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DER SPIEGEL 16/2005 vom 18.04.2005, Seite 116

Autoren: Alexander Smoltczyk und Peter Wensierski

VATIKAN

Die Waisen von Rom

Die Woche vor dem Konklave war ausgefüllt durch das diplomatische Spiel der Kardinäle. In Geheimsitzungen und Hinterzimmertreffen haben sie Kräfte gesammelt und Papabili begutachtet. Jetzt wollen sie rasch zum Ergebnis kommen.

Jeden Morgen kurz vor neun verlässt der neue Papst seine Unterkunft in einer der Straßen am Vatikan und begibt sich zum Ingresso del Petriano, wo die Schweizergardisten stehen. Keiner spricht ihn an. Niemand weiß, dass er der Neue ist.

Auch er nicht.

Und doch, einer der älteren Herren, die jetzt mit Purpurkäppi und in wehender Soutane zur Audienzhalle eilen, ist Nachfolger von Karol Wojtyla. Der Heilige Geist hat ihn bereits ausgespäht. Jetzt müssen 115 wahlberechtigte Kardinäle des Konklaves nur noch darauf kommen.

Den frühen Touristen auf dem Petersplatz kommt es vor, als gehörte das Tragen von roten Bauchbinden über bodenlangem Rock zur Altherrenmode des Frühjahrs. Die Kardinäle kommen aus allen Richtungen gelaufen. Die Deutschen Joachim Meisner und Karl Lehmann nähern sich vom Gianicolo-Hügel, getrennten Weges; Walter Kasper kommt mit abgewetzter Aktentasche durch die Kolonnaden, der Erzbischof von Chicago aus einem Café, schon beladen mit einer Einkaufstüte.

Mit dem neunten Glockenschlag von St. Peter ist das letzte Rot verschwunden. Alle Kardinäle haben sich ins Innere eines Gebäudes verdrückt, das aussieht wie eine zu groß geratene Turnhalle: der Audienzsaal des Vatikans.

Im ersten Stock tagte vergangene Woche morgens zwischen neun und zwölf die Generalkongregation der Kardinäle. Es waren die letzten Sitzungen vor dem Konklave, jener ehrwürdigen und elitären Männergruppe, der frömmsten seit dem Abendmahl. 115 Kardinäle suchen ihren "papa", wie die Italiener sagen, und sicher ist nur: Er ist bereits unter ihnen.

Es ist die Phase des Gemurmels, des Finassierens, der gezielten Freundlichkeiten und der boshaften Sottisen: "Ein französischer Papst? Das wäre, als würde man die Leitung eines multinationalen Konzerns in die Hände eines Bankrotteurs legen", wird ein Prälat zitiert, der auf Frankreichs leere Kirchen verweist.

Der Inder Ivan Dias sei zuckerkrank, heißt es plötzlich. Und auch der Hinweis, der kleine Joseph Ratzinger sei Mitglied der Hitlerjugend gewesen, ist rechtzeitig wieder in Umlauf gebracht worden.

"Novendiali" heißen die neun Trauertage zwischen Begräbnis des alten Papstes und dem Beginn des Konklaves am Montag dieser Woche. Neun Messen werden gelesen, und jeden Morgen zum neunten Glockenschlag tagt die Vollversammlung der Kirchenfürsten.

Es sind Aussprachen über den Stand der Kirche in der Welt und die Lage des Heiligen Stuhls. Die Sitzungen sind eine Mischung aus Kennenlernspiel, Exerzitien und Wahlkampf. Mit feinen Gesten, überlegten Bewegungen, kaum wahrnehmbaren Andeutungen von Position. Schließlich ist es päpstlich untersagt, "vor der Wahl gemeinsame Abmachungen zu treffen".

So begann die Kongregation mit der entlegenen Frage, ob das Kollegium den Weg zur Sixtinischen Kapelle in zwei Bussen zu je 57 Sitzen oder in vier Kleinbussen zurücklegt. Und wer bezahlt eigentlich die Übernachtungskosten der katholisch-orientalischen Kirchenfürsten, die so eindrucksvoll den umräucherten Sarg von Wojtyla umringt hatten? Minutenlang geht es hin und her.

Übersprungshandlung nennen es die Verhaltensforscher. Man kennt sich nicht, traut sich nichts und redet lieber übers Wetter.

Zur Überraschung der Vatikanisten hielt der altehrwürdige Kardinal Carlo Maria Martini die Einleitungsrede. Bis vor einigen Jahren noch war er Kandidat der Reformer. Jetzt lebt er in Jerusalem. Martini redet sozusagen außer Konkurrenz, spricht schnell und eindringlich über die "Kollegialität" zwischen Bischöfen und Kurie, von Bioethik, Familienpolitik und dem Islam.

Ratzinger, als Kardinaldekan, hat ihm die üblichen sieben Minuten eingeräumt. Als sie um sind, herrscht Schweigen. Also redet Martini weiter, schreitet den Horizont in zweimal sieben Minuten ab, bis er auf das Problem des kranken Wojtyla kommt: Es bedürfe, sagt er, genauerer Regeln für den Rücktritt künftiger Päpste.

Da erst melden sich die anderen. Das könnte jeden betreffen.

Martinis Brandrede hat aus der Versammlung ein echtes Vorkonklave gemacht. Am Dienstag schon ist die Rednerliste ausgebucht bis zum letzten Tag. Am

dritten Tag wird dann auch eine Übersetzungsanlage bereitgestellt. Gottes Wort versteht jeder. Italienisch nicht.

Die Springflut von Trauergefühlen nach dem Tod von Johannes Paul II., die offenkundige Sehnsucht nach einer Vaterfigur im Glauben, hat auch die verwaisten Kardinäle überrascht und beeindruckt. So musste die Stellenausschreibung umformuliert werden: "Eine blasse Übergangslösung kommt jetzt nicht mehr in Frage", sagt ein Vertrauter Ratzingers.

Der Neue kann kein Kurientechnokrat sein. Er muss ganz anders sein als die Herrschenden der säkularisierten Welt, die sich angeblich nach der Vernunft richten.

Gesucht ist jemand, der das Innenleben der Kirche neu ordnet und festigt. Jemand, der sich den Herausforderungen von Islam, Pfingstkirchen und Turbokapitalismus stellen kann und gleichzeitig vom Geiste des heiligen Franz sein soll, bescheiden, glaubenstief und mit einer Spiritualität, die Plätze füllen kann.

Es ist der schwerste Job. Gesucht wird Jesus, an einem guten Tag. Wer traut sich das zu?

Pünktlich zur Mittagspause um halb eins erscheinen die roten Kappen wieder und verstreuen sich über die Gassen. Francis Arinze, der schon von Nostradamus vorausgesagte "schwarze Papst", geht leicht hinkend über den Petersplatz zum Kuriengebäude. Niemand spricht ihn an.

Der Portugiese José da Cruz Policarpo hat Probleme mit dem Fahrkartenstempler im 98er-Bus. Er lacht und scherzt mit den Hausfrauen, die ihm versuchen zu helfen. Als er aussteigt, spricht er den nächsten Passanten um Feuer an und nimmt einen tiefen Zug. Policarpo ist einer der Papabile, ein Brückenbauer zwischen Europa und Lateinamerika.

Der Sudanese Gabriel Zubeir Wako läuft allein, als würde er niemanden kennen. Er bleibt am Don-Bosco-Buchladen stehen, geht zu den ausgelegten Wojtyla-Bildern, wühlt ein wenig, zögert und verschwindet schließlich im exterritorialen Gebiet eines vatikanischen Gästehauses an der Engelsburg. Seine Erzdiözese in Khartum ist hochverschuldet. Wird das Geld nicht aufgetrieben, droht dem Kardinal die Haft. Und Papst wird er kaum werden.

Nachmittags dann bilden sich, sehr diskret, die Lager und Allianzen. Da wird in die Kollegien geladen, um sich bekannt zu machen und Namen auszuprobieren. Andere machen nur Mittagsschlaf.

Die Konservativen wie der Opus-Dei-nahe Kardinal Darío Castrillón Hoyos aus Kolumbien haben sich in

der Heiliggeist-Diplomatie als die durchaus geschickteren erwiesen. Die "theo-cons" wollen einen Papst, der den Kirchenapparat durchforstet und aufs Wesentliche konzentriert. Zu viel ist liegen geblieben unter Wojtyla.

Wobei sich schnell gezeigt hat, dass die klassischen Unterscheidungen nicht mehr greifen. Viele Kardinäle aus der Dritten Welt sind heute konservativer in Fragen der Moral als ihre Kollegen aus dem Norden. Gleichzeitig sind sie radikal, was die Soziallehre betrifft. Die Strengen kommen aus allen Kontinenten. Die ökumenischen Treffen des Johannes Paul II. in Assisi sind ihnen genauso suspekt gewesen wie die Schuldbekenntnisse im Namen der Kirche.

Den Liberaleren geht es dagegen um die "Kollegialität", um stärkere Verantwortung der Bischofssynoden und Verstärkung des Dialogs mit anderen Religionen und Glaubensfernen.

"Diese informellen Treffen nachmittags und abends sind nicht zu unterschätzen", sagt Kardinal Walter Kasper. "Man trifft sich, isst zusammen, trinkt Sambuca."

Kasper sitzt bei Pasta, Grillwürsten, Oliven im Gemeindezimmer der "Allerheiligen"-Pfarrei an der Via Appia Nuova, wo er - in Anwesenheit des evangelischen deutschen Pfarrers in Rom - die Messe gelesen hat. Die Römer applaudierten, und als Kasper winkte, sah es schon sehr päpstlich aus.

Er ist ein Kirchenmann aus Schwaben mit schnellem Lachen und widerspenstigen Haaren, die vorn unter der Kappe hervorstehen wie bei einem kleinen Jungen. Johannes Paul gab ihm die Zuständigkeit für die Ökumene, den Dialog mit dem Judentum.

Kasper hat eine Schlüsselrolle im Präkonklave. Als Kardinalsassistent kann er die Versammlung inhaltlich lenken. Diese Stellung hat er durch Los bekommen. Aber würfelt Gott?

Der Name Kasper jedenfalls tauchte in den vergangenen Tagen regelmäßig in den Papabile-Charts auf. Zumal seit jener Nachricht, die italienische Kardinäle der "Repubblica" zugeraunt hatten.

Es soll sich eine italienisch-lateinamerikanische Entente gebildet haben. Ratzinger könne im ersten Wahlgang des Konklaves einen Stimmenblock von 40 bis 50 Voten bekommen, um jeden liberalen Mailänder oder Belgier zu verscheuchen.

Die erste Wahl dient lediglich dazu, die Truppen zu zählen. Die Gegner Ratzingers, darunter die Mehrheit seiner eigenen Landsleute, versuchen, sich auf einen gemeinsamen Zählkandidaten zu einigen. Kardinal Martini käme dafür in Frage.

Wenn Ratzinger nicht gleich beim ersten Wahlgang deutlich an die Hälfte der Stimmen herankommt, heißt es in seiner Umgebung, dann würde er sich bedanken und aussteigen. So ebenfalls Martini.

Dann könnten langsam ernsthafte Namen ausprobiert werden: Der Mailänder Dionigi Tettamanzi oder Policarpo für die Vertreter der "Kollegialität". Oder der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn als Held der "theo-cons".

Als Kompromiss schließlich doch ein blutarmer Technokrat wie Camillo Ruini? Oder ein Charismatiker von der Südhalbkugel, wo die weitaus meisten Katholiken leben: Oscar Rodríguez Maradiaga aus Honduras, Cláudio Hummes aus São Paulo?

Es gibt ein altes Konklave-Sprichwort: Der Rauch weht, wohin er will.

Die Papstwahl selbst ist ein mühseliges, zeitraubendes Geschäft. Jeder einzelne der 115 älteren Herren muss die Kapelle zum Altar durchschreiten, die Hand mit dem doppelt gefalteten Zettel hoch erhoben. Dort angekommen spricht der wahlberechtigte Kardinal mit erhobener Stimme: "Ich rufe Christus, der mein Richter sein wird, zum Zeugen an, dass ich den gewählt habe, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden sollte."

Das dauert. Aber es handelt sich auch nicht um die Vorstandsentlastung eines Trachtenvereins. Es handelt sich um Gottes Willen.

Dann wird die Urne mehrmals gemischt und für alle sichtbar gezählt. Der letzte der Wahlhelfer locht, nachdem er die einzelnen Stimmzettel vorgelesen hat, diese mit einer Nadel an der Stelle, wo das Wort Eligo steht, und reiht sie an einer Schnur auf. Dann wird ausgewertet, geprüft und schließlich die Zettelkette im Ofen verbrannt. Dann ein zweiter Wahlgang, ein dritter, ein zwanzigster. "Es wird drei bis vier Tage dauern", sagt Kasper.

Bei den Buchmachern vom irischen Wettbüro "Paddy Power" steht Ratzinger inzwischen auf dem ersten Platz, mit einer Quote von 3:1.

Am Freitag sind die Fahrstuhlführer, Köchinnen, Putzfrauen auf Stillschweigen vereidigt worden, bei Strafe der Exkommunikation. Am Samstag mussten dann auch die Altkardinäle die Runde verlassen, jene mindestens 80-Jährigen, die nicht mehr wahlberechtigt sind. Nur die Jüngeren, ihr Durchschnittsalter ist 71 Jahre, durften Sonntagabend endlich in das Konklave-Hotel St. Martha einziehen.

Dort ist der Fernseher unter dem Papstbild in der Lobby inzwischen entfernt worden. Die Minibars sind gefüllt, die Telefonleitungen zur Außenwelt abgeschaltet. Nur die Zimmertelefone funktionieren.

Damit der Heilige Geist störungsfrei empfangen werden kann, ist jeder Kontakt mit der Außenwelt untersagt. Alle Räume sind auf Wanzen und Sender durchsucht worden. Wer per "telefonino" Botschaften nach draußen sendet oder erhält, wird mit "schwerwiegenden Strafen nach Ermessen des künftigen Papstes" belegt.

Am Montag dieser Woche soll Kardinal Ratzinger die Messe in St. Peter lesen. Nachmittags schließlich werden die von Johannes Paul II. verlassenen Waisen von Rom in Chorkleidung und unter dem Gesang des "Veni Creator" den Beistand des Heiligen Geistes erflehen und in feierlicher Prozession die Sixtinische Kapelle betreten: "Dein Schöpferwort rief uns zum Sein / nun hauch uns Gottes Odem ein ... Du öffnest uns den stummen Mund / und machst der Welt die Wahrheit kund."

Kardinaldiakon Attilio Nicore wird die Flügeltüren schließen.

Und dann hilft nur noch beten.

ALEXANDER SMOLTCZYK, PETER WENSIERSKI

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