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DER SPIEGEL 15/2004 vom 05.04.2004, Seite 120

Autor: Erich Follath

PAKISTAN

Die Meister des Dschihad

Armenhaus und Atommacht, Verbündeter der USA und Brutstätte islamistischer Gewalt: Pakistan ist ein Land der Gegensätze - und eine Gefahr für die Welt. Washington setzt auf Militärherrscher Musharraf, der radikale Mullahs hätschelt, aber CIA-Spezialeinheiten Bin Laden jagen lässt.

Verrat, sagen die amerikanischen Parlamentarier. Und die Mitglieder der Untersuchungskommission zum Terror gegen die USA sind auch davon überzeugt, den Verräter zu kennen: Der ehemalige pakistanische Geheimdienstchef Hamid Gul habe den Taliban-Führern im Juli 1999 zugesagt, ihnen bei jedem beabsichtigten amerikanischen Raketenangriff "drei bis vier Stunden Vorwarnung" zu geben, schreiben die Politiker in ihrem Bericht, der in diesen Tagen Washington erregt.

Peinlich, gerade jetzt, da so viel von der Achse Islamabad-Washington die Rede ist, von Pakistan, dem wichtigsten Alliierten im Anti-Terror-Kampf des George W. Bush.

Ist der Ex-Spionageboss den amerikanischen Verbündeten tatsächlich in den Rücken gefallen? Tut er das womöglich heute noch, in diesen Stunden, da Islamabads Elitesoldaten gemeinsam mit US-Militärberatern Osama Bin Laden und seine Qaida-Kampfgenossen im wild zerklüfteten Grenzgebiet zu Afghanistan jagen und dabei auf einen erstaunlich gut präparierten Gegner treffen?

Hat Gul zu verantworten, dass Bin-Laden-Vize Aiman al-Sawahiri womöglich im letzten Moment vor den Angreifern durch einen geheimen Tunnel flüchten konnte?

Ein luxuriöser Bungalow in Rawalpindi, Wembley-Rasen, geschmackvolle Rattanmöbel. Refugium der pakistanischen Reichen und Einflussreichen, Alterssitz des mit allen Ehren pensionierten Geheimdienstchefs und Generalleutnants Hamid Gul. Der Beschuldigte zuckt die Achseln: "Ach, die Amerikaner", sagt er, als erklärte das alles, und lässt Tee servieren.

Dann zeigt er voller Stolz die Souvenirs aus alten Zeiten. Den Gebetsteppich, den er von seinem damaligen saudi-arabischen Geheimdienstkollegen Prinz Turki Ibn al-Feisal ("ein großer Freund der Taliban und Bin Ladens") geschenkt bekommen hat; die Plakette vom Bundesnachrichtendienst, mit einem aus der Berliner Mauer herausgebrochenen Stein und der Inschrift: "Unserem respektierten Bündnispartner, der sich große Verdienste erworben hat".

Natürlich habe er Bin Laden gut kennen gelernt, diesen "bescheidenen und brillanten Kämpfer", erzählt der Islamisten-Sympathisant Gul. Und er sei Ehrengast der Taliban bei deren Regierungsfeier in Kabul gewesen. "Aber nicht ich habe die gemeinsame Linie verlassen, sondern die Amerikaner und die Europäer machten den Schwenk - einst waren sie doch alle für den heiligen Krieg, Dschihad gehörte zu ihren Lieblingsvokabeln. In den Achtzigern, als es gegen die Sowjets in Afghanistan ging, konnten sie nicht genug Waffen an die Mudschahidin liefern, und auch später mit den Taliban haben sie noch gedealt. Damals nutzten die USA meine Dienste, jetzt verleumden sie mich. Ich habe längst keine Exklusiv-Informationen mehr."

Das Telefon klingelt: eine Einladung zu einer exklusiven pakistanischen Konferenz über Geheimdienst- und Sicherheitsfragen. Gul will sich eine Zusage überlegen.

Nach seiner Meinung ist Pakistans Präsident Pervez Musharraf dabei, zum Lakaien George W. Bushs zu werden - und sich damit sein eigenes Grab zu schaufeln. "Amerikanische Soldaten, die auf unserem Territorium operieren, das wird unser stolzes Volk ihm nicht verzeihen." Und dann beugt sich Ex-Spionagechef Gul nach vorn, flüstert, nun ganz Verschwörungsfanatiker: "Einige CIA-Kollegen, US-Militärs und der israelische Mossad müssen in das Attentat auf die Twin Towers eingeweiht gewesen sein." Warum wären sonst so lange keine Abfangjets aufgestiegen?

Willkommen in Pakistan, dem Reich der Schizophrenie und schroffen Gegensätze: Armenhaus (mit rund 54 Pro-

zent Analphabeten) und Atommacht (mit bis zu 50 Nuklearsprengköpfen); Heimat eines der besten Teams im Kolonialsport Cricket wie im urzeitlichen Reiterspiel Buskaschi, dessen Spielwerkzeug ein kopfloses Kalb ist. Bush-Land und gleichzeitig Bin-Laden-Land: enger Verbündeter der USA, aber auch Brutstätte islamistischen Terrors.

Dies ist der einzige Staat der Welt, der seine Existenz - bei der blutigen Teilung des Subkontinents 1947 in ein hinduistisch geprägtes Indien und ein muslimisches "Land der Reinen" - dem Islam verdankt. Mit seiner Gründung wurde dieses Pakistan ins Zentrum der Weltpolitik hineinkatapultiert; drei Kriege mit Indien folgten. Spätestens nach dem 11. September 2001 sowie dem dramatischen Kurswechsel Richtung Westen ist Pakistan wieder in den Mittelpunkt gerückt, vom Terror zerrissen, von einem Atomkrieg mit dem Nachbarn wie vom Auseinanderbrechen bedroht.

Den "gefährlichsten Staat der Welt" nennt die Schweizer Wochenzeitung "Die Weltwoche" Pakistan; den "bedrohlichsten für die Zukunft der USA" der CIA-Berater Robert Gallucci. 540 der 620 derzeit im US-Stützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba festgehaltenen Terrorverdächtigen hat man auf pakistanischem Boden verhaftet.

Dreimal allein im letzten Vierteljahr machte Islamabad weltweit Schlagzeilen, ein Ereignis Besorgnis erregender als das andere. Im Dezember wurden auf den Präsidenten Musharraf, 60, im Abstand von zwölf Tagen zwei Mordanschläge verübt, die er nur um Haaresbreite überlebte und die offensichtlich von einem Mann aus seinem innersten Kreis vorbereitet worden waren. Im Februar leistete der Atomwissenschaftler Abdul Qadir Khan auf internationalen Druck hin einen Offenbarungseid. Er gab zu, über Jahre hochgeheimes wie hochgefährliches nukleares Know-how an Nordkorea, Libyen und Iran weitergegeben zu haben - angeblich auf eigene Faust, ohne Wissen von Militärs und Politikern; schon am Tag nach seinem Eingeständnis begnadigte der Präsident den Sünder, nannte ihn "seinen Helden".

Washington akzeptierte die Farce, US-Außenminister Colin Powell machte Musharraf bei seinem Besuch in Islamabad Mitte März sogar noch ein besonderes Geschenk: Pakistan wurde zu einem privilegierten "Nicht-Nato-Alliierten" aufgewertet, ein Status, den so traditionelle US-Freunde wie etwa Israel, Südkorea und Japan genießen - nicht aber Islamabads langjähriger Erzfeind Indien. Er berechtigt zum Einkauf modernster US-Waffen, geliefert zu Vorzugspreisen. Musharraf schlug freudig ein: Faustischer Pakt Nummer eins.

Im Gegenzug gab Musharraf den Amerikanern offensichtlich freie Hand beim Terrorkampf. Militärberater aus Washington und die Spezialeinheit 121, die schon Saddam Hussein mit aufgespürt hat, sind bei der gegenwärtigen Operation entscheidend beteiligt. Sie fordert allerdings auch viele zivile Opfer. Voller Stolz sprechen US-Politiker von ihrer neuen "Hammerund-Amboss-Taktik" auf beiden Seiten der Grenze: Sie wollen mit Hilfe der Musharraf-Armee und regionaler Stammeskrieger die Qaida-Kämpfer über die Bergpässe Pakistans in die afghanische Falle locken.

So viel versprechend scheint Washington der Plan, dass die US-Regierung den im Oktober 1999 durch einen Militärputsch an die Macht gekommenen Musharraf wie ein rohes Ei behandelt und ihn sogar für seine "Demokratisierungsschritte" lobt.

"Welche denn, bitte?", fragt in Islamabad die Sozialwissenschaftlerin Samina Ahmed von der International Crisis Group.

"Keinem anderen Verbündeten würde George W. Bush so viel Undemokratie durchgehen lassen", sagt die resolute Dame. Und zählt dann auf: massive Wahlfälschung beim Referendum über General Musharrafs Verlängerung seines Präsidentenmandats wie bei den Parlamentswahlen; das Blasphemiegesetz, das religiöser Willkür Tür und Tor öffnet; die "Hudud"-Verordnung, nach der eine weibliche Aussage vor Gericht auch bei einem Sexualdelikt nur den Bruchteil einer männlichen zählt (weshalb 88 Prozent der inhaftierten Frauen in Pakistan wegen "Unzucht" einsitzen, obwohl sie nach Recherchen unabhängiger Anwälte fast alle missbraucht wurden).

Musharraf gilt als wenig religiös. Er schätzt seinen abendlichen Whisky, plädiert für einen toleranten Islam und outet sich beim SPIEGEL-Gespräch im April 2002 als Bewunderer des laizistischen Erneuerers Atatürk. Er hat im umstrittenen Kaschmir vorsichtige Entspannungsschritte gegenüber Indien eingeleitet. Aber das hat ihn nicht gehindert, aus machtpolitischem Kalkül sein wichtigstes Versprechen zu brechen: den selbst proklamierten "Dschihad gegen den Extremismus".

Kaum eine der radikalen Koranschulen im Land wurde registriert. Nach wie vor müssen die Medressen, die mehr als 1,5 Millionen junge Männer ausbilden, keine Lehrpläne vorlegen. Gewalt predigende Extremisten-Organisationen arbeiten nach dem Verbot unter neuem Namen weiter, keinem ihrer Führer wurde der Prozess gemacht. Der Extremist Azam Tariq durfte trotz 20 anhängiger Terrorverfahren für einen Sitz im Parlament kandidieren - und unterstützte nach seiner Wahl die Musharraf-Regierung.

Der General sperrt mit Benazir Bhutto und Nawaz Sharif weiterhin die ins Exil gedrängten Spitzenpolitiker der säkularen Oppositionsparteien aus. Er machte im vergangenen Dezember einen dubiosen Deal mit der oppositionellen Muttahida Majlis-i-Amal (MMA), dem Bündnis von sechs islamistischen Parteien. Die MMA sagte zu, Musharraf bis zum Jahr 2007 als Präsidenten zu akzeptieren, wenn er bis Ende 2004 als Armeechef zurücktritt: Faustischer Pakt Nummer zwei.

Doch die Anbiederung bei den Ultras dürfte dem General nicht bekommen - jedenfalls dann nicht, wenn die Medresse Jamia Darul Uloom Haqqania ("Wahrheit und Wirklichkeit") in der Stadt Akora Khattak zum Lehrbeispiel der religiösen Schulen im ganzen Land wird.

Schon am Eingang wird klar, worum es hier geht: Poster zeigen den Institutsleiter Sami ul-Haq, 66, mit dem Koran in der einen und der Kalaschnikow in der anderen Hand vor Hunderten seiner Anhänger. Der Mann mit dem religiösen Titel eines Maulana gilt als parlamentarischer Anführer der radikalsten Fraktion innerhalb der MMA und als Förderer der Qaida wie der Taliban - acht ehemalige Minister erfuhren hier ihre religiöse, womöglich auch militärische Ausbildung. Mullah Omar sandte jahrelang Grußbotschaften an dieses West Point der Islamistenbewegung, Bin Laden soll seine arabischen Gefolgsleute bevorzugt hierher geschickt haben.

Als Senator des pakistanischen Oberhauses steht Sami ul-Haq ein großer Dienst-Toyota zu. Aber meist fährt er einen brandneuen Turbo-Geländewagen, das Geschenk saudi-arabischer Glaubensgenossen. Der Maulana verspätet sich, Sami ul-Haqs Neffe bittet schon einmal ins Haus zu Gebäck und Orangen. Einer der letzten westlichen Besucher in dem schlichten Besucherzimmer, ausgestattet nur mit Kissen, war vor gut zwei Jahren der amerikanische "Wall Street Journal"-Reporter Daniel Pearl. Dass seine Entführung und Ermordung kurze Zeit danach etwas mit dem Aufenthalt in der "Universität des Dschihad" zu tun hatte, gehört ins Reich der Spekulationen.

Dann kommt Sami ul-Haq: ein stattlicher Mann mit langem schwarzem Bart, randloser Brille und einer überraschend sanften Stimme. Sein Vater habe 1947 die Medresse gegründet, erzählt er, fast 3000 Studenten lebten derzeit auf dem Campus und studierten hier den Koran, die jüngsten fünf Jahre alt. Die Schule finanziert sich nach Aussagen ihres obersten Lehrers nur aus Spenden, darunter sind auch Computer, die "aus verschiedenen Quellen angeliefert werden". Staatliche Zuschüsse habe man ausdrücklich abgelehnt, weil man unabhängig bleiben wolle.

Ob er Terror predige? Bei dieser Frage verzieht sich Sami ul-Haqs strenger Mund zu einem süffisanten Lächeln. "Da müssten wir erst mal Terror definieren. Die Taliban und al-Qaida kämpfen gegen die amerikanische Unterdrückung. Ihre Wege mögen nicht immer unsere Wege sein, aber sie haben das Recht dazu. Bush sollte sich einmal fragen, was junge Menschen dazu bringt, ihr Heiligstes zu opfern, ihr Leben."

Senator Sami ul-Haq hat als Mitglied der MMA der Politik eine Chance gegeben, jetzt glaubt er nicht mehr an den Parlamentarismus. "Musharraf hat mit seinem Kampf an der Seite der Amerikaner jede Gemeinsamkeit aufgekündigt", sagt der Manager des heiligen Krieges zum Abschied. Es klingt, als sei das Schicksal des Präsidenten schon besiegelt.

Die Koranschule liegt nur eine Autostunde von Peschawar entfernt, der Hauptstadt der North West Frontier Province. Die NWFP ist Pakistans Wilder Westen, ein gebirgiges, unzugängliches Land, wie die gegenüberliegenden afghanischen Provinzen Kunar, Nangarhar, Paktia und Khost fast ausschließlich von Paschtunen bewohnt. Weder den Truppen Alexanders des Großen noch den Großmoguln oder den britischen Kolonialherren gelang es, die ebenso stolzen wie eigenwilligen Kämpfer auf Dauer zu zähmen oder gar zu unterjochen. Ihrer grausamen Blutrache untereinander beim Streit um "Zar, Zan und Zamin" ("Gold, Frauen und Land") steht ein Ehrenkodex gegenüber, der Gästen unbedingten Schutz gewährt. Und fast jeder Mann trägt eine Waffe, mit einer Selbstverständlichkeit, als fühlte er sich ohne sie kastriert.

Peschawar, letzte große Station vor dem legendären Khyber-Pass, war immer eine wilde Frontstadt voller Waffenverkäufer und Opiumdealer, Nachrichtenhändler und Spione, die sich am Qissa Khawani trafen, dem Basar der Geschichtenerzähler. Ganz in der Nähe der traditionellen Märchenstunde gab am Montag vergangener Woche auch der Sprecher des pakistanischen Militärs eine Erklärung ab. Bei den groß angelegten Vorstößen der Armee in die weitgehend autonomen Stammesregionen von Süd-Waziristan nahe Wana habe man zwar bei heftiger Gegenwehr ausländischer Kämpfer - und zugegebenermaßen auch der heimischen Stämme - etwa 50 Soldaten verloren, aber bedeutende Erfolge errungen: 163 Militante, darunter 73 Ausländer, seien festgenommen worden, "der Qaida-Geheimdienstchef Mister Abdullah wurde getötet".

Und was ist mit der Ergreifung der wirklich "hochrangigen Ziele", von denen die pakistanische Armeeführung gesprochen hat, allen voran Aiman al-Sawahiri?

Dass Bin Ladens Vize tatsächlich unter den etwa 500 Eingekesselten war, gilt nicht mehr als vollständig gesichert. Kurz nach seiner vermeintlichen Belagerung sendete vorvergangene Woche der TV-Sender al-Dschasira eine Tonbandnachricht. Darin erklärte Sawahiri es zur Pflicht aller pakistanischen Muslime, Musharraf zu stürzen. Und auch die angebliche Nummer zehn der Qaida, der usbekische Extremist Tahir Juldaschew, scheint trotz angeblicher Verletzungen den Jägern entkommen zu sein; vermutlich in Sicherheit gebracht durch das Labyrinth der Bergtunnel - wenn er denn überhaupt in der Region war.

"Was unsere Freunde so als Erfolg verkaufen, beispielsweise einen Mister Abdullah, den keiner kennt", sagt am Abend in Peschawar kopfschüttelnd ein angetrunkener Amerikaner im Ausländer-Club. Seit die Islamisten von der MMA im Provinzparlament regieren, mussten selbst die Hotels ihre den Nicht-Muslimen vorbehaltenen Bars dichtmachen; der Club ist der einzige Platz in der Stadt, wo Alkohol serviert wird. Außerdem sind die Musik-CDs vom Markt verschwunden, die "unislamischen" Filmplakate mit indischen Schönheiten, alle "sexuell aufreizenden" Schaufensterpuppen. Dafür gibt es Bin-Laden-Bonbons, Bin-Laden-Poster und Bin-Laden-Telefonkarten.

"So eine militärische Pleite", fährt der Gast im Club fort. "Und das bei all unserer logistischen Hilfe mit Satelliten und neuerdings auch noch mit Manpower ..." Dann verstummt der Mann. Er hat, wie er an den vorwurfsvollen Blicken merkt, ohnehin schon zu viel gesagt.

Die Amerikaner im pakistanischen Grenzgebiet sollen sich auf Washingtons und Islamabads dringenden Wunsch unsichtbar machen. Jeder US-Militär, der im - für Journalisten ohnehin abgesperrten - Kampfgebiet gesichtet wird, könnte für Musharraf zum Problem werden, zum Aufstand führen. Unvorsichtigerweise sprach ausgerechnet der US-Botschafter in Kabul davon, "einige der wichtigsten Qaida-Leute" seien inzwischen auf der pakistanischen Seite der Grenze, man müsse sie dort jagen - was ein wütendes Dementi aus Islamabad nach sich zog.

Die US-Militärberater haben sich in ihre Kommandozentralen zurückgezogen, aufgebaut in der Nähe der von ihnen genutzten Flugfelder Mianwali und Kohat. Glaubt man Geheimdienstberichten, soll sich seit einigen Tagen in Kohat, 90 Kilometer südlich von Peschawar, auch der neue Gegenspieler Nummer eins von Osama Bin Laden aufhalten: US-Konteradmiral William McRaven, Chef der Task Force 121.

Die klandestine Sondereinheit umfasst Geheimdienstler von der Paschtu sprechenden Abteilung der CIA, militärische Haudegen von der Army-Delta Force und schlagkräftige Fachleute der Luftwaffe und der Marine. Sie soll "schnell wie der Blitz" reagieren können, wenn die Aufklärung Bin Laden mit einer der unbemannten "Predator"-("Raubtier"-)Drohnen ortet. Ähnlich wie schon beim erfolgreichen Zugriff auf Saddam Hussein legt die US-Sondertruppe aber auch besonderen Wert auf "humint", auf die von Verbindungsleuten vor Ort gesammelten "menschlichen" Nachrichten.

Jedes Auftauchen eines Qaida-Führungsmitglieds wird auf einer Karte eingetragen, jede Verwandtschaftsbeziehung. Viele der "arabischen Afghanen" um Osama Bin Laden halten sich schon seit mehr als zwei Jahrzehnten im Paschtunengebiet auf und haben in den Dörfern geheiratet. Pakistanische Militärs verhaften derzeit auf amerikanischen Wunsch gezielt auch Frauen, um mehr über die Qaida-Führungskader und deren Aufenthalt zu erfahren. Sie locken mit Geld (auf Bin Laden sind 50 Millionen Dollar, auf Sawahiri 25 Millionen Dollar ausgesetzt) und neuen Waffen, mit Schulen und Straßen.

Kommandochef McRaven gilt in Washington als Wunderknabe. Er schrieb ein Buch über Spezialeinheiten und war nach 2001 einer der wichtigsten Anti-Terror-Berater im Weißen Haus. "Wenn einer clever genug ist, Bin Laden zu fangen, dann McRaven mit seinem Trupp", sagte General Wayne Downing dem US-Magazin "Newsweek", das einen früheren Kommandeur mit dem Satz zitiert, McRaven sei auch physisch extrem fit. Er könne "binnen einer Nanosekunde ein Messer durch die Rippen eines Feindes jagen".

Aber lässt sich in Waziristan ein Spinnennetz aufbauen wie im Irak, in dem sich der Meistgesuchte schließlich verfängt? Ist Bin Laden hier nicht weit populärer als Saddam in seinem Zielgebiet - und das Terrain mit seinen Bergpässen und Höhlen ungleich schwieriger?

Letzte Meldung, unbestätigt: Bin Laden wurde nahe dem pakistanischen Grenzdorf Arnawai gesehen, beim Übertritt in die afghanische Kunar-Provinz. Taliban-Chef Mullah Omar wurde bei einem US-Bombenangriff verletzt, leicht, mittelschwer, lebensbedrohlich, je nach Quelle; "Shabnamah"-Zettel sind aufgetaucht, Briefe mit seinen persönlichen Anweisungen, die Boten nachts erst jüngst in die Grenzregion gebracht haben sollen. Sind sie echt? Wenn ja: Ist eine Festnahme womöglich finanzielle Verhandlungssache?

"Man kann Paschtunen nicht kaufen", heißt es. In ihrer Kommandozentrale sollen McRaven und Co. den Spruch ergänzt haben: "Aber manchmal kann man sie mieten." ERICH FOLLATH

* In einem am 10. September 2003 vom arabischen TV-Sender al-Dschasira ausgestrahlten Video. * Am 23. Juni 2003 in Camp David, mit US-Präsident George W. Bush, Sehba Musharraf und Laura Bush.
DER SPIEGEL 15/2004
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