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DER SPIEGEL 28/1999 vom 12.07.1999, Seite 180

Autor: Ulrike Knöfel

AUSSTELLUNGEN

Irrer Typ

In Essen eröffnete der Außenseiter Dieter Walter Liedtke seine kuriose Weltkunstschau "art open" - und trotzt damit den düsteren Prophezeiungen der Fachwelt.

Sachte hebt die klobige Straßenwalze ab. Geräuschlos kreist sie, an Stahlseilen befestigt, durch die Halle. Das Flugobjekt von US-Künstler Chris Burden ist das größtformatige Werk einer großspurigen Ausstellung - der selbsternannten Weltkunstschau "art open", die am Wochenende in Essen eröffnet wurde.

Das Spektakel im spröden Ambiente der Messehallen protzt als kurioser Rundumschlag durch die Menschheits- und Kunstgeschichte - mit Mut zur Lücke: So reihen sich frisch nachgegossene Schädelfragmente urzeitlicher Skelette an zweiköpfige Voodoo-Puppen und russische Ikonen. Nicht weit hängen Bilder von Rubens und Picasso. Sonderschauen sind dem Verpackungsspezialisten Christo, Beuys und Nachwuchskünstlern aus dem Ruhrgebiet gewidmet. Der ADAC stellte eine Kunstschau namens "Mobilität" zusammen.

Ein flohmarktbuntes Sortiment, das auch musikalisch aufgeschäumt wird. Dirigent Justus Frantz soll mit der Philharmonie der Nationen aufspielen. Das Bremer Musical "Jekyll & Hyde" reist an, zwischendurch trällern Folklore-Ensembles.

Inszeniert wurde dieser - bis zum 8. August geöffnete - Kunstzirkus von Dieter Walter Liedtke, 55. Der Maler, Autor und Erfinder von Selbsthaarschneidern und "audiovisuellem Marketing" (SPIEGEL 34/1998) begann seine schillernde Karriere mit einer Lehre zum Elektromechaniker. Als Künstler ist der gebürtige Essener, der auf Mallorca residiert und dort ein eigenes Museum unterhält, ein unbekannter Autodidakt. Aber einer mit Ambitionen.

So hat er die Kunstformel "Leben + Bewußtseinserweiterung = Kunst" kreiert. Und in Essen will er das Bewußtsein der Massen - Liedtke rechnet mit "einer Million Besuchern plus XXL" - erleuchten. Schilder mit rekordknappen Schlagworten sollen staunende Laien lehren, was berühmte Künstler an Neuem schufen: Neben einem Bild des Manieristen El Greco klebt die Tafel "Verlängerung der Körperproportionen", neben Kandinsky "Anfänge der Abstraktion".

Solche "innovativen Erfindungen", will Liedtke wissen, seien das einzige Geheimnis großer Kunst. Hätten die Laien diese "Kunstsprache" verstanden, können sie hernach in einem Kreativstudio selbst zur künstlerischen Tat schreiten. Und damit et-

was für ihr Erbgut tun. Jede Erkenntnis, glaubt der Meister entdeckt zu haben, schlage sich auf die Gene nieder.

Als Schirmherren für das wundersame didaktische Unterfangen, für das Liedtke auch ein eigenes Musical erfunden hat, treten so illustre Prominente wie Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm, Ex-Staatschef Michail Gorbatschow und die spanische Königin Sofía auf. Bemerkenswerter ist, daß die Veranstaltung überhaupt angelaufen ist. Bis zuletzt hielten sich Gerüchte, das Vorhaben stünde vorm Aus.

Kein Wunder. So wurden diverse Künstler wie Eros Ramazzotti angekündigt - mit denen dann "irgendwie" doch keine Verträge zustande kamen. Schließlich, wiegelt der Ausstellungsmacher munter ab, bedeute "art open" auch, daß bis zum Schluß alles offenbleibe - in diesem Sinne verwarf er auch die Idee, unter dem Motto "Visions-Skulptur" Kinder fürs nächste Jahrtausend zeugen zu lassen.

Doch mit solch konfuser Änderungswut vergrämte er renommierte Partner. Harald Szeemann, künstlerischer Chef der diesjährigen Biennale in Venedig, sollte einen Teil der Schau organisieren. Bis er hörte, daß die für ihn reservierte Filmabteilung gestrichen wurde. Enttäuscht sprang er ab. "Weil Liedtke aber ein irrer und toller Typ und selbst ein Kunstwerk" sei, habe er sich als Berater einspannen lassen. Nur: "Viel zu beraten", gesteht er, "hatte ich nicht."

Liedtke kümmerte sich selbst um alles. Und wurde immer geheimniskrämerischer. Das wiederum ärgerte die Stadtoberen. Sie gaben sich pikiert und wollten nicht einmal den Ausstellungstermin in ihrem Veranstaltungskalender drucken: "Wir kündigen nichts an", beharrt Oberstadtdirektor Hermann Hartwich, "wenn wir keine Inhalte kennen."

Zu schaffen machte Liedtke auch die Häme der heimischen Kunstszene. Georg Költzsch, Leiter des Folkwang-Museums, zweifelte via TV am Gelingen des unkonventionellen Projekts. Er glaube nicht, frotzelte er, daß Liedtke erstklassige Kunst nach Essen bringe.

Angesichts solchen Spotts wurden Sponsoren und Leihgeber skeptisch. Einige sprangen ab. Statt mit erhofften 30 Millionen Mark muß das Team mit knapp 10 Millionen Mark Unterstützung auskommen.

Einen Großteil der Exponate hat Liedtke aus Osteuropa importiert - allein 70 Bilder vom Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg. Neben Stars wie Malewitsch finden sich viele hierzulande unpopuläre Namen. Immerhin gaben auch die Kunstsammlungen zu Weimar, das Kunstmuseum Bonn, das Landesmuseum Darmstadt und das Museum Würth Exponate ab. Szeemann und der Kunsthistoriker Karl Ruhrberg legten wohl auch bei Privatsammlern gute Worte ein. Weil aber Lücken blieben, brachte Liedtke einfach eigene Werke mit.

"Ganz nebenbei", sagt er, habe er in seiner Heimatstadt einen Krimi durchlebt. An ihn adressierte Briefe kamen nicht an, andere waren aufgerissen. Schließlich sei in sein Büro eingebrochen worden. Geklaut wurden Computer mit Ausstellungsdaten. Für Liedtke waren das "zu viele Zufälle".

Dabei, weiß er, ist er der einzige, der ein Risiko eingeht. Seit fünf Jahren arbeitet er an seinem "Traum". Öffentliche Gelder will er nicht - Eintritt auch nicht. Er möchte die Kunst - "als Hommage an Beuys" - vielen Menschen nahebringen. Auch Beuys habe seine Kunstformel zu schätzen gewußt. Schon 1982 habe der ihn gelobt: "Junge, du bist auf dem richtigen Weg." ULRIKE KNÖFEL

DER SPIEGEL 28/1999
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