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DER SPIEGEL 17/2003 vom 19.04.2003, Seite 142

Autor: Dieter Bednarz

VEREINTE NATIONEN

"Eine Frage der Souveränität"

Der Chef der Uno-Inspektoren, Hans Blix, über die Suche Washingtons nach den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins und manipulierte Beweismittel gegen dessen Regime

SPIEGEL: Herr Blix, seit Truppen der von Washington geführten Militärallianz den Irak besetzen, werden immer wieder Materialien oder Labors entdeckt, die womöglich der Herstellung von Bio- und Chemiewaffen dienten. Wird Saddam Husseins Regime doch noch des Besitzes von Massenvernichtungswaffen überführt?

Blix: Die USA und Großbritannien waren immer überzeugt, dass Bagdad über solche Waffen verfügt. Bis jetzt haben sie dafür jedoch keine überzeugenden Beweise beigebracht. Wir hingegen haben nie behauptet, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt, konnten es aber natürlich nicht ausschließen. Nun werden wir also sehen, ob London und Washington Recht behalten. Ich bin da sehr gespannt und kann bei der Suche nur viel Glück wünschen.

SPIEGEL: In Ihren Worten schwingt ein bitterer Unterton mit.

Blix: In keiner Weise. Ich stelle nur fest, dass die Militärallianz auf unsere Mitarbeit verzichtet und uns auch keine Kooperation in Aussicht gestellt hat. Ich habe aber gehört, dass sie Leute von uns abwerben wollten, bis jetzt ohne Erfolg. Wir unterhalten ganz informelle persönliche Kontakte zu den Administrationen.

SPIEGEL: Ist diese Ausgrenzung der Uno-Inspektoren die Rache jener politischen Falken in Washington, die in den Waffeninspektionen von Anfang an eine reine Zeitverschwendung sahen?

Blix: So würde ich das nie sagen. Fakt aber ist, dass die Militärallianz jetzt das Land kontrolliert. Sie bestimmt daher auch, was zu tun ist. Und da sind wir nun mal außen vor. Dabei hätten wir über unsere Expertise hinaus etwas zu bieten, das immer wichtiger wird: Glaubwürdigkeit.

SPIEGEL: Soll das heißen, dass es den USA daran mangelt?

Blix: Nein, aber Inspektoren, die im Namen der internationalen Gemeinschaft ihrer Arbeit nachgehen und ihre Urteile fällen, genießen eine weitaus höhere Glaubwürdigkeit. Die Allianz kam als Befreier und Besatzer, und das kann sich als Nachteil erweisen. Wenn deren Experten nun tatsächlich Massenvernichtungswaffen finden sollten, könnte deren Echtheit angezweifelt werden. Deshalb plädiere ich dafür, dass diese Aufgaben wieder eine von der Staatengemeinschaft legitimierte Spezialistentruppe verantwortet.

SPIEGEL: Müsste die Allianz bei den bis zu 500 Tonnen chemischen Kampfstoffen wie Sarin oder Senfgas, die Washington den Irakern zugeschrieben hat, nicht längst fündig geworden sein?

Blix: Der Fairness halber muss man ihnen schon noch einige Monate Zeit geben, um die wahrscheinlich Tausende von verdächtigen Orten zu untersuchen, die allein wir auf der Liste hatten. Durch den Sturz des Regimes werden sie zusätzliche Informationen erhalten, weil niemand mehr Angst vor den Häschern Saddams haben muss. Wenn die Belege für Iraks Besitz von Massenvernichtungswaffen jedoch letztlich ganz ausbleiben, würde ich mal vermuten, dass die alarmierenden Geheimdienst-Analysen vor dem Krieg nicht ganz korrekt waren.

SPIEGEL: Selbst wenn keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden sollten, wollen die USA das Regime in Bagdad nicht freisprechen. Washington glaubt, dass Saddam seine B- und C-Waffen längst ins benachbarte Syrien geschafft hat.

Blix: Wer das behauptet, sollte im Interesse seiner Glaubwürdigkeit ganz schnell entsprechende Beweise vorlegen. Ich jedenfalls bezweifle, dass die Syrer begeistert gewesen wären, für Bagdad als Lager von Massenvernichtungswaffen zu dienen.

SPIEGEL: Aber das Regime des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad arbeitet angeblich doch selbst an solchen Waffenprogrammen.

Blix: Da sich Damaskus nicht der Chemiewaffenkonvention angeschlossen hat, wäre die bloße Produktion entsprechender Mittel noch nicht einmal illegal. Wer also den Nahen Osten von Massenvernichtungswaffen befreien will, muss die ganze Region zur freien Zone erklären, Israel selbstverständlich mit eingeschlossen. Nur so findet der Nahe Osten zu Frieden und Stabilität.

SPIEGEL: Syrien soll auch auf die Nuklearbombe hinarbeiten.

Blix: Als langjähriger Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien war ich über Syriens ziviles Atomprogramm gut informiert. Das besteht weitgehend aus einem Versuchsreaktor, den die Regierung mit chinesischer Hilfe aufgebaut hat. Solche Aktivitäten sind für ein Land von der Größe und dem Entwicklungsstand Syriens vollkommen normal und legitim. Mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Regierung in Damaskus verfolgt die Atomenergie-Organisation diese Arbeiten überaus aufmerksam. Verstöße gegen Auflagen sind mir nicht bekannt.

SPIEGEL: Berichte über Asyl für Saddams Militärexperten in Syrien nähren zumindest Zweifel an Assads lauteren Absichten. Sind Ihre Inspektoren in den Interviews mit irakischen Wissenschaftlern auf Kontakte zwischen Bagdad und Damaskus gestoßen?

Blix: Dafür haben wir nicht die geringsten Anzeichen gefunden. Aber dem nachzugehen war auch nicht unsere Aufgabe.

SPIEGEL: Einer Ihrer engsten Verhandlungspartner war General Amir al-Saadi, der sich jetzt den US-Besatzern gestellt hat. Kann seine Aussage Licht in das Dunkel um Iraks Massenvernichtungswaffen bringen?

Blix: Er könnte für die USA eine der wichtigsten Quellen überhaupt werden. Als wissenschaftlicher Berater Saddams im Ministerrang und entscheidender Mann des militärisch-industriellen Komplexes war er wohl der führende Waffenexperte des Regimes. Verglichen mit den von Propaganda triefenden Predigten des Vizepremiers Tarik Asis wusste ich die sehr sachliche und kompetente Art Saadis durchaus zu schätzen.

SPIEGEL: Glauben Sie den Beteuerungen Saadis, dass der Irak tatsächlich keine Massenvernichtungswaffen mehr besessen hat?

Blix: Ich glaube, Saadi ist ein wirklich kompetenter Mann. Falls er also die Wahrheit sagt, frage ich mich, warum der Irak dieses ganze böse Spiel mit der Weltgemeinschaft getrieben hat. Aus meiner Kenntnis vermute ich, dass es für Saddam dabei vor allem eine Frage seiner Ehre war und es ihm um die Souveränität seines Landes ging. Vielleicht wollte der selbst ernannte Nachfolger Nebukadnezars einfach nicht zulassen, seine Waffenkammern weiter zu öffnen als unbedingt nötig.

SPIEGEL: Die Widerspenstigkeit des Regimes in Bagdad war vorhersehbar, aber hatten Sie auch mit der Ungeduld der Regierung in Washington gerechnet?

Blix: Ich bin überzeugt, dass US-Präsident Bush es zumindest am Anfang ernst gemeint hat mit der friedlichen Entwaffnung. Aber dann beschloss die amerikanische Regierung, den Inspektoren höchstens bis Mitte März Zeit zu geben.

SPIEGEL: Exakt so lange, wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld benötigte, um den Aufmarsch der US-Truppen abzuschließen.

Blix: Ich habe mich nie als Pausenfüller verstanden. Aber paradoxerweise erfolgte Washingtons Wende, nachdem im Januar meine Rede vor dem Sicherheitsrat die Iraker aufgerüttelt hatte und ihre Kooperationsbereitschaft deutliche Fortschritte zeigte. Als ich diese Verbesserung bei einem weiteren Auftritt im Februar vor dem Uno-Gremium publik machte, war die Enttäuschung bei den Gegnern jeglicher Inspektionen umso größer.

SPIEGEL: So wurde "Hans, der Irrelevante", für Washington zu "Hans, dem Stolperstein" auf dem Weg zu einer neuen Resolution, die den Krieg gegen den Irak legitimieren sollte.

Blix: Ich war stets um Sachlichkeit bemüht. Deshalb waren wir auch so überaus vorsichtig gegenüber den Informationen, die uns die Sicherheitsdienste zugespielt haben. Wir drängten zwar auf alle verfügbaren Hinweise, um nichts zu übersehen. Aber was wir geliefert bekamen, war schon ziemlich erbärmlich. Alle so genannten Erkenntnisse haben letztlich nur zu drei Entdeckungen geführt. Was wir dort aber vorfanden, waren keine Massenvernichtungswaffen. Meinem Kollegen Mohammed al-Baradei in Wien wurden sogar gefälschte Papiere zugetragen, die Iraks Atomwaffen-Ambitionen belegen sollten.

SPIEGEL: Nach dem Sturz des Regimes billigt US-Präsident Bush den Vereinten Nationen eine "vitale Rolle" im Irak zu. Stehen damit auch wieder die Uno-Inspektionen auf dem Spielplan?

Blix: Die USA werden nicht länger als unbedingt nötig im Land bleiben. Von daher werden sie im ureigensten Interesse auf internationale Inspektoren zurückgreifen, die langfristig das Land im Blick behalten. Schon in den nächsten Wochen werde ich den Sicherheitsrat über unsere Einsatzbereitschaft informieren. Dann müssen dessen Mitglieder über die weitere Verwendung der Teams entscheiden, deren Verträge vielfach nur bis zum Juni laufen. Bis dahin aber könnten sie ihre Arbeit nahezu sofort wieder aufnehmen.

SPIEGEL: Werden Sie selbst noch einmal nach Bagdad reisen?

Blix: Das glaube ich nicht. Ich arbeite an meinem Abschlussbericht für den Sicherheitsrat und werde mit dem Ende meines Vertrags im Juni in meine Heimat Schweden zurückkehren.

SPIEGEL: Als geschlagener Mann, der einen Krieg nicht verhindern konnte?

Blix: Nein. Auch wenn uns die friedliche Lösung des Konflikts nicht gelungen ist, haben wir allen Grund, stolz zu sein. Die Inspektionen wurden effektiv und korrekt durchgeführt. Zudem haben wir uns keinem Druck gebeugt und unsere Unabhängigkeit bewahrt. INTERVIEW: DIETER BEDNARZ

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