Kleid und zehn Zentimeter hohe High-Heels; die Fußnägel sind lackiert, die Haare zum Dutt nach hinten gesteckt und die Lippen fruchtig wie eine reife Papaya.

Sie rollt sich auf die Couch und beginnt mit der piepsigen Stimme eines kleinen Mädchens vom gestrigen Abend zu erzählen. Wieder einmal war sie zu Gast in der Talkshow von David Letterman. "Aber diesmal", schnurrt sie, "habe nicht ich mit ihm geflirtet, sondern er mit mir."

Damit alle Welt weiß, daß hier und heute nur Melanie Griffith die Regeln bestimmt, zündet sie sich erst mal eine Zigarette an. "Ja, ich rauche", sagt Griffith. "Na und? Zur Hölle damit. Ich rauche sogar auf der Toilette im Flugzeug."

Die Filme, in denen sie in den vergangenen Jahren mitgespielt hat, mögen zwar alle keine Kassenschlager geworden sein, aber Griffith hat es noch nie geschadet, immer nur das zu tun, was sie will. Hauptsache, sie macht ihren Job, und der besteht vor allem darin, sexy zu sein. Immer, jederzeit.

Daran ändert auch nichts, daß sie gerade ein wenig erschöpft ist, weil sie erst gestern von einem anstrengenden Wochenendtrip nach Spanien zurückgekommen ist; auch nichts, daß sie eigentlich mit ihrem Mann, dem spanischen Schauspieler Antonio Banderas und ihren drei Kindern ein ruhiges Leben führt; und erst recht nichts, daß sie nun im Alter von 41 Jahren nach einer längeren Pause wieder zurückgekehrt ist auf die Leinwand. Melanie Griffith ist immer noch eher Barbie als Hausfrau, mehr Marilyn Monroe als Meryl Streep. Eine Frau, die sogar beim Besuch im Weißen Haus einen viel zu kurzen Minirock trug und die auch noch mit 70 der Welt zu aufreizend, zu sexy und zu laut entgegentreten wird. Sie kennt es nicht anders.

Ihre Mutter ist Tippi Hedren, der Alfred Hitchcock in "Die Vögel" ein Denkmal setzte, und Griffith hat ihr ganzes Leben lang den Planeten Hollywood nie verlassen. Ihren ersten Film "Night Moves" drehte sie als frühreifer Teenager, und schon mit 14 riß sie von daheim aus - zusammen mit dem acht Jahre älteren Schauspieler Don Johnson. Mit ihren provokativen Rollen in Filmen wie "Body Double" und "Something Wild" schuf sie ihr Image als Nymphomanin, die auch schauspielern kann.

Auch fern der Leinwand tat sie viel, um ihren Ruf zu bestätigen. Nach der Heirat mit Johnson und einer zweiten mit dem Schauspieler Steven Bauer entwickelte sie sich zum Liebling der Boulevardpresse, die mit ganz besonderer Hingabe ihre Versöhnungen und Verschönerungen verfolgte. Als sie Johnson das letzte Mal verließ, war sie 37, und ihr neuer hieß Antonio Banderas, Spaniens größtes männliches Sexsymbol.

Ihre Rolle als "Working Girl" trug ihr 1989 eine Nominierung für den Oscar ein, und in "Nobody's Fool" durfte sie 1994 an der Seite von Paul Newman glänzen. Dazwischen lagen eine Menge Flops: Brian de Palmas "Fegefeuer der Eitelkeiten" genauso wie ein paar andere Filme, die nie den Weg in Deutschlands Kinos fanden. Hollywood, so schien es, hatte sie abgeschrieben - als ein Relikt der wilden achtziger Jahre. Sie nahm sogar eine Rolle in einer TV-Seifenoper an. Aber auch das ging daneben: Die Serie wurde nie ausgestrahlt.

Nun feiert Griffith ein Comeback mit Filmen, in denen sie plötzlich nervöse, zurückhaltende Charaktere gibt: In Adrian Lynes umstrittener "Lolita"-Verfilmung spielte sie die Mutter; in Woody Allens "Celebrity" (Start: 8.4.) tritt sie selbstironisch als Schauspielerin auf, die schon lange keine Karriere mehr verfolgt, sondern nur noch den Männern gefallen will; in Larry Clarks "Another Day in Paradise" (Start: 13.5.) wird sie als drogensüchtige Diebin zu sehen sein; und im Regiedebüt ihres Ehemanns ("Crazy in Alabama") spielt sie eine Frau, die ihren Gatten umbringt, mit ihren sieben Kindern nach Hollywood flüchtet - und dort eine Karriere als Fernsehstar beginnt.

Die erfolgreiche Rückkehr erklärt sich Griffith damit, daß sie reifer geworden sei. "Die wilden Zeiten sind vorbei ", sagt sie und beendet auch diesen Satz mit einem kleinen Kichern. Früher hat sie die Nächte durchgefeiert, nun verbringt sie ihre Tage mit Arbeit, Sport und der Erziehung ihrer drei Kinder - Alexander, 13, (Vater Bauer), Dakota, 9, (Vater Johnson) und Stella, 2, (Vater Banderas). "Den Sport mache ich nicht, weil ich ihn für die Arbeit brauche", sagt Griffith. "Ich könnte auch als Charakterdarstellerin mein Geld verdienen. Aber ich fühle mich einfach besser, wenn ich jeden Tag fünf Kilometer laufe."

Für ihren ersten Comeback-Versuch in Lynes "Lolita"-Film mußte sie gleich doppelt leiden. Weil der Regisseur ihr zum einen den Auftrag gegeben hatte, ein paar Pfunde zuzulegen. "Ich fühlte mich wie ein Schwein und nahm heimlich wieder ab. Adrian war ziemlich sauer." Und weil sie zum anderen erstmals in ihrer Karriere nicht mehr das Sexobjekt war, sondern Lolitas Mutter spielen mußte. "Ehrlich gesagt, das gefiel mir überhaupt nicht. Eine Mutter mit einem fast erwachsenen Kind darzustellen - das nagt am Selbstwertgefühl. Aber als ich dann während der Dreharbeiten auch noch ständig darauf hingewiesen wurde, daß ich in den Siebzigern selbst eine Art Lolita gewesen sei, hörte der Spaß natürlich auf. Was soll das heißen, ich war? Ich bin es immer noch!"

Schauspielerinnen wie Michelle Pfeiffer oder Sharon Stone, die ebenfalls auf sexy Rollen festgelegt waren, mag es aus eigener Kraft gelungen sein, durch einen Imagewechsel auch mit zunehmendem Alter noch große Rollen zu bekommen. Griffith aber brauchte Woody Allen, um älter werden zu dürfen. Er läßt sie in "Celebrity" vor allem sich selbst spielen: einen überlebensgroßen Filmstar, eine Zicke mit viel zu engen Kleidern und zuviel Colagen im Körper.

"Das ist mir am Anfang gar nicht aufgefallen", erklärt Griffith. "Ich habe für die Rolle immer nur an eine Freundin gedacht. Aber irgendwann klingelte es auch bei mir: Diese Frau führt wie ich eine eigene Produktionsfirma; und auch ihr Mann ist der Regisseur in einem Film, in dem sie mitspielt. Im Nachhinein ist mir das alles doch ein wenig zu realistisch."

Die Kritiker aber lobten sie dennoch für ihren Humor, sich über sich selbst lustig machen zu können. Dabei war Griffith in Wahrheit nur froh, endlich einmal mit Allen arbeiten zu dürfen. "Ich liebe Woody Allen", sagt sie. "Ich hatte etwas Angst vor ihm, weil es heißt, er rede nicht mit seinen Schauspielern. Aber mit mir hat er geredet. Er sucht sich Schauspieler aus, die ihren Job beherrschen. Und wenn nicht, schmeißt er sie raus."

Kenneth Branagh, ihrem Co-Star in "Celebrity", sei es da schlimmer ergangen, weil er einen Promi-Journalisten mit den Manierismen und der Sprechweise von Allen spielen sollte. "Armer Kenneth, er tat mir wirklich leid. Außerdem: Bei einem Woody-Allen-Film verdient man nichts, und trotzdem muß man ihm 24 Stunden täglich zur Verfügung stehen. Ich bin mehrmals zwischen West- und Ostküste hin- und hergeflogen. "Celebrity' hat mich eine Menge Geld gekostet."

Sooft wie möglich nimmt Griffith auch ihre Kinder mit zu den Dreharbeiten. Sogar auch zu den Aufnahmen mit Larry Clark, einem Fotografen und Regisseur, der in seinem umstrittenen Debütfilm "Kids" eine Geschichte um Sex und Drogen, Partys und Aids erzählt und der in "Another Day in Paradise", seinem zweitem Film, ein Ganovenpärchen durch Amerika schickt, das zwei Teenager adoptiert und sie in die Welt von Drogen und Gewalt einführt. Nach dem Ende der Produktion ging Clark erst einmal auf Entzug.

"Die Arbeit mit Larry war eine sehr harte und brutale Erfahrung", sagt Griffith. "Er ist tatsächlich heroinsüchtig. Vielleicht ist er sogar ein guter Regisseur, wenn er gesund ist. Wissen Sie, es gibt viele Leute, die schon seit 20 Jahren Heroin spritzen und trotzdem einigermaßen funktionieren. Man merkt es ihnen gar nicht an. Ich jedenfalls nicht - vielleicht, weil ich selbst nie Heroin gespritzt habe. Ich habe nur - wie nennt man das noch, wenn man Heroin und Koks zusammen schnupft? - Speedballs genommen. Da war ich gerade 15."

Die Assistentin, die Griffith begleitet, fragt nach einem kleinen Hustenanfall ihre Chefin, ob sie das wirklich auf dem Interview-Band haben will.

"Mir egal!" ruft Griffith fast ein wenig stolz. "Ich habe ein öffentliches Leben geführt, und die Leute kennen meine Biographie. Ich bin ein Suchtmensch, aber heutzutage brauche ich keine Drogen mehr. Ich habe ja eine Familie."

Bald soll auch in Amerika der Film ihres Mannes, der vierte Teil ihrer Comeback-Geschichte, in den Kinos anlaufen. Das Werk sei große Kunst, sagt Griffith, und vielleicht wird sie trotzdem endlich einmal wieder richtig gutes Geld verdienen. Griffith ist nämlich nicht nur auf der Suche nach einem größeren Haus, sie möchte sich endlich auch ihren großen Traum erfüllen. "Ich hätte gern 100 Millionen Dollar, um endlich das Gefühl von Sicherheit zu haben", sagt sie seufzend. "Wäre ich berechnender, müßte ich mir heute keine Sorgen mehr machen. Aber ich wollte immer unabhängig von meinen Männern sein."

Weil aber zu den 100 Millionen noch ein paar Dollar fehlen, kann sie sich vorerst nicht zurückziehen und die alternde Diva geben. "Wissen Sie, wenn man als Teenager eine Hollywood-Karriere beginnt, kann man später nicht mehr beim Alter schummeln", sagt sie und stampft mit ihren High- Heels auf den Boden. "Ich war so dumm, daß ich damals mein Alter verraten habe. Deswegen habe ich mir überlegt, daß ich jetzt 40 bin und kein Jahr älter. Und daß da erst mal kein Jahr mehr dazu kommt. Mit ein bißchen Glück bin ich auch in zehn Jahren noch 40."

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