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DER SPIEGEL 36/1991 vom 02.09.1991, Seite 222-230a

USA

Sommer der Barmherzigen

Tausende militanter Christen ließen sich in Wichita vor Frauenkliniken verhaften. Sie wollen das von der Verfassung garantierte Recht auf Abtreibung zu Fall bringen.

Rede auf Rede dröhnt durch das Stadion, in dem sich 25 000 Gläubige versammelt haben. Aus dem gesamten Land, vor allem aus dem Mittleren Westen, hat der Herrgott sie nach Wichita im Bundesstaat Kansas geführt, damit sie im heißen Prärie-Sommer Zeugnis ablegen gegen das Verbrechen der Abtreibungsfreiheit.

Eine Frau, die wie fast alle Kundgebungsteilnehmer eine Anstecknadel in Form winziger silberner Füßchen trägt - Babyfüßchen sollen sie symbolisieren -, begrüßt eine Wolke, hinter der sich die brennende Mittagssonne für einen Moment verbirgt: "Haben Sie zu Jesus gebetet? Ich wette, Er hat uns diese Wolke geschickt."

Plötzliche Erleuchtung im weiten Stadionrund verspürt auch David Housby. Im Knast sei er gewesen, weil er in der Vergangenheit "das Werk des Teufels" verrichtet habe. Fortan, so Housby, sei er bereit, gegen die Abtreiber zu kämpfen und für Gott ins Gefängnis zu gehen. "Ich werde mir ein radikales T-Shirt kaufen, es bei der Arbeit tragen und dann mal sehen, ob ich ein bißchen Aufruhr machen kann." _(* Vor dem Women''s Health Care Center in ) _(Wichita. )

An Vorbildern mangelt es Housby nicht: Seit Mitte Juli haben Tausende von Abtreibungsgegnern in Wichita Aufruhr gestiftet, indem sie trotz richterlichen Verbots jeden Tag die Zugänge zu drei Abtreibungskliniken blockierten. Angeführt von den radikalen Aktivisten der Operation Rescue (Rettung), fielen die "Turbo-Christen", wie sie sich auf ihren Hemden stolz bezeichnen, in die Stadt ein und riefen den "Sommer der Barmherzigkeit zur Rettung Ungeborener" aus.

Sieben Wochen und 2600 Festnahmen später ist die Stadt Wichita von den ungebetenen Gästen fast schon bezwungen worden. Die fromme Belagerung hat weltweites Aufsehen erregt und den radikalen Abtreibungsgegnern neuen Auftrieb gegeben. Nun neigt sich der Sommer der Barmherzigen seinem Ende zu: Örtliche Aktivisten sollen den Protest weiterführen.

Noch sitzen drei Führer von Operation Rescue im Stadtgefängnis, aus dem Bundesrichter Patrick Kelly sie erst entlassen will, wenn sie zuvor künftigen Blockaden in Wichita öffentlich abgeschworen haben. Ihre Stoßtrupps machen sich derweil bereits auf, um vor Abtreibungskliniken in anderen Städten einen heißen Herbst einzuleiten.

Die jahrelange US-Debatte um die Abtreibungsfreiheit strebt einem neuen Höhepunkt zu. Schon im nächsten Jahr werde der Oberste Bundesgerichtshof mit seiner konservativen Mehrheit das erst seit 1973 abgesicherte Recht auf Abtreibung umstoßen, befürchten Abtreibungsbefürworter.

Den gesamten Sommer über verfolgte Amerika gebannt, wie in Wichita fast täglich Dutzende von Blockierern in Polizeiautos verladen wurden. Weiße Bürger aus der Mittelklasse ließen sich in Handschellen abführen, sangen fromme Hymnen dazu und beteten laut zu Jesus, damit der dem "amerikanischen Holocaust" ein Ende bereiten solle. Zurückgelassen hat die fundamentalistische Show der Eiferer eine zutiefst gespaltene Stadt.

"Nein", wehrt im Plaza Hotel, wo Operation Rescue das Hauptquartier aufgeschlagen hat, die Hosteß Mary Ann ab, "darüber will ich nicht mehr reden, die Sache hängt mir zum Hals heraus." Das Image der Stadt habe "wegen des Rummels" gelitten. Auf mindestens 500 000 Dollar beziffert Wichita die Kosten der Polizeieinsätze.

Nicht in Zahlen fassen lassen sich dagegen die Folgen der sozialen Unruhen. Polizisten mußten ihre eigenen Bowlingfreunde verhaften, Pastoren schrien sich über die Straße Beschimpfungen zu. Sorgenvoll beschreibt die Lokalzeitung den tiefen Zwist: "Tiraden haben den Dialog verdrängt, Nachbar steht gegen Nachbar, Arbeitskollege gegen Arbeitskollege, Gemeindemitglied gegen Gemeindemitglied."

Die evangelikalen und die katholischen Anhänger der Operation Rescue ficht der Streit nicht an. Weil sie lediglich das "Recht des Fötus auf Leben" anerkennen, ist ihnen jedes andere moralische Dilemma fremd, sind ihnen die Rechte von Frauen ebenso gleichgültig wie Frauenschicksale. Vorm Women''s Health Care Center haben sie sich am letzten Sonntag im August zum Gebet versammelt. "Herr, laß unsere Mädchen keusch leben", fleht laut ein Priester.

Die Plakate und die grotesken Fotos abgetriebener Föten zeugen von dem fanatischen Glauben der Abtreibungsgegner, daß alles Unheil in Amerika auf den "Mord an den Babys" zurückzuführen sei. Weil Gott ihn gerufen habe, ist Al, ein Ingenieurstudent aus dem über tausend Kilometer entfernten Milwaukee im Staat Wisconsin, die ganze Nacht durchgefahren, bis er im Morgengrauen müde, aber stolz Wichita erreichte.

"Nicht einen Spalt breit darf die Tür zur Abtreibung offengelassen werden", sagt er. Inzest und Vergewaltigung seien zwar "schlimm", trotzdem rechtfertigten auch solche Verbrechen nicht "die Tötung von Kindern". 61 Abtreibungsgegner sind an diesem Sonntag festgenommen worden. Freudig waren sie einem Aufruf zum "Rettungseinsatz" gefolgt, den die Führer der Operation Rescue am Abend zuvor im Plaza Hotel erlassen hatten.

Durch "Informanten, die wir nicht näher benennen wollen", berichtet Bryan Brown von der Operation Rescue, habe man in Erfahrung gebracht, daß das Women''s Health Care Center sogar sonntags Abtreibungen durchführen wolle. Nicht einmal der "Tag, an dem wir zum Gott unserer Väter beten", halte die "Babymörder" von ihrem Treiben ab, ekelt sich Brown.

Die Blockade des Zentrums für Familienplanung beginnt um halb acht Uhr morgens, Ratlosigkeit und Frustration spiegeln sich auf den Gesichtern der Polizisten. Sie müssen auf Anordnung von Richter Kelly die frommen Demonstranten, die mit untergehakten Armen eine Kette bilden, unsanft trennen und sich dabei vorwerfen lassen, das "Werk Adolf Hitlers" fortzusetzen. "Erschießt uns doch gleich", schleudert ein Mann einem Cop entgegen.

Während die Blockierer von der Polizei weggeschleift werden, warten sogenannte Bürgersteig-Therapeuten auf ihre Opfer. "Mami, Mami, töte mich nicht", schreit es von ihren Plakaten. Endlich vermelden sie freudestrahlend eine "Rettung". Die Frau, deretwegen die Klinik am Sonntag öffnen wollte, läßt sich vor dem Klinikeingang überreden, auf die geplante Abtreibung zu verzichten.

Sie wird ein Kind zur Welt bringen, weil ihre Nerven dem Spießrutenlaufen nicht gewachsen waren. Stolz gibt Bryan Brown bekannt, der gerettete Fötus werde "als Bürger Wichitas aufwachsen".

Am späten Vormittag wird die Blockade aufgehoben. Ein Priester schreitet langsam um das Gebäude und spritzt aus einem Plastikfläschchen Weihwasser auf die Erde.

In der Kommandozentrale der Retter herrscht unterdessen ausgelassene Stimmung. Nur Männer arbeiten hier. Männer leiten die Operation Rescue, Männer sind die Wortführer bei den Blockaden.

"Sie wollen die Ärzte in den Knast und die Frauen wieder zu den Engelmachern schicken", sagt bitter die Therapeutin Fran Belden, die in einer Klinik in Wichita arbeitet. Randall Terry, Chef der Operation Rescue, sieht das anders: "Die Hälfte der Kinder, die in den Abtreibungskliniken ermordet werden, sind weiblich. Da kann uns doch niemand beschuldigen, wir seien gegen Frauen."

Auch Gary McCullogh, wie Terry im Führungsstab der Babyretter, wischt Bedenken im Brustton des Selbstgerechten vom Tisch. "Ohne uns wären seit dem Beginn des Sommers 30 Kinder in Wichita ermordet worden", bilanziert McCullogh den Kampf.

Nicht eben zimperlich gehen die Abtreibungsgegner mit denjenigen um, die sich auf gültiges Verfassungsrecht berufen. Dem Arzt George Tiller vom Women''s Health Care Center haben die Eiferer so zugesetzt, daß er seit Wochen nur noch mit kugelsicherer Weste zur Arbeit fährt. Und der katholische Richter Kelly, dessen Geldbußen und Gefängnisstrafen die Abtreibungsgegner so erzürnten, daß sie beim Papst in Rom auf seine Exkommunikation drängen wollen, steht unter Dauerbewachung durch Bundespolizisten.

Ein anonymer Anrufer hatte dem Juristen versichert, ein Verstoß aus der Kirche sei als Strafe nicht genug: "Sie sind ein toter Mann", stellte der Unbekannte Kelly in Aussicht. Den Sommer der Barmherzigkeit hat Richter Kelly von seiner unbarmherzigen Seite kennengelernt.

* Vor dem Women''s Health Care Center in Wichita.
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