Es ist viel leichter zu beschreiben, was Golda Meir nicht ist, als was sie ist. Sie ist nicht "der einzige Mann in der Regierung", nicht die moderne Medusa, auch nicht die "jiddische Momme". Aber sie hat von allem etwas. Sie ist ein Mensch voller Widersprüche und ohne Nuancen. Das Geheimnis ihrer Konsistenz ist, daß sie immer glaubt, was sie sagt -- auch wenn es das Gegenteil dessen ist, was sie gestern gesagt hat und morgen sagen wird.
Der Eindruck geschlechtswidriger Mannhaftigkeit überlebt einen persönlichen Besuch bei der alten Dame nicht. Golda Meir kann auch in kontroversen Gesprächen unverhofft liebenswürdig, beinah mütterlich sein, jedenfalls feminin. Aus der Nähe betrachtet, gewinnt sie ganz ungemein -- ihren 72 Lenzen zum Trotz. Wenn man ihr genau auf die Finger sieht, findet man sogar Spuren von Make-up: ein bißchen farblosen Lack auf den kurz geschnittenen Nägeln.
Golda Meïr ist fest davon überzeugt, die einzige Frau -- zumindest in Israel -- zu sein, die richtig Kaffee kochen kann. Sie hat ein gutes halbes Dutzend Töpfe und Maschinen. die ausschließlich diesem Zweck gewidmet sind. Schließlich lebt sie zur Hälfte von Kaffee, vorzugsweise von "Maxwell" -- und zur anderen Hälfte von Zigaretten, vorzugsweise von "Chesterfield"; sie konsumiert bis zu 60 Stück pro Tag.
Anderen Aufwand aber treibt sie nicht. "Garderobe" ist für Golde Meir in erster Linie ein Fremdwort; sie besitzt noch nicht einmal einen Morgenmantel, von Hüten ganz zu schweigen. Sie ist der Typ, der beim Verlassen des Büros das Licht löscht -- auch noch als Regierungschef.
Wer die "Mutter Courage" in ihr entdecken will, muß nicht lange suchen; er muß nur ihren Lebenslauf lesen. Einmal, 1948, ist sie insgeheim und als Araberin verkleidet in Amman bei König Husseins Großvater Abdallah gewesen, um ihn von dem angedrohten Waffengang gegen Israel abzubringen; freilich vergebens. Ein andermal, 1957, als ein Attentäter von der Galerie des Parlaments in Jerusalem eine Bombe nach Ben-Gurion schleuderte, riß ausgerechnet Golda Meir den Parteifreund beiseite und wurde verletzt; Ben-Gurion kam mit dem Schrecken davon. Und während der britischen Mandatszeit trat die nämliche Golda einmal in einen hundertstündigen Hungerstreik, weil die Regierung in London sich geweigert hatte, ein Schiff mit jüdischen Auswanderern nach Palästina zu lassen.
Der Zionismus der Golda Meir wurzelt tief in Kindheitserlebnissen. Sie war vier Jahre alt, als ihr Vater, der russische Tischler Mosche Mabowitz, die Fenster seiner ärmlichen Behausung in Kiew, wo Golda 1898 geboren wurde, aus Furcht vor einem Pogrom mit Brettern vernagelte. Sie erinnert sich genau, wie die Kosaken des Zaren gegen die auf der Straße spielenden Judenkinder anritten und erst im letzten Moment mit einem kurzen Sprung über sie hinwegsetzten. Noch 1906, als die Mabowitzens bereits russische Auswanderer in Amerika waren und Vater Mosche als frisch gebackener Gewerkschaftler an einer Labor-Day-Parade in Milwaukee teilnehmen durfte, rannte Goldas jüngere Schwester Zipke vor den amerikanischen Polizisten, die der Parade voranritten. mit dem Schrei davon "Hilfe, die Kosaken kommen
Der Zionismus der Golda Meir ist denn am Ende auch stärker gewesen als Milwaukee -- und als Morris Myerson.
Morris Myerson steht in Goldas Biographie für Liebe; er war "eine schöne Seele" (Golda), eigentlich ohne Beruf und gewiß ohne Geld, sensibel, melancholisch, belesen. Er schrieb ihr, welche Bücher sie lesen solle, und wie schön sie sei: "Ich habe Dich schon wiederholt aufgefordert, mir nicht in bezug auf Deine Schönheit zu widersprechen ..."
Golda Mabowitz heiratete Morris Myerson 1917, unter der Bedingung, daß er mit ihr Amerika verlasse und sich in Palästina ansiedle. Dies geschah 1921 -- und daran vor allem ging diese Ehe in die Brüche. Offiziell geschieden wurde sie nicht. Zwei Kinder kamen zur Welt. Morris Myerson fand den Rückweg nach Amerika nicht mehr und starb 1951. Golda Meir, längst aktive Politikerin, hebräisierte ihren Namen 1956. Im nämlichen Jahr wurde sie Außenminister.
Immer ist der Zionismus in Golda Meïrs Leben, wie in ihrer Politik, allem anderen vorgegangen. Das ist heute noch so. Was sich zuweilen ansehen mag wie ein allmählich zum Märtyrerkomplex verformter Fatalismus -- dieses halsstarrige Hinnehmen der arabischen Aggressionsabsicht, dieses zähe Zögern gegenüber jeglichem Vermittlungsbemühen -- ist in Wahrheit Zionismus bis zur letzten Konsequenz: Der Staat Israel muß um jeden Preis die Heimstatt der Juden bleiben -- auch um den Preis permanenter Kriegsgefahr, nicht bloß im Nahen Osten.
Dies ist freilich nicht die Position eines "starken Mannes". Es ist weit mehr die Politik einer simplen Moralistin. Für Golda Meir gibt es Richtig und Falsch -- und nicht viel dazwischen. Eine Ideologin ist sie darum noch lange nicht. In der politischen Praxis betreibt sie einen Pragmatismus, der sich auf Intuition und auf Nerven eher als auf intellektuelle Deduktionen stützt. Kompromisse in prinzipiellen Fragen aber machen ihr Mühe.
Und auch Regierungschef ist sie nicht deshalb geworden, weil sie der "starke Mann", sondern weil sie in einer bestimmten Situation (nach Eschkols jähem Tod) der ideale Kompromißkandidat war -- so lange gehört sie schon zum Inventar. Sie führt diese Regierung der "Nationalen Sammlung" (im wesentlichen durch Ausklammern aller wichtigen außermilitärischen Fragen), obwohl sie sagt, es sähen Leute als Minister darin, "die nicht sind wie wir -- Rechtsextremisten nämlich, mit denen Golda Meir als Generalsekretärin der Arbeiterpartei nie etwas zu tun haben wollte. Sie führt diese Regierung. obwohl sie weiß, daß die "Nationale Sammlung" schon bei den ersten Anzeichen von Verhandlungen zwischen Israel und den Arabern aus dem Leim gehen würde.
Dies zu wissen, ficht Golda Meir nicht an. Aber wenn schlimme Verluste von der Front zu melden sind, dann ruft der für militärische Fragen zuständige Sekretär des Premierministers bei Goldas persönlicher Referentin Lou Kadar an und sagt: "Bitte, bring du es ihr schonend bei." Er selber traut sich nicht.
Golda Meir, hat neulich eine israelische Kolumnistin geschrieben, sei ein Drache, der sich für den heiligen Georg hält. Das ist ein schlechter Scherz. Dann ist sie schon eher der heilige Georg, der sich für einen Drachen hält.