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DER SPIEGEL 44/1999 vom 01.11.1999, Seite 238

Autoren: Philip Bethge und Andreas Lorenz

UMWELT

Feuer unter China

Im Norden Chinas kokeln gewaltige Kohlelager vor sich hin. Dabei entsteht viermal so viel Kohlendioxid wie im deutschen Autoverkehr. Zum Löschen fehlen die Technik und das Geld.

Das Tor zur Hölle öffnet sich gleich hundertfach im Reich der Mitte. Aus gähnenden Spalten steigt zischend Rauch in den Himmel. Lodernde Gesteinsmassen liegen in den Schlünden offen zu Tage. Ganze Berghänge glühen.

Der heiße Atem der Erde scheint nah zu sein im Norden Chinas. Doch nicht Magma oder Lava brennt Risse ins Gestein. Hunderte von Kohleflözen sind es, die ununterbrochen vor sich hin kokeln.

Während die Nationen der Welt derzeit auf der Klimakonferenz in Bonn um eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen feilschen, spielt sich in Chinas Steinkohlegürtel fast unbemerkt eine der weltweit größten ökologischen Katastrophen ab. Bis zu 200 Millionen Tonnen Kohle lösen sich dort jährlich in Kohlendioxid und schwefelschwangeren Rauch auf. Manche Flöze brennen über eine Länge von 20 Kilometern. Andere Kohlefeuer reichen fast einhundert Meter tief in die Erde hinein. Die Brände verteilen sich über eine Fläche, die fast so groß ist wie die der gesamten EU.

"Ein schwerwiegendes, globales Problem", sagt Zoltán Vekerdy vom International Institute for Aerospace Survey and Earth Sciences (ITC) im niederländischen Enschede. "Wir schätzen, dass die Kohlefeuer in China zwei bis drei Prozent zum weltweiten Kohlendioxidausstoß beitragen." Viermal so viel Treibhausgas wie alle Autos Deutschlands zusammen bläst der Schwelbrand demnach jährlich in die Luft. Vekerdy reist mit seinen Kollegen vom ITC schon seit mehreren Jahren regelmäßig ins fernöstliche Krisengebiet, um technische Soforthilfe zu leisten. Mit Satelliten oder vom Flugzeug aus messen die Experten die Temperatur der Erdoberfläche. Rote Flecken auf den Infrarotfotos zeigen an, wo es unterirdisch glüht - Daten, die dazu dienen, ein Frühwarnsystem für die örtliche Feuerwehr aufzubauen.

Noch allerdings ist die Hilfe kaum mehr als symbolisch. "Die Kohlevorkommen in China sind riesig", stöhnt Vekerdy. Manche der Brände fressen sich bereits seit Jahrhunderten durch die Steinkohle. Einige Flöze fangen von Natur aus Feuer. In den trockenen Gebirgsregionen lagern sie nahe der Erdoberfläche fern jeglichen Grundwassers und neigen zu spontaner Selbstentzündung. "Wenn die Kohle mit Sauerstoff in Berührung kommt, entsteht durch die Oxidation Hitze", erläutert der Aachener Geologe Ralf Littke. Werde diese nicht abgeführt, fange die Kohle schließlich von selbst an zu brennen.

Zur ökologischen Katastrophe wuchs sich das chinesische Kohlefeuer jedoch erst durch die industrielle Steinkohle-Förderung aus. "Nur zehn Prozent der Brände sind natürlich entstanden", glaubt Vekerdy. "An allen anderen waren Menschen zumindest mitschuldig."

Veraltete Minenanlagen und zu intensive Nutzung der Flöze seien die Hauptursachen des Dramas. Beispiel Ningxia, eines der wichtigsten Kohleabbaugebiete Chinas: In der rund tausend Kilometer westlich von Peking gelegenen Region versuchen die niederländischen Experten seit 1996, neuen Bränden vorzubeugen.

Die Kohle führenden Schichten erstrecken sich hier über eine Fläche von 45 Quadratkilometern. Eine der besten Steinkohlen der Welt, schwefelarme Anthrazitkohle, wird in Ningxia für den Export gefördert. Doch selbst hier hat das schwarze Gold an 18 Stellen Feuer gefangen.

Bis zu 400 Grad messen die Geologen des ITC in den kaminartigen Bodenspalten, die sich über den Bränden bilden. An der Erdoberfläche über den Feuern erreichen die Temperaturen "leicht hundert Grad", berichtet Vekerdy - für die nahen Dörfer und ihre Bewohner eine ständige Gefahr, die ihre Ursache häufig in der untauglichen Bergbautechnik der Chinesen habe.

Viele Minen werden nicht richtig entlüftet und setzen Methan frei, das sich mit Luft zu entzündlichem Grubengas vermischt. Veraltete Generatoren und Beleuchtungsanlagen in den Minenstollen von Ningxia sprühen Funken. Auch lässt der Kohleabbau die Erdoberfläche reißen. Durch aufklaffende Spalten strömt Sauerstoff in die Flöze, der wiederum die Selbstentzündung begünstigt. "Niemand überwacht die Temperatur in den Minen", klagt Vekerdy.

Dabei ist die Technik zur wirksamen Kontrolle und Vorhersage von Kohlebränden längst entwickelt. Denn auf glühenden Kohlen sitzt nicht nur China. Weltweit fangen Kohleflöze Feuer. In 32 US-Staaten züngeln beispielsweise gelegentlich Flammen aus der Erde. Entfacht werden die Feuer durch Blitzschlag, Steppenbrände oder Selbstentzündung. Doch mit modernem Löschschaum, der sich um die Glut legt und zu einem harten Panzer erstarrt, werden die Brände meist erstickt.

In industriellen Schwellenländern wie Indonesien, Indien oder China fehlt den Ingenieuren diese Technik. Gerade diese Staaten gehören zu den größten Kohleproduzenten der Welt. Über eine Milliarde Tonnen Steinkohle werden jährlich aus der chinesischen Erde geholt - 34 Prozent der Weltproduktion. Der fossile Schatz versorgt nicht nur China mit Energie. Etwa 30 Millionen Tonnen Kohle exportiert das Riesenland in alle Welt. Da ist es auch eine wirtschaftliche Katastrophe, wenn der Brennstoff statt in Kraftwerken und Hochöfen schon vor Ort verglüht.

Chinesische Experten schätzen den Verlust durch die Kohlebrände auf jährlich knapp fünf Milliarden Mark. Insgesamt sind seit den fünfziger Jahren nach Berechnungen des Geologischen Zentralamts für die Kohlegebiete Chinas 4,2 Milliarden Tonnen Steinkohle verbrannt - 85-mal so viel, wie in Deutschland jährlich gefördert wird. Besonders betroffen sollen neben Ningxia die Regionen Xinjiang, Gansu, Shanxi, Jilin, Heilongjiang und die Innere Mongolei sein. "Das ökologische Gleichgewicht in diesen Gebieten ist zerstört", sagt Tan Yongjie, Chefingenieur des Zentralamtes.

Neben Kohlendioxid entstehen bei den Bränden auch gesundheitsschädliche Schwefel- und Stickstoffverbindungen, berichtet Tan. Ackerböden seien "öde und wüst", das Wasser verschmutzt. Ganze Wiesen und Wälder fangen Feuer. Der Husten sei zur Volksseuche geworden, Magen- und Darmkrankheiten grassierten. Auch die Krebsrate liege höher als in anderen Gebieten.

Vorsintflutlich mutet die Technik an, mit der die Chinesen die Flächenbrände im Untergrund zu stoppen versuchen. Ist beispielsweise in der Region Ningxia ein Kohlebrand ausgemacht, rücken die Feuerwehrleute mit Bulldozern und Lastwagen zu Werke. Großflächig verteilen sie feines Schüttgut über den Flözen, um den im Gestein schwelenden Brand zu ersticken. In den von der unterirdischen Hitze aufgerissenen Boden gießen sie Schlamm und Wasser. Liegt die glühende Kohle an der Erdoberfläche, wird sie auf Laster verladen und andernorts zum Ausglühen wieder abgelagert. "Die Brände sind teilweise schon lange in Gang und deshalb sehr großflächig", kommentiert Vekerdy vom ITC. "Es ist extrem schwierig und gefährlich, sie zu löschen."

Nur technische Hilfe der Industrieländer könne Abhilfe schaffen, sagt der Experte. Die müssten schon aus eigenem Interesse handeln, denn das aus der chinesischen Erde dampfende Kohlendioxid trage auch in Europa und Amerika zur globalen Erwärmung bei. "Die entwickelten Länder tragen hier notgedrungen eine Verantwortung", mahnt Vekerdy. Die Schwelbrände im Fernen Osten zu löschen sei wahrscheinlich billiger und effektiver, als etwa die Kohlendioxid-Emissionen der Autos technisch weiter zu verringern.

Auch die Chinesen glauben inzwischen nicht mehr daran, das Problem allein bewältigen zu können. Bislang würden die Feuer lediglich in den Kohleflözen von Ningxia und Xinjiang bekämpft, berichtet Chefingenieur Tan. Um die übrigen Brandherde kümmere sich niemand.

"Wir hoffen auf finanzielle Unterstützung der Uno", sagt Tan. Auch Indien habe von den Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Kohlefeuern Kredite erhalten. Ob indes die Führung in Peking überhaupt bereit ist, Geld für diesen Zweck aufzunehmen, hält Tan für fraglich. "Unsere Zentralregierung hat dringendere Aufgaben zu bewältigen als die Bekämpfung der Kohlefeuer", glaubt der Ingenieur.

Ein Grund des Desinteresses: Es ist zu viel Kohle vorhanden. Derzeit liegen in China rund 75 Millionen Tonnen auf Halde. PHILIP BETHGE, ANDREAS LORENZ

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