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DER SPIEGEL 06/1977 vom 31.01.1977, Seite 121

Dafür nicht

Ein verkauftes Bundesligaspiel brachte Funktionäre und Spieler des FC Schalke 04 auf die Anklagebank. Acht wurden wegen Meineides verurteilt. Jetzt untersucht der Deutsche Fußball-Bund neue Anschuldigungen.

Die Dame ahnte Schlimmes. Beim Deutschen Fußball-Bund {DFB) in Frankfurt war ein anonymer Brief aus Gelsenkirchen eingetroffen. Thema: FC Schalke 04. "Das ist was für die Rechtsabteilung", entschied die Sekretärin.

Seit Monaten nun spielen die DFB-Fahnder zwei Bundesligakämpfe durch, die schon 1973 ausgetragen werden waren und beide mit Schalker Siegen geendet hatten, 1:0 in Duisburg und 2:0 gegen den Hamburger SV. "Beide Spiele waren gekauft", behauptete der anonyme Schreiber. Auch den Täter nannte er: Schalkes Trainer Friedel Rausch.

Weil Schalke 04 schon einmal eine Spiel-Manipulation nachgewiesen worden war, die 0:1-Niederlage am 17. April 1971 gegen Arminia Bielefeld, und weil acht Schalker Spieler deswegen sogar Meineide geleistet hatten, ist das Thema Schalke für die Fußhalloberen brisant. Der DFB verweigert zum neuen Fall jede Auskunft.

Doch diesmal ist der Verdacht auf Schiebung offensichtlich nur aus Rache erhoben worden. Denn die "tausend Freunde, die zusammensteh'n". wie das Vereinslied unterstellt, sind uneins, wenn es um Vorstandsposten und Geschäfte wie den Getränke- oder Würstchenverkauf im Stadion geht.

Trainer Rausch, der in seiner Totoannahmestelle auch Kartenvorverkauf für Schalke betreibt, bezeichnete sich als jüngstes Opfer:,, Hier ist doch immer Zoff, mit der Rechten reicht dir einer ein Bier, mit der Linken haut er dir einen Schlagring unter den Wanst." So übertrieben klingt das nicht in einem Klub, in dem vier Vorstandsmitglieder Selbstmord begingen und zwei Präsidenten unter Strafverfolgung gerieten. Einer wurde verurteilt, wegen Steuerhinterziehung.

"Schalke ist mein Leben", hatte 1967 der frühere Mittelstürmer Günter Siebert schwadroniert. Um Präsident zu werden, suchte er Zeitungsredaktionen auf und schwärzte den Vorsitzenden Fritz Szepan an. "Der ist zu weich, der bewahrt Klubgelder im Jackett auf und bezahlt Hotelkosten, ohne Rechnungen entgegenzunehmen."

Die aufgewiegelten Mitglieder wählten Siebert zum Nachfolger. Dem schluchzenden Szepan legte Siebert die Arme um die Schultern und rief den Mitgliedern zu: "Schämt euch, so mit einem der größten Männer von Schalke umzugehen." Siebert regierte neun Jahre. Als 1971 die Bielefelder Arminen bei ihm anfragten, ob sie ein Spiel kaufen könnten, wies Siebert sie ab. Die Spieler verkauften das Spiel für 40 000 Mark.

Siebert und die Spieler, bald aufgespürt, gerieten unter Meineidanklage. Die Spieler wurden verurteilt, Siebert freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein.

Seinen besten Freund Heinz Aldenhoven. einen Millionenerben, der die elterliche Fleischfabrik verpachtet hatte und sieh als "Frührentner" bezeichnete, hatte Siebert zum Schatzmeister hochgelobt. Im alten Stadion Glückauf-Kampfbahn übernahmen Siebert und Aldenhoven gemeinsam den Kioskhandel. Das lohnende Geschäft mit Schweppes und Schmackes brachte fast 100 000 Mark pro Saison ein Bald behielt Siebert die Erfolgsprämien einer Getränkefirma für sich. Aldenhoven gab verärgert Schatzmeisteramt und Stadionhandel auf.

Im neuen Park-Stadion (Fassungsvermögen: 70 000 Zuschauer) stieg Sieberts Gewinn noch beträchtlich an. In den letzten vier Jahren soll er 1,5 Millionen Mark kassiert haben. Doch 1976 entzog ihm die Stadt Gelsenkirchen sämtliche Verkaufsrechte.

Nun wollte Siebert den ehrenamtlichen Präsidentenposten in eine Einnahmequelle verwandeln, obwohl die DFB-Satzungen das nicht zulassen. Der Vorstand schlug Siebert vor, auf das Präsidentenamt zu verzichten und lieber bezahlter Manager zu werden. Siebert: "Mindestens 15 000 Mark im Monat müssen drin sein.

Als Präsidenten empfahl Siebert den Freund und früheren Oberbürgermeister Josef Löbbert. Doch der Stadtverwaltung mißfiel Sieberts Treiben immer mehr. Oberstadtdirektor Professor Dr. Heinz Meya überredete einen der Schalker Verteidiger im Meineidverfahren, Rechtsanwalt Dr. Karl-Heinz Hütsch, zu kandidieren. Hütsch siegte bei der Abstimmung und reduzierte Sieberts Gehaltserwartung auf 6000 Mark im Monat. Alkoholisiert rief Siebert aus: "Dafür nicht, dann verzichte ich lieber." Hütsch akzeptierte.

Siebert ging zum Gegenangriff über. Er beschuldigte, so "Bild", die städtische "SPD-Mafia", ihn abgesetzt zu haben. Weiter ließ er verlautbaren, daß Hütsch im Schalke-Prozeß rund eine halbe Million Mark als Rechtsanwalt verdient habe. Schließlich verklagte er den Klub auf Wiedereinstellung. Seitdem droht Siebert ein Ausschlußverfahren. Der noch von Aldenhoven ausgebootete stellvertretende Schatzmeister Hans Lehmann packte auch aus: Trainer Rausch habe 1973 damals war er noch Trainerassistent -- 30 000 Mark für Manipulationen verwendet.

Rausch verteidigte sich: "Ich hatte mir ein Haus gebaut und war mit der Abzahlung in Verzug, da durfte ich mit Aldenhovens Billigung 30 000 Mark länger einbehalten." Von Lehmann zur Rede gestellt, witzelte Rausch. " Das Geld habe ich für eine Manipulation verwandt." Irgend jemand nahm das ernst und meldete es dem DFB.

Doch zwei Jahre nach den ersten Schiebungen, die mit 40000 Mark (Bielefeld an Schalke) begannen und sich auf 250 000 Mark (Bielefeld an Hertha BSC Berlin) steigerten, wären 30 000 Mark, so Rausch, "keine Verhandlungsbasis mehr gewesen

"Ich kann mir nicht vorstellen, daß in dieser Sache etwas herauskommt' zweifelt Schalkes Präsident Hütsch, der seines Amtes nach einem Vierteljahr längst überdrüssig ist. Nächster Präsidentschafts-Kandidat: Gelsenkirchens Oberstadtdirektor Meya.

DER SPIEGEL 06/1977
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