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DER SPIEGEL 39/2003 vom 22.09.2003, Seite 220

Autor: Gerhard Spörl

KRIMIS

"Das Böse korrumpiert uns"

Der US-Bestsellerautor Scott Turow, 54, über die Faszination des Verbrechens, den Sinn der Todesstrafe und sein neues Werk "Das Gift der Gewissheit"

SPIEGEL: Mr. Turow, Sie sind nicht nur Schriftsteller, sondern auch Anwalt - und lassen gleich zu Beginn Ihres neuen Romans "Das Gift der Gewissheit" einen Pflichtverteidiger auf einen dreifachen Mörder treffen, der in 33 Tagen hingerichtet werden soll und seine Unschuld beteuert*. Haben Sie den Fall der Wirklichkeit entlehnt?

Turow: Ja, die Handlung beruht auf einem Fall, mit dem ich jahrelang befasst war. Der erste Satz des Romans, "Der Mandant beteuerte, wie die meisten Mandanten, er sei unschuldig", schien mir angemessen, weil ich zu Beginn meiner Karriere als Staatsanwalt gearbeitet habe und damals deren Motto "Alle sind schuldig" übernommen hatte. Für mich war es eine erhebliche Er-

nüchterung, als ich herausfand, wie oft die Justiz irrt, vor allem in Mordfällen.

SPIEGEL: Im Zusammenhang mit den Morden fällt im Roman der Satz: "Das Böse korrumpierte." Was soll uns das sagen?

Turow: Das Böse korrumpiert uns, weil es uns unmöglich ist, leidenschaftslos mit ihm umzugehen.

SPIEGEL: Ist es das Böse, das Sie so fasziniert an der Schlacht um die Wahrheit?

Turow: Mehr als Wahrheit interessiert mich Macht. Wer über Macht verfügt, der hat es in der Hand, seine Version der Wahrheit durchzusetzen. Ein Strafprozess ist im Grunde eine Übung in Geschichtsschreibung. Vor Gericht wird Geschichte - und Wahrheit - von jener Stimme geschrieben, der die Geschworenen glauben. Mich fasziniert bis heute, wie schwer es dem Rechtswesen fällt, die Wahrheit herauszufinden.

SPIEGEL: In Amerika heißt Ihr Buch "Reversible Error", zu Deutsch: Revisionsgrund - ursprünglich ein juristischer Begriff, aber es kann auch bedeuten: den Menschen zu vergeben. Sind Sie mit fortschreitendem Alter sentimental geworden?

Turow: Nein, aber ich glaube, dass Leben für uns alle ein Kampf ist, in dem wir uns bemühen, uns zu bessern - und uns zum Beispiel vornehmen: "Heute werde ich dem Hund keinen Tritt versetzen."

SPIEGEL: Das ist die Moral der Mittelschicht, würden Soziologen sagen. In welchem Milieu sind Sie selber aufgewachsen?

Turow: Mein Vater war Arzt. Meine Mutter, eine ehemalige Lehrerin, wollte, dass meine Schwester und ich es in die gehobene Mittelschicht schaffen, hinein in eine ethnisch ungebundene Welt - wir waren Juden. Sie nahm zu Recht an, dass Bildung einem zum sozialen Aufstieg verhilft. Ich ging in ein College im Osten. Dort schloss ich Freundschaften fürs Leben, mit Leuten, die heute Chefs von Anwaltskanzleien oder Fluglinien oder Ärzte sind.

SPIEGEL: Sie haben bisher sechs Romane geschrieben und weltweit 25 Millionen Bücher verkauft. "Aus Mangel an Beweisen" ist mit Harrison Ford verfilmt worden, Dustin Hoffman erwarb die Rechte für "Personal Injuries", aus "Gift der Gewissheit" macht CBS im Herbst einen TV-Zweiteiler. Warum arbeiten Sie dennoch weiter als Anwalt?

Turow: In diesem Sommer habe ich zum Beispiel Freunde vertreten, und diese Fälle erwiesen sich als komplizierter als erwartet. Ich habe als Anwalt mehr zu tun, als mir lieb ist. Scheint so, als hätte ich ein wenig die Kontrolle über mein Leben verloren.

SPIEGEL: Ihre Leser erfahren ziemlich viel über das US-Rechtssystem. Trotz aller Fehlurteile lassen Sie nie einen Zweifel daran, welche Achtung Sie vor dem Recht als Band der Gesellschaft haben. Ist das Ihre eigentliche Botschaft?

Turow: Der berühmte, sehr konservative Richter Richard Posner sagt, wenn Leute ihm vorwerfen, er wolle mit dem Recht die Welt verändern: "Das Recht ist ein flüchtiges Wesen." Für jeden Rechtsfall gibt es viele unterschiedliche Lösungen. Und im Lauf der Zeit werden fast alle ausprobiert. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich ein, dass Posners Weisheit stimmt.

SPIEGEL: Wie stehen Sie zur Todesstrafe?

Turow: Ich habe, wie Anwälte das so machen, ein pragmatisches Urteil gefällt: Was wir mit der Todesstrafe wollen, geht nicht. Ich weiß, dass viele Europäer die Todes-

strafe für unmoralisch halten - ich nicht. Ich verstehe die Rache-Impulse aus tiefem Zorn, die Amerikaner nach dem Tod für abscheuliche Verbrechen verlangen lässt. Aber ich kann nicht erkennen, was die Todesstrafe bewirkt: Sie kostet mehr, als es kosten würde, die Leute am Leben zu lassen. Sie schreckt niemanden ab. Sie kann nicht, wie wir es gern wollen, die moralische Ordnung wiederherstellen. Wozu nützt sie dann aber? Sie ist eine Farce. Deshalb ist mein Roman auch eine Liebesgeschichte im Umkreis der Todesstrafe. Denn nicht das Recht sorgt für menschliche Verbundenheit, sondern das, was zwischen Menschen vorgeht.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie sich in Ihrem nächsten Roman einen historischen Stoff vornehmen?

Turow: Ja, das Buch dreht sich um einen amerikanischen Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg vors Kriegsgericht gestellt wird. Der größte Teil der Handlung spielt auf dem europäischen Kontinent zwischen 1939 und 1945. Ich kam auf den Fall durch die Kriegserzählungen meines Vaters.

SPIEGEL: Stand er vor dem Kriegsgericht?

Turow: Nein, er war Militärarzt. In meiner Kindheit haben mich seine Erzählungen so beeindruckt, dass ich immer vorhatte, sie eines Tages in einem Buch zu verarbeiten. INTERVIEW: GERHARD SPÖRL

* Scott Turow: "Das Gift der Gewissheit". Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Blessing Verlag, München; 544 Seiten; 24,90 Euro. * Mit Harrison Ford, Greta Scacchi (1990).
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