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DER SPIEGEL 2/2006 vom 09.01.2006, Seite 154

Autor: Olaf Stampf

RAUMFAHRT

Aufbruch zur letzten Grenze

Erstmals startet eine Forschungssonde zum fernen Planeten Pluto. Ist auf der rätselhaften Eiswelt die Geschichte des Sonnensystems eingefroren?

Drei Tage und drei Nächte brauchten die Apollo-Astronauten bis zum Mond. Die Nasa-Sonde "New Horizons" schafft die Strecke in etwa neun Stunden.

Der klaviergroße Spähroboter wird der rasanteste Flugkörper sein, der je von Menschen auf die Reise geschickt wurde. Mitte Januar soll eine Atlas-Rakete ihn ins All schießen. Zehnmal schneller als eine Gewehrkugel saust die Raumsonde hinaus in die Tiefen des Raums, passiert Mond und Mars, durchquert den Asteroidengürtel, lässt die Gasplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun hinter sich und fliegt dann immer weiter geradeaus.

Trotz der hohen Geschwindigkeit wird "New Horizons" fast zehn Jahre lang unterwegs sein, bis sie ihr Ziel erreicht hat: die düstere Eiswelt Pluto. Niemals zuvor haben die Astronomen einen so abgelegenen Himmelskörper angesteuert.

Wenig wissen die Forscher über den sonnenfernsten Planeten. Sogar Aufnahmen des Hubble-Weltraumteleskops zeigen nur verwaschene helle und dunkle Flächen auf seiner Oberfläche. Pluto ist der einzige Planet, der noch nie von einem Späh-roboter erkundet wurde.

Nun drängt die Zeit. Nur wenn der Start von "New Horizons" vor dem 3. Februar gelingt, führt ihr Kurs sie direkt am Jupiter vorbei; der Vorbeiflug am Gasriesen soll der Sonde zusätzlichen Schwung geben. Andernfalls würde ihre Reise bis zu fünf Jahre länger dauern - dann aber würde die Sonde kaum noch rechtzeitig ankommen.

Denn auf seiner elliptischen Bahn eilt Pluto derzeit von der Sonne fort und wird sich ihr erst im nächsten Jahrhundert wieder nähern. Mit dem schwächer werdenden Sonnenlicht sinken die Temperaturen auf seiner Oberfläche rapide.

Schon bald wird die dünne Atmosphäre aus Stickstoff, Kohlenmonoxid und Methan, die ihn heute noch wie ein zarter Dunstschleier umwabert, als Schnee vom Himmel herabrieseln. Nirgendwo sonst ereignet sich ein derart dramatischer Wechsel von Sommer zu Winter.

Wenn aber die Lufthülle erst einmal heruntergefallen ist und nahezu vollkommene Dunkelheit Pluto überzogen hat, bleibt für eine Spähsonde nicht mehr viel zu beobachten und erforschen.

Selbst im derzeitigen Pluto-Sommer ist es auf der Rätselwelt kälter als bislang angenommen. Schon jetzt herrschen auf der Oberfläche minus 230 Grad Celsius, wie Astronomen vorige Woche bekanntgaben. Womöglich hängt der Frostrekord mit Verdunstungskälte zusammen, die beim Verdampfen von Stickstoffeis entsteht.

Mit Hilfe mehrerer Teleskope auf Hawaii hatten die Forscher die äußerst geringe Wärmestrahlung aufgefangen, die der Eisplanet in den Weltraum abgibt. Sogar am Tag ist es auf Pluto, benannt nach dem römischen Gott der Unterwelt, kaum heller als in einer irdischen Vollmondnacht. Die Sonne gleicht fast schon den anderen Sternen am Himmel, sie spendet nur fahles Dämmerlicht.

Mit Solarzellen wäre die Raumsonde dort draußen nicht am Leben zu erhalten. Eine Plutoniumbatterie an Bord liefert die nötige Energie. Um Strom zu sparen, bleiben die meisten Instrumente während des Flugs abgeschaltet. Gleichsam im elektronischen Winterschlaf rast "New Horizons" ihrem Ziel entgegen. Nur einmal im Jahr wird sie für kleinere Kurskorrekturen aufgeweckt.

Erst wenige Wochen vor Erreichen des Pluto erwacht die Bordkamera. Am Ziel angekommen, muss der Spähroboter weitgehend selbständig agieren. Eine Fernsteuerung von der Erde wäre unpraktikabel - ein Funksignal benötigt knapp viereinhalb Stunden bis zum Pluto.

Einen ganzen Tag lang soll die Sonde die Fels- und Eislandschaft überfliegen und ihre Messfühler ausstrecken. Viel erhoffen sich die Forscher von dem Aufbruch zur letzten Grenze. Gerade die eisigen Bedingungen machen den kleinsten der Planeten so interessant: Auf Pluto, so die Hoffnung, ist die Geschichte des Sonnensystems eingefroren. Dort lässt sich studieren, wie aus dem Urnebel einst alles entstanden ist.

"Dieser Flug bedeutet für uns den krönenden Abschluss der Planetenerkundung", sagt Alan Stern, wissenschaftlicher Leiter der Mission. "Wir reisen vier Milliarden Meilen weit - und reisen zugleich

vier Milliarden Jahre zurück in die Vergangenheit."

Dass "New Horizons" überhaupt abheben kann, ist dem Engagement Tausender US-Bürger zu verdanken. Eigentlich hatte die Nasa die Mission bereits gestrichen, weil die Kosten auf über 800 Millionen Dollar zu steigen drohten - zu teuer. Nach diesem Beschluss wurde die Weltraumagentur mit Protest-Mails von Wissenschaftlern, Kindern und Pluto-Fans überschwemmt.

Die Nasa gab schließlich nach - richtete aber erstmals bei einer interplanetaren Mission einen Wettbewerb aus. Den Zuschlag sollte diejenige Forschungseinrichtung erhalten, die es schafft, die Pluto-Mission für höchstens 500 Millionen Dollar zu organisieren. "Wissenschaftler von über einem Dutzend Universitäten, Forschungseinrichtungen und Nasa-Instituten sitzen mit bei uns im Boot", sagt Missionschef Stern vom siegreichen Southwest Research Institute in Colorado.

Schwierig hatte sich einst schon die Entdeckung von Pluto gestaltet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts fahndeten die Astronomen nach einem ominösen "Planeten X". Eine fälschlicherweise angenommene Bahnstörung von Uranus und Neptun ließ den Verdacht aufkommen, dass es am Rande des Sonnensystems noch einen weiteren Planeten geben müsse.

Erst am 18. Februar 1930 stieß Clyde Tombaugh, damals 24, auf das lange gesuchte "Lichtpünktchen", das sich auf den an verschiedenen Tagen belichteten Fotoplatten in verräterischer Weise fortbewegt hatte.

Doch schon die ersten Aufnahmen zeigten, dass der neuentdeckte Planet höchstens so groß sein konnte wie die Erde - ein Leichtgewicht, nicht imstande, die Kreise seiner benachbarten Gasriesen zu stören.

Dann kam heraus, dass Pluto mit einem Durchmesser von 2300 Kilometern in Wahrheit sogar noch viel kleiner ist als ursprünglich angenommen. Verglichen mit der Erdkugel (Durchmesser: 12 800 Kilometer) wirkt die Frostkugel wie eine Kirsche neben einer Pampelmuse. Auf Pluto ließe sich gerade mal die Landfläche von Russland unterbringen.

Tombaugh, ein Farmerssohn aus Illinois, der von der Sternwarte in Flagstaff, Arizona, eigens für die Suche nach dem "Planeten X" angeheuert worden war, musste weitersuchen. 90 Millionen fotografierte Sterne überprüfte er, "eine Fleißarbeit, die mich fast umbrachte", wie Tombaugh später gestand. Doch er fand - nichts. Pluto blieb der einzige Planet jenseits der Gasriesen.

Statt eines "Planeten X" vermutete der niederländische Astronom Gerard Kuiper 1951 einen gigantischen Schutthaufen am Rande des Sonnensystems. Pluto gehöre zu einem Schwarm aus Miniplaneten und Kometen - allesamt Trümmerstücke aus der Urzeit.

Zunächst blieb dieser "Kuiper-Gürtel" ("Kuiper Belt") allerdings nur Theorie. Die Teleskope waren lange Zeit nicht leistungsstark genug, um im Außenbezirk irgendwelche weiteren Himmelskörper zu entdecken.

Erst 1992 stießen Astronomen tatsächlich auf ein derartiges "Kuiper Belt Object" (KBO): einen eisigen Felsklumpen, rund zehnmal kleiner als Pluto. Seither ging es Schlag auf Schlag. Inzwischen haben die Forscher im Niemandsland über 800 KBOs aufgespürt. Und es werden wöchentlich mehr.

Vor allem die größeren Neuentdeckungen bringen die Gelehrten jetzt in arge Verlegenheit. KBOs wie Quaoar, Sedna oder Orcus sind nur unwesentlich kleiner als Pluto. Im vorigen Sommer wurde mit "2003 UB313" sogar ein Himmelskörper gefunden, der mit einem Durchmesser von 2700 Kilometern Pluto deutlich übertrifft.

Gerechterweise müssten alle diese Brocken ebenfalls Planetenstatus erhalten. Doch was, wenn Pluto noch Dutzende weiterer Brüder und Schwestern hat? Das bisher neunköpfige Planetensystem könnte dann äußerst unübersichtlich werden. Und das will eigentlich niemand.

Was tun? Die Pluto-Fans setzen alles daran, ihm seinen Sonderstatus zu bewahren. Schließlich besitze er eine eigene Atmosphäre und werde sogar von drei Monden umkreist.

Doch wer weiß, ob nicht auch andere KBOs diese Besonderheiten aufweisen? Einige eher unsentimentale Astronomen plädieren deshalb für die umgekehrte Lösung: Sie wollen Pluto wegen seiner geringen Größe den Planetenstatus wieder aberkennen.

Mittlerweile befasst sich eine Kommission der Internationalen Astronomischen Union (IAU) mit der möglichen Degradierung. Ihr Richterspruch wird noch für diesen Sommer erwartet.

Wenn die Raumsonde "New Horizons" den Pluto erreicht, wird er also vielleicht gar kein Planet mehr sein. OLAF STAMPF

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