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DER SPIEGEL 28/2004 vom 05.07.2004, Seite 54

Autor: Hauke Goos

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Die Nacht der Gier

Wie ein englisches Dorf die örtliche Bank plünderte

Vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn Reverend John Hopkins an jenem Mittwochabend nicht so müde gewesen wäre. Der 64-Jährige ist Priester an St. Mary, der anglikanisch-katholischen Kirche von Wooler, einem idyllischen Städtchen im Nordosten Englands. Es ist seine Gemeinde; er hätte ein Signal geben können, ein Zeichen zur Umkehr.

Aber leider war Hopkins an jenem Abend früh ins Bett gegangen, und so gab es niemanden mehr, der sich der Versuchung entgegenstellte. Es war eine Art Prüfung. Man muss leider sagen, dass das Dorf diese Prüfung nicht bestanden hat.

Alles begann damit, dass einem Mann gegen neun Uhr abends das Bargeld ausging. Im Zentrum von Wooler war kaum noch etwas los, die Barclays Bank in der High Street, gleich neben Hamish Dunns Antiquitätenladen, hatte längst geschlossen. Zum Glück gibt es draußen einen Geldautomaten.

Er steht in einer Mauernische schräg gegenüber vom "Angel Inn", einem der drei Pubs des Ortes. Kurz nach neun rief der Mann einen der Gäste auf dem Handy an, offenbar einen Kumpel: Der Bankautomat werfe das Doppelte von dem aus, was man haben wolle, wer 100 Pfund verlange, erhalte 200 Pfund.

Vermutlich hatte die Firma, die den Automaten bestückt, die Kassette für die 10-Pfund-Noten versehentlich mit 20-Pfund-Noten gefüllt. Schnell waren Freunde benachrichtigt, jeder kannte jemanden, mit dem er das Glück teilen wollte. Bald kamen Leute von überall her.

Die ganze Nacht hindurch schoben sie ihre Karten in den Schlitz, American Express, Visa, Maestro oder Cirrus; ganz Pfiffige kamen nach Mitternacht noch einmal wieder, um ein zweites Mal ihr Tageslimit von 200 Pfund auszuschöpfen. Für Barclays sei das doch nur ein Taschengeld, sagte einer später - "und außerdem rauben uns die Banken doch aus, wo sie können".

Gegen Morgen, heißt es, war der Automat endlich leer - schätzungsweise 65 000 Pfund weg, fast 100 000 Euro, verteilt auf ein paar Glückliche, die mit der Sorge ins Bett gingen, Barclays könnte das Geld zurückfordern, schließlich weiß jede Bank genau, wer sich an ihren Automaten Geld auszahlen lässt.

Doch Barclays forderte nichts. Es sei zwar bekannt, wer in jener Nacht Geld abgehoben hat, aber es sei unklar, wer zu viel bekommen habe, sagte ein Barclays-Sprecher. Die Glücklichen dürften deshalb das Geld behalten. Das war das eigentliche Wunder von Wooler.

Es teilte die Einwohner des Ortes in zwei Parteien: Jene, die in dieser Nacht am Automaten waren, und jene, die gern dort gewesen wären. Legenden entstanden. Einige hätten "Tausende" gemacht in jener Nacht, flüsterte man. Eine Frau habe sich per Taxi zu dem Geldautomaten chauffieren lassen, im Nachthemd, mit Lockenwicklern im Haar; die Schlange vor dem Geldautomaten sei "fast so lang wie die gesamte Hauptstraße" gewesen. Und ausgerechnet die Besitzerin des "Angel Inn" habe an dem allgemeinen Glück nicht teilhaben können, weil sie sich, als es darauf ankam, nicht an ihre PIN erinnern konnte.

Reverend John Hopkins, der das Wunder verschlafen hatte, erfuhr am nächsten Morgen von dem Geldsegen, als er nach einem Spaziergang im Pub einkehrte. Hopkins ist 20 Jahre auf Tankern zur See gefahren, er trägt Jeans und T-Shirt, oben links fehlt ihm ein Schneidezahn; sie haben Respekt vor ihm, weil er studiert hat, und sie mögen ihn, weil er ein anständiges Bier zu schätzen weiß. "Die Geschichte mit dem Geldautomaten ist Diebstahl", sagt er, "unredlich, unmoralisch."

"Du sollst nicht stehlen, so lautet das siebte Gebot", ruft Hopkins. Die Männer, die mit ihm am Tresen stehen, verziehen sich nach hinten. "Gilt Gottes Gebot etwa nicht mehr, wenn eine große Bank die Geschädigte ist?"

"Offenbar gibt es hier unterschiedliche Vorstellungen von Gemeinschaft", sagt Hopkins. Die Frauen, die in der Barclays-Filiale arbeiten, kommen alle aus Wooler: Hilary, die Filialleiterin, Sylvia und Trisha, die beiden Kassiererinnen. Wie kann jemand nachts den Automaten leeren und am nächsten Tag Geld einzahlen, als wäre nichts geschehen?

Drei Kirchen gibt es in Wooler, alle drei sind am Sonntag gut besucht. Früher haben sie hier nachts die Haustüren offen gelassen, nie wurde etwas gestohlen. Dann, Ende der siebziger Jahre, kam Margaret Thatcher. "Plötzlich hieß es: Mach, was du willst, aber lass dich nicht dabei erwischen", sagt Hopkins. "Gier war auf einmal gut." Also: Maggie Thatcher ist schuld. Alles klar. In jener Mittwochnacht, so die kirchliche Sicht der Dinge, ist das moderne England nach Wooler gekommen.

Seit ein paar die Bank geplündert haben, schweigen alle im Dorf - die einen aus Neid, die anderen aus Scham. Niemand war in jener Nacht am Automaten, niemand kennt jemanden, der sich bedient hat. Etwas hat sich verändert.

Eine Geschichte gibt es, die in Wooler erzählt wird: Drei von denen, die sich am Automaten bedient haben, seien am nächsten Morgen zu Hilary Dunn gegangen, der Filialleiterin, heißt es. Sie hätten das Geld, das sie zu viel erhalten hatten, zurückgebracht.

Es ist ein nur Gerücht. Reverend Hopkins wünscht sich sehr, dass es wahr ist. HAUKE GOOS

DER SPIEGEL 28/2004
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