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Kultur SPIEGEL 3/2000 vom 28.02.2000, Seite 20

Autor: FIONA DÜRR, ANKE EHLERS

"Korruption ist völlig normal"

Der italienische Bestseller-Autor Carlo Fruttero über seine PolitSatire "Der unsichtbare Zweite", die Politik als Opera buffa und was die Deutschen von Italien lernen können

INTERVIEW: ANKE DÜRR UND FIONA EHLERS

kulturSPIEGEL: Signore Fruttero, Sie und Ihr Co-Autor Franco Lucentini sind berühmt für Ihre Krimi-Bestseller. Mit 73 Jahren wagen Sie jetzt erstmals den Alleingang - ausgerechnet mit einer Polit-Satire. Warum?

Fruttero: Mein Freund Franco versteht absolut nichts von Politik. Er liest keine Zeitungen und sieht nie Nachrichten. Ich aber verfolge unsere Politiker täglich. Muss mit ansehen, wie sie im Fernsehen von ihren Projekten schwafeln oder sich aus allem rausreden. Vor allem aber ärgere ich mich ständig über sie - wie alle Italiener. Ich musste diese wahnsinnige Wut loswerden - und nach dem Grund suchen, warum mich diese Welt trotzdem so fasziniert.

kulturSPIEGEL: Und, haben Sie einen gefunden?

Fruttero: Ich glaube, es ist nicht die Macht, die mich fasziniert. Ich bin ein Mann ohne Eigenschaften und ohne Autorität. Ich kommandiere nicht mal zu Hause meine Familie herum. Der Grund ist ein anderer: Ich bin dahinter gekommen, dass man die Politik als eine Komödie sehen kann, als eine sehr lebendige, aufregende Opera buffa. Mit aufgeblasenen, ehrgeizigen Figuren, die streiten, diskutieren, planen und mauscheln. Betrachtet man Politiker als Komiker, sind sie wunderbar.

kulturSPIEGEL: Geht es Ihnen jetzt besser?

Fruttero: Sehr viel besser. Man sollte einfach lachen über diese Menschen. Das ist die einzige Haltung, mit der man sie ertragen kann.

kulturSPIEGEL: Ihr Protagonist, der Abgeordnete Slucca, ist ein ziemlich trauriger Held.

Fruttero: Der kann einem wirklich Leid tun. Ständig wird er von seinem Chef, dem Abgeordneten Migliarini, zu irgendwelchen Feiern geschickt, wo er das Einweihungsband durchschneiden darf. Ständig muss er den "Gap", die Kluft zwischen dem Mann des Volkes und dem Staat verringern. Und was erntet er: Nichts als faule Tomaten im Gesicht. Slucca und Migliarini sind ein klassisches komisches Paar, wie es sie haufenweise in der Literatur und im Film gibt: Don Quijote und Sancho Pansa, Candide und Pangloss, Laurel und Hardy.

kulturSPIEGEL: Waren das die Vorbilder, die Sie inspiriert haben?

Fruttero: Wichtiger war für mich eigentlich "Madame Bovary" von Flaubert. Da ist schon das moderne Leben mit all seinen Vor- und Nachteilen beschrieben. Würde die Bovary heute leben, sähe sie alle Soap-Operas, würde im Internet surfen und hätte ein Handy. Schon damals führte sie ein modernes Leben, ein Leben zweiten Grades.

kulturSPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Fruttero: In "Madame Bovary" gibt es eine Schlüsselszene. Die, in der sie ihren ersten Liebhaber erobert. Danach, wieder zu Hause, ruft sie: "J'ai un amant! Ich habe einen Liebhaber!" Es geht ihr allein um dieses "Seht her, ich hab's geschafft." So, wie man prahlt: Schau mal, mein neuer BMW.

kulturSPIEGEL: Der Geliebte als Statussymbol. Und Politiker führen also auch so ein "Leben zweiten Grades"?

Fruttero: Genau. Das sind Schauspieler, die sich nicht bewusst sind, dass sie auf der Bühne stehen. Sie glauben, das sei das wahre Leben. Aber die Politik ist nichts anderes als eine Scheinwelt, wie in einem Vergnügungspark. Und wenn du einmal drin bist, kommst du da nicht mehr raus. Politik ist wie ein Aphrodisiakum. In Neapel gibt es ein Sprichwort: "Kommandieren ist besser als vögeln." Ich glaube, da ist etwas dran. Obwohl ich mich, wie gesagt, mit dem Kommandieren nicht besonders auskenne.

kulturSPIEGEL: Wie lange haben Sie für "Der unsichtbare Zweite" in Rom recherchiert?

Fruttero: Gar nicht. Und zum Glück kenne ich auch keinen einzigen Politiker - außer dem Senator, dem das Ferienhaus neben unserem gehört. Nein, Sluccas unglückliche Abenteuer habe ich während meiner Spaziergänge durch Turin erfunden. Es gibt ja in Italien genug verrückte Gesetzesvorschläge und durchgeknallte Projekte. Da reichte es, nur ein wenig zu übertreiben. So, wie in der Geschichte über den Tunnel unter dem Vesuv oder den achten Hügel in Rom, den die Politiker zum Heiligen Jahr aufschütten lassen wollen. Solche Ideen amüsieren mich - weil sie alle einen wahren Kern haben. Ich bin kein Moralist, eher ein Pessimist.

kulturSPIEGEL: Waren die echten Politiker auch amüsiert?

Fruttero: Der Ex-Premier Giulio Andreotti hat mir sogar einen Dankesbrief geschrieben. Dafür, dass ich einige seiner Ex-Kollegen so gut getroffen hätte und dass er als graue Eminenz vorkommt. Dabei war er gar nicht gemeint. Mein Buch ist kein Schlüsselroman. Beim Schreiben habe ich wirklich an niemanden bestimmten gedacht.

kulturSPIEGEL: Geht ein Satiriker wie Sie eigentlich noch zur Wahl?

Fruttero: Gelegentlich. Für mich sind Wahlen ein bisschen wie der Palio, das berühmte Pferderennen in Siena. Es geht nicht darum, dass mein Pferd gewinnt. Nur darum, dass das andere verliert. Im Deutschen, glaube ich, gibt es dafür ein eigenes Wort.

kulturSPIEGEL: Protestwahl. In Deutschland erscheint Ihr Buch ja zu einem ziemlich ungünstigen Zeitpunkt. Hier mag gerade niemand über Politiker lachen.

Fruttero: Das ist ja das Tragische. Alle sagen immer, Politik sei so wenig aufregend. Dabei ist bei Ihnen doch gerade alles drin: Intrigen, Leidenschaft, Lügen. So, wie sonst nur an den Königshäusern. Außerdem finde ich das Timing perfekt.

kulturSPIEGEL: Wie das?

Fruttero: Slucca könnte so etwas wie eine Warnung an die Deutschen sein. Hier sehen Sie, wo alles enden könnte. Die großen Parteien lösen sich auf, die unzähligen Splittergruppen blockieren sich gegenseitig. Die Wahlbeteiligung geht stark zurück, alle sind frustriert.

kulturSPIEGEL: Wenn die Deutschen schon nicht lachen können - haben Sie so etwas wie Schadenfreude gespürt, als Sie von Kohl und der Spendenaffäre gehört haben?

Fruttero: Nein, so etwas liegt mir überhaupt nicht. Deutschland war immer nicht nur das wichtigste, sondern auch das anständigste Mitglied in der Europäischen Union. Es jetzt so am Boden zu sehen macht mir keinen Spaß. Ich hoffe, dass Sie da schnell und heil wieder rauskommen.

kulturSPIEGEL: Können Sie uns als Italiener - als einer mit Distanz und Erfahrung - nicht einen Tipp geben?

Fruttero: Ich kann nur prophezeien, was Ihnen jetzt bevorsteht: Zuerst werden alle Politiker ganz furchtbar gut aufpassen. Bei jeder Coca-Cola werden sie melden: Der da hat mir gerade eine Cola spendiert. Dann aber dauert es nicht mehr lange, und alles ist wieder wie vorher. Eines ist gewiss: Ohne Korruption gibt es keine Politik, Korruption ist völlig normal. Was mir Sorgen bereitet, ist nicht der Politiker, der Geld veruntreut, um sich ein schönes Haus zu kaufen und einen Ferrari. Der Idealist macht mir Angst, der Politiker mit Visionen. Der, der eine Riesenbrücke zwischen Elba und Sardinien bauen will, nur um sich ein Denkmal zu setzen, um nicht unsichtbar zu bleiben. Und das auf meine Kosten. Die Politiker sprechen immer von "fama", Ruhm. Von "fame", Hunger, spricht keiner.

kulturSPIEGEL: Ist der Rechtsruck in Österreich, das Phänomen Haider eine Folge der derzeitigen Politikverdrossenheit?

Fruttero: Nein. Das ist reine Panikmache. Hitler konnte doch nur aufkommen, weil es damals eine schwere Wirtschaftskrise gab. Das ist heute anders. Gestern etwa bat mich meine Frau, ihr ihre Minzbonbons, diese leckeren der Marke "Saila", zu kaufen. Ich ging also in die nächste Bar. Die hatten acht verschiedene Sorten zu Auswahl. Der Tabakhändler hatte sogar neun. Glauben Sie mir, solange das so ist, wird es keinen neuen Hitler geben. So schlimm sich jetzt auch alles anhört: Besser als jetzt kann es uns nicht gehen.

kulturSPIEGEL: Wie, glauben Sie, wird es Kohl demnächst ergehen?

Fruttero: Der wird sich wohl ein schönes Pätzchen suchen müssen. So wie es Bettino Craxi getan hat. Vielleicht nicht gerade Tunesien, aber Capri wäre doch was.

kulturSPIEGEL: Da war aber Schröder vergangenes Jahr.

Fruttero: Schröder ist Caprista? Der hat Geschmack. Wie wäre es dann mit der Toskana? Nein, das geht auch nicht. Da sitzen der Rest der SPD und Tony Blair mit Familie. Dann bleibt also nur noch "Der Tod in Venedig". Das würde doch passen.

kulturSPIEGEL: Sie haben das Buch Ihren Enkeln gewidmet in der Hoffnung, dass denen die Geschichten "eines Tages unverständlich" sein werden. Was würden Sie sagen, wenn Ihre Enkel Politiker werden möchten?

Fruttero: Bitte schön, wenn ihr nach ewigem Ruhm strebt, eure Zeit unbedingt mit Narren verbringen und euch in zermürbenden Kämpfen aufreiben wollt - dann ist das wohl der richtige Beruf. Ich bin dann bestimmt im Paradies und blicke auf euch hinab. Aber ich werde euch nicht sehen können, denn ihr seid zwar nicht in der Hölle, aber in den grauen Nebeln der Vorhölle: unsichtbar.

.......................................................Fruttero & Fruttero: "Der unsichtbare Zweite". Aus dem Italienischen von Dora Winkler. Piper Verlag, München; 224 Seiten; 32 Mark.

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