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DER SPIEGEL 17/2005 vom 25.04.2005, Seite 104

Autor: Alexander Jung

WELTWIRTSCHAFT

Die Früchte der Kiwi-Revolution

Nach gut zwei Jahrzehnten zuweilen brutaler Reformpolitik kann Neuseeland eine glänzende Bilanz vorlegen: Kaum ein Industrieland weist ein stärkeres Wachstum auf, die Arbeitslosenrate ist so niedrig wie fast nirgendwo sonst. Was kann Deutschland lernen von dem Land am Ende der Welt?

Vor 21 Jahren hat Neuseelands Regierung den Farmer John Hopkins an den Rand des Ruins getrieben. Dafür ist er ihr noch immer dankbar.

"Aus heutiger Sicht", sagt der 65-Jährige, "war es ein Segen, was 1984 passiert ist." Hopkins sitzt in seinem Mercedes-Geländewagen und zuckelt vorbei an einer Herde schwarzbunter Milchkühe; sie weiden auf einer dieser saftigen Wiesen, die hier das ganze Jahr über sattgrün leuchten.

Damals hatte die Regierung den Bauern die Subventionen gestrichen, plötzlich saßen sie auf einem Berg Schulden. Einige verfielen dem Alkohol, manche nahmen sich das Leben. Viele aber kämpften, zu ihnen gehörte Hopkins.

Er verwandelte den Hof in ein Agrarunternehmen, ganz auf Effizienz getrimmt, mit Maschinen wie einem Karussell-Melkstand, in dem 400 Kühe pro Stunde gemolken und gewaschen werden. Das Unglaubliche geschah: Hopkins kam ohne Subventionen zurecht, er verdiente sogar richtig Geld. Insgesamt gingen damals kaum 100 der rund 40 000 Betriebe Pleite.

Heute besitzt Hopkins zehn Farmen, er ist Herr über gut 8000 Kühe und fast 7000 Hektar Land, ein Fläche so groß wie der Sachsenwald bei Hamburg. Er ist ein gemachter Mann, "ein Mann des freien Marktes", wie er stolz sagt - für seine Kollegen in Europa eine seltsame Vorstellung.

In Hopkins' Schicksal spiegelt sich die jüngere Geschichte des gesamten Landes. Kein anderer Staat der westlichen Welt hat einen so dramatischen, aber auch schmerzhaften Wandel durchgemacht wie Neuseeland: von einer der am stärksten regulierten Volkswirtschaften zu einer der liberalsten. Erst war es in den achtziger Jahren ausgerechnet eine Labour-Regierung, die die Wirtschaft von allen Fesseln befreite, danach starteten die Konservativen den Frontalangriff auf den Wohlfahrtsstaat.

Heute erntet die Regierung der Labour-Politikerin Helen Clark, 55, die Früchte der Anstrengungen, das ist die besondere Dialektik der Kiwi-Ökonomie. In kaum einem anderen Land der OECD wächst die Wirtschaft schneller, fast nirgendwo ist die Arbeitslosenrate niedriger, und der Haushalt weist einen beachtlichen Überschuss aus.

Wenn die Premierministerin in dieser Woche zum Staatsbesuch nach Berlin kommt, dürfte es Bundeskanzler Gerhard Schröder daher besonders interessieren, ob es etwas zu lernen gibt von Neuseeland. Muss zum Beispiel eine Regierung, wenn sie erfolgreich reformieren will, zuweilen brutal vorgehen? Und: Hat sie dann noch Chancen, wiedergewählt zu werden?

Helen Clark jedenfalls betrachtet die Methoden ihrer Vorgänger mit Skepsis. "Den Preis, den die Bevölkerung zahlen musste, war extrem hoch", kritisiert sie. Allerdings, so räumt sie ein, seien Veränderungen nötig gewesen (siehe Seite 106).

Neuseeland vor 1984, das war ein Staat, den wenig unterschied von einer sowjetischen Kommandowirtschaft. "Alles war festgezurrt", sagt Ulf Schoefisch von der Deutschen Bank in Auckland: die Preise, die Löhne, die Wechselkurse, selbst die Art des Teppichbodens war vorgeschrieben - nur aus heimischer Schafwolle.

"Wir haben auf einem Narrenschiff gelebt", beschrieb Premierminister David Lange die Situation, nachdem er und Finanzminister Roger Douglas im Sommer

1984 das Ruder übernommen und um 180 Grad gedreht hatten: Die einzige Kraft, die fortan alles antrieb, war die des Marktes.

Die Staatsbetriebe wurden privatisiert, Agrarsubventionen abgebaut, Kapitalverkehrskontrollen abgeschafft, die Zentralbank erlangte Unabhängigkeit, die Währung wurde abgewertet, der Spitzensteuersatz auf 33 Prozent halbiert.

"Rogernomics" nannte man nach dem Erfinder die Radikalkur, Douglas' Devise: "Grundsätzliche Reformen müssen in Quantensprüngen verwirklicht werden, weil sonst Interessengruppen Zeit finden, ihre Klientel zu mobilisieren."

Drei Jahre später wurde die Regierung wiedergewählt, doch bald sank ihr Stern, nicht unbedingt wegen der Härte der Reform: Neuseeland traf der Börsencrash 1987 besonders schwer, die Arbeitslosigkeit stieg rapide an. 1990 übernahmen die Konservativen den 9. Stock im "Beehive", dem Regierungsgebäude in Wellington, das einem Bienenstock ähnelt. Nun begann Teil zwei der Reform, der härtere Part.

Kollektive Tarifverträge wurden aufgehoben, die Gewerkschaften faktisch entmachtet. Die Regierung kürzte die soziale Sicherung, in der Krankenversicherung führte sie Zuzahlungen ein: Der Hausarztbesuch kostet Patienten umgerechnet etwa 20 Euro, den Zahnarzt zahlt jeder selbst.

Das Vorgehen der "Razor Gang", der Rasiermesser-Bande, wie die Hardliner in der Regierung von Premier Jim Bolger genannt wurden, empörte selbst die ansonsten so verträglichen Kiwis, wie sich die Neuseeländer selbst nennen. Sie gingen auf die Straße, sie verbrannten Politikerpuppen. Die Regierung blieb hart.

"Wir waren kühn, und das muss ein Politiker sein, der Reformen anpackt", sagt Jim Bolger heute. Das ist alles? "Man muss Meinungsumfragen ignorieren, Meinungsumfragen sind der Feind von Reformen", sagt er; ihnen zu folgen sei "die schlimmste Versuchung moderner Politik".

Bolger steht am Fenster im zwölften Stock der Kiwibank, dort ist er heute Vorstandschef, und schaut hinüber in sein altes Büro im Beehive. Dass drüben nun Helen Clark sitzt, jucke ihn nicht, versichert der 69-Jährige. Und dass sie seine Reformpolitik kritisiert, findet er verständlich: "Man kann von keinem Politiker erwarten, dass er den Vorgänger lobt", sagt er altersmilde.

Es ist ein schwieriges Erbe, das Clark 1999 angetreten hat: Im Grunde widerstrebt ihr der Ansatz ihrer Vorgänger, doch die harte Tour hat nun mal beachtliche Resultate hervorgebracht, und so baut sie nolens volens auf dieser Basis auf. Da geht es ihr ähnlich wie ihrem britischen Kollegen Tony Blair, dessen ökonomische Erfolge undenkbar wären ohne die Grundlage, die einst Maggie Thatcher legte.

Beide, Clark wie Blair, bestreiten demnächst Wahlen. Die Premierministerin hat gute Chancen, zum dritten Mal in Folge die Regierung zu führen; sie will die Modernisierung des Landes vorantreiben.

Noch immer hängt Neuseeland stark an der Landwirtschaft. Das größte Unternehmen heißt Fonterra, ein Milchriese, der 12 000 Farmern gehört, der aber wie ein Konzern gemanagt wird, 95 Prozent der Produkte gehen in den Export. "Wir kontrollieren die gesamte Wertschöpfungskette", sagt Vorstandschef Andrew Ferrier, "von der Kuh bis zum Kunden."

In den vergangenen Jahren konnten die Bauern hervorragende Preise erzielen, "eine Glücksphase", meint Banker Schoefisch und warnt: "Wir haben die besten Jahre hinter uns." Der Zentralbankchef Alan Bollard sieht ebenfalls "einige Zeichen", dass der Höhepunkt überschritten sei.

Deshalb versucht die Premierministerin gegenzusteuern. Gezielt fördert die Regierung junge Branchen wie die Biotech-Industrie und hofft auf Synergien mit der alten Wirtschaft: Bessere Zucht, aber auch wirksame Impfstoffe sind mitverantwortlich, dass Lämmer heute in 10 bis 12 statt in 20 Wochen schlachtreif sind.

Ein anderes Zukunftsfeld ist die Informationstechnologie: Die natürliche Abgeschiedenheit Neuseelands macht das Land quasi zu einem Testlabor. Vor drei Jahren wurde an der Universität in Christchurch das HitLab gegründet, ein Forschungszentrum, spezialisiert auf die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Dort arbeiten junge Wissenschaftler etwa für DaimlerChrysler an Programmen, die Videokonferenzen lebensechter wirken lassen. Die Regierung hat einen Fonds eingerichtet, der im Einzelfall die Forscherkosten für solche internationalen Entwicklungsaufträge tragen kann.

Ganz ohne Subventionen funktioniert Neuseelands Modell also doch nicht, im Gegenteil: Seit der Regisseur Peter Jackson die "Herr der Ringe"-Trilogie hier produziert hat, gewinnt das Land als Filmstandort an Profil - und der Staat lockt Produzenten mit Millionensummen. Ohne diese Mittel sei es schwer, weltweit auf dem Radarschirm sichtbar zu werden, verteidigt die Premierministerin die Finanzhilfe.

Wie wichtig ihr das Filmgeschäft ist, demonstrierte sie vorvergangene Woche: Sie ließ es sich nicht nehmen, zwischen Pappmaché-Lianen und künstlichem Sumpf, der Kulisse von Jacksons nächstem Opus "King Kong", eine Studiohalle zu eröffnen. Nur Stunden zuvor hatte Clark im Flugzeug Todesängste ausgestanden: Ihr Pilot musste notlanden, nachdem sich eine Kabinentür geöffnet hatte. ALEXANDER JUNG

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