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DER SPIEGEL 29/1976 vom 12.07.1976, Seite 84

Entebbe: Die zähen jungen Burschen

Masche Dajan wollte nach Uganda fliegen, um mit seinem Bewunderer Idi Amin über das Schicksal der Geiseln zu sprechen. Israels Regierung verbot es ihm, wußte aber lange nicht, was sie tun sollte. Die dann beschlossene Befreiung aus der Luft gelang nur durch Helfer am Boden: Kontaktleute und Kundschafter am Viktoria-See.

El-Al-Flug LY 535, Tel Aviv-Nairobi, sonst ein Muster an Pünktlichkeit, war verspätet." Aus technischen Gründen", behauptete die El-Al-Bezirksleitung Nairobi. Der Korrespondent des Deutschlandfunks in Israel, Peter Philip, der auf LY 535 zu einem privaten Safari-Urlaub aus Tel Aviv vorletzten Donnerstag früh in Kenia eingeschwebt war, sieht einen anderen Grund für die Verspätung: "An Bord kamen ein paar zähe, braungebrannte junge Burschen, genau solche, wie man sie für den Job in Entebbe brauchte."

Die zähen jungen Burschen wurden später im Haus des israelischen Kaufmanns Eli Engle im eleganten Nairobi-Vorort Lavington gesehen. Nachbarn beobachteten in Engles Hof einen ungewöhnlichen Auftrieb von Autos vorwiegend israelischer Staatsbürger, die nach wie vor in Kenia als Geschäftsleute und Berater tätig sind, obwohl Nairobi wie fast alle schwarz-afrikanischen Staaten die diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem abgebrochen hat. In der Schweizer Botschaft sitzen mehrere Israel-Diplomaten.

Ein Nachbar bemerkte in Engles Haus mehrere große Radioapparate. Am Freitagvormittag erschien eine Gruppe zäher junger Leute am Wilson Airport, einem Sportflughafen etwa fünf Kilometer vom Stadtzentrum Nairobis, zehn Kilometer vom internationalen Flughafen Embakasi.

Die Burschen übernahmen zwei zweimotorige Privatmaschinen, die am Vorabend per Telephon bestellt worden waren. Als Flugziel notierte der Kontrollturm von Wilson die Hafenstadt Kisumu am Viktoria-See. Am folgenden Samstag wurden die beiden Maschinen noch einmal gemietet. Sie nahmen wieder Kurs auf Kisumu.

Es war der Tag des Handstreichs der Israelis auf Entebber bei dem drei "Hercules"-Maschinen 4000 Kilometer von der Heimat entfernt über hundert Geiseln befreiten. Die Aktivitäten der jungen Luftaufklärer von Kisumu sind die glaubwürdigste Hypothese über die perfekte Vorbereitung der Aktion am vorletzten Wochenende.

Noch werden Einzelheiten geheimgehalten, wie das tollkühne Unternehmen gelingen und die israelische Seite nur vier Opfer kosten konnte. Unter den Vermutungen über Wunderwaffen und Kriegslisten der Israelis geistert gar die Figur eines als Idi Amin verkleideten und angemalten Juden, der im Mercedes aus dem Bauch einer Maschine gerollt und bei den salutierenden Geisel-Bewachern vorgefahren sei, um sie umzumähen.

Die Amin-Geschichte ist eine Legende. Aber weil so gut wie ausgeschlossen ist, daß die anfliegenden Maschinen am Boden keine Helfer hatten, gewinnen die geheimnisvollen jungen Männer von Kisumu Bedeutung: Sie erkundeten offenbar aus der Nähe den Flughafen von Entebbe, zu dem Israelis seit vier Jahren keinen Zugang mehr hatten.

Sie setzten wahrscheinlich auch einige Kämpfer in Booten nach Entebbe ab. In Kisumu kann man, ohne sonderlich aufzufallen, Motorboote mieten. Der Flughafen Entebbe liegt unmittelbar an der Uganda-Seite des Viktoria-Sees. Vom Strand sind es keine 500 Meter bis zum alten Flughafengebäude, in dem die jüdischen Geiseln gefangengehalten wurden. Das Flughafengelände ist zum Sec hin nur durch einen löcherigen Zaun abgegrenzt.

Und die Helfer der Landetruppen aus der Luft können nur über das Wasser gekommen sein: Die Strecke Tororo-Jinja--Entebbe wurde von Militäreinheiten streng bewacht. Getarnt als Tourist konnte auch niemand einfliegen: Von etwa zwei Dutzend Journalisten. die es versuchten, gelang es nur dreien. Alle übrigen wurden am Flughafen abgefangen und abgeschoben. Keiner kam durch, der eine Kamera hei sich führte. Waffen oder Funkgeräte einzuführen war unmöglich.

Den geheimnisvollen Männern vom Viktoria-See aber konnte das gelingen. Sie konnten den anfliegenden Maschinen mitteilen.

* daß die von den Hercules-Flugzeugen benutzte alte Landebahn

* Bei der Rückkehr der Geiseln in Lod: Transportminister Jacobi, Premier Rabin, Verteidigungsminister Peres, Außenminister Allon.

nicht mit Tonnen oder Fahrzeugen verbarrikadiert war,

* wo genau Terroristen und Uganda-Soldaten standen,

* ob etwa Migs zur Sicherheit über dem Flughafen kreisten.

Sie konnten schließlich auch im entscheidenden Moment die Bewacher der Geiseln unschädlich machen. Denn unter fünf Minuten schaffen auch die Israelis keine Luftlandeoperation -- mehr als genug Zeit für die Terroristen, um ihre wehrlosen Opfer zu töten.

"Viel schwerer als die militärische Aktion", so bekannte der Befehlshaber des Unternehmens Entebbe, General Dan Schomron, 39, fiel allerdings "der politische Beschluß" zum Handeln. Tatsächlich gerierte Israels Regierung in der Woche zwischen Geiselnahme und Geiselbefreiung alles andere als eine einig handelnde, verschworene Gemeinschaft.

Sie hatte sich keineswegs von Beginn an für den militärischen Schlag entschieden. Und wenn etwa die Entführer auf Israels Forderung eingegangen wären, den Austausch Geiseln gegen Gefangene an einem neutralen Ort vorzunehmen. wäre der Coup unmöglich geworden. Israelische Fallschirmjäger in Genf oder Paris -- das ist auch für Jerusalemer Super-Falken nicht vorstellbar.

Und so lief der Entscheidungsprozeß in Jerusalem:

Sonntag, 27. Juni: Die Regierung erfährt während ihrer wöchentlichen Sitzung von der Entführung der Air-France-Maschine und bildet einen Krisenstab mit mehreren Ministern. Die Likud-Opposition wird über alle Beratungen informiert. Das Verteidigungsministerium. im Krisenstab durch Minister Peres vertreten, spielt noch keine Rolle. denn man konzentriert sich auf eine politische Lösung.

Montag, 28. Juni: Peres bespricht mit Fachleuten die Chancen einer gewaltsamen Intervention, obwohl noch nicht klar ist, ob, wann und wo ein Einsatz denkbar wäre. Peres später: "Wir hätten nicht unsere Pflicht getan, wenn wir nicht sofort die Möglichkeit einer militärischen Aktion geprüft hätten."

Dienstag, 29. Juni: Zwanzig Minuten vor einer für vier Uhr angesetzten Kabinetts-Sitzung übermittelt Israels Pariser Botschafter Gasit die Forderungen der Terroristen: Austausch der Geiseln gegen 53 inhaftierte "Freiheitskämpfer" bis Donnerstagmittag zwölf Uhr MEZ. In der 90 Minuten dauernden Sitzung sind die Meinungen geteilt. Eine Mehrheit will in erster Linie die Geiseln retten -- sogar durch Freilassung der inhaftierten Terroristen. Peres und Verkehrsminister Jacobi wollen auf der traditionellen Unnachgiebigkeit beharren.

Das Kabinett informiert Bonn, Paris und Bern. die Affäre könne durch politisches Handeln beigelegt werden -- erwähnt aber eine etwaige Bereitschaft. die Geiseln auszulösen, nicht. Zugleich setzt das Armee-Hauptquartier eine Studiengruppe für einen militärischen Eingriff zusammen. Elite-Einheiten werden alarmiert und durch Militärs mit Uganda-Erfahrung verstärkt.

Mittwoch, 30. Juni: Nachdem in Entebbe Juden von nichtjüdischen Geiseln selektiert werden. wächst die Sorge in Jerusalem. obwohl Idi Amin die Geiseln besucht und ihnen versichert, daß er sich für sie einsetze. Die Angehörigen der Geiseln drängen die Regierung zum Nachgeben.

Donnerstag, 1. Juli: Die Regierung erklärt morgens um neun Uhr ihre Bereitschaft. mit den Flugzeugentführern zu verhandeln. Die Öffentlichkeit reagiert positiv. Die beiden Oberrabiner verkünden, der Regierungsbeschluß entspräche den Grundsätzen jüdischer Tradition. Am kommenden Tage loben auch die Zeitungen einhellig den "mutigen Beschluß" der Regierung.

Israels Verhandlungsangebot wird über Paris nach Kampala übermittelt. wo Idi Amin und der Somalia-Botschafter Haschi Abdallah als Vermittler fungieren. Abdallah hält den Kontakt zu dem Habasch-Genossen Dr. Wadi Haddad, der von der Somali-Hauptstadt Mogadischu aus den Terroreinsatz dirigiert.

Israels Angebot: Es ist bereit, einen Teil der geforderten 40 Inhaftierten freizusetzen, es könne jedoch nicht für die Auslieferung der in den anderen Ländern einsitzenden Terroristen verantwortlich gemacht werden. Der Austausch dürfe nicht in Entebbe und unter Amins Aufsicht erfolgen, sondern müsse an einem neutralen Ort (etwa Paris) und unter neutraler Kontrolle vorgenommen werden.

Israels Einlenken erwirkt -- überraschend -- eine Verlängerung des Ultimatums um drei Tage.

Jerusalem informiert Bonn darüber, nicht aber über die Entwicklung am Nachmittag: Peres bereitet den Krisenstab darauf vor, daß wahrscheinlich ein militärisches Eingreifen unvermeidbar werde, denn erstens scheine Frankreich sich aus der Affäre ziehen zu wollen, nachdem -- bis auf die Besatzung -- die eigenen Geiseln in Sicherheit sind. Zweitens sei Amin nicht zu trauen: "Amin hat nicht gezögert, Tausende Landsleute und sogar eigene Offiziere kaltblütig ermorden zu lassen". argumentierte Oberst Ben Schacham, der mehrere Jahre in Uganda gedient hat, "warum sollte er davor zurückschrecken. hundert Israelis niederzumetzeln?"

Gerüchte über zusätzliche Forderungen der Entführer und Amins nach mehreren Millionen Dollar Lösegeld unterstützten die Peres-These, es sei "undenkbar, die Forderungen der arabischen Terroristen zu erfüllen".

Freitag, 2. Juli: Ein halbes Dutzend Minister -- nicht aber der Krisenstab -- glauben inzwischen, daß die Geiseln wohl nur durch Nachgeben gerettet werden können, und wollen auch die Bundesrepublik bitten, die Forderungen der Entführer zu erfüllen. Der Rechts-Oppositionelle Menachem Begin schlägt vor, Mosche Dajan nach Kampala zu senden, um mit dem Dajan-Verehrer Idi Amin zu verhandeln. Dajan ist bereit, aber Premier Rabin legt sein Veto ein, weil Dajan als zusätzliche Geisel genommen und öffentlich gedemütigt werden könnte. Rabin spricht mit Golda Meir, die ihn angeblich zum Hartbleiben auffordert.

Der endgültige Beschluß, militärisch einzugreifen, fällt wahrscheinlich noch am Freitag. Er wird bekräftigt, weil Bonn die deutschen Terroristen nur nach einer förmlichen Bitte Jerusalems freilassen will. Das aber möchte Israel vermeiden. Denn ein derartiger Präzedenzfall hätte Jerusalem moralisch verpflichtet, ähnliche Leistungen zu erbringen, falls einmal Terroristen Bonn erpressen und die Befreiung von Häftlingen in Israel verlangen würden. Das zum Einsatz ausgewählte Kommando übt in Israel den Entebbe-Coup.

Samstag, 3. Juli: Stabschef Gur teilt dem Krisenstab mit, die Armee sei fähig, das Befreiungsunternehmen durchzuführen. Kontaktleute in Afrika werden informiert. Eine israelische Boeing fliegt nach Nairobi. um als Feldlazarett bereitzustehen.

Verteidigungsminister Peres begibt sich abends auf eine Bar-Mizwa-Feier, "weil meine Abwesenheit Gerüchte entfacht hätte". Die US-Botschaft in Tel Aviv aber stellt fest, daß auf einem Empfang zum amerikanischen Unabhängigkeitstag zahlreiche eingeladene Israel-Offiziere fehlen und meldet das nach Washington. Party-Gast Zbigniew Brzezinski, Berater des US-Präsidentschaftskandidaten Carter: "Ich wußte nichts, aber fühlte, daß irgend etwas in der Luft lag."

In der Luft befanden sich zu jenem Zeitpunkt schon die drei Hercules-C130-Flugzeuge. Sie waren um 16 Uhr israelischer Zeit aufgestiegen, schwebten im Tiefflug über das Rote Meer in Richtung Süden und drehten vor Äthiopiens Küste nach Südwesten ab.

Äthiopiens Regierung muß trotz allafrikanischer Israel-Verfemung bei dem Unternehmen zumindest passiv mitgewirkt haben. Der Weg am Horn Afrikas vorbei bis zur Kenia-Küste hätte 1500 Kilometer zusätzlich bedeutet. Somalias von den Sowjets gestützte, effektive Luftwaffe hätte das Unternehmen verhindern können.

So deutet alles darauf hin, daß die Äthiopier den Israelis das Überflugrecht einräumten. Und sollte sich der regierende Militärrat "Derg" renitent gezeigt haben, könnten im Lande stationierte Amerikaner Entscheidungshilfe geleistet haben: Die Existenz Äthiopiens in seiner derzeitigen Form hängt praktisch von US-Waffenhilfe ab.

Die Hercules-Maschinen landen gegen 23 Uhr in Entebbe, starten in weniger als einer Stunde zum Auftanken nach Nairobi, wo auch Schwerverwundete versorgt werden. Am Sonntagmorgen gegen 9 Uhr sind sie zurück in Tel Aviv.

Unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen des israelischen Überraschungsschlags war "Kenias Komplizenschaft" mit Tel Aviv (so Idi Amin). Jomo Kenyattas Staat hat gute Gründe, sich eher auf die israelische Seite als auf die Amins und der radikalen Palästinenser zu stellen: Amin möchte Gebiete Kenias seinem Lande einverleiben und drohte Nairobi mehrfach schon mit Krieg.

Die Palästinenser mag Kenyatta nicht, seit Guerillas im Januar versuchten, in Nairobi eine El-Al-Verkehrsmaschine abzuschießen. Die Terroristen waren gefaßt und entweder getötet oder aber an Israel ausgeliefert worden: So teilte Kenia den Entführern in Entebbe auf das Verlangen nach Freilassung inhaftierter Palästinenser mit, die gäbe es in Kenia gar nicht.

Kenias Massenmedien feierten als einzige im unabhängigen Afrika vorbehaltlos das Gelingen der israelischen Intervention. "Die Welt wird jene in Israel hochleben lassen, die das kalkulierte Risiko eingingen". jubelte das Massenblatt "Daily Nation". Die Kenianer freute besonders, daß die Israelis bei ihrer Befreiungsaktion auf dem Flughafen Entebbe etwa ein Dutzend von Amins Mig-Jägern hatten hochgehen lassen.

Als daraufhin Libyens Gaddafi seinem zerknirschten Freund Idi Amin vorige Woche 20 Mirage-Jäger schickte, entschloß sich Washington, ebenfalls etwas für das Gleichgewicht der Kräfte in Ostafrika zu tun: Das Verteidigungsministerium informierte den Kongreß von seiner Absicht, Kenia zwölf F-5-Jäger zu liefern.

Aus Amerika soll auch Aufhellung über noch immer ungeklärte Details der Operation Israels im Herzen Afrikas kommen. Hollywoods Universal Studios planen unter der Regie von George Roy Hill schon einen Abenteuerfilm mit dem Arbeitstitel "Rettung in Entebbe".

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