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DER SPIEGEL 25/2005 vom 20.06.2005, Seite 164

Autor: Gerald Traufetter

PSYCHOLOGIE

"Versinken in der Datenflut"

Der Wissenschaftsautor Malcolm Gladwell, 41, über die segensreiche Wirkung der Intuition und die Irrwege beim Treffen von Entscheidungen

SPIEGEL: Herr Gladwell, in Ihrem jüngsten Buch über die Macht der Intuition fordern Sie, die Menschen sollten mehr ihrem Bauchgefühl folgen*. Wäre es nicht sehr gefährlich, bei wichtigen Entscheidungen den Verstand auszuschalten?

Gladwell: Sicher müssen wir in vielen Fällen auch den Verstand zu Rate ziehen, doch leider hören wir heute zu wenig auf unsere Intuition. In vielen Situationen arbeitet das Unterbewusstsein einfach viel schneller und nutzt einen riesigen Wissensschatz, auf den der Verstand gar keinen Zugriff hat. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren wollte das Getty-Museum für zehn Millionen Dollar eine griechische Jünglingsstatue kaufen. 14 Monate lang wurde sie mit modernsten Verfahren auf ihre

Echtheit untersucht. Die Experten schlossen aus einer feinen Calcit-Schicht, dass sie schon viele hundert Jahre alt sein muss. Kurz vor Abschluss des Kaufvertrags schaute sich Thomas Hoving, der ehemalige Leiter des Metropolitan Museum of Art, die Statue an. Hoving schrieb sich stets das erste Wort auf, das ihm beim Betrachten in den Sinn kam; diesmal notierte er sich: "frisch".

SPIEGEL: Die Statue war eine Fälschung?

Gladwell: Genau, nun stellte sich heraus, dass sie aus einer Fälscherwerkstatt in Rom stammte. Die Calcit-Schicht war aus Kartoffelstärke angefertigt worden. Hoving erklärte sich seine Eingebung später damit, dass er früher einmal bei Grabungen in Sizilien ähnliche Statuen gesehen hatte; und die waren viel stärker vom Erdreich verfärbt gewesen. Das stand im Widerspruch zum frischen Aussehen der Getty-Statue.

SPIEGEL: Warum haben all die Experten das vorher nicht gemerkt?

Gladwell: Das Unterbewusstsein ist in der Lage, aus den vielen Sinneseindrücken die entscheidende Information herauszuschneiden. Die Experten des Museums hingegen haben sich von der Informationsfülle blenden lassen. Ein anderes Beispiel:

Nur wenige Monate vor dem letzten Irak-Krieg simulierte die US-Armee den Feldzug gegen einen aufmüpfigen Diktator. Die eigenen Streitkräfte verfügten über ein neuentwickeltes Informationssystem, das pausenlos riesige Datenmengen über die Streitkräfte des Feindes, seine Wirtschaft und die Gesellschaft sammelte, um auf dieser Grundlage den Angriff zu steuern. Dennoch versenkte der Despot, gemimt von einem erfahrenen Vietnam-Veteranen, mit einem Überraschungsangriff fast die gesamte US-Flotte.

SPIEGEL: Was hatte den Instinkt der US-Generäle in dieser virtuellen Schlacht getrübt?

Gladwell: Sie sind in der Datenflut schier versunken und haben einen entscheidenden Hinweis übersehen. Weil sie das gegnerische Radar und seine Funkkommunikation gestört hatten, nahmen sie an, der Feind sei gar nicht in der Lage zu einem Gegenangriff. Doch der nutzte Motorradkuriere zur Kommunikation und kleine Küstenboote, um die Position der Flotte auszuspionieren. Es kommt eben nicht auf die Menge der Informationen an, sondern darauf, die richtigen zu haben.

SPIEGEL: Dabei ist der moderne Mensch doch so stolz darauf, über mehr Informationen zu verfügen als je zuvor.

Gladwell: Dieser Informationsfetischismus macht mir immer mehr Sorgen. Natürlich ist die bewusste Entscheidungsfindung wichtig für uns; und dafür brauchen wir viele zuverlässige Daten. Doch der Verstand ist gar nicht in der Lage, all die Informationen auf einmal zu verarbeiten. Da fehlt es ihm schlicht an Arbeitsspeicher. Wir müssen in diesem Punkt unbedingt gegensteuern.

SPIEGEL: Behaupten Sie im Ernst, dass unsere Entscheidungen umso schlechter werden, je mehr Informationen wir haben?

Gladwell: Vielleicht nicht gerade schlechter, aber auch nicht unbedingt besser. Nehmen Sie die Medizin: Dank neuer Diagnoseverfahren haben Ärzte viel mehr Untersuchungsergebnisse zur Verfügung. Und dennoch ist es deprimierend zu sehen, wie wenig uns das in der Therapie gebracht hat. Wie schlecht wir bei der Heilung von Krebs immer noch sind. Oder nehmen Sie die Vorhersagen von Wirtschaftsexperten: Die sind so schlecht wie eh und je, obwohl denen heute viel mehr Informationen zur Verfügung stehen.

SPIEGEL: Können wir trainieren, uns auf die wesentlichen Informationen zu konzentrieren?

Gladwell: Ja, wir können diese Fähigkeit trainieren. Ähnlich wie ein erfahrener Autofahrer müssen wir Situationen nach ihren kritischen Punkten regelrecht ablesen und interpretieren. Dabei sollten wir auf den Ratgeber aus dem Unterbewusstsein hören - aber gleichzeitig auch in jedem Fall entscheiden, ob wir ihm trauen. Vor allem muss man sich fragen, ob man über Erfahrungen auf dem jeweiligen Gebiet verfügt. Wenn nicht, kann einen das Bauchgefühl trügen. Wer aber seit 20 Jahren Auto fährt, darf seiner inneren Stimme in brenzligen Situationen durchaus vertrauen.

INTERVIEW: GERALD TRAUFETTER

DER SPIEGEL 25/2005
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