Alle Quellen anzeigen
SP

DER SPIEGEL 15/1970 vom 06.04.1970, Seite 218

GESELLSCHAFT / FRAUENBEWEGUNG

Nächtliches Opfer

Elf Stunden lang belagerten sie die Redaktionsräume des zweitgrößten US-Frauenmagazins "Ladies" Home Journal" und forderten den Rücktritt des Herausgebers. In San Francisco kidnappten sie einen Porno-Händler und verbrannten dessen Sex-Material, weil es Frauen degradiere. Und am Muttertag letzten Jahres entrollten sie vor dem Weißen Haus Spruchbänder mit der Aufschrift: "Wir wollen Rechte, keine Rosen."

Nach Schwarzen Panthern und rebellischen Studenten gruppiert sich in Amerika ein neuer Feind der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung: die Frauen. Mehr als 10 000 aktive Mitglieder zählt bereits die locker organisierte Frauen-Front, die, aufgesplittert in eine Vielzahl gemäßigter bis militanter Gruppen, letztlich dasselbe Ziel verfolgt: die Befreiung der Frau von ihrer tradierten Kinder-, Bett- und Küchen-Rolle.

Fünfzig Jahre nachdem die weibliche Bevölkerung Amerikas das Wahlrecht erhielt, bezeichnen sich die neuen Frauenrechtlerinnen als "die Neger der siebziger Jahre". Wie weiland Onkel Tom fühlen sie sich degradiert, unterdrückt und unterbezahlt "Wir werden ausgenutzt als Sexobjekt, Bruthenne, Hausdienerin und billige Arbeitskraft", so behauptet das Manifest der "Rotstrümpfe"" einer radikalen New Yorker Kampfgruppe.

Gegen das "komfortable Gefängnis" ihrer Geschlechtsgenossinnen hatte bereits 1963 die Schriftstellerin Betty Friedan, 48, polemisiert. Ihr Buch vom "Weiblichkeitswahn" ist zu einer Art Bibel für die neue Emanzipationswelle geworden, die Autorin selbst die Hohepriesterin: Sie gründete 1966 die erste Befreiungsgruppe "Now" ("National Organization für Women"). Eine Frauen-Lobby im Weißen Haus, Chancengleichheit im Beruf, gleiche Bezahlung, kostenlose Ganztags-Kindergärten" Straffreiheit bei Abtreibung ("Jede Frau muß über ihren Körper frei verfügen können") -- das sind nur einige der "Now"-Forderungen. Den jüngeren Weiblichkeits-Partisanen freilich waren sie zu konservativ, sie gründeten eigene Gruppen. Terminologie und Methode der radikalen "Black Power"-Bewegung und der Studenten-Rebellion schienen ihnen im Kampf gegen das männliche Establishment wirksamer.

An Untergrund-Erfahrung war kein Mangel. Viele Mitglieder der Vereinigung "Witch" (Abkürzung für "Internationale Terrorverschwörung der Frauen aus der Hölle"), der "Rotstrümpfe", der "Feministen" oder der "Frauen-Befreiungsfront" kommen -- desillusioniert -- aus Bürgerrechtler- und Studentengruppen. Denn obgleich sie Seite an Seite mit ihren männlichen Genossen Polizeiprügel bezogen, war ihre Revolutionsarbeit zumeist auf Bett, Schreibmaschine und Kaffeekochen beschränkt. Nun rüsten sie sich in Karate-Kursen zum Nahkampf gegen ihre Unterdrücker, isolieren sich in Frauenkommunen, und einige fordern sogar den totalen Männer-Boykott: "Liebe zwischen Mann und Frau", befand die in Boston agitierende Bankierstochter Abby Rockefeller, "ist entkräftend und konterrevolutionär."

Trotz solch ideologischer Unterschiede verfolgen die modernen Frauenrechtlerinnen in den USA ein gemeinsames Ziel: Sie wollen mehr politische Macht. "Wir haben es mit allem versucht, mit Vaginal-Macht und Verführungs-Macht", verkündete "Now"-Streiterin Karen DeCrow, "und das alles hat uns kein Stück weitergebracht."

im öffentlichen Leben ebenso wie in der Politik Amerikas sind die Frauen -- nicht anders als in der Bundesrepublik oder in anderen westlichen

* In der New Yorker Redaktion von "Ladies' Home Journal".

Ländern -- unterprivilegiert und unterrepräsentiert. Zwar haben sie mit 51 Prozent die Mehrheit im Staat, doch die Interessen der 50 US-Bundesstaaten werden im Senat von 99 Männern und einer einzigen Frau vertreten.

31 Millionen Amerikanerinnen arbeiten -- rund ein Drittel der gesamten geldverdienenden US-Bevölkerung. Aber das weibliche Durchschnittseinkommen liegt etwa um die Hälfte unter dem der Männer. Und nur wenige Frauen erreichen gehobene Positionen: Nur ein Prozent aller Ingenieure, drei Prozent der Anwälte und sieben Prozent der Ärzte sind weiblich.

Mehr als 1000 Gesetze beschneiden ihnen immer noch (in 42 US-Staaten) selbstverständliche Rechte, sei es, daß Frauen keine Kredite aufnehmen, Hypotheken eintragen lassen oder allein keine Bar besuchen dürfen. Diesem Unrecht wollen die Freiheitsbewegten künftig mit Kampfmaßnahmen begegnen. Ende März, auf dem "Now"-Jahreskongreß in Des Plaines (US-Staat Illinois), verlangten die 250 Delegierten einen Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der jegliche gesetzliche Diskriminierung von Frauen künftig ausschließen soll.

Um dem Begehren Nachdruck zu verleihen, rief "Now"-Präsidentin Friedan zu einem Generalstreik am 26. August auf -- dem 50. Jahrestag des Frauenwahlrechts in den USA. Schreibmaschinen wie Staubsauger sollten an dem Tag ruhen, empfahl Mrs. Friedan, und für den Einbruch der Dunkelheit riet sie zur Lysistrata-Taktik: "Wir wollen eine Liebesnacht opfern für den politischen Kampf."

Einige Tage vor dem Kongreß hatten Mitglieder von "Now" und anderen New Yorker Kampfgruppen in der Redaktion von "Ladies" Home Journal" ihr Durchhaltevermögen bewiesen. Nachdem sie die Räume besetzt hatten, rauchten sie die Zigarren des Herausgebers und Chefredakteurs John Mack Carter, 42, forderten ihn zum Rücktritt auf und beschuldigten ihn, mit seinem 6,8-Millionen-Blatt ein "destruktives Image der Frau als fügsames Heimchen am Herd" zu verbreiten. Nach elf Stunden heftiger Debatte einigten die Parteien sich schließlich auf eine von der Befreiungsfront verfaßte Beilage. Carter, ganz männliche Überheblichkeit:" Es war einer der interessantesten Tage in meiner Karriere."

Doch nicht allein die Frauenpresse ist Angriffsziel der weiblichen Guerillas. Mitte letzten Monats muckten auch Redaktionsangestellte des US-Nachrichtenmagazins "Newsweek" auf (SPIEGEL 13/1970); die Journalistinnen erklärten sich als "diskriminiert und in untergeordnete Posten gezwungen".

"Die Hand, die sonst die Wiege schaukelt", so resümierte die Wochenzeitung "The National Observer" "scheint sich zur Faust zu ballen."

Symbolisch ist der Wandel schon vollzogen. Die amerikanische Dichterin Robin Morgan entwarf das Kampfabzeichen für die neue Suffragetten-Generation: eine geballte Faust im Kreis des biologischen Signums für das weibliche Geschlecht.

DER SPIEGEL 15/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizensieren.

Version 1.7.3.7 (DB: dokn)