Grau ist die Stadt, von der die Heuschnupfengeplagten träumen. Alle Grünflächen sind zubetoniert; weit und breit kein Baum, kein Strauch, der juckende Pollen ausstäubt.
Es gäbe eine elegantere Lösung, sagt US-Allergieforscher Thomas Ogren. Die Stadtgärtner müssten nur wissen, was sie anpflanzen dürfen und was nicht: Viele Bäume, zum Beispiel Kastanien oder Linden, lösen nur selten Allergien aus.
Aber auch berüchtigte Juckpulver-Fabrikanten wie Esche, Pappel, Ahorn und Weide sind nicht durchweg von Übel. Manche Exemplare werfen zeitlebens kein einziges Pollenkorn ab. Denn diese Sorten sind, wie Botaniker sagen, zweihäusig: Jeder Baum hat entweder männliche oder weibliche Blüten; und nur die männlichen produzieren Pollen. Man nehme also, sagt Ogren, einfach die weiblichen Bäume, und die Allergiker haben Ruhe.
Offenbar schert sich nur niemand darum. Das verwunderte den gelernten Agrarwissenschaftler Ogren schon vor vielen Jahren - umso mehr, als seine Frau und seine Schwestern an schwerem Heuschnupfen leiden. Deshalb machte der Forscher sich auf eigene Faust an die Arbeit. Er nahm sich vor, möglichst viele Pflanzen auf ihre allergene Wirkung hin zu überprüfen.
Allergologen beschränkten sich bislang auf ein gutes Dutzend Gewächse, die den meisten Patienten Beschwerden machen, darunter Erlen, Gräser und Roggen. Ogren dagegen studierte Hunderte von gebräuchlichen Sträuchern, Bäumen und Gartenblumen. Er ritzte allen Bekannten, die er zu fassen bekam, die Haut auf und rieb sie mit Pollenproben ein.
Ogren beobachtete nicht nur, wie heftig seine Versuchspersonen auf den Blütenstaub reagierten. Er bedachte auch, wie lange die geprüften Pflanzen blühen und wie weit ihre Pollen fliegen - wie stark sie also ganze Stadtquartiere belasten. Am Ende bekam jedes Gewächs eine Note zwischen 1 und 10. Dabei steht "1" für "harmlos", "5" für "kurzfristig oder nur in nächster Nähe lästig" und "10" für aggressive Pollen, die im weiten Umkreis die Heuschnüpfler monatelang peinigen.
In einem Handbuch, das gerade erschienen ist, stellt Ogren seine Bewertungsskala nun vor*. Die städtischen und privaten Gärtner, so wünscht er sich, mögen künftig ihre Gewächse aus dem unteren Bereich wählen. Hie und da ein Exemplar mit dem Index 5 oder 6 sei erträglich, aber höher sollte tunlichst niemand greifen.
Zum Glück sind die verträglichsten Pflanzen meist auch am schönsten anzusehen: Prachtvolle Blüten locken Insekten an, die den Pollen gezielt weitertragen. Dagegen gehören die Windbestäuber mit ihren meist winzigen, unscheinbaren, eher grünlichen Blüten zu den Hauptfeinden der Allergiker: Sie streuen ihren Blütenstaub wahllos und massenhaft in die Lüfte.
Das Landwirtschaftsministerium der USA erforscht seit einigen Jahren in einem
Computermodell, wie sich die Vegetation in den Städten auf die Lebensqualität der Bewohner auswirkt. Demnächst soll in dieses Modell probeweise Ogrens Index eingebaut werden.
In Deutschland kümmert sich bisher kaum einer um die allergene Wirkung der Gewächse in Wohngebieten. Die Gartenämter in den Städten richten sich nach einer gemeinsam verfassten Liste von tauglichen Straßenbäumen, auf der sich die ganze Schar der Sünder findet: Eichen (Ogren-Index 8 bis 9), Baumhasel (8), Erlen (9), Eschen (bis zu 9, je nach Art), Ahorn (7 bis 8) und die Platane (9), die immer beliebter wird, weil sie wenig schmutzt.
Kastanien dagegen, die Allergikern wenig Probleme machen, seien nicht so ideal, sagt Hartmut Tauchnitz, Sprecher des "Arbeitskreises Straßenbäume" der Gartenamtsleiter. Kastanienbäume lassen ihre Früchte auf geparkte Autos fallen. Die Birke wiederum, Hauptfeind der Triefnasen, "ist nach wie vor ein von der Bevölkerung geliebter Straßenbaum", sagt Tauchnitz.
Die Sandbirke ist sogar zum Baum des Jahres 2000 erkoren worden. Nun werden landauf, landab feierlich Birkenhaine und Birkenalleen angepflanzt. Nur das Gartenamt in Freiburg verzichtet in den neuen Wohngebieten Rieselfeld und Vauban möglichst auf Bäume, die den Anwohnern beschwerlich sein könnten.
Stadtgärtner Tauchnitz findet das übertrieben. "Ich kann ja nicht in jeder Straße auf die drei Allergiker Rücksicht nehmen, die da vielleicht wohnen", sagt er. "Die leiden sowieso."
In der Tat zeigen Messungen, dass Birkenpollen oft kilometerweit durch die Luft wehen. Das schließt aber nicht aus, dass der Hauptteil doch im Umkreis des Baumes niedergeht. Der Pollenforscher Ogren hat festgestellt, dass unter allein stehenden Birken auf Asphaltplätzen zur Blütezeit der Boden gelb war von Pollen. Wenige Meter vom Baum entfernt fanden sich dagegen schon keine Spuren mehr.
Der wissenschaftliche Wert dieser Beobachtung mag anfechtbar sein, aber bessere Untersuchungen gibt es kaum. Die meisten Pollenfallen, mit denen die Konzentration von Blütenstaub in der Luft gemessen wird, stehen rund 15 Meter hoch auf Krankenhäusern und anderen Gebäuden. Darüber, was sich in Atemhöhe abspielt, geben sie nur wenig Auskunft.
Obwohl rund zwölf Millionen Deutsche allergischen Schnupfen haben, ist erstaunlich wenig darüber bekannt, unter welchen Umständen das Leiden ausbricht. Welche Pollendosis führt zum Schub? Ist es der plötzliche Windstoß, wenn der Anfällige neben einer pollenträchtigen Birke vorbeigeht? Oder eher die tagelange Dauerbenebelung von überall her? "Erhebliche Kenntnislücken" beklagt das jüngste "Sondergutachten Umwelt und Gesundheit", das eine Expertengruppe im Auftrag von Umweltminister Trittin erstellt hat.
Klar ist nur: Je mehr Pollen fliegen, desto heftiger die Reaktionen. Als in diesem Frühjahr die Birken besonders üppig blühten, kam "eine ganze Welle von neuen Patienten, die früher keine Probleme hatten", berichtet der Bochumer Allergologe Gerhard Schultze-Werninghaus. Solange aber bestimmte Schwellenwerte nicht überschritten werden, haben auch notorische Allergiker kaum Beschwerden.
Viele Fachleute plädieren deshalb für Umsicht bei der Begrünung: "Absoluter Schwachsinn" sei es, so der Wiener Allergologe Friedrich Horak, mutwillig neue Birken zu pflanzen. Horak leitet das Wiener Allergiezentrum, wo die Messdaten der europäischen Polleninformationsdienste zusammenlaufen. "Der Hauptauslöser der Allergien in unseren Breiten ist nun einmal die Birke, und dann kommt lange nichts."
In Nordamerika hingegen leiden die Allergiker vor allem unter einem Unkraut namens Ragweed. Diese Pflanze, zu Deutsch Traubenkraut, verpestet im August und September mit aggressiven Pollen die Luft des Kontinents - mit Ausnahme eines Landstrichs in Kanada: Die Halbinsel Gaspé in der Provinz Quebec ist frei von den lästigen Gewächsen der Gattung Ambrosia.
Dort hatte in den dreißiger Jahren der Aerobiologe Elzéar Campagna einen siegreichen Feldzug gegen das Unkraut unternommen. Scharen von Helfern, teils mit Flammenwerfern bewaffnet, durchstreiften die Landzunge; Tausende von Schulkindern rupften Traubenkraut. Heute gilt die Halbinsel als Urlaubsparadies für Heuschnupfentouristen.
Deutschland dürfte bald vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Das allergene Traubenkraut breitet sich gerade in Europa aus. In Frankreich, rund um Lyon, hat es schon Fuß gefasst. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Pflanzen über die Donau nach Bayern vordringen", sagt der Botaniker Siegfried Jäger, ein Mitarbeiter von Horak in Wien.
Osteuropa ist bereits so gut wie erobert. Und in Ungarn, wo über 20 Prozent der Bevölkerung an Heuschnupfen leiden, hat der Schreck über die Invasion der Pollenschleudern eine nationale Kampagne entfacht: Der Bürgermeister von Budapest lässt Schafherden auf den Wiesen um die Stadt weiden, damit die Tiere das Traubenkraut abfressen. Und im ganzen Land werden Volksläufe neuen Typs veranstaltet: Gewonnen hat, wer als Erster mit 100 ausgerupften Unkrautstauden zurückkehrt. MANFRED DWORSCHAK