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DER SPIEGEL 19/2003 vom 05.05.2003, Seite 171

Autor: Alexander Osang

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Ballade vom traurigen Kind

Bekannt wurde die Schriftstellerenkelin Sophie Dahl als britisches Supermodel, Mick Jaggers Geliebte und Yves Saint Laurents Muse. Nun hat sie selbst ein Buch verfasst. Von Alexander Osang

Sophie Dahl probiert es einfach. Sie schlägt die Augen auf und fragt den Kellner des Mercer Hotel in Soho, ob sie einen Aschenbecher bekommen kann. Sie hat riesige, leuchtende Augen, aber der Kellner lässt sich nicht verzaubern. Es scheint einer von Bürgermeister Bloombergs Männern zu sein, jemand aus dem neuen, gesunden New York.

"Rauchen ist verboten", sagt er, nicht der kleinste Zweifel ist in seinem Gesicht zu finden.

"Beim letzten Mal konnte ich hier aber noch rauchen", sagt Sophie Dahl, ihre Augen strahlen, ihre Lippen sind riesig.

Der Kellner sieht sie an, als erzähle sie von einem anderen Zeitalter. Er wartet. Sophie Dahl bestellt Tee mit Sojamilch und stopft die Marlboros wieder in die Handtasche. Sie lacht.

Findet sie Bloombergs Feldzug gegen New Yorker Raucher albern?

"Es ist ein bisschen wie früher in der Schule oder im Ferienlager, man trifft sich zum Rauchen draußen auf dem Hof", sagt sie.

Sie liebt New York, denkt aber nicht darüber nach, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie kann gar nicht, sagt sie. Sie erzählt, wie die Zigaretten ihren Tag einteilen. Es sind etwa 20, wenn sie schreibt, viel mehr. Zurzeit schreibt sie. Es wird ein Roman, ein dicker, sagt sie. Es ist ihr zweites Buch. Das erste erschien vor ein paar Wochen, es ist schmal und bunt wie ein Kinderbilderbuch und heißt "Der Mann mit den tanzenden Augen".

Sophie Dahl wurde dadurch weltbekannt, dass sie den dünnen Models Konkurrenz machte. Sie brachte Busen und Hüften zurück in die Mode. Sie war rund, die anderen mager, das fiel auf.

Sophie Dahl hat sich für eine Werbekampagne des Yves-Saint-Laurent-Parfums Opium nackt ausgezogen. Ein üppiger, porzellanfarbener Leib lümmelte auf dunklem Satin. Die Haare waren rot, die Schuhe golden. Ein Bild, das Auffahrunfälle verursachte und deshalb hier und da verboten wurde.

Außerdem weiß man von Sophie Dahl, dass sie eine längere Affäre mit Mick Jagger hatte. Sie war auch mit dem Regisseur Griffin Dunne, dem Komiker Mark Lamarr, dem Playboy Tim Jeffries und dem New Yorker Künstler Jonathan Cramer zusammen. Zuletzt sah man sie an der Seite von Benicio Del Toro.

Vor zwei Jahren ist sie dann dünn geworden wie die anderen Models. Sie hatte vier Kurzauftritte in Spielfilmen. Sie ist jetzt 23 Jahre alt. Im Herbst wird sie die neue Kollektion von Donna Karan vorstellen und eine etwas größere Rolle in einem britischen Independent-Film spielen. Das passt alles in den kurzen Lebenslauf eines Mannequins.

Niemand hat erwartet, dass sie Bücher schreibt. Aber eigentlich ist es das, was sie immer wollte. "Ich liebe Bücher. Mir war schon als Kind klar, dass ich Schriftstellerin werde", sagt sie.

Sie begann ihre literarische Karriere als Heldin des Kinderbuches "Sophiechen und der Riese", das ihr berühmter Großvater Roald Dahl schrieb. Sie war drei Jahre alt, als es erschien. Es machte sie zum Star unter ihren Freundinnen, später entdeckten Journalisten in der Kinderbuchfigur die traurige, einsame Kindheit von Sophie Dahl.

"Das ist absoluter Unsinn. Mein Großvater hat nicht viel mehr verwendet als meinen Namen, und der Illustrator hat ein Mädchen dazu gezeichnet, das aussah wie ich. Das ist alles. Ich hatte eine glückliche Kindheit, ich war nie allein", sagt sie.

Sie war elf, als ihr Großvater starb. Sie erinnert sich an einen lustigen, klugen Mann, der Kinder ernst nahm. "Wir haben zusammen Spaziergänge gemacht. Er kannte sich mit Pilzen genauso gut aus wie, sagen wir mal, mit Dampfmaschinen, Weinen oder Architektur. Er war unglaublich gebildet, altmodisch auch. Er liebte alles Schöne. Frauen zum Beispiel. Er liebte Frauen."

Sie hat nicht an ihn gedacht, als sie anfing zu schreiben, sagt sie. Sie hat nicht an ihre Lieblingsautoren T. S. Eliot, Graham Greene oder Zadie Smith gedacht und auch nicht daran, ob sie jetzt vom Model zur Schriftstellerin wird. Wenn sie überhaupt an jemanden gedacht hat, dann an ihre Mutter Tessa Dahl, eine Londoner Journalistin, die in den achtziger Jahren einen Bestseller schrieb und dann in eine lange Depression fiel. Es geht ihr wieder besser. Tessa Dahl war die Einzige, die das Manuskript vom "Mann mit den tanzenden Augen" las, bevor Sophie es einem Verlag anbot.

Es ist ein hübsch aussehendes Buch mit vielen wunderlichen Zeichnungen von Sophie Dahls Kindheitsfreundin Annie Morris. Es geht um ein Mädchen, das Pierre heißt wie das New Yorker Hotel, in dem es in einer stürmischen Nacht von einem Botaniker und einer Sopranistin gezeugt wurde.

Pierre wächst in einer Villa in der Nähe von Rom auf, zieht mit 18 auf ein Hausboot in London, beginnt bei einem rauchenden, trinkenden Antiquar zu arbeiten und verliebt sich auf einer Party Hals über Kopf in den Mann mit den tanzenden Augen, einen Künstler, der gern Bob-Dylan-Lieder singt. Sie sind glücklich, sie wird seine Muse, er porträtiert sie als Meerjungfrau, aber irgendwann begeht er eine Indiskretion, und es ist vorbei.

Pierre treibt der Liebeskummer nach New York, die Stadt, in die auch Sophie Dahl flüchtete, "weil sich hier jeder pausenlos neu erfindet". Ihr Archivar gibt ihr eine Erstausgabe von Edith Whartons Klassiker "Das Haus der Freude" aus dem Jahr 1905 mit auf den Weg. Pierre zieht zu einer Freundin ihrer Mutter in ein winziges Apartment im Greenwich Village, sie verbringt die Tage im Mumiensaal des Metropolitan Museum, sie trifft einen Therapeuten namens Ernest und frühstückt manchmal mit einem Friseur und dessen Hund Froggy im Hotel Mercer in Soho. Ab und zu hört sie einen Dylan-Song, wird wieder traurig, aber irgendwann steht der Mann mit den tanzenden Augen wieder hinter ihr, und alles wird gut.

Manche schreiben, es sei ein Roman, aber es ist eher ein Popsong als ein Buch. Man könnte es eine Ballade nennen, die Träumereien eines traurigen Mädchens. Es soll verfilmt werden, und Sophie Dahl wünscht sich Tim Burton als Regisseur, was gut passen würde.

"Zum Anfang war es noch viel skurriler, mehr wie ein Gedicht, aber dann wollte ich doch eher eine solide Geschichte erzählen. Es sollte nicht der große Gesellschaftsroman werden. Es ist ein Buch über ein junges Mädchen, das Schuhe mag und an romantische Liebe glaubt", sagt sie.

Menschen wollen Bücher über Schuhe und Liebe. In England stand "Der Mann mit den tanzenden Augen" wochenlang auf der Bestsellerliste, auch in Amerika verkauft es sich sehr gut. Die englischen Kritiker waren erstaunlich gnädig, findet Sophie Dahl.

"Es gab schon viel Gerede, sie wetzten die Messer. Ich hatte nicht gerade die besten Dinge über England gesagt, ich war weggezogen. Aber dann lag dieses kleine, eher unschuldige Ding auf dem Tisch. Sie waren irgendwie entwaffnet. Sie waren sehr nett zu mir. Was mich ärgert, ist, dass viele Journalisten Pierre mit mir verwechselten und sich auf die Suche nach dem Mann mit den traurigen Augen machten."

Die meisten fanden Mick Jagger.

"Sie nehmen mich als Schreiberin einfach nicht ernst", sagt Sophie Dahl. Sie kommentiert ihre Beziehungen nicht. Aber natürlich sind sich Sophie Dahl und Pierre nicht nur auf den Zeichnungen von Annie Morris sehr ähnlich. Pierre liebt Bücher, Tee und das Hotel Mercer wie Sophie. Wie Pierre floh auch Sophie Dahl von London nach New York.

"Ich bin nach New York gezogen, weil ich konnte", sagt Sophie Dahl. "Ich liebe New York, die Atmosphäre, die Vielfältigkeit, man trifft pausenlos neue Leute. Man geht essen und sitzt neben jemandem, den man nie wieder sieht. Nur hier kann ich jeden Tag interessante Leute kennen lernen. Keiner kennt mich, oder zumindest lässt es sich keiner anmerken. Die Engländer, besonders die Londoner, sind besessen von dieser Celebrity-Kultur. Verglichen mit London ist New York ein besserer Platz, etwas Neues anzufangen. Es geht hier nicht so sehr darum, wo du herkommst, welche Schulen du besucht hast. Es zählt mehr, was du im Moment machst und wo du hinwillst."

Im Gegensatz zu Pierre hat sie nie in Brooklyn mit der Mafia gepokert, sagt sie. Sie hat auch keine Erstausgabe vom "Haus der Freude". Aber sie sammelt Bücher. Vor einem Vierteljahr hat sie einem englischen Journalisten erzählt, dass sie eine Erstausgabe von Nabokovs "Lolita" aus der Bibliothek von Graham Greene besitzt. Das stimmt nicht mehr. Sie hat es verschenkt.

"Es war ein wunderschönes Buch. Sehr schön. Man sollte vorsichtig sein, wenn man Dinge aus Liebe verschenkt."

Kann man denn das?

"Wahrscheinlich nicht. Ich habe auch mal einen signierten Druck von Matisse an jemanden verschenkt, den ich liebte. Den hätte ich auch gern zurück", sagt sie, scheinbar todtraurig. Während man darüber nachdenkt, ob Mick Jagger den Matisse hat oder die Erstausgabe von Lolita, lacht Sophie Dahl schon wieder.

Ist sie jetzt Schriftstellerin?

"Ach", sagt sie. "Schwer zu sagen. Ich fange an zu schreiben. Und Modeln macht mir Spaß. Es ist wie Verkleiden, Dress-up-Spielen. Ich habe große Fotografen kennen gelernt, Künstler. Und man verdient eine Menge Geld dabei."

In ein paar Minuten sitzt sie draußen auf einer Fensterbank in der Mercer Street und steckt sich eine Zigarette an wie ein Mädchen auf dem Schulhof. Es ist ein kühler Aprilmorgen. Ein paar Tage später zieht Sophie Dahl nach Los Angeles zu ihrem Freund, wer immer das ist. In Kalifornien muss man zum Rauchen auch rausgehen, aber dort ist es draußen immer warm. Das Apartment in Soho behält sie, weil sie weiß, dass sie irgendwann zurückkommen wird. New York ist die Stadt, in der sie alt werden will, sagt sie.

Frauen wie Sophie Dahl kriegt Bloomberg sowieso nie.

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