Alles noch deutsch", sagt Frau Ülkü Cizar, 42, als sie die Softis-Tüte aus der Eduscho-Kitteltasche zieht und sich die Nase putzt.
Bei Eduscho in Bremen, Filiale Sögestraße, hat sie Kaffee ausgeschenkt, und natürlich ist das Gebräu, das sie in buntgeblümten deutschen Porzellantassen serviert, "noch deutsch".
Deutsch sind die Palisander-Schrankwand, die gestreifte Sitzgarnitur, der Marmor-Couchtisch, der Webteppich, floral nach Perser-Art. Deutsch sind die Dübel, die Vater Ramazan, 48, in die Wände bringt, deutsch das Metall, aus dem er die Bremer Stadtmusikanten kunstgeschmiedet hat, "noch deutsch" ist das Nummernschild des Ford und der Aufkleber an der Heckscheibe ("Aha, der neue Geha").
Aus Deutschland stammen Jeans und T-Shirts der Tochter Hülya, 19, und des Sohnes Ismail, 15, ebenso wie ihre Platten, ihre Bücher, das Kosmetik-Fläschchen im Bad, die Riesenpackung Persil und der neueste Heuler auf dem bundesdeutschen Waschmittelmarkt: "Top Job", das weiße Wundertüchlein, das angeblich den hartnäckigsten Kragenschmutz rausreißt.
Das alles befindet sich nicht mehr, wie vor einer Woche noch, in Bremen, Helsingborger Straße 79, sondern gut 2000 Kilometer entfernt in Üsküdar, im asiatischen Teil Istanbuls, in der Straße Yeni Sokak. Die "No 40" ist noch provisorisch angemalt an das zweistöckige Flachdachhaus mit Blick auf Prinzen-Inseln und Marmarameer: Lohn für 20 Jahre Arbeit in Deutschland.
1964 war Ramazan Cizar "aus Neugier" von Istanbul nach Bremen gefahren und hatte im Boom Arbeit gefunden bei der AG Weser als E-Schweißer. Ein Jahr später holte er seine Frau nach, die Kinder wurden geboren, gingen in den Kindergarten, in die Grundschule, aufs Gymnasium. Mit dem gemütlich runden "ou" (statt au) der Bremer sagt Tochter Hülya, "sounormale Nordlichter" seien sie.
Ihr Vater hat in guten Zeiten inklusive Überstunden 3000 Mark netto nach Haus gebracht, Frau Ülkü ein paar Hunderter. Sie haben gewohnt und sich gekleidet wie die Deutschen - nur gegessen haben sie türkisch. Alle Ersparnisse stecken in Haus und Grundstück in Üsküdar, sie haben aber auch "schöne Reisen" gemacht, nach Ungarn, Rumänien und Österreich, nach Italien, in die Schweiz und, klar, manchmal auch in die Türkei.
Doch dann brach letztes Jahr die AG Weser, "use Akschen", wie auch der Schweißer die Werft nennt, zusammen;
Streiks hat er mitgemacht, die Besetzung des Werftgeländes, alles vergeblich, am 1. Januar 1984 war er arbeitslos.
Die Bremer Vulkan-Werft suchte Schweißer. Ramazan Cizar ging hin und erfuhr, Türken bräuchten sich nicht einzubilden, die Stellen zu kriegen, Deutsche gingen vor, und da gebe es genug, die auf die Posten scharf seien.
Cizar hat überlegt, ob er mit Arbeitslosenunterstützung noch ein Jahr durchhalten sollte, dann würde die Tochter "ihr Abi in der Tasche" haben. Aber nach drei Monaten Sticheleien bei der Ausländerbehörde, beim Arbeitsamt, beim Finanzamt, von arbeitslosen deutschen Kollegen war die Familie mürbe. Überall dasselbe: "Warum haut ihr nicht endlich ab, euch wird doch das Geld jetzt nur so nachgeschmissen."
"Nachgeschmissen" wird heimkehrwilligen Türken, Jugoslawen, Portugiesen, Spaniern, Koreanern, Marokkanern und Tunesiern dank dem "Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft" die Summe von 10 500 Mark, 1500 Mark für jedes unterhaltsberechtigte Kind unter 18 Jahren dazu.
Bedingung ist, daß der Bezieher nach dem 31. Oktober 1983 wegen Betriebsstillegung von Arbeitslosigkeit oder aber von andauernder Kurzarbeit betroffen ist. Und er bekommt das Geld auch nur, wenn er das einstmals gelobte Land Almanya binnen vier Wochen nach Antragstellung mit allen unmündigen Kindern verläßt, auf schriftlich zu garantierendes Nimmerwiedersehen als Arbeitnehmer. Letzter Termin für den Antrag: der Montag voriger Woche.
Vor allem für die Türken, deren Arbeitslosigkeit mit 20 Prozent weit über dem deutschen Durchschnitt liegt, hat die Bonner Regierung das Gesetz erlassen. Dennoch würden von dem "bezahlten Rausschmiß" (so die türkische Zeitung "Milliyet") nur wenige Türken Gebrauch machen, kämen nicht noch weitere finanzielle Verlockungen dazu: Sie können sich ihre kapitalisierten Arbeitnehmeranteile aus der Rentenversicherung statt nach zwei Jahren jetzt angeblich "ohne Wartezeit" auszahlen lassen.
Die Arbeitgeberanteile aber bleiben in der Bundesrepublik: "Ein Abschiedsgeschenk von uns an Deutschland", sagt der verbitterte Schweißer von der Weser, über eine Milliarde Mark nach ersten Schätzungen.
Wenn dann noch eine Abfindung, eine kapitalisierte Betriebsrente oder die Auszahlung prämienbegünstigter Spareinlagen dazukommt und sich das alles zu 50 000, manchmal auch zu 100 000 Mark addiert, werden türkische Familienväter "reihenweise schwach", so das ehemalige Betriebsratsmitglied Mahler von Mannesmann in Duisburg. Hier traten kürzlich 4000 Türken im Massen-Exodus die Heimreise an, halbleere Häuserzeilen und halbleere Schulklassen hinterlassend.
Allerdings hatte nicht das Geld allein den Rückreise-Willen beflügelt. Die Firma Mannesmann hatte Sprachkurse abgehalten und klargemacht, wer nicht besteht, wird später entlassen, ohne Abfindung. Nur wenige Türken bestanden.
Angesichts solcher Aufbrüche frohlockte im Mai der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesarbeitsminister, Wolfgang Vogt, das Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft sei "alles andere als ein Schuß in den Ofen".
Etwa 82 000 Ausländer, zu gut 90 Prozent Türken, hatten Mitte Juni die Auszahlung ihrer Rentenanteile beantragt. Doch nur etwa 15 000 Ausländer, die große Masse davon wiederum Türken, hatten auch die Rückkehrprämie beantragt. Die meisten Heimkehrer gingen ohne sie.
Möglich, daß viele der Rückkehrwilligen gar nicht so recht informiert waren, daß sie auf den 10 500-Mark-Anreiz Anspruch hatten. Andere wiederum wollten die Prämie, obschon sie gar nicht berechtigt waren. Den Facharbeiter Ali Cavdar, seit 1965 in Deutschland, mußten die Behörden zum Beispiel erst darüber aufklären, daß die Reinigungsmittelfirma Lever in Mannheim, bei der er seit 14 Jahren arbeitete, weder pleite sei noch Kurzschichten fahre, und er ja schließlich selbst gekündigt habe. "Dann gebt mir wenigstens 5000 und ich verschwinde", hat Herr Cavdar vorgeschlagen. "Du abhauen, du zu Hause feilschen, nix in Deutschland", habe man ihm gesagt.
Tatsache ist, daß die Rückkehrprämie allein den Anreiz, den Bonn vermutete, nicht gegeben hat - obwohl das mit der steigenden Arbeitslosigkeit entstandene Vertreibungsklima durch dieses Gesetz noch angeheizt wurde.
Über die Hälfte der Türken nennen Heimweh nach der Türkei und der Familie als erstes Motiv für eine Rückkehr, aber fast jeder zweite sagt auch, daß die
Ausländerfeindlichkeit der Deutschen seine Heimkehrabsicht ausgelöst habe.
"Das hältst du nicht ewig aus", so Ramazan Cizar, "daß Verkäuferinnen bei Hertie, bei Horten, bei Karstadt zu Deutschen nett sind. Aber kaum tauchst du auf, kriegen sie Gesichter aus Stein und behandeln dich wie einen Haufen Dreck."
Mohammed Bugaz, 44, hat in Duisburg nach 15 Jahren seine Arbeit, die Pflege öffentlicher Parks, jetzt aufgegeben, denn: "Früher hab'' ich mit den Kollegen viel Spaß gehabt, seit zwei Jahren heißt es, Mohammed, raus, raus."
Er ist im Mai in seine Heimatgemeinde Salpazari hoch in den Bergen über der östlichen Schwarzmeerküste heimgekehrt, ebenso wie Mehmet Karakaya, 52, den junge Neonazis in der Hamburger S-Bahn mit aufgeschlagenen Bierflaschen überfallen hatten. "Die Polizei stand auf dem Bahnsteig und hat nichts gemacht", erzählt Mehmet, da habe er sich gedacht: "Jetzt ist es so weit."
Zum erstenmal überwog 1982 die Zahl der Rückkehrer die der Familien-Nachzügler. Und 1984 wird die Statistik einen fabelhaften Sprung machen: Familien mitgezählt, dürften bis September dank der "geförderten" Rückkehr etwa 300 000 der 1,52 Millionen Türken (Stand von 1983) weggezogen sein.
"Unsere Fürsorge begleitet die Heimkehrer", schmalzte Bundesarbeitsminister Blüm am 10. November vorigen Jahres vor dem Bundestag. Doch der Edelmut, mit dem die Deutschen die ursprünglich so gern gesehenen Gastarbeiter aus der traditionell deutschfreundlichen Türkei repatriieren möchten, nützt bei näherem Hinsehen nur wenigen: Die Gabe der Bundesregierung fördert einzelne Existenzen - die große Masse der Heimkehrer aber bricht in eine total ungewisse Zukunft auf.
Dieses Kapitel der Gastarbeiterwanderung in der Nachkriegszeit ist vielleicht das traurigste: Für die Hergereisten steht am Ende keine rechte Hoffnung auf Integration in den Ländern, für deren Wirtschaftswunder sie seit Beginn der 60er Jahre unentbehrlich waren; wenig Hoffnung auch auf ein besseres Leben in der neuen Heimat für die nächste Generation, wie sie die Emigranten aus Deutschland in den USA, jene aus Polen im Ruhrgebiet immerhin hegen durften.
Denn die übervölkerten, um die Mangelware Arbeit kämpfenden westeuropäischen Industriestaaten sind keine "Einwanderungsländer". Sie überlegen, wie sie den Import von Arbeitslosigkeit aus Entwicklungsländern in ihre Breiten bremsen können oder die Zuwanderer gar wieder loswerden: die Briten ihre Asiaten, die Franzosen ihre Nordafrikaner, die Deutschen ihre Türken.
Der Import dieser Arbeitskräfte kostete wenig und zahlte sich aus, denn die meisten Gastarbeiter sind - so der ehemalige Ministerialrat Christoph Rosenmöller vom Arbeitsministerium - "nur im produktiven Alter bei uns. So entfallen vor allem die hohen Heranbildungskosten für die Jugendlichen und darüber hinaus auch ein Teil der Alterskosten".
Dabei kann sich die Türkei in einer Hinsicht nicht beklagen: Sie bekam von den nach Deutschland ausgewanderten Gastarbeitern Devisen in Milliardenhöhe, mit denen sie manches Jahr etwa die Hälfte des Handelsdefizits decken konnte.
Und die türkischen Staatsbürger hatten es bei den Deutschen in mancher Hinsicht besser als daheim. Sie fanden Arbeit, wurden für türkische Verhältnisse sehr gut entlohnt, und sie nahmen teil am deutschen Sozialsegen.
Von denen, die jetzt Deutschland verlassen, kann mancher, der seinen Verdienst sinnvoll angelegt hat, eine positive Teilbilanz machen, Yasar Kalayci etwa, 49, in Trabzon am Schwarzen Meer, der sein in zwei Jahrzehnten bei der Bundesbahn in Hamburg verdientes Geld in die Ausbildung und Aussteuer seiner neun Kinder gesteckt hat.
Zwei Söhne haben die Universität absolviert und verdienen, drei Töchter sind verheiratet, vier Kinder gehen noch zur Schule. "Sie sollten keine Arbeiter werden wie ich", sagt Yasar nach guter deutscher Art. Und dann hat er noch ein bescheidenes Häuschen, ein klappriges Sammeltaxi, den "dolmus", sowie ein Feld mit etwas Tabak und ein paar Haselnußbäumen. Aber zum Leben im Alter wird das nicht reichen, da werden, nach guter türkischer Art, die Kinder helfen müssen - wie bei den meisten Heimkehrern.
Seit Beginn der Arbeitnehmerwanderung sind insgesamt wohl eine Million Türken wieder dahin zurückgegangen, wohin sie nach Meinung der meisten Deutschen gehören - in die Türkei. Niemand weiß genau, wie viele es waren - und was aus ihnen geworden ist, weiß auch keiner so ganz genau. Nur eines weiß jeder der Rückwanderer: daß er in der Türkei des Kriegsrechts den Mund nicht zu weit aufmachen, das Wort "Streik" nicht erwähnen darf.
Beim Zoll, beim Überqueren der türkischen Grenze, werden die rückreisenden Türken registriert, dann verlieren sich ihre Schicksale - "desorganisierte" Remigration nennt das die Soziologin Bianka Ralle in einer Studie. _(Bianka Ralle: "Modernisierung und ) _(Migration am Beispiel der Türkei". ) _(Verlag Breitenbach Publishers, ) _(Saarbrücken, Fort Lauderdale 1981; 175 ) _(Seiten; 19,50 Mark. )
Dabei hatte deutsch-türkische Zusammenarbeit sogar ein wohl einmaliges Modell von Heimkehrer-Organisation entstehen lassen: die sogenannten Arbeitnehmergesellschaften.
Die Idee, vor genau 20 Jahren im Verein türkischer Arbeitnehmer in Köln geboren, war bestechend: Gastarbeiter finanzieren und bauen ihre eigenen Fabriken, kleine bis mittelgroße Unternehmen auf Aktienbasis, in ihren Heimatregionen, leisten damit einen Entwicklungsbeitrag und sichern sich nach ihrer Rückkehr einen Arbeitsplatz.
Ein Vorbild qualifizierter Mitbestimmung sollte da entstehen, von dem "bundesrepublikanische Gewerkschafter nicht einmal zu träumen wagten", wie einer der damaligen Wegbereiter _(Vor dem Haus der Cizars in Istanbul, 4. ) _(v. l.: Ramazan Cizar. )
schwärmte, "eine lobenswerte Alternative zum Kapitalismus".
Mit Begeisterung machten sich Türken daran, unter türkischen Gastarbeitern in den großen Industriezentren der Bundesrepublik, Hollands, Dänemarks oder Belgiens Interessenten zu werben, die Einzahlungen in die Gesellschaften tätigen sollten. Mit acht Aktionären fing es in Köln an, heute sind es über 345 000, knapp 155 000 davon im Ausland, die rund 2,7 Milliarden Mark aus ihren Ersparnissen investiert haben.
Es dauerte Jahre, bis Bonn und Ankara sich bereitfanden, dieses kühne Selbsthilfemodell der türkischen Arbeitsemigranten zu fördern. Die Hilfe besteht aus - von deutscher Seite bezuschußter - technischer und kaufmännischer Beratung, mit der zunächst die Saarbrücker Consulting-Firma Isoplan, seit Ende 1980 das Frankfurter "Centrum für Internationale Migration und Entwicklung" (CIM) betraut wurde. Überdies speiste Bonn aus dem Entwicklungshilfe-Etat zusammen mit Ankara einen deutsch-türkischen Kreditfonds, in den beide zu gleichen Teilen bislang 54 Millionen Mark eingezahlt haben, weitere 58 Millionen sind zugesagt.
Als erste - und bis heute ist sie eine der erfolgreichen Arbeitnehmergesellschaften - wurde 1966 die Firma Türksan mit einem Grundkapital von zehn Millionen Mark in Köln gegründet.
Sie startete 1968 in Istanbul mit der Herstellung von Schulheften, dann produzierte sie Tapeten. Jahrelang konnte die Firma keine Dividende zahlen. Die Gastarbeiter unter den Aktionären hatten kein Verständnis, daß der Gewinn reinvestiert werden mußte: "Jeder wollte sein Geld zurückhaben, viele sind weggegangen", sagt der auf einer der Aktionärsversammlungen gewählte Generaldirektor Lütfi Renda, einst Dolmetscher und Sozialarbeiter bei der Arbeiterwohlfahrt in Köln.
Die Türksan-Manager streuten das Risiko: Sie gründeten 1972 ein Touristik-Unternehmen für Gastarbeiter-Heimflüge und öffneten mehrere Duty-Free-Shops an türkischen Grenzstationen. Später kamen Beteiligungen an einer Stoßdämpfer-Fabrik hinzu und eine Baugenossenschaft, die 250 Wohnungen für Rückwanderer bei Istanbul gebaut hat. Die Firma schüttete 1982 zwölf Prozent Dividende aus - zu wenig bei der damals 27prozentigen Inflation.
Türksan wurde dennoch Vorbild für viele weitere Neugründungen. 1972 gab es 28 Gesellschaften, 1975 doppelt so viele, Ende 1981 waren schon 240, ein Jahr später gar über 300 in die türkischen Firmenregister eingetragen.
Doch die Zahlen täuschen, das Ideal hielt der Wirklichkeit nicht stand: Unter den eingetragenen Betrieben sind, wie ein deutscher Experte sagt, "viele Karteileichen": Unternehmen, die über die Planung nie hinauskamen. Keiner weiß, wie viele Gastarbeiter auf diese Weise ihr Geld verloren haben.
Nur gut 100 Betrieben ist es bislang gelungen, die Produktion von Schrauben oder Möbeln, Kunststoff oder Konserven überhaupt aufzunehmen. Türksan-Direktor Renda: "Und von denen geht es nur zehn Prozent gut."
Viele Firmen scheiterten schon am Anfang daran, daß die Gründer keine Ahnung von den Gegebenheiten vor Ort hatten. Beispiel: Eine Gruppe türkischer Arbeitnehmer faßte den Plan, eine Hühnerfarm bei Sivas, in einer ausgesprochen kalten Gegend, zu gründen. Erst die Berater machten die Investoren darauf aufmerksam, daß die Hühner keine
Eier legen würden, wenn die Farm nicht klimatisiert würde.
Die Eier sollten an die Insassen der örtlichen Kasernen verkauft werden, nur hatte keiner daran gedacht, daß die Zahl der potentiellen Verbraucher zu klein war, die Eier-Produktion abzunehmen: Eier stehen in der Türkei nämlich nur Berufsoffizieren zu, Wehrpflichtige erhalten keine. Das Projekt mußte gestoppt werden, wertvolles Kapital war für die Planung dahin.
Etliche Firmen mußten ihren Standort wechseln, als den Aktionären klar wurde, daß lange Anfahrtswege für benötigte Rohstoffe, schlechte Infrastruktur und ferne Absatzmärkte ihre Waren der privatwirtschaftlichen Konkurrenz hoffnungslos unterlegen machten.
Oftmals auch war die Unfähigkeit von Arbeiter-Aktionären, gepaart mit blindem Vertrauen auf die deutschen Experten, verhängnisvoll - so im Fall der Futtermittelfabrik in Cepni bei Sivas, die 1973 von 450 in Deutschland arbeitenden Dörflern gegründet worden war. Vorstandsvorsitzender wurde ein pensionierter Lehrer, angesehene Männer der Dorfverwaltung kamen in die Firmenleitung, was hätte noch schiefgehen sollen?
Deutsche Berater bewogen die Futtermittelfabrikanten dann zum Kauf allzu teurer deutscher Maschinen. Die Firma, erst seit 1981 in Betrieb, kann nicht kostendeckend produzieren. Zum Investitionskapital von 130 Millionen Pfund hat sie 103 Millionen Pfund Kredit aufnehmen müssen. Eine Bilanz hat der Betrieb "aus Mangel an Personal", wie der Ex-Lehrer sagt, nicht vorlegen können, und: "Wir sind von den Beratern übertölpelt worden."
Weiterreichende Hoffnungen, die auf die Arbeitnehmergesellschaften gegründet
wurden, haben sich nicht erfüllt: Die Entwicklung rückständiger Gebiete hat nicht stattgefunden; die noch funktionierenden Gesellschaften - nur ein Dutzend von ihnen bezahlt Dividende - sind ansässig in entwickelten Gebieten.
Die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz daheim hat sich ebenfalls so gut wie zerschlagen: Etwa 12 000 Arbeitsplätze wurden geschaffen, das heißt, nur jeder 25. Aktionär könnte mit einem Job rechnen.
Bislang jedoch arbeiten nicht einmal 700 ehemalige Gastarbeiter in ihren Firmen. Der Lohn ist ihnen zu niedrig.
Vor allem aber sind die Firmen meist keine "Volksaktiengesellschaften" mehr, wie sie vielfach beschönigend in der Türkei genannt werden. Die ursprünglichen Gründer und Anteilseigner, die Gastarbeiter, haben kaum noch Einfluß auf Unternehmenspolitik und Dispositionen der Geschäftsführung.
Bei den Kapitalerhöhungen, die vielfach notwendig waren, wurde ihr Aktienanteil vermindert, viele Gastarbeiter waren auch nicht mehr bereit, weitere Gelder zu investieren. Ihren Platz nahmen private Interessenten ein, Gewerbetreibende, Händler und Industrielle, private Banken wandelten Schuldverpflichtungen der Firmen in Aktien um und gewannen dadurch die Kontrolle. Andere notleidende Unternehmen hingegen gerieten unter Kuratel von Staatsbanken, wurden also indirekt verstaatlicht. Spätestens damit sei "die Idee der Fabrik vom und für den Arbeitnehmer aufgegeben", so der Hamburger Politologe Harun Gümrükcü.
Die türkische Regierung stellt inzwischen Überlegungen an, wie künftig an die Gastarbeiter-Devisen heranzukommen ist: So will sie die Auslandstürken überreden, sich mit ihren Ersparnissen - oder Rückkehrprämien - an geplanten staatlichen Prestigeobjekten wie dem Atatürk-Staudamm bei Malatya oder der Istanbuler U-Bahn zu beteiligen. Sogar die Bosporus-Brücke, die Europa mit Asien verbindet, will Regierungschef Özal Aktie für Aktie an Heimkehrer verkaufen. Der Preis soll bei 40 Mark liegen.
Die Bonner Regierung versprach in diesem Jahr zwar noch einmal Kredit für die Rettung der letzten noch als förderungswürdig angesehenen Arbeitnehmer-Unternehmen, setzt im übrigen aber auf die finanzielle Unterstützung für heimkehrende Mini-Kapitalisten.
Auf ihnen ruht jetzt alle Hoffnung. Sie sollen beweisen, daß ihr Entschluß sich auch für ihre Heimat lohne. Denn oft genug haben Wirtschaftsbosse und Politiker herausgestrichen, wie wohltuend doch Emigration, aber auch die Rückkehr der Gastarbeiter seien: Zunächst bewirke die Auswanderung einen segensreichen Investitionsschub durch die heimgeschickten Gelder wie die reinste Entwicklungshilfe; später kämen dann die wertvollen Erfahrungen der heimkehrenden Facharbeiter hinzu. Arbeitsminister Norbert Blüm: "Die Rückkehr industrieerfahrener, qualifizierter Landsleute ist ein Gewinn für die eigene Wirtschaft."
Das erwies sich alles als eine Illusion.
Von den türkischen Facharbeitern aus Deutschland kann die einheimische Volkswirtschaft "zwei, allenfalls drei Prozent" gebrauchen, der Rest sei viel zu spezialisiert, so Sevket Yilmaz, Chef der Gewerkschaft Türk-Is, der einzigen, die in der Türkei neben je einer rechtsextremistischen und islamistischen Arbeitnehmerorganisation zugelassen ist.
Schiffbauer beispielsweise seien willkommen, ließ die Regierung in Ankara kürzlich wissen. Süleyman Yazici, 29, ebenfalls Opfer des AG-Weser-Zusammenbruchs, hat sich denn auch mit frohem Mut an den Bosporus begeben, "ich bin ja noch jung und kräftig". Mittlerweile hat er alle Istanbuler Schiffbauerbetriebe abgeklappert, vergebens.
Und die "Entwicklunghilfe" durch die heimfließenden Gelder? Nach der auf drei anatolische Gebiete beschränkten
Ralle-Studie hatten 79 Prozent der Rückkehrer ihr Geld in Häuser, Ackerland und Grundstücke sowie kleine Bankguthaben investiert. Das habe allenfalls zur Aufblähung des Bau- und Dienstleistungsbereiches geführt, zur Explosion der Landpreise, nicht aber zur Entwicklung der Türkei.
Zwar geben 76 Prozent der heimkehrwilligen türkischen Arbeitnehmer an, sich in der Heimat selbständig machen zu wollen. Die meisten träumen von einer Autowerkstatt, einem Krämerladen, einem eigenen Taxi. Um so desillusionierender ist die Zahl derer, die tatsächlich auf diese Weise Fuß fassen: sechs Prozent. Auch ein ausgebildeter Facharbeiter nämlich ist keineswegs darauf vorbereitet, plötzlich Unternehmer zu werden.
Die selbständigen Kleinkarrieren, die Bonn nun fördern will, schleppen sich oftmals über Jahre hin, etwa in dem von der Türkei staatlich unterstützten Kleinindustriekomplex am Stadtrand von Trabzon, wo sich über 200 Kfz-Reparateure und Inhaber von Ersatzteillagern die Kundschaft streitig machen.
Hüseyin Naz hat in Köln bei der Ford-Werke AG gearbeitet, bevor er sich hier einkaufte. "Hätte ich nur ein einziges Kind, mir ginge es prima", sagt er. Nun hat er aber sieben - fünf Söhne, zwei Töchter. Vier seiner Söhne arbeiten bei ihm im Betrieb, geschäftlich geht es "so lala". Und die Konkurrenz? Naz: "Am besten von allen geht''s mir."
Der Weg auf den bundesdeutschen Arbeitsmarkt ist den Türken seit dem Anwerbestopp im Jahr 1973 versperrt. Über 150 000 konnten zeitweilig in arabische Länder ausweichen, wo sie meist in Bautrupps tätig sind.
"Es kann doch kein Heimkehrer ernsthaft glauben, hier etwas zu finden", sagt Gewerkschafts-Chef Yilmaz, "hier, in einem Land, wo Stellenangebote so aussehen: ''Arbeiter gesucht, 1,75 Meter groß, nicht vor 1962 geboren, Militärdienst absolviert''."
Dazu die mageren Löhne und vergleichsweise miserablen Arbeitsbedingungen - was Wunder, daß Rückkehrer erst einmal alles andere als das wollen.
Ihre Kinder teilen natürlich die trüben Perspektiven (siehe Kasten Seite 90). E-Schweißer Ramazan Cizar wußte das, als die Familie die Rückkehr beschloß: "Klagen die Jugendlichen in Deutschland nicht auch über schlechte Chancen? Logisch, daß da Gastarbeiterkinder noch schlechtere Aussichten haben."
Die Kinder der "Almancilar", der "deutschen Türken" sind sehr, die Eltern wohl ein bißchen deutsch geworden. So, wie sie die Gastnation antrafen und begriffen, hat sie auf sie abgefärbt.
Die Wohnungseinrichtungen der Heimkehrer sind so, wie ein braver Deutscher sie gerne sähe: dicke Polster, das mit Handkantenschlag dressierte Sofakissen, die Synthetik-Wolkenstores, die Panorama-Tapete mit den deutschen Alpen und dem Bergsee, die seltsam kontrastiert zum Blick aus dem Fenster: Da liegt das Schwarze Meer, da ruft vom Minarett der Muezzin.
Sogar das Stehklo ist im Begriff, dem Europa-Klo zu weichen, wie die auf den Basaren feilgebotenen buntbemalten Deckel signalisieren.
Das deutsche Vorurteil über den "schmutzigen und primitiven Türken" hat auf die Beschimpften selbst abgefärbt und die türkischen Heimkehrer dazu gebracht, an den Deutschen Sauberkeit, Planmäßigkeit und Disziplin am meisten zu schätzen - diese Eigenschaften wollten sie sich auch aneignen.
Die daheimgebliebenen Türken nervt das oftmals neureiche und besserwisserische Gebaren der Heimkehrer, der Almancilar, die glauben, sich im Ausland Kultur und mehr Wissen angeeignet zu haben. Daß sie mit dieser Selbsteinschätzung nicht eben willkommen sind, machte kürzlich die konservative Zeitung "Hürriyet" in einem Kampfkommentar klar. _____" Wer die Almancilar sind, braucht nicht gesagt zu " _____" werden. Jetzt kommen sie nach und nach wieder nach Hause. " _____" Und sie bringen Deutschland mit. Würden sie nur Autos, " _____" Kühlschränke, Waschmaschinen, Spülmaschinen oder Videos " _____" im Umzugsgepäck mitführen, so wäre das nicht weiter " _____" bedenklich. Sie bringen aber aus Deutschland noch etwas " _____" ganz anderes mit, nämlich alles, woran sie sich dort " _____" gewöhnt haben, und das ist das Schlimme. Innerlich völlig " _____" umgekrempelt, kommen diese Renegaten frech daher. Was sie " _____" in Deutschland sahen, suchen sie nun hier. Jeden Satz " _____" beginnen sie mit "in Deutschland". Wir werden noch viel " _____" auszuhalten haben mit diesen Almancilar. Und die mit uns. " _____" Am Ende wird einer von uns nachgeben müssen. Mal sehen, " _____" wer. "
"Die Leute hier glauben einem gar nichts mehr, meine eigene Stiefmutter glaubt nicht, daß ich mein Auto geleast und nicht bar gekauft habe", klagt Hasan Özen nach elf Jahren bei der Beiersdorf AG in Hamburg. Der Grund: "Sie halten alle Almancilar für Könige."
Königlich aber steht ganz selten einer da, Ali Cavdar vielleicht mit seinem _(Mit Karakayas Sohn (r.) auf dem Balkon ) _(eines Gastarbeiter-Neubaus in Salpazari. )
sieben Etagen hohen Haus. Er selbst hat 19, seine Frau 14 Jahre dafür in Deutschland gearbeitet, seine drei ältesten Söhne schaffen immer noch in Mannheim. Drei Wohnungen, je für 150 Mark, können vermietet werden, vier sind bereits verplant: für die Eltern und die drei Söhne, die in diesem Sommer heiraten und bald heimkehren werden.
Mit 40 000 Mark Kapital aus der Rentenrückzahlung rechnet Herr Cavdar, das "Deutschland" in den nächsten Wochen überweisen muß, sonst wird es knapp. Die Dreierhochzeit, bei der Hunderte von Leuten tagelang bewirtet werden müssen, wird viel Geld kosten: Allein für je 10 000 Mark bekommt jede Braut goldene Armreifen, auch die beiden deutschen Schwiegertöchter. "Das muß", findet Herr Cavdar.
Nurettin Aközbek in Istanbul, ein König? 13 Jahre hat er als Elektrotechniker in Wedel bei Hamburg gearbeitet, jetzt handelt er am Bosporus mit "lüks camasir", keiner Luxus-, sondern ganz und gar bürgerlicher Damen- und Herrenunterwäsche.
Von Erfolg ist noch nicht so viel zu merken, der "große Durchbruch" soll erzielt werden, wenn jetzt der Bruder aus Deutschland heimkehrt und eine Wirkmaschine mitbringt, "damit wir den Stoff selber herstellen können".
Trabzon am Schwarzen Meer - hier sitzt noch so ein König aus Deutschland: Yakup Karadirek, fast 14 Jahre Schlosser bei Howaldtswerke-Deutsche Werft AG in Hamburg, Kündigung zum 30. Dezember 1983. "Hals über Kopf" hat er Hamburg verlassen. Von der Rückkehrförderungssumme, vom Rentenkapital, hat er bis Mitte Mai noch keinen Pfennig gesehen. Auszahlungsbedingung ist die Heimkehr, jetzt verzögert offenkundig die Bürokratie den Geldsegen.
Seine Hände zittern, wenn er über seine Gastarbeiter-Jahre spricht. In sein Gesicht ist "ein Schmerz eingestickt", so würde der türkische Emigranten-Dichter Aras Ören die Miene des Mannes beschreiben, aus dem es nun herausbricht: "Wir haben Deutschland fliehen müssen."
Ein Haus besitzt Yakup, weiter oben am Berg, wo er mit Frau und Kindern wohnt. Über die Kinder hat er nach eigenem Eingeständnis "die Autorität verloren", seine Frau hat sie erzogen, er war allein in Deutschland: Und jetzt hat er den nagelneuen Krämerladen. Den hat er sich zugelegt, weil er in Trabzon als Schlosser nicht gebraucht wird.
Die Preise von Seife und Socken, von Mehl und Oliven steigen von Tag zu Tag bei der 50prozentigen Inflation. Und da Yakup den neuen Beruf nicht gelernt hat, weiß er nicht, ob er sich freuen soll, wenn er noch ein bißchen auf dem gestapelten Gut sitzenbleibt.
Es ist zu früh zu sagen, was aus diesen von Bonn geförderten Rückwanderern der letzten Monate wird. Kaya Sehrali, 43, bereut seinen Entschluß jedenfalls schon.
Das "Türken raus" auf Werksmauern, die wenig lohnende Kurzarbeit bei der Bremer Vulkan-Werft - "sparen war nicht mehr drin, die Familie mußte ich nach Hause schicken" - hatten ihn mutlos gemacht. 1960 war er aus dem ostanatolischen Kars zunächst nach Istanbul, dann nach Bremen gekommen, 1984 hat er von sich aus gekündigt.
Alles, was er in den 24 Jahren in Deutschland gespart hat, steckt in seinem Haus in Istanbul. Auf sein Rentenkapital wartet er seit Monaten, seine Situation wird langsam kritisch, seine Ersparnisse schmelzen, acht Familienmitglieder muß er ernähren.
Aber er traut sich zu keiner Bank, einen Kredit aufzunehmen: "Alle denken, wer aus Deutschland kommt, ist Kapitalist. Wenn ich Geld aufnehmen will, lachen die mich aus."
Er ist bei seinem alten Arbeitgeber von damals gewesen, bei der Istanbuler Werft, die seine erste Station als Wanderarbeiter war. Er hat es als demütigend empfunden: Der Chef hat ihm gesagt, er sei "zu alt, kaputt". Jetzt will er sich selbständig machen. Als was? Kaya Sehrali hat über seine Zukunft noch keine festen Pläne gemacht - fast scheint es, als sei er in seiner deutschen Vergangenheit steckengeblieben.
Der Schweißer von der Bremer Weser-Werft, Cizar, weiß immerhin, was er will: "Kein Eisen mehr sehen" und seine Heimatstadt Istanbul genießen, "einen Monat lang". Er spaziert mit Frau und Kindern zum Gemüse-Basar, trägt die Taschen ("bin Kavalier geworden in Deutschland") und freut sich, daß er Tomaten befühlen und in Erbsenschoten beißen darf, ohne daß ihm ein deutscher Verkäufer auf die Finger schlägt.
Tochter Hülya, die ein jeder hier mit ihren nackten Armen, den modischen Bundfaltenhosen und den knallroten Ballerinaschuhen für eine Deutsche hält, stellt fest, daß sie sich kaum mit dem Zwiebelhändler verständigen kann. Sprachen möchte sie studieren: "Hab'' ich echt Lust zu. Ich kann Deutsch, Englisch und Französisch." Bloß so recht kein Türkisch.
Ihr Bruder Ismail hofft, in die Deutsche Schule Istanbul aufgenommen zu werden, doch die Chancen dafür sind nicht sehr groß.
Vater Ramazan Cizar wird sich mit 25 000 Mark in die türkische Rente einkaufen, in fünf Jahren ist er dann bezugsberechtigt. Derzeit bekommt ein türkischer Rentier 300 Mark im Monat - nicht eben üppig, gemessen an den Kosten allein für den Nahrungsmittelbedarf einer vierköpfigen Familie, die bei 400 Mark liegen.
Für 20 Jahre AG Weser hat er eine Abfindung von 10 000 Mark bekommen, von der Rückkehrerprämie werden ihm dreimal 1500 Mark abgezogen, weil er die Abreise um drei Monate hinauszögerte.
Wenn all das deutsche Geld da ist - er rechnet mit 46 000 Mark -, wird er sich selbständig machen, zusammen mit einem anderen AG-Weser-Kollegen: Ein Schweißer und ein Heizungsinstallateur, aus Deutschland heimgekehrt, machen dann einen Imbiß in Istanbul auf.