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DER SPIEGEL 25/1978 vom 19.06.1978, Seite 101

"Der Weltfußball hat Ruh"

Fußballtrainer Max Merkel über mittelmäßige WM-Spiele

Für das Ballgeschiebe da unten in Argentinien ist die Firmierung Fußball-Weltmeisterschaft ein Schmarrn. Früher schossen die Torjäger zehn und noch mehr Tore. Heute allenfalls die Hälfte. Ich würde das argentinische Turnier eher als Meisterschaft der sieben Meere bezeichnen. Die Leistungen sind eh so schwankend.

Wenn schon die Italiener mit ihrer Turiner Stadtauswahl die besten sind, dann stimmt was nicht im Weltfußball. Früher haben die der Konkurrenz immer in die Waden gebissen, um mitzuhalten. Jetzt stehen sie hoch wie der Stephansdom über den anderen. Am schönsten spielen die Peruaner. Aber bei denen weiß man nicht, ob die Regierungskasse noch bis zum Endspiel langt. Ihren Star Cubillas löhnt nämlich der Staat. Die anderen werden auf die Prämien wohl bis Weihnachten warten müssen.

Die schlimmsten Versager sind die Deutschen. Wenn die Brüder Grimm noch leben würden, hätten sie jetzt das Märchen von den 22 Zwergen geschrieben. Wenn ich die Schrumpfteutonen so spielen sehe, dann habe ich das Gefühl, nicht der Trainer geht in den Ruhestand. sondern die Mannschaft.

Auch die Holländer. 1974 noch mit den Deutschen im Endspiel, gehören allmählich ins Altersheim. Gegen die Schotten kam mir der Torwart Jan Jongbloed wie ein Pilzsammler vor. Bei den Deutschen fehlt der Kaiser Franz, bei den Holländern der König, der Cruyff. Der Johan hat schon gewußt, daß in Argentinien der Weltfußball Ruh hat. Wer Weltklassefußball sehen will, muß ins Photoalbum gucken.

Wir leben zwischen zwei Epochen des Fußballs. Die großen Spielerpersönlichkeiten. die raffinierten Routiniers, sind abgetreten. Zur Zeit ist Fußball ein Potpourri von 100-Meter-Rennen immer rauf und runter. An der Eckfahne kann man sich ja ausruhen.

Die Italiener haben auch keine Weltstars mehr wie einst Riva und Rivera, aber sie haben die kompakteste Mannschaft, festgefügt wie das Rutenbündel, das der Mussolini immer auf den Achseln trug.

Auch der WM-Dritte von 1974, Polen, hat mich arg enttäuscht. Damals war die ganze Mannschaft immer in Bewegung, heute steht der ganze Haufen still wie beim Platzkonzert. Die haben sich mit einem Computer präpariert, der altes über die Gegner gespeichert hat. Aber der beste Computer nützt nichts, wenn den Spielern erstmal die Beine weh tun.

Ohne Laufen geht nichts im Fußball. Da muß ich meinen österreichischen Landsleuten ein Lob aussprechen. Sie tun in Argentinien, was sie sonst nie getan haben: sie rennen. Und die Laufburschen vergessen dabei auch nicht das Kämpfen und Spielen.

Die Mannschaften der zweiten Kategorie haben aufgeholt. Sogar die Dritte Welt hält mit Weltmeistern mit. Es gibt in Argentinien bei den Deutschen und Holländern, Polen und Brasilianern zu viele Leute, die nur an der Außenlinie Weltmeister sind. Wenn es eng wird, wenn zwei Abwehrspieler vor ihnen stehen, möchten's umdrehen oder sich hinsetzen und nachdenken.

Dieses Turnier ist so undurchsichtig, daß die Experten am schlimmsten dran waren. Klare Favoriten gab es nicht, dafür aber viele Reinfälle. Die Schotten wollten Weltmeister werden und feierten ihre Fiesta schon vor dem ersten Spiel in Córdoba. Bei denen lief nicht mehr der Ball. sondern der Whisky -- durch die Gurgel. So spielten sie auch.

Die Stagnation im Weltfußball fällt aber auch auf die Trainer zurück, die mit ihrer Mannschaft zu oft zufrieden sind. Sie streicheln ihre Tango-Bubis immer nur. Wenn mal ein Katzerl aufs Spielerzimmer kommt, gucken sie in die andere Richtung. Das ist zwar sehr nett, aber es schadet der Kondition.

Wenn Astronauten zum Mond fliegen oder drei Wochen im Kosmos bleiben, brauchen sie auch nicht dauernd auf der Mutter liegen -- ausgenommen "ne Schraube von der Raumkapsel.

Als Trainer darf ich nie zufrieden sein. Wenn meine Mannschaft 4:0 gewonnen hat, frage ich, warum nicht 6:0. Wenn ein Abwehrspieler sagt, sein Gegenspieler habe ja kein Tor geschossen, dann sage ich ihm, daß aber dessen Nebenmann drei Tore gemacht hat.

Nehmen S' die Österreicher: Die Spieler reden dauernd, sie würden so kämpfen, damit der Merkel nicht wieder Trainer wird. Jo mei, was hätten's sonst gemacht? Wahrscheinlich das, was Spieler häufiger tun: nichts.

DER SPIEGEL 25/1978
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