SPIEGEL: Herr Lebert, 1969 schrieb die "Brigitte" auf ihrer Titelseite: "Problem: Mein Mann liebt zwei Frauen". In einem neuen Sonderheft der "Brigitte", das kurz vor dem nun anstehenden 50. Jubiläum erschien, gibt es die Schlagzeile "Zwei Männer lieben - geht das überhaupt?" Ist dies das Ergebnis von 35 Jahren Feminismus?
Lebert: Das Thema "Zwei Männer lieben" hätte man auch damals schon machen können. Aber die Problematik "Mein Mann liebt zwei Frauen" müsste man heute anders umsetzen. Etwa: "Mein Mann betrügt mich. Soll ich gehen oder bleiben?" Die Fragestellung aus den Sechzigern ist zu männerfixiert. Heute würde die Position der Frau im Mittelpunkt stehen. Das hat sich geändert in den vergangenen Jahrzehnten.
SPIEGEL: Sind Frauen heute egoistischer? Als die "Brigitte" zum ersten Mal erschien, war ihre Zielgruppe die Frau, "die ihrem Ehemann Geliebte und Mutter zugleich ist".
Lebert: Das ist eine zeittypische Definition. Die Frau von heute orientiert sich nicht mehr nur an einer Sache, nicht nur an ihrem Mann, nicht nur an ihren Kindern, nicht nur an ihrer Karriere, sondern sie sucht die Erfüllung in vielen Bereichen gleichzeitig. Früher hatten Ehe und Partnerschaft im Leben einer Frau noch einen ganz anderen Stellenwert. Bis Ende der fünfziger Jahre konnte der Mann den Job seiner Frau kündigen - gegen ihren Willen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, dabei ist es gar nicht so lange her.
SPIEGEL: Die Themen, für die Frauen sich interessieren, scheinen sich aber wenig verändert zu haben. In der aktuellen Ausgabe der "Brigitte" geht es um Migräne, Eifersucht und die Spargelzeit. Das waren auch schon vor 40 Jahren die Themen der Frauenzeitschriften.
Lebert: Obwohl in den vergangenen fünf Jahrzehnten viel geschehen ist, sind wir alle süchtig nach den Refrains des Lebens: Die Kinder werden groß, man verliebt sich und entliebt sich, Sommermode und Adventszeit. Das ist, als wenn wir einen guten alten Freund träfen - wir freuen uns, weil wir sein Gesicht genau kennen. Und die "Brigitte" ist eine Spezialistin für diese Refrains des Lebens.
SPIEGEL: Das bedeutet, die "Brigitte" liefert ihren Leserinnen die Refrains des Lebens?
Lebert: Nein, sie greift diese Refrains auf. Das gilt im Übrigen auch für politische Magazine. Ich könnte mir da viele Titelzeilen rausgreifen, bei denen es schwierig wäre zu bestimmen, von wann die sind. Die Mechanismen bleiben, es wechseln nur die Protagonisten und die Art, die Dinge zu betrachten.
SPIEGEL: Wollen Sie wirklich behaupten, dass die Interessen der "Brigitte"-Leserin sich zwischen 1954 und 2004 so wenig verändert haben?
Lebert: Natürlich sind Frauen heute besser ausgebildet, heute sind 66 Prozent der Frauen berufstätig, damals waren es 33 Prozent, sie sind selbständiger geworden. Und Männer füllen beispielsweise ihre Rolle als Väter ganz anders aus. Aber trotzdem wird ein gutes Männermagazin sich mit Autos beschäftigen, weil Männer Freude an Autos haben. Und in Frauenzeitschriften geht es um Mode, Kosmetik und Küche, weil Frauen daran Freude haben. Ich glaube nicht, dass man die Erfolge der Frauenbewegung unterwandert, wenn man Spaß daran hat, ein Drei-Gänge-Menü zuzubereiten. Man kann sich durchaus über ein neues Kleid freuen und sich Sorgen über die Entwicklung im Irak machen.
SPIEGEL: Diese Widersprüche wurden in den siebziger Jahren kritischer gesehen.
Lebert: Interessant ist, dass Männer auf solche Widersprüche nie hingewiesen werden. Darauf legt man nur die Frauen fest. In der Hochzeit des lautstarken Feminismus
waren hohe Absätze sofort ein verhängnisvolles politisches Signal. Und wenn eine Frau für ihren Mann kochte, hieß es, sie bediene ihn und stehe der Frauenbefreiung im Weg. Davon sind die Frauen heute weg, sie können mit diesen scheinbaren Widersprüchen mühelos umgehen.
SPIEGEL: Ist das nicht eine sehr lässige Ausrede dafür, dass die "Brigitte" unpolitischer geworden ist?
Lebert: Das bestreite ich. Aber Anfang der achtziger Jahre begann in Deutschland die Kohl-Ära, und das war eine furchtbar unpolitische Zeit. Größere politische Debatten haben nicht stattgefunden, darunter haben auch andere Zeitschriften gelitten. Die Neunziger waren dann das Jahrzehnt der Ironie. Inzwischen hat sich das geändert, und "Brigitte" macht auch viel mehr politische Themen.
SPIEGEL: Aber nicht so wie zur Bundestagswahl 1976, als die "Brigitte" die Aktion "Wählt Frauen!" startete und dafür zehn Millionen Aufkleber drucken ließ?
Lebert: Wenn wir heute die Aktion "Wählt Frauen!" wiederholen würden, dann könnten wir die auch gleich "Wählt Angela Merkel!" nennen. Politik als zugespitzte Aktion ins Heft zu bringen ist sehr viel schwieriger geworden. Früher hieß es: Frauen raus aus der Küche, rein in den Beruf. Nehmen Sie die Kopftuchdiskussion: Früher hätte die "Brigitte" gesagt, Kopftücher seien ein Symbol für die Unterdrückung der Frau. Heute müssen Sie das differenzierter tun - sonst bekommen Sie Beifall von jenen, die den Islam hassen.
SPIEGEL: Auch die Biografien der Frauen sind komplizierter geworden und verlaufen nicht mehr einheitlich. Manche 44-Jährige hat eine erwachsene Tochter, manche gar kein Kind, die andere ist, wie Miranda aus "Sex and the City", eine Spätgebärende. Wie reagiert eine Frauenzeitschrift darauf?
Lebert: Wir machen ein Blatt für die erwachsene Seite der Frau, egal, ob sie 18 oder 44 Jahre alt ist, egal, ob sie auf dem Land oder in der Großstadt lebt. Unsere Stärke ist die Realität und nicht der Traum. Träume liefern andere Magazine.
SPIEGEL: Woher kennen Sie die erwachsene Seite der Frau?
Lebert: Das Einzigartige der "Brigitte" liegt in der Beziehung zu ihren Leserinnen. Wir bekommen bis zu 500 Anrufe, E-Mails und Briefe am Tag, Zuschriften mit intimen, ehrlichen Lebensbeichten, die das Gefühl von Verantwortung in einem wecken. Dieser Leser-Blatt-Dialog ist ein enormes Sensorium für Geschichten, dafür, wo wir richtig und wo wir falsch liegen.
SPIEGEL: Ist die "Brigitte" Ihrer Ansicht nach ein Spiegelbild der deutschen Frau?
Lebert: Ja, deshalb könnte man auch niemals eine französische oder italienische "Brigitte" auf den Markt bringen.
SPIEGEL: Ein wenig kurios ist ja schon, dass die Zeitschrift ausgerechnet von einem männlichen Chefredakteur geleitet wird. Sind Sie ein Mann mit ausgeprägten weiblichen Seiten?
Lebert: Glauben Sie mir: Ich bin gern ein Mann. Aber darauf kommt es gar nicht an. Tatsächlich muss man sich entscheiden, ob man eine Zeitschrift für Frauen oder für Männer macht, alles andere funktioniert nicht. Es gibt einfach Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Gott sei Dank. Frauen sind neugieriger und vielseitiger interessiert als Männer. Ohne sie gäbe es keinen Buchmarkt, und es gäbe auch keinen Zeitschriftenmarkt. Außerdem sind Frauen die Kompetenteren in Gefühlsdingen.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Lebert: Frauen beklagen nicht umsonst, dass Männer wenig über Gefühle reden. Ich glaube, dass sie eben oft keine haben. Die Vermutung, hinter ihrem Schweigen verberge sich sehr viel Gefühl, ist leider falsch. Ich habe gelesen, dass 60 Prozent der deutschen Manager nur eine einzige Zeitschrift konsumieren: die "ADAC-Motorwelt". Frauen dagegen geben 1,2 Milliarden Euro für Frauenmagazine aus. Das ist richtig viel Geld.
SPIEGEL: Finden Sie die vielen gefühlskompetenten Frauen in der "Brigitte"-Redaktion nicht auch manchmal anstrengend?
Lebert: Ich finde das Klima hier sehr angenehm. Die Zusammenarbeit ist frei von Gockelgehabe, und das spart sehr viel Zeit.
SPIEGEL: Die erste Mitarbeiterin der "Brigitte", mit der Sie zu tun hatten, war Ihre Mutter Ursula Lebert. Wie hat Sie das geprägt?
Lebert: Ich bin groß geworden mit einer bis auf die Knochen emanzipierten Mutter, die das aber nicht als Kampfthema vor sich her trug. Natürlich hat das mein Frauenbild geprägt. Für mich war es immer selbstverständlich, dass eine Frau arbeitet. Ich habe als Junge meine Mutter am Telefon verleugnet und behauptet, der Text sei schon abgeschickt, während sie noch verzweifelt daran schrieb. Man musste mir erklären, was Feminismus ist, ich hielt Gleichberechtigung für normal. INTERVIEW: CLAUDIA VOIGT,
MARIANNE WELLERSHOFF
Andreas Lebert
ist seit 2002 Chefredakteur von "Brigitte". Das Magazin erschien zum ersten Mal im Mai 1954 und ist heute mit einer Auflage von über 800 000 Exemplaren Deutschlands größte 14-täglich erscheinende Frauenzeitschrift. Lebert, 48, arbeitete von 1986 bis 1989 als Ressortleiter bei der "Brigitte". Er entwickelte das Magazin der "SZ", das er bis 1996 leitete, und die inzwischen eingestellte Jugendbeilage "Jetzt". Außerdem konzipierte er die "Leben"-Seiten der Wochenzeitung "Die Zeit". Lebert ist Sohn der "Brigitte"-Autoren Ursula und Norbert Lebert und Vater des erfolgreichen Jungschriftstellers Benjamin Lebert.