Alle Quellen anzeigen
SP

DER SPIEGEL 11/2003 vom 10.03.2003, Seite 63

Autor: Ansbert Kneip

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Die Frau fürs Leben

Eine Holländerin schwört sich ewige Treue - auf dem Standesamt.

Sie wird sehr aufgeregt sein, wenn sie die Stufen zum Standesamt von Haarlem hinaufgeht, aber sie wird jeden Schritt genießen. Alle ihre Freunde werden da sein und die ganze Familie: die Mutter, ihre Onkel, Tanten, alle Cousins und Cousinen, insgesamt 80 Verwandte. Eine von den kleinen Nichten wird Blumen streuen. Alle haben sich fein gemacht, doch sie, die Braut, wird die Schönste sein.

Haarlem ist eine alte Stadt nahe Amsterdam, das historische Rathaus stammt aus dem Mittelalter. Im Trouwzaal, dem offiziellen Hochzeitszimmer, hängen Kronleuchter. Kunstvolle Schnitzereien zieren die Sitzbank für das Brautpaar. Ein würdiger Rahmen. Die Trauung ist für Ende Mai geplant, mit etwas Glück scheint dann die Sonne.

Denn in der Sonne strahlt das Kleid am schönsten: Nicht weiß ist es, sondern aus goldglänzender Seide, eine Sonderanfertigung. Rund 200 Applikationen aus Latex sind am Kleid befestigt, bei genauem Hinsehen stellt man fest, dass es Brustwarzen sind. In Originalgröße, abgenommen vom Busen der Braut.

Jennifer Hoes ist keine gewöhnliche Frau, und das hier wird keine gewöhnliche Trauung.

Im Rathaus, vor dem Festsaal, wird Ruud Grondel stehen, der Standesbeamte. Ein paar Tage vor der Zeremonie hat er ein Gespräch geführt, so wie das bei Brautleuten üblich ist. Jetzt ist er vorbereitet, er wird eine persönliche Ansprache halten können.

Er wird von der Treue sprechen, von der Liebe und davon, dass beides heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Und dann wird er die Fragen stellen, die mit "Willst du" beginnen und in denen es "lieben, achten und ehren" heißt und "in guten und in schlechten Tagen".

Jennifer Hoes, die Braut, wird lächeln. Sie wird wunderschön aussehen und ihr Ja in den Saal hauchen. Ein bisschen kitschig und ein bisschen rührend wird es sein, die Mutter wird weinen.

Aber etwas wird fehlen. Hoes steht allein vor dem Standesbeamten. Es ist niemand da, der die Braut küsst. Kein Bräutigam. Hoes heiratet sich selbst.

Heutzutage können Menschen mit oder ohne Trauschein zusammenleben, es macht kaum einen Unterschied. Schwule können ihre Partnerschaft besiegeln lassen, Lesben einen Bund fürs Leben schließen. Und in den liberalen Niederlanden geht alles noch ein bisschen einfacher als bei uns. Aber sich selbst ehelichen?

Es hat ein paar hämische Fragen gegeben: Ob sie einen Doppelnamen tragen wird, zum Beispiel. Was passiert, wenn sie sich scheiden lassen will, und ob es Bigamie wäre, wenn sie einen Mann kennen lernt und den auch noch heiratet?

Jennifer Hoes ist jetzt 29, im besten heiratsfähigen Alter also. Sie studiert Produktdesign in Amsterdam, den Ring hat sie selbst entworfen, sie wird ihn sich selbst anstecken müssen. Auch das Brustwarzendekor für ihr Kleid ist ihr Design. Hoes entwirft normalerweise weniger verrückte Dinge, Herrenhemden zum Beispiel oder Badezimmerdekor.

Demnächst wird sie die letzte Prüfung abgelegt haben, am 28. Mai, dem Tag der Hochzeit, wird sie 30. Mit der Heirat beginnt ein neuer Lebensabschnitt. "Dass man Treue gelobt, ist doch nichts Neues", sagt Hoes. "Die Menschen schwören Treue zu einem Gott, einem König, einer Fahne oder einem Partner, und sie schwören öffentlich. Warum also sollte man nicht sich selber Treue geloben können?"

Als sie ein Baby war, starb ihr Vater. Und wann immer sie an ihn dachte, sie stellte sich einen großen, gereiften Mann vor - als ihr jetzt auffiel, dass sie mittlerweile älter ist, als ihr Vater je war, da dachte sie: Es wird Zeit, erwachsen zu sein.

Es hat etwas Kindisches, wie sie das Erwachsensein zelebriert.

Ihre Hochzeit sei kein Jux, meint sie, keine abgedrehte Kunstaktion und schon gar kein billiger Vorwand, um mal eine Riesensause zu feiern und die Geschenke abzukassieren - im Gegenteil.

Die Feier wird rund 20 000 Euro kosten, einen Teil davon steuern Sponsoren bei. Das Kleid zum Beispiel muss sie nicht voll bezahlen, dafür wird es nach der Hochzeit im Schaufenster ausgestellt. Den Festsaal für die Feier bekommt sie umsonst, der Goldschmied berechnet für den Ring nur das Material.

Mittlerweile gibt es die Ersten, die es ihr nachtun wollen, und ein Künstler beschwerte sich, er sei schon seit einem Jahr mit sich selbst verheiratet, und niemand habe davon Notiz genommen.

"Wir leben in einer Single-Gesellschaft und in einer Ego-Gesellschaft - sich selbst die Treue zu schwören ist da nur logisch. Wem denn auch sonst?"

Vor kurzem, so sagt Hoes, habe sie im Radio eine kleine Meldung gehört: In den Städten sterben die Spatzen aus, hieß es da. Der Grund: Das moderne Leben in der Großstadt sei zu laut, die Vögel können die Lockrufe ihrer potenziellen Partner nicht mehr hören. Das, so sagt Hoes, "ist im Grunde bei den Menschen genauso".

Aber was ist, wenn ihr der Mann ihres Lebens dennoch begegnet?

"Ich warte noch auf meinen Prinzen in schimmernder Rüstung", sagt Hoes. Auf den Ringfinger würde noch ein zweiter Ring passen. ANSBERT KNEIP

DER SPIEGEL 11/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizensieren.

Version 1.7.3.7 (DB: dokn)