Am 22. April explodierten in der Stadt Ryongchon zwei mit Chemikalien beladene Eisenbahnzüge. Obwohl 169 Menschen, darunter viele Kinder aus einer nahen Schule, sterben oder grausam entstellt werden, taucht kein Funktionär auf, um Verletzte und Hinterbliebene zu trösten. Staatschef Kim Jong Il lässt sich nicht einmal zu einem Beileidstelegramm herab.
Die amtliche Nachrichtenagentur quält sich gerade mal ein paar Zeilen über die Katastrophe ab. Stattdessen feiert das Militär in der Hauptstadt mit "fröhlichen Tänzen" (so die Propaganda) den 72. Gründungstag der Armee und den "Lieben Führer" Kim.
Kein Mitleid, kein Erbarmen für das leidende Volk. Das Regime zeigt sein wahres Gesicht - wieder einmal. Wenige Stunden vor der Tragödie ist Kim von einem China-Besuch mit seinem Sonderzug durch den Bahnhof von Ryongchon gerollt. Handelte es sich womöglich gar nicht um ein Unglück, sondern haben Regimegegner versucht, den Diktator samt Begleitung in die Luft zu sprengen?
Die Welt hatte bislang den Eindruck, die Nordkoreaner seien - von Informationen abgeschottet, durch Hunger geschwächt und durch ein perfektes Überwachungssystem tyrannisiert - nicht in der Lage, sich aufzulehnen. Waren sie nach Jahrzehnten des Personenkults 1994 nicht in eine kollektive Hysterie verfallen, als der Vater Kims, der Staatsgründer und "Große Führer" Kim Il Sung, starb?
Doch die Bevölkerung des 22,4-Millionen-Einwohner-Staats ist nicht so willfährig, wie es nach außen hin den Anschein hat. Vor allem in den bitteren Zeiten Mitte der neunziger Jahre, als das Regime bis zu drei Millionen Menschen an Mangelernährung und Schwäche sterben ließ, loderten immer wieder Proteste gegen den bizarren Herrscher auf, der gern mit aufgeföhntem Haar und phantasievoller Uniformkluft seine ausgelaugten Bürger in so genannten Spontanlektionen belehrt.
Slogans gegen den Diktator ("Nieder mit Kim Jong Il") erschienen auf Eisenbahnwaggons, Brückenpfeilern und Fabrikwänden. Sogar außerhalb des Kumsusan-Mausoleums in Pjöngjang, in dem Kim der Ältere einbalsamiert ist, flatterten Flugblätter, die den unglaublichen Pomp der Dynastie geißelten.
Fabriken und Militäreinheiten, ja ganze Ortschaften revoltierten gegen die Führung in Pjöngjang. Dies enthüllt der in Peking lebende britische Autor und Journalist Jasper Becker, 48, in einem bald erscheinenden Buch über Nordkorea*. In Gesprächen mit
nordkoreanischen Flüchtlingen, südkorea-
nischen Geheimdienstlern und Wissenschaftlern bietet er wie kaum ein Autor zuvor einen tiefen Einblick in das geheimnisvolle Reich.
Becker erfuhr zum Beispiel Einzelheiten über den größten Arbeiterprotest in der Geschichte Nordkoreas 1998 in der Industriestadt Songrim. Der Aufruhr begann an einem kalten Februarmorgen nach der öffentlichen Exekution von acht Männern - alle Manager des Hwanghae-Eisen-undStahlwerks. Ihr Verbrechen: Um den Arbeitern und ihren Familien Nahrungsmittel zu verschaffen, hatten sie Teile des Werks an chinesische Händler verscherbelt.
Obwohl zahlreiche Bewohner Songrims damals verhungerten, galt der Versuch, außerhalb des - längst zusammengebrochenen - öffentlichen Versorgungssystems Nahrung heranzuschaffen, als Sabotage und Landesverrat. Der Handel mit den reichen Genossen jenseits der Grenze flog schnell auf, zumal chinesische Getreidefrachter im Hafen Nampo die für Songrim bestimmte Ladung offen löschten.
Nachdem die acht Funktionäre, darunter zwei ZK-Mitglieder, tot in den Staub gesunken waren, schrie eine Frau in der Menge: "Sie haben nicht versucht, sich zu
bereichern, sondern den Arbeitern zu helfen. Es ist brutal, sie zu erschießen."
Die mutige Frau gehörte zu den angesehensten Bürgern des Ortes und hatte als Krankenschwester in einem Nomenklatura-Hospital in Pjöngjang sogar die Führung gepflegt. Das schützte sie allerdings nicht: Drei Soldaten ergriffen sie und erschossen sie auf der Stelle. Die Menge löste sich schweigend vor Angst und Schreck auf. Doch wenige Stunden später legte die Belegschaft des Werks die Arbeit nieder.
Der friedliche Aufstand währte nur kurz. Am nächsten Morgen brachen Panzer durch die Fabriktore und walzten die Demonstranten nieder, Hunderte kamen nach Augenzeugenberichten ums Leben. Noch Tage später wurden Dutzende vermeintlicher Aufrührer erschossen, zahllose so genannte Konterrevolutionäre und ihre Familien in Arbeitslager abtransportiert.
Kein Einzelfall offenbar: Der Groll gegen Kim sitzt tief in der Bevölkerung. Sogar einige der handverlesenen Leibwächter aus der 450 Mann starken Garde, die nach seinem Geburtstag am 16. Februar "2-16-Einheit" heißt, sollen Mitte der neunziger Jahre versucht haben, ihren Chef zu erschießen. Generäle, die für wirtschaftliche Reformen plädierten, planten 1992 einen Staatsstreich.
Unter den Anführern waren der Vizekommandeur eines Armeekorps in Hamhung und Vize-Generalstabschef An Jong Ho. Die beiden wurden enttarnt und exekutiert, ihren Kameraden gelang es, nach Russland zu fliehen.
In der düsteren Industriestadt Chongjin im Norden des Landes wollten 1995 mehrere Offiziere den Hafen und Raketenbasen besetzen und weitere Einheiten auf ihre Seite ziehen, um dann auf Pjöngjang zu marschieren. Andere Militärs verabredeten, während einer Armeeparade in der Hauptstadt eine Panzergranate auf die Tribüne Kims abzufeuern.
Die militärische Widerstandsgruppe "Der Oberste Rat der Nationalen Rettung" warf Flugblätter aus Zügen und Lastwagen: "Wir appellieren an die Soldaten der Volksarmee und an das Volk, sich an unserem Kampf zu beteiligen."
Der allgegenwärtige Staatssicherheitsdienst deckte die Verschwörungen auf. Kim selbst hat mittlerweile einen Schutzwall um sich errichtet: Er wechselt ständig den Wohnsitz, seine Domizile in Pjöngjang sind durch ein Tunnelsystem verbunden. 100 000 Soldaten einer ihm besonders verschworenen Eliteeinheit sind nur dazu da, ihn vor einem Komplott zu schützen.
Die Meutereien fanden in einer Zeit statt, als sogar die privilegierte Armee litt und Soldaten in ihren Kasernen verhungerten. Uniformierte zogen in den neunziger Jahren marodierend durch das Land, um sich etwas zu essen zu besorgen. Damals standen die meisten Fabriken still, Strom gab es, wenn überhaupt, nur ein paar Stunden am Tag, aus den Hähnen floss kein Wasser mehr.
Schuld an der Lage waren nicht nur Dürren, wie die Regierung ihren Untertanen weiszumachen versuchte. Die Kim-Dynastie hatte das Land heruntergewirtschaftet, weil sie sich weigerte, ihre verknöcherte Planwirtschaft zu lockern und der Bevölkerung kleine Privatschollen zuzubilligen. Erst als die Elite den Mangel zu spüren bekam, bat Kim 1994 um Hilfe im Ausland.
Die Hungersnot begann nicht, wie allgemein angenommen, Anfang der neunziger Jahre, sondern früher: Ein geflüchteter Agrarexperte entdeckte schon 1987 die ersten Hungertoten. Doch im Nordkorea des Personenkults wagte es niemand, den alten Kim Il Sung über die Lage aufzuklären.
Als der "Große Führer" schließlich aufmerksam wurde, war es zu spät.
In dieser Phase muss es wohl, wie Becker herausfand, zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn gekommen sein. Der Patriarch zürnte, weil ihm sein Sohn die wirtschaftliche Notlage lange verheimlicht hatte. Kim junior, so heißt es, wehrte sich wiederum gegen die Pläne des Vaters, die Wirtschaft nach chinesischem Modell zu reformieren und den Ausgleich mit den südkoreanischen Landsleuten zu suchen.
Als Kim Il Sung am 8. Juli 1994 an Herzversagen in seiner Villa starb, ist es möglicherweise nicht mit rechten Dingen zugegangen. Sein Sohn soll lange Zeit keine Ärzte ins Zimmer seines Vaters gelassen haben. Von fünf Hubschraubern, die den Leichnam und die Entourage des Toten nach Pjöngjang zurückschaffen sollten, stürzten zwei mit Medizinern und Leibwachen an Bord ab. Andere Funktionäre verschwanden später spurlos.
Während die Nordkoreaner darbten und das Land immer tiefer in Armut versank, baute sich der jüngere Kim wenigstens zehn Paläste mit Golfplätzen, Pferdeställen und Kinos. Die Garagen sind voller Edelkarossen. Die CIA schätzt das Vermögen der Familie auf vier Milliarden Dollar, die unter anderem auf Schweizer Konten deponiert sind.
Über den Lebensstil des heutigen Staatschefs wurden mittlerweile erstaunliche Dinge bekannt: Schon in den achtziger Jahren hatte er das "Projekt zur Garantie der Langlebigkeit des Großen und des Lieben Führers" gestartet. Konkret bedeutet dies: Rund 2000 junge Frauen sind der Führung unter anderem in "Befriedigungsteams" (sexueller Service) und "Glücksteams" (Massage) zu Diensten.
Kim selbst wählte sich Ko Jong Hi, eine Tänzerin, zur Lebenspartnerin, obwohl er zu dieser Zeit bereits verheiratet war und eine Geliebte hatte. Ko gebar ihm zwei Söhne und erhielt die Ehrentitel "Große Frau" und "Geliebte Mutter". Sie ist jüngst gestorben - an Krebs, wie es heißt. Einer ihrer Söhne wird womöglich die Dynastie fortführen. ANDREAS LORENZ