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DER SPIEGEL 34/2005 vom 22.08.2005, Seite 142

WAHLKAMPF

Die zerredete Republik

Kaum ein TV-Ereignis wird so akribisch vorbereitet wie das Kanzler-Duell am 4. September. Doch was bringt es - außer Quote? Schon jetzt ermüdet die Flut von Polit- und Boulevard-Talks samt ihrer Auguren, die Fernsehen und Republik gleichermaßen regieren wollen. Von Thomas Tuma

Der Job, den die Gebrüder Lutz und Peter Brüggemann vor genau drei Jahren zu erledigen hatten, war nervenaufreibend und chaotisch, dabei komplett unkreativ und obendrein schlecht bezahlt. Kurz: das Schlimmste, was sie beruflich jemals erlebt haben.

Furchtbarer wäre nur, wenn sie bei der Neuauflage jetzt nicht dabei wären. Es geht nämlich auch um Prestige, die Zukunft, Deutschland - also irgendwie um alles. Es geht um das Kanzler-Duell im Fernsehen, das am Sonntag, 4. September, wieder 15 Millionen Zuschauer anlocken soll.

So viele jedenfalls waren es im Sommer 2002, als das Großereignis einer Fernsehdebatte zwischen Regierungschef und Herausforderer zum ersten Mal in der deutschen Mediengeschichte stattfand. Damals gab es gleich zwei solcher Highnoon-Simulationen, diesmal nur eine. Damals hieß der Herausforderer Edmund Stoiber, diesmal ist es Angela Merkel. Aber wie der Noch-Kanzler sind auch die Brüggemanns wieder dabei, weil sie in ihren Werkstätten in Berlin-Adlershof die Kulissen für das Rededuell zurechtzimmern.

Deshalb interessieren sich Journalisten nun auch wieder für ihre Deko-Firma Ideea. Ebenso wie für den Szenenbildner, der Mitte vergangener Woche enthüllte, dass die Farbe des Bodenbelags im Studio ein "entsättigtes Weinrot" werden dürfte. Ist sicher besser als ein übersättigtes Aschgrau. Stehen die Moderatoren, sitzen oder liegen sie? Sie sitzen. Ist die Form der Wassergläser schon notariell beurkundet?

Wenigstens müssen dieses Mal nicht die Krawattenmuster abgestimmt werden, was nach den ersten Duellen für fast mehr Aufregung sorgte als die Fragerunden selbst: Hatten sich Schröder und Stoiber bei der Streifen-Wahl abgesprochen? Haben sie nicht: Stoibers erster Schlips flimmerte auf dem Bildschirm, der zweite hatte einen Fleck. Also mussten die Leibwächter schnell zurück und rissen ausgerechnet eine Krawatte aus dem Schrank, die der von Schröder sehr ähnlich sah.

So profan war letztlich alles. So profan geht es nun weiter: Jeder Pups, der später durch das TV-Duell wehen könnte, bekommt wieder eine ungeheure Bedeutung. Peter Brüggemann erinnert sich, dass 2002 sogar Franz Müntefering ins Studio kam und gemurmelt habe, das Podest des Kanzlers stehe weiter hinten als das des Herausforderers. Unmöglich, hätten sie gesagt, dann aber nachgemessen. Und tatsächlich: Fünf Zentimeter waren es, was natürlich sofort behoben wurde.

Muss man sich mal vorstellen: fünf Zentimeter, die Schröder womöglich den Wahlsieg gekostet hätten. Die Hartz IV zerschossen und der Republik die frühzeitige Rückkehr von Kernenergie oder den Einstieg in den Irak-Krieg gebracht hätten.

Brüggemann lacht. Es ist natürlich alles ein riesengroßer Quatsch. Aber jetzt ist er wieder da, dieser Quatsch. Und er wird von allen Beteiligten ausgiebig zelebriert: Am Dienstag vergangener Woche trafen sich die Chefredakteure von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 in Berlin, um zweieinhalb Stunden lang Details festzuzurren, flankiert von Abordnungen ihrer Anstalten.

Weil es nur ein Duell geben wird, wollte keiner zurückstecken. Das führt dazu, dass die vier größten Sender des Landes nun zeitgleich das identische Live-Programm ausstrahlen, was ein wenig an die gleichgeschalteten Programme übel beleumundeter Kleinstdiktaturen erinnert. Glücklich macht das keinen der TV-Leute.

Gut, die Themenblöcke für den großpolitischen Über-Talk könnte jeder Campingplatzstammtisch in einer halben Stunde

problemlos auf eine Papierserviette kritzeln. Aber bei dem Berliner Gipfeltreffen im ARD-Hauptstadtstudio ging es bei Kaffee, Saft und Keksen auch um bedeutende Fragen wie zum Beispiel die, wer am 4. September die erste Frage stellen darf.

Das ist schon deshalb wichtig, weil jede Anstalt im Proporzeifer ihr eigenes Journalisten-Gesicht zum Duell schickt. Weil neben den zwei Politikern also auch vier Moderatoren um Aufmerksamkeit rangeln: Sabine Christiansen für die ARD, Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Thomas Kausch (Sat.1). Und weil die Öffentlich-Rechtlichen vor allem mit Kausch anfangs gar nicht einverstanden waren.

Erstens gilt der als kaum satisfaktionsfähig, weil er - zweitens - seine Karriere zwar beim Zweiten begann, dann aber zur privaten Konkurrenz floh, wo er sich - drittens - jüngst auch noch über die Apparatschikkultur seines Ex-Arbeitgebers ausließ.

Und wer oder was ist schon Sat.1, wo sie vor wenigen Wochen überhaupt erst die Idee der politischen Gesprächsrunde wiederentdeckten, die dort nun "Talk der Woche" heißt und von der TV-Randerscheinung Bettina Rust sicher bald in den Orkus moderiert wird.

Nun haben sich aber alle wieder lieb. Das Duo Christiansen/Kausch darf anfangen, während Illner/Kloeppel das Recht der letzten Frage bekamen. Man merkt schon: Es wird diesmal alles viel lockerer und spontaner als 2002. Damals ließ der einstige RTL-Chefredakteur Hans Mahr ("Mahr-Hansi") noch in einer Suite des Berliner Luxushotels "Four Seasons" einen Vertrag ratifizieren, der bis in die Kameraperspektiven hinein alles regelte, als handelte es sich bei dem Deal um einen Atomwaffensperrvertrag mit Nordkorea.

"Es fehlten nur noch die Sender-Standarten auf dem Tisch", witzelt einer, der damals dabei war, als die TV-Manager vor lauter staatstragender Verantwortung kaum noch gehen konnten. Der Österreicher Mahr wundert sich im Gegenzug noch heute über die irre Angst der Deutschen vor TV-Symbolik wie Flaggen oder Hymne: "Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben." Er wollte große Oper. Heraus kam ein Blockflötenkonzert im Pflegeheim.

Das Duell wirkte wie Totensonntag im Leichenschauhaus: In der bleiern-blauen Tiefkühl-Deko warfen sich zwei wächserne Marionetten ihre einstudierten Satzbausteine zu. "Die Politik versuchte, uns ein Korsett gegen die Angst umzulegen", erinnert sich ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. "Das schnürte eben auch ein."

Und Kloeppel sagt: "Journalistisch gesehen war das damals ja auch eine Art Mondlandung. Umso größer war die Regelungswut. Das funktionierte nicht so toll. Dieses Mal haben alle mehr Erfahrung und weniger Unsicherheit." Kloeppels Handy-Verbindung knarzt gerade. Er ist mit dem Kanzler unterwegs für ein Porträt, das momentan alle wollen - und viele auch bekommen.

Bis zum Wahlabend am 18. September warten die Sender mit Dutzenden von Sondersendungen über und mit Schrödermerkelfischerwesterwellestoiberlafontainegysiundwiederweste rwelle auf. "Die Talkshow ist ein Trojanisches Pferd, in dessen Bauch immer Guido Westerwelle steckt", sagte der in diesem Zusammenhang unvermeidliche Roger Willemsen mal. Eine TV-Debattenrunde wird in den kommenden Wochen die nächste jagen, was Kloeppel schon über eine "Talkrunden-Inflation" philosophieren lässt. Natürlich hat er recht.

Die Republik wird zerredet. Rund 40 Talk-Formate bieten die Sender mittlerweile regelmäßig auf. Das Palaver ist billig und

einfach herzustellen. Getalkt wird über alles, und wenn dabei noch ein paar Polit-Köpfe zu sehen sind, gilt die Show bereits als seriöses Informationsprogramm, auch wenn nicht nur TV-Kritiker inzwischen die "systemimmanente Inhaltsleere" beklagen.

Für die Politiker sind Talkshows zu Ersatzbühne und Bedeutungsplacebo geworden. Wann immer einer zurücktritt, sitzt er ein paar Tage später wieder in einem Studio-Rattansesselchen. Andere bekamen gleich die Moderation einer eigenen Show angeboten, weil die Sender ihrerseits dem Missverständnis erlagen, dass Politiker apriori auch gute Vermittler sind. So brachten es Leute wie Lothar Späth (CDU), Andrea Fischer (Grüne) oder PDS-Mann Gregor Gysi zu - wenn auch überschaubaren - Medienkarrieren.

Politik wird immer seltener im Plenum verhandelt, sondern bei "Sabine Christiansen" oder Illners "Berlin Mitte". Dabei hat sie eigentlich mit Gremien zu tun, mit Diplomatie und der mühsamen Suche nach Kompromissen. Sie ist so unterhaltend wie eine Nebelbank. Weil Fernsehen aber Quote verspricht und zugleich verlangt, dass auch komplexeste Sachverhalte in maximal drei Sätzen erklärt werden müssen, verlieren die Mandatsträger schleichend an Glaubwürdigkeit.

Hans-Jürgen Papier, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, warnte bereits vor der "zunehmenden Herrschaft der Bilder". Er sieht "den Trend zur Informationsverdünnung, zur Simplifizierung, wenn nicht sogar Unterdrückung jedes halbwegs komplexen Stoffes und zur Personalisierung von Sachproblemen". Insofern ist auch das bevorstehende Kanzler-Duell nur logische Konsequenz und Tiefpunkt einer Medien-Demokratie, in der die Inszenierung alles, der Inhalt nicht allzu viel bedeutet.

Wenn man ehrlich ist, interessiert einen nur noch, wie bunt das Make-up der CDU-Kandidatin diesmal ausfallen wird und wie weit Schröder den jovialen Macho raushängen lässt. Über was sollen Merkel und Schröder auch noch streiten? Alles ist längst überall von allen mehrfach gesagt oder wenigstens gekonnt vertagt worden. Dass bei dem TV-Duell am Ende noch wirklich Überraschendes geschieht, ist so unwahrscheinlich wie ein deutscher Sitz im Uno-Sicherheitsrat.

So erlebt das Publikum derzeit einen merkwürdig müden Wahlkampf, dessen kleinste Neuigkeitsfitzelchen mit Sicherheit bei Christiansen oder Illner, Beckmann, Maischberger, Kerner oder Strunz dann weiter gefleddert werden, um mit irgendeinem O-Ton dazu selbst in die nächste "Tagesschau" zu kommen.

"Es geht um Nuancen, Gesten, um Atmosphäre und Emotionen", sagt Volker Weicker, auch diesmal Regisseur des TV-Duells. "Es geht darum, wie sich die beiden präsentieren, nicht was."

Weicker gilt als Ass des Gewerbes. Das sagen sie alle: bei den Sendern, für die er mal große Boxkämpfe inszeniert, mal ein Fußball-WM-Endspiel, mal auch nur ein schnell vergessenes Grillspektakel namens "Jetzt geht's um die Wurst" (Sat.1); bei der Kölner Kunsthochschule für Medien, wo er als Professor lehrt; in den Jurys großer deutscher TV-Auszeichnungen sowieso. Goldener RTL-Löwe, Bayerischer Fernseh- und Grimme-Preis - hat Weicker alles im Regal. Wenn es um die Emotionen großer Live-Ereignisse geht, macht ihm niemand was vor. Da kennt er sich aus. Und so einer muss sich dann vorschreiben lassen, auf Pult-Höhen und Redezeit-Sekündchen zu achten?

"Wer bin ich kleiner Wicht denn", sagt er, "dass ich einen der beiden durch eine boshafte Kameraeinstellung diskreditieren würde?" Neutralität bis zur Selbstverleugnung gehört hier zu seinem Job. Er findet es "einfach geil, dass sich da wahrscheinlich wieder mindestens 15 Millionen politisch interessierte Deutsche vor dem Fernseher versammeln werden". Wenn's so viele werden.

Es ist nun mal nicht das erste, sondern das dritte Duell dieser Art. Und die Zuschauer werden es anders auf- und wahrnehmen als vor drei Jahren, als Kanzler und Kandidat sich in den Umfragen noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten. Wenn Merkel am 4. September noch so klar führt wie zurzeit, wird es ihr Vorstellungsgespräch als Kanzlerin und Schröders Abschiedsgala. Wahlentscheidend wird es nicht. Da sind sich alle einig. Wenn es gut läuft, wird es ein staatstragend-langweiliger TV-Abend.

Mindestens so wichtig wie das Duell selbst werden deshalb die wertenden Stimmen, Umfragen und Berichte drum herum, ahnt der Medien-Profi Michael Spreng, vor drei Jahren noch Stoiber-Berater. Damals wedelte er schon Minuten nach dem Finale mit selbstgebastelten Analysen über "Schröders schlimmste Fehler", um die Meinung der Journalisten frisch zu färben.

Und so werden zu den talkenden Politikern auch dieses Mal Heerscharen talkender Meinungs- und Medienforscher kommen. Das Institut für Publizistik der Universität Mainz hat eine akribische Untersuchung angekündigt. Lutz Hachmeister vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik droht mit einer "Kommission", die das Geschehen live verfolgen und im Deutschlandfunk auseinander nehmen wolle.

Im Land des Hechelns geht es nicht mehr darum, dass sich das Volk eine eigene Meinung bildet. Es geht um die Ad-hoc-Interpretation von Fachleuten und Demoskopen, wer warum wie rüberkam. Und wahrscheinlich werden unterbeschäftigte Soziologen auch deren Einfluss auf das Wahlergebnis dann in Grund und Boden analysieren.

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Und bei der nächsten will der inzwischen bei Premiere gelandete "Mahr-Hansi" im Bezahlfernsehen alle Kameraeinstellungen gleichzeitig übertragen. Da könne sich dann jeder das Bild raussuchen, das ihm am besten gefällt.

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