Der Brief war kurz. Mit einem lapidaren Satz und ohne jede Begründung teilte Herbert von Karajan dem "lieben Herrn Moser" mit, "daß ich ab 1. September 1988 meine Tätigkeit als Direktionsmitglied der Salzburger Festspiele beende. Mit verbindlichen Grüßen".
24 Jahre hatte der Maestro in Salzburg regiert, die Festspiele nach seinem, oft sprunghaften Willen gesteuert. Nichts geschah gegen ihn. Karajan, obwohl formal nur einer von fünf Direktoren, war der Chef, der Festspiel-Imperator. Und nun plötzlich dieses kurze, knallige Finale.
Was immer es ausgelöst hatte, Festspielpräsident Albert Moser blieb nichts übrig, als das Schreiben mit pflichtgemäßem "größten Bedauern" zur Kenntnis zu nehmen. Hinter den Kulissen aber begann sogleich das größte Frohlocken: Endlich war der Weg frei für einen Neuanfang des Festivals.
Schon eine Weile dümpelte es nach Ansicht von Kritikern "bei Protz und Prunk" und "abseits im Brackwasser des Opulenten, Gefälligen" ("profil"). Karajan konzentrierte sich auf sein Startheater, ein Direktor wie Michael Hampe fiel vor allem dadurch auf, daß er sich selbst lukrative Inszenierungen sicherte. Zwar waren die Festspiele stets gut ausgebucht - bei Preisen bis zu 420 Mark pro Karte -, aber künstlerisch unergiebig: kaum Neuheiten, wenig Auftragswerke, keine aufregenden, modernen Inszenierungen - Salzburg, befand die Wiener Kritikerin Sigrid Löffler, liege "in schönster Agonie".
Diese Diagnose mußten am Ende selbst die Macher der Festspiele akzeptieren. Eine neue Struktur, darin sind sie sich mit Wiener Kulturpolitikern und dem Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer einig, soll nun der Misere abhelfen: Neben dem Festspielpräsidenten wird es künftig einen künstlerischen und einen kaufmännischen Direktor geben.
Noch im November, Vertragstermine machen die Sache dringend, sollen die Entscheidungen fallen. Die gegenwärtigen Direktoren agieren offenbar nur noch auf Zeit. "Die sind jetzt nach und nach alle fällig", weiß ein Insider.
Als künftigen Festspielpräsidenten favorisiert Salzburgs Haslauer den ehemaligen ORF-Intendanten und Kohl-Berater Gerd Bacher ("der Tiger"), der eine Art Aufsichtsfunktion wahrnehmen könnte.
Spannender ist die Frage, wer der künstlerische Direktor wird.
Weit vorn im Rennen liegt der Münchner Generalintendant August Everding, der gerne zugibt, "zaghafte, vorbereitende Gespräche" geführt zu haben: "Manche Menschen möchten mit mir in Kontakt treten."
Der Tausendsassa, opern-, schauspiel- und managementerfahren, wird am Montag dieser Woche 60 Jahre alt und hat noch einen Vertrag in München bis 1993. Gemeinsam mit Karajan plant er für die Salzburger Osterfestspiele Strawinskis "Oedipus Rex". Zu dem Alten hat er gute Beziehungen, und die werden ihm auch zu konservativen Salzburger Landespolitikern nachgesagt.
Kontakte geknüpft hat Wiens Kunstministerin Hilde Hawlicek auch zu dem Chef des Mailänder Piccolo Teatro, Giorgio Strehler, der auf einem Ticket mit dem Dirigenten Claudio Abbado in Salzburg einsteigen möchte, aber von Haslauer abgelehnt wird. Strehler hatte gerade in Italien gegen Salzburg gewettert, die Festspiele seien künstlerisch verkommen und total von den Wirtschaftsinteressen Karajans bestimmt. Ebenfalls gemeinsam mit Abbado wird auch der Wiener Staatsoperndirektor Claus Helmut Drese genannt. Seine Berufung wäre quasi eine Wiedergutmachung für die schnöde Art, wie in Wien mit ihm umgesprungen wurde.
Wer immer den Job bekommt, er muß zuerst eine Salzburger Dramaturgie entwickeln, das Festival künstlerisch wieder zu beatmen und es von der Konkurrenz, in Bayreuth zum Beispiel, aber auch in Italien, abheben. Er muß sich darüber Gedanken machen, wie wieder modellhafte Inszenierungen an der Salzach zustande kommen können, wie die Festspiele von Tradition auf Innovation umzupolen sind.
Vor allem aber muß er immer noch Herbert von Karajan in seine Rechnung miteinbeziehen. Zwar ist der Maestro als Direktor ausgeschieden, aber er tut so, als hätte er die Festspiele noch immer in Erbpacht. In einer Erklärung sprach Karajan von "spektakulärem Prestigeverlust" der Festspiele und forderte Gegenmaßnahmen. Es sei seine "Pflicht" zu prüfen, was die Verantwortlichen da auskochen, und anschließend festzustellen, "ob diese Maßnahmen mit dem vereinbar sind, was meine Mitarbeiter und ich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt und praktiziert haben".
Noch immer will der Alte das letzte Wort haben. Spöttelte ein Festspiel-Intimus: "Als Direktor ist er abgetreten, aber als Überdirektor möchte er sich installieren."