Ebon Kim, 24, spielt sich seit Oktober bei Microsoft tagtäglich die Finger wund. Mit acht Kollegen sitzt er in Redmond bei Seattle vor dem PC-Strategiespiel "Rise of Nations", das im kommenden Frühjahr auf den Markt kommen soll. Der Ex-Student testet acht bis zehn Stunden am Tag die Neuentwicklung auf Fehler und Funktion. Gut zehn Patzer findet Kim am Tag: "Das Entlarven von Bugs gibt dir einen richtigen Kick."
Sein Psychologiestudium an der University of Washington hat Kim schon vor einer Weile geschmissen. Zwischenzeitlich versuchte sich der Hardcore-Gamer bei der Navy. Doch anstatt sich für Militärtechnologie zu begeistern, erkannte er seine eigentliche Passion: "Ich möchte spielen, spielen, spielen und eines Tages selbst Games entwickeln." Sechs Monate läuft nun sein Vertrag beim Software-Riesen. Danach will er wieder aufs College - von der Pike auf lernen, wie man Spiele macht.
Der Studentenjob als Tester ist für viele angehende Grafikdesigner, Informatiker, Musiker oder Dramaturgen die Hintertür zu einer Festanstellung bei den großen Spielefirmen wie Electronic Arts, Universal Interactive, Sega, Konami oder Microsoft. Die Game-Branche hat es mit Titeln wie "Final Fantasy", "Quake" oder "Everquest" zu einigem Glamour gebracht und in den USA mittlerweile schon die Umsätze der Filmindustrie überrundet.
Manche Studenten sind so hingerissen von der neuen Spielewelle, dass sie ihre Dienste sogar kostenlos anbieten. Seit drei Monaten testet beispielsweise Alberto Rodriguez, Informatikstudent an der Columbia University in New York, die neue Xbox Live von Microsoft. Rodriguez, 20, fasst es als Ehre auf, das Online-Spielesystem vorab ausprobieren zu dürfen. Zudem wird er mit Gratis-Hardware und -Software eingedeckt.
Vom Wohnheimzimmer am Columbia-Campus aus testet der Student täglich bis zu zweieinhalb Stunden webfähige Xbox-Spiele, darunter das Multiplayer-Motorrad-Spiel "MotoGP", an dem sich bis zu 16 über das ganze Land verteilte Mitspieler beteiligen können.
Zu verdanken hat Rodriguez seinen Traum-Nebenjob einem Spieleturnier in New York, bei dem er Xbox-Marketing-Manager David Hufford kennen lernte. Seither stehen die beiden in regem E-Mail-Kontakt und tauschen sich darüber aus, was Freaks wie er von der Xbox Live erwarten.
Dennoch macht er den Job nicht nur "just for fun". Schließlich will auch Rodriguez möglichst viel über die Szene lernen, um eines Tages als Entwickler zu arbeiten oder eine eigene Firma aufzumachen.
Bis zum Traumjob "Game-Developer" scheint es aber noch ein beschwerlicher Weg, der über Praktika und weitere Testjobs zum Ziel führen soll. "Obwohl ich ja bereits den Fuß etwas in der Tür habe, ist es äußerst schwer reinzukommen", sagt Rodriguez. "Für einen Job in der Industrie würde ich sogar sofort an die amerikanische Westküste ziehen."
Ashley Monif, 25, hat diesen Sprung gewagt. Vor vier Jahren siedelte er genervt von seinem Medizinstudium von Nebraska ins Silicon Valley über und studierte am Cogswell Polytechnical College "Computer and Video Imaging".
Nach einem Praktikum bei Electronic Arts als Production Assistant kann er seine Spielleidenschaft zum Beruf machen - im "James Bond"-Team, das derzeit an der fünften Folge der 007-Spieleserie arbeitet. Seither schwebt Monif auf Wolke sieben. "Viele meiner Kommilitonen haben von so einer Stelle geträumt", freut sich Monif. "Ich habe aber auch hart für diese Chance gearbeitet", so der frisch gebackene Bachelor. In einer Game-Arbeitsgemeinschaft mit Kommilitonen hat er ein "First Person Shooter"-Ballerspiel und ein "Action Adventure" entwickelt.
Mit dieser Erfahrung konnte das Organisationstalent auch Anita Stokes, bei Electronic Arts für Uni-Programme zuständig, schon bei der Bewerbung begeistern. Schließlich bekommt Stokes Tausende Anfragen für höchstens 70 Praktikumsstellen in den Bereichen Programmierung, Produktion, Grafikdesign und Marketing.
Auch Kurtis Hsu, Leiter der Testabteilung, wird überrannt von Spielefanatikern, die ihr Hobby zum Beruf machen wollen - darunter die skurrilsten Bewerber: Priester, Wissenschaftler, Rentner oder Grundschüler.
Nicht selten haben sich Gamer schon vom Testdepartment hochgearbeitet. Selbst eine heutige Branchengröße wie Ed Fries, Vizepräsident für Games Publishing bei Microsoft, hatte einst als Praktikant in Redmond angefangen und erste Programmierkenntnisse schon zu Zeiten der Spiele-Klassiker "Frogger" oder "Space War" unter Beweis gestellt.
Doch viele bleiben auch in den Testlabors hängen wie etwa Anthony Borba und Rob Prideaux aus San Francisco. Während Kollegen weiterstudierten und später bei der Spielefirma des obersten Sternenkriegers George Lucas oder im Xbox-Team unterkamen, arbeiteten die beiden jahrelang als Tester für Firmen wie Sega, Konami, 3DO, Namco, Crystal Dynamics oder Digital Pictures.
Mittlerweile 27 Jahre alt und damit ein Veteran unter den Testern, ist Borba im Herbst ausgestiegen. Nicht etwa um sein Studium der Computerwissenschaften zu Ende zu bringen, sondern um einen Job in der Qualitätssicherung einer Hightech-Firma anzunehmen. "Das ist wesentlich lukrativer, wenngleich auch weniger Fun", wie er zugibt. Prideaux hat der Testbranche schon länger den Rücken gekehrt und will nun doch noch sein Fotografiestudium beenden.
Nicht immer war die Zeit in den Testdepartments nur amüsant. Besonders vor den Veröffentlichungsterminen wichtiger Spiele nimmt der Druck enorm zu, und nicht alle Abteilungen sind glücklich über neue Bugs. "Wird eine Deadline nicht eingehalten, werden regelmäßig die Tester dafür verantwortlich gemacht", klagt Prideaux. "Nicht selten gibt es Stress mit frustrierten Programmierern, die behaupten, wir würden ihre Arbeit sabotieren."
Dabei haben die Tester vor großen "Releases" so oder so nichts zu lachen. Arbeitszeiten von 10, 12 oder auch 16 Stunden pro Tag sind üblich. Einmal hat Borba 30 Stunden durchgearbeitet. Sega soll sogar Hotelzimmer angemietet haben, um vor einem kritischen Starttermin die Tester rund um die Uhr verfügbar zu haben. Zu den Begleiterscheinungen solcher Daddel-Exzesse gehören blutunterlaufene Augen, Blasen, Sehnenscheidenentzündungen - und Alpträume: "Vor allem von den schlechten Spielen", grinst Borba.
Überbelastung ist längst nicht alles. Die Tester müssen auch manche Demütigung ertragen. "Nur der Kundendienst steht unter den Testern", klagt Borba. Bei Konami etwa seien regelmäßig Doughnuts verteilt worden - aber nicht an Zeitarbeiter im Testlabor. "Da fühlt man sich wie der letzte Idiot, wenn die Firma nicht einmal 50 Cent für ein süßes Stückchen für einen übrig hat", sagt er.
"Nichtsdestotrotz ist das eine Zeit lang aufregend", urteilt Borba. "Längerfristig nutzen die Firmen die Tester mit Stundenlöhnen von 9 bis 12 Dollar jedoch schlichtweg aus." Kim bekommt bei Microsoft immerhin 14 Dollar. "Vielen Testern ist das Geld völlig egal", meint Test-Chef Hsu. "Das sind allesamt passionierte Spieler, die extrem viel Freude an der Arbeit haben."
Und die daddeln trotz Test-Stress selbst noch in ihrer Freizeit. Kim etwa probiert nach Feierabend regelmäßig mit Kollegen andere Spiele aus. Aber auch Borba und Prideaux treffen sich seit jeher zu ausgiebigen Sessions. Dabei spielen sie am liebsten alte Kultspiele, die sie zum Teil auch selbst getestet haben, auf Prideaux' siebziger Jahre Retro-Fernseher.
Vom Testen haben dennoch beide die Nase voll. "In dem Geschäft ist es ein bisschen wie in der Pornoindustrie", sagt Borba. "Bei allem Spaß: Was zu viel ist, ist eben zu viel."