Es ist eng auf dem Campus. Massen von Studenten drängen sich über schmale Pfade. Jeder verfügbare Quadratmeter scheint bebaut. In den Gebäuden wuseln - gleich zu Hunderten - ausgewiesene Genies umher. Manche von ihnen mögen von der Erkenntnis schlechthin träumen oder von allen Reichtümern dieser Erde. Aber die Crème de la Crème hier in der University of California, Berkeley sehnt sich nach etwas ganz Profanem: nach einem eigenen Parkplatz.
Der Chemiker Yuan Lee hat einen. Ebenso die Wirtschaftswissenschaftler Daniel McFadden und George Akerlof. Manche schaffen es zum Professor an der Elitehochschule von Berkeley, aber bis zum Privatparkplatz auf Lebenszeit bringen es nur wenige: acht zurzeit. Blaue Schilder am Straßenrand weisen die Parkzone aus. Sie wirken wie Behindertenparkplätze, doch auf den Tafeln steht: "Reserved for NL". Und NL steht für "Nobel Laureate" - Nobelpreisträger.
So sind die strengen Sitten in Berkeley, einer der besten Universitäten der Welt: Wer einen eigenen Parkplatz will, der muss sich schon den Preis aller Preise erarbeitet haben.
Eicke Weber darf sich immer noch zu Fuß vom Parkhaus bis in sein karges Büro im "Hearst Memorial Mining Building" schleppen. Papier quillt dort von jeder Ablage und allen Tischen. Niemand heftet für ihn die vielen Fachartikel ab, die er ausgerissen hat, denn Weber ist zwar unkündbarer Physikprofessor mit vollen Ehren und Weihen ("fully tenured"), aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Universität ihm eine Sekretärin stellt.
Es ist ein Irrtum, dass Eliteunis immerzu aus dem Vollen schöpfen. Ihren Professoren garantiert Berkeley kaum mehr als die nackte Existenz. Weber hat schäbiges Mobiliar, keinen Etat und keinen Mitarbeiterstab. Er bekommt nur neun Monatsgehälter im Jahr. Wenn er Doktorandenstellen, Forschungsgeld, Flugtickets oder das sogenannte Sommergehalt will, dann muss er selbst sehen, wie er Dollar für Dollar von außerhalb des Campus zusammenklaubt.
Weber weiß: Sobald er nachlässt, droht ihm der akademische Hungertod. Er muss ticken wie ein Unternehmer, denn er bearbeitet einen Milliardenmarkt öffentlicher und privater Forschungsgelder. Und um die gleichen Mittel streiten ehrgeizige Forscher aus den ganzen USA und dem Rest der Welt. Dieser Wettbewerbsdruck, sagt Weber, "fördert die Energien ungemein".
Vor über 20 Jahren ist Weber als junger Physiker aus Köln gekommen - und hat den Wechsel nach Kalifornien trotz Parkplatz- und Sekretärinnenproblematik nie bereut. Im Gegenteil - hier hat er gefunden, wonach die Deutschen an ihren Hochschulen oft vergebens suchen: entfesselte Kreativität, intellektuellen Wagemut, akademische Exzellenz. Von Berkeley, glaubt Weber, "können die Deutschen sehr viel lernen".
Diese Hochschule ist ein Unikat. Mit 33 000 Studenten ist Berkeley ähnlich groß wie einige der größten deutschen Unis. Und dennoch steht ihre wissenschaftliche Reputation auf gleicher Ebene mit den kleinen, feinen Privat-Universitäten Harvard, Yale, Princeton oder Stanford.
Die meisten dieser weltberühmten Bildungsstätten thronen auf milliardenschweren Stiftungsvermögen und verlangen von ihren Studenten Gebühren von bis zu 40 000 Dollar pro Jahr. Berkeley aber ist eine staatliche Einrichtung, vergleichsweise arm und dennoch nicht unterlegen. Keine zweite öffentliche Universität kann sich mit ihr messen. Die Londoner "Times" sieht die kalifornische Hochschule im Weltvergleich aller Universitäten hinter Harvard auf Platz zwei. Und im Ranking des US-"National Research Council" steht Berkeley sogar auf Platz eins.
"Wegen der Breite und Tiefe des Angebots", sagt der Bildungsforscher David Kirp, "kann Berkeley für sich in Anspruch nehmen, die beste Universität der Welt zu sein."
Vielleicht ist sie das, vielleicht gehört sie auch nur auf Platz drei. Oder fünf. Unstreitig ist, dass Kalifornien dieser Bildungsmanufaktur unendlich viel verdankt. Berkeley ist ein Magnet für Hochbegabte aus aller Welt. Ohne sie und die auf der anderen Seite der Bucht von San Francisco gelegene Stanford University gäbe es das Silicon Valley nicht, jene einzigartige Firmenplantage, auf der dicht an dicht so kostbare Gewächse sprießen wie Hewlett-Packard, Intel, Oracle, Apple, Ebay, Google oder Yahoo.
Doch wie gelingt es einer öffentlichen Universität, so herauszuragen? Welche Tricks könnten sich deutsche Hochschulreformer von dieser funkelnden Bildungsmaschine abschauen?
Als Berkeley 1868 eröffnet wurde, sollte sie ausgerechnet einem deutschen Modell nacheifern: Das Ideal der Gründer war die Humboldtsche Forschungs-Universität. Die amerikanischen Uni-Väter erregten damals Aufsehen mit der Behauptung, dass ihre Institution dereinst wichtiger für Kalifornien sein könne als all das Gold, das gerade Glücksritter aus aller Welt an den Pazifik gelockt hatte.
Und die Gründer sollten Recht bekommen. Der Physiker Ernest Lawrence erfand hier den Teilchenbeschleuniger und gewann dafür 1939 Berkeleys ersten Nobelpreis. Den nächsten teilten sich zwei Forscher, die hier 1941 das Plutonium entdeckt hatten. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Washington überschüttete die Forscher mit kriegsrelevanten Aufträgen und Millionen Dollar. Damit hatte sich Berkeley fest als Forschungsuniversität etabliert.
Die Ausrichtung an der Forschung weckte Anfang der fünfziger Jahre jedoch das Missfallen des Berkeley-Präsidenten Clark Kerr. Nach britischem Vorbild wollte er die Universität zum Lebensmittelpunkt der Studenten umgestalten. Kerr baute Wohnheime und Speisesäle, Freizeitanlagen und Stadien - die Uni sollte ein eigener Kosmos werden.
Das war ein entscheidender Schritt, sagt heute Randy Parent, der Direktor von Berkeleys Ehemaligen-Organisation. "Ohne zentralen Campus als Lebensmittelpunkt und ohne Leistungssport als Identifikationsmoment ist es sehr schwer, zwischen Studenten und ihrer Universität ein Gefühl lebenslanger Loyalität aufzubauen."
Ex-Uni-Chef Kerr ist vor einem Jahr gestorben, 92-jährig. Alle großen US-Zeitungen haben Nachrufe auf ihn gedruckt, denn er gilt in den Vereinigten Staaten als wichtigster Bildungsarchitekt der letzten 100 Jahre. Er wollte beides - eine Forschungsuniversität von Weltrang, aber auch ein Bildungssystem, das allen Kaliforniern offen steht. Eliten- und Breitenbildung so zu verbinden, dass sich beide Seiten voll entfalten können - das Kunststück ist gelungen.
In Kalifornien gibt es dank Kerr drei Arten öffentlich finanzierter Hochschulen. 109 "Community Colleges" nehmen fast jeden auf, selbst wenn er keinen Highschool-Abschluss hat. Das Studium dort ist auf zwei Jahre angelegt. Ein Drittel eines Highschool-Jahrgangs wird zum vierjährigen Studium zugelassen an einem der 23 Standorte der California State University. Die besten Schüler jedoch - 12,5 Prozent der Schulabgänger - dürfen sich an der "UC" einschreiben, der University of California.
Die UC ist ihrerseits ein buntes Netzwerk von Hochschulen, die freundschaftlich miteinander konkurrieren. Der Campus von Berkeley gilt als das Flaggschiff, weitere Standorte gibt es in San Francisco, Los Angeles, San Diego, Santa Barbara, Santa Cruz, Irvine, Davis und Riverside. Gerade wird ein zehnter Campus gebaut in Merced, denn die mehr als 200 000 UC-Studenten brauchen Platz. Fast jede dieser Universitäten glänzt in den Rankings der weltbesten Forschungsstätten auf einem der vorderen Plätze. Gleich zwei Nobelpreise sind im vergangenen Jahr nach Santa Barbara gegangen, einer nach Irvine.
Kerr hat ein differenziertes Hochschulsystem entworfen - und es so durchlässig gestaltet, dass sich auch Spätzündern eine zweite oder dritte Chance bietet. Wer etwa in der Schule schlecht war, sich aber zwei Jahre lang auf einem Community College wacker geschlagen hat, der kann immer noch aufrücken in eine der Edelschmieden, sogar bis nach Berkeley.
Früher war das Studium an vielen öffentlichen Institutionen für Kalifornier umsonst. Heute gibt es gestaffelte Studiengebühren: Manche Community Colleges kosten nur wenige hundert Dollar im Jahr. Berkeley hingegen nimmt von seinen Studenten rund 6000 Dollar, was immer noch nur ein Bruchteil der Gebühren ist, die private Spitzenunis verlangen.
Weil Kalifornien und Kerr den Hochschulen erlaubten, unterschiedlich anspruchsvoll und unterschiedlich teuer zu sein, konnte sich entwickeln, was viele auf dem Campus von Berkeley als das eigentliche Geheimnis des Erfolges sehen: Unabhängigkeit und Wettbewerb. Nichts, sagen Forscher und Verwalter von Berkeley, fördere die Qualität so sehr wie offener Wettstreit um den besten Mann und die beste Frau, um jeden Dollar Forschungsgeld - und um jeden Parkplatz.
"Exzellenz gebiert Exzellenz", sagt der nach dem Kanzler zweithöchste Repräsentant der Universität, der "Provost" Paul Gray. "Wir können hervorragende Leute rekrutieren, weil die gern dorthin gehen, wo andere hervorragende Leute sind. Das wiederum zieht die besten Studenten und Doktoranden an. Und die machen ihrerseits die Uni zu einem wertvollen Ort für die besten Professoren."
Es hilft natürlich, dass Berkeley in einer der attraktivsten Gegenden der Welt liegt. Das Klima Nordkaliforniens ist mild, die Landschaft grandios, der Pazifik nahe und das soziale Milieu ebenso liberal wie multikulturell. Es ist leicht, sich hier wohlzufühlen.
Wenn eine Universität beschlossen hat, sich auf die Besten zu beschränken, dann muss sie sich zwangsläufig mit harter Hand der Übrigen erwehren. Arroganz gehört zum Geschäft. Stolz meldete Berkeley kürzlich, dass es wieder gelungen sei, 76 Prozent der Studienbewerber abzuweisen. Diese Zahl gilt in den USA als Qualitätskriterium, denn Professoren wie Studenten sind überzeugt, dass eine Uni, die jeden nimmt, nur bedeutungslos sein kann.
"Ich bin heilfroh", erzählt Literaturprofessor und Vizekanzler Donald McQuade, "dass ich hier eine Professur habe. Denn ich bezweifle, ob die Uni mich noch als Studenten aufnehmen würde." Der Weg nach Berkeley ist so steil wie nie: Bestnoten in der Schule und in standardisierten Leistungstests sind das Mindeste.
Erfolgreiche Bewerber haben oft auch außerhalb der Schule Großartiges vollbracht. Sie haben in Orchestern oder im Leistungssport brilliert. Vor allem haben sie bereits in jungen Jahren "Leadership" bewiesen. Sie waren Präsidenten von Vereinen oder Clubs, sie haben Mannschaften angeführt oder Bürgerinitiativen gestartet. Und außerdem haben viele schon auf der Highschool freiwillig und mit Erfolg Kurse auf Collegeniveau belegt.
Besonders gut schlagen sich in diesem Kampf der Talente die Asiaten: Sie, oft Kinder der ersten Einwanderergeneration, stellen heute fast die Hälfte aller Erstsemester, obwohl ihr Anteil in Kaliforniens Schulen unter 15 Prozent liegt. "Asiatische Eltern", sagt Richard Black, der Chef der Zulassungsstelle, "klemmen sich sehr dahinter, dass ihre Kinder gute Leistungen bringen." Ein Drittel der Studenten ist weiß, ein Zehntel sind Latinos, nur vier Prozent sind schwarz.
Ebenso hart wie bei den Studierenden siebt die Uni bei den Lehrenden. Hinter jeder Berufung und Beförderung steht ein langes und kompliziertes Verfahren. Junge Forscher werden zunächst als Assistant Professor eingestellt. Dann müssen sie sich Jahre bewähren, ehe darüber entschieden wird, ob sie eine Lebensstellung - "Tenure" - verdienen. Wenn nicht, müssen sie die Universität verlassen.
Diese Entscheidung versucht die Uni emotionslos zu treffen. Der Dekan des betreffenden Fachbereichs gibt eine Empfehlung ab, aber sein Votum steht immer im Verdacht, eine Gefälligkeit zu sein für einen Menschen, der ihm am Herzen liegt. Ein hochrangiges Komitee setzt deswegen zusätzlich einen geheimen Ausschuss ein, der aus Professoren verwandter Sachgebiete besteht. Konspirativ treffen sie sich außerhalb des Campus und sitzen zu Gericht über den Kandidaten: Was taugt er wirklich? Ist er aus Berkeley-Holz geschnitzt?
Für Provost Gray ist diese Form der Qualitätskontrolle von Personalentscheidungen einer der wichtigsten Wettbewerbsvorteile von Berkeley. Sie helfe, Mittelmäßigkeit vom Campus fern zu halten. Etwa 25 von 100 Assistenzprofessoren fallen durch. Doch mit dieser Station in ihrer Vita finden die meisten rasch einen Job an einer weniger renommierten Uni.
Beurteilungen müssen sich Berkeleys Vollprofessoren über ihre ganze Karriere hinweg gefallen lassen. Regelmäßig benoten Studenten die Qualität ihrer Lehre. Wer schlecht abschneidet, droht bei der nächsten Gehaltserhöhung leer auszugehen. Gleiches gilt für Professoren, die zu wenig publizieren oder sich nicht genügend beteiligen an der Selbstverwaltung. Der Druck hält den Geist rege: "Mit 50 Jahren fangen wir hier noch ein neues Arbeitsgebiet an", sagt der deutsche Chemiker Heino Nitsche.
Natürlich hat auch Berkeley manchmal danebengegriffen. Manche Professoren sind ausgebrannt, andere verpassen den Zeitpunkt, in Pension zu gehen. Aber hier sind solche Ausfälle am Ende nicht so dramatisch: Viele Fachbereiche in Berkeley haben 40 Professoren und mehr. Jeder von ihnen ist ein Drittmittel-Junkie ohne eigenen Hofstaat. Wenn einer schwächelt, wird er von den anderen überwuchert.
Bildungsforscher Kirp, der Berkeley für die beste Universität der Welt hält, macht sich unterdessen ernste Sorgen um die Zukunft der Hochschule. Denn das ganze wundersame Bildungssystem Kaliforniens funktioniert nur dank gewaltiger staatlicher Unterstützung - doch die sinkt seit Jahren. 1985 finanzierte Kalifornien noch 70 Prozent des Budgets von Berkeley. Unter Gouverneur Arnold Schwarzenegger ist es nur noch ein Drittel des Gesamtetats. "Früher galt das Abkommen, dass Kalifornien zahlt und Berkeley dafür Weltklasse-Forschung und eine günstige Eliteausbildung liefert", sagt Kirp. "Dieser Vertrag ist tot." Darum muss sich die erfolgreichste öffentliche Universität der Welt jetzt immer mehr gebärden wie jede Privatuni: Die Studiengebühren steigen, die Zahl der Studienplätze sinkt.
Als der Staat noch für fast alles aufkam, galten die "Undergraduates" als eher lästiges Studentenvolk, die Professoren interessierten sich mehr für die Doktoranden. Jetzt aber sieht die Hochschulverwaltung in jedem 18-jährigen Erstsemester einen potentiellen Geldgeber. Dankbare Absolventen haben schließlich den Privatuniversitäten zu ihren Milliardenvermögen verholfen.
Studenten werden seither besser behandelt in Berkeley, schließlich, so Politologe Price, "sind sie wichtige Leute für die Zukunft der Institution". Seit Jahren baut die Hochschule nach dem Vorbild der Privaten eine eigene Abteilung auf, die sich um die etwa 400 000 lebenden Ehemaligen kümmert. Wer ist reich geworden, wer hat eine Firma an die Börse gebracht? Wer kann 1000 Dollar spenden, wer kann ein neues Gebäude stiften?
Viele Ehemalige werden gern angesprochen und freuen sich, wenn sie Gutes tun können für die Universitäten, an der sie einige der wichtigsten Jahre ihres Lebens verbracht haben. Da war etwa der Mann, der fünf Dollar gespendet hat - Monat für Monat und bereits seit 25 Jahren.
Neulich überkam ihn der Wunsch, etwas großzügiger zu sein: Er überwies acht Millionen Dollar. MARCO EVERS