Alle Quellen anzeigen
SP

DER SPIEGEL 40/2005 vom 01.10.2005, Seite 64

Autoren: Dominik Cziesche und Gerald Drißner

RECHTSEXTREMISTEN

Brav und präsentabel

Die bislang männlich dominierte Neonazi-Szene setzt nun auch auf Frauen: Weibliches Personal soll helfen, das Schmuddelimage loszuwerden.

Die Sängerin Annett ist ein Star der Szene. Mit zwölf Jahren hat sie sich das Gitarrespielen beigebracht, heute ist sie Mitte 30 und eine Ikone der Rechtsextremisten in ganz Deutschland, eine Nicole für Neonazis - das bisschen Frieden mal ausgenommen.

Denn Annetts Lieder erzählen von Soldatentum, Ehre, Vaterland. "Dieses Land hat wenig Deutsche, Überfremdung macht es krank. Und die alten deutschen Werte gehen unter im Gestank", singt sie, und ihre roten Bäckchen sehen dabei seltsam nett aus.

Annett Müller ist nur eine von vielen Frauen, die in den letzten Jahren im männlich dominierten Neonazi-Milieu Karriere gemacht haben. Je mehr vor allem die rechte NPD jenseits des Skinhead-Lagers nach Anhängern sucht, desto öfter gelangen auch Frauen nach vorn - und das ist Ergebnis nüchternen Kalküls: Die Frauen sollen Sympathien wecken, wirken doch viele auf den ersten Blick weniger grobschlächtig als ihre männlichen Kollegen, und radikale Sprüche klingen bei ihnen oft nicht ganz so garstig.

Der Tod der Dresdner NPD-Bundestagskandidatin Kerstin Lorenz, der eine Nachwahl nötig machte, hat dieses Phänomen vielen erstmals vor Augen geführt - immerhin hatte die rechte Partei in Sachsen, einer ihrer Hochburgen, eine Frau an die Spitze gesetzt. "Das Engagement der Frauen hat zugenommen", sagt NPD-Bundesvize Peter Marx. "Sie kommen weg von einem rein randständigen Dasein." Schließlich sei die Glaubwürdigkeit größer, wenn etwa Mütter für mehr Kindergeld einträten. Und nicht zuletzt ziehe das weibliche Personal auch "mehr junge Männer" an.

Hatte die Partei nach eigenen Angaben 1998 noch etwa 18 Prozent weibliche Mitglieder, so stellen Frauen jetzt rund 28 Prozent der insgesamt etwa 5300 Anhänger. Frauen sind inzwischen Abgeordnete, Verbandsvorsitzende, Strippenzieherinnen.

Dass sie sich vermehrt in eigenen Gruppen wie der 2001 gegründeten "Gemeinschaft deutscher Frauen" organisieren, sei eine "neue Entwicklung innerhalb der extremen Rechten", so die Autoren des Sammelbands "Braune Schwestern?", den ein antifaschistisches Forschungsnetzwerk herausgegeben hat. Frauen verkehrten nicht mehr nur deshalb im rechtsextremen Milieu, "weil sie in Männer der Szene verliebt" seien - sie mischen selber mit. Auch bei Gewalttaten.

So folterten fünf Neonazis, darunter zwei Frauen, im Juni 2004 in Frankfurt (Oder) einen 23-Jährigen eineinhalb Tage lang, unter anderem mit einem heißen Bügeleisen. In der Kameradschaft Süd, die einen Sprengstoffanschlag in München geplant haben soll, waren offenbar mindestens drei Frauen aktiv. Und bei Aufmärschen der notorisch gewalttätigen Freien Kameradschaften halten auch Frauen inzwischen Krawallreden.

Dass sie etwa an NPD-Infoständen stehen, sei in der Partei "gewünscht", sagt Stella P., Mitglied im Berliner Landesvorstand der Partei. Brav und durchaus präsentabel sieht sie aus, ihr gehe es um "ein inneres Gefühl der Liebe zur Heimat und zum Volk", sagt sie. Einen Sinn für historische Daten hat sie freilich auch: Ihren ersten Mann heiratete sie ausgerechnet am 20. April - an Hitlers Geburtstag.

Ihre sächsische Parteifreundin Gitta Schüßler zeigt, dass die Frauen keineswegs mehr nur Staffage der Rechten im Wahlkampf sind: Die Dresdner Landtagsabgeordnete kümmert sich im sächsischen Meerane, einem 18 000-Einwohner-Ort, regelmäßig dienstags und donnerstags in ihrem Bürgerbüro um die Sorgen der Wähler. Zwar hält sie die Bezeichnung "Nazi" nicht für ein Schimpfwort, aber sie legt Wert darauf, nicht mit glatzköpfigen Schlägern in eine Ecke gestellt zu werden.

Nach der Wende arbeitete Schüßler zunächst als Sekretärin und machte sich später mit einem Esoterikhandel selbständig. Aus der Welt der Heilkräuter und Duftkerzen zog es sie dann bald in den nationalen Dunstkreis, bei einem Vortrag des rechtsradikalen ehemaligen RAF-Mitglieds Horst Mahler hatte sie erstmals Kontakt zu der Szene. "Damals war ich die Quotenfrau, das sagt heute keiner mehr."

Auch für Sängerin Annett ist Gleichberechtigung von Kameraden und Kameradinnen selbstverständlich: Zwar halte sie nichts von den angeblichen "Allüren" der Emanzen - "andererseits gehört eine Frau nicht zwangsläufig an den Herd", sagt sie. Und ein wenig mehr Gefühl könne der Szene auch nicht schaden, glaubt Annett offenbar. Selbst ein Mann darf also mal Tränen fürs Vaterland vergießen, "ohne dass dies ein Zeichen von Schwäche ist".

DOMINIK CZIESCHE, GERALD DRIßNER

DER SPIEGEL 40/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizensieren.

Version 1.7.3.7 (DB: dokn)