Kurt Vonnegut wollte nie wieder ein Buch schreiben. Er war fertig. Er hat zwei Dutzend Bücher veröffentlicht, viele von ihnen Bestseller, einige Klassiker der amerikanischen Literatur, fast alle noch im Handel. Kurt Vonnegut ist 83 Jahre alt, er hat Hunderttausende filterlose Pall Mall und die Bombennacht von Dresden überlebt, er ist nicht mehr so gut auf den Beinen und auch nicht besonders hoffnungsvoll. Er hat alles gesagt, dachte er.
Aber jetzt gibt es überraschenderweise doch wieder ein neues Buch. Es heißt "Mann ohne Land", und Kurt Vonnegut sagt schnell, dass er eigentlich nichts damit zu tun hat*. Es seien seine Worte, aber nicht sein Buch. Deswegen hat er auch einen kleinen, blassen Mann mit in das französische Restaurant auf der Upper East Side gebracht. Der sei schuld, sagt Vonnegut.
Der Mann lächelt.
Er heißt Daniel Simon und ist Chef des unabhängigen New Yorker Verlages Seven Stories Press, in dem "A Man without a Country" erschienen ist. Simon hat Vonneguts Worte aus Reden, Zeitungsartikeln, Vorträgen geschnitten und zusammengebastelt. Er sagt, er habe sie zu einer Art Symphonie verwoben, zu musikalischen Memoiren.
Aber das Buch erinnert eher an den letzten, schnellen Lebensfilm, der vor den Augen eines Ertrinkenden abläuft. Der junge Kurt als Clown am Abendbrottisch der Eltern, die beide gern reden, die Depression in Amerika, der Zweite Weltkrieg, die Gefangenschaft, Dresden, das erste Auto, ein Studebaker, viele Zigaretten, ein Joint mit Jerry Garcia von den Grateful Dead, ein Job als Saab-Händler auf Cape
Cod, die Kinder, das Schreiben, und dann schließlich, fast als Pointe dieses Lebens, George W. Bush. Krieg, Ignoranz, Umweltverschmutzung, Imperialismus. Es gibt keine Hoffnung mehr. Die Welt geht unter.
"Ich bin 83, ich hätte ja nie gedacht, dass ich so lange lebe. Ich hätte mir gewünscht, in einem angemessenen Alter zu sterben", sagt Vonnegut und erklärt, dass er die Brown & Williamson Tobacco Corporation auf eine Milliarde Dollar verklagen will, weil er immer noch nicht tot ist, obwohl sie ihm das auf ihren Zigarettenpackungen versprochen habe.
"Wir brauchen Kurt", sagt Simon.
Die beiden scheinen immer noch darüber zu diskutieren, ob es nötig war, "Mann ohne Land" herauszubringen, ob es Sinn hat weiterzuleben, über Wert und Fluch des Alters.
Vonnegut sagt, Simon habe ihn aus dem Sumpf gezogen. Simon erzählt, wie erfolgreich das Buch ist. Sie haben bisher über 200 000 Exemplare verkauft. "Mann ohne Land" hat dem kleinen Verlag die Zukunft gesichert. Es hat die anderen Bücher von Vonnegut zurück ins Bewusstsein geholt. "Schlachthof 5", sein großartiger Kriegsroman, war in den letzten Monaten wieder in den Top 100 bei Amazon.
Vonnegut redet vom Tod. Simon redet von der unglaublichen Resonanz, den vielen Briefen, den Fans.
Vonnegut zieht eine kleine Mappe aus seiner Tasche, in die er einen Artikel geheftet hat, den er vor über 30 Jahren für "Harper's Magazine" schrieb. In dem Text begründet er, dass es in Amerika nur zwei wirkliche politische Parteien gebe. Die Verlierer und die Gewinner. Demokraten und Republikaner zählten beide zu den Gewinnern. Daran habe sich bis heute nichts geändert, sagt er. Vonnegut legt die Mappe auf den Tisch wie einen Beweis für die Vergeblichkeit seines Lebens.
"Ich habe alles getan, was ich tun konnte. Ich habe genug von mir. Ich spiele mich selbst. Es ist ein Schauspielerjob, am Ende", sagt Vonnegut.
"Kurt hat eine Freiheit, die andere nicht mehr haben. Er muss niemandem mehr etwas beweisen, er hat seine Familie ernährt, er kann nichts mehr verlieren", sagt Simon.
"Die meisten schreiben ihre besten Sachen, bevor sie 45 werden. Meine Freunde, die noch nicht tot sind, schreiben alle Scheiße heute", sagt Vonnegut.
"Joseph Conrad wurde erst spät Schriftsteller", sagt Simon.
"Hemingway zum Beispiel", sagt Vonnegut.
"Bitte?", fragt Simon.
"Hemingway ist selbst die Geschichte. Und als seine Geschichte vorbei war, war auch er vorbei. Bumm. Aus. Optimales Ende", sagt Vonnegut und lacht.
"Viele Schreiber glaubten am Ende ihrer Karriere, dass sich keiner mehr für sie interessiert. Steinbeck, Hemingway, Faulkner. Aber das stimmt nicht, nicht für sie, nicht für Kurt. Leute fragen mich, warum dieses Buch zurzeit so erfolgreich ist. Ich glaube, weil es keine oppositionelle Philosophie oder Kraft gibt in Amerika. Im Buch legt Kurt die moralische Grundlage für so eine Kraft. Er fragt: Wo ist die Wut, die Empörung, und was ist die Alternative", sagt Simon.
Dann kommt das Essen. Statt eines Tischgebets sagt Vonnegut ein Gedicht auf, das er im vorigen Jahr schrieb. Es heißt "Requiem", die letzte Strophe geht so: "Wenn das letzte Lebewesen / unseretwegen gestorben ist, / wie poetisch wäre es, / wenn die Erde sagen könnte, / mit einer Stimme, die / vielleicht / vom Grunde / des Grand Canyon heraufkäme: / ,Es ist vollbracht.' / Den Menschen hat es hier nicht gefallen."
Daniel Simon räuspert sich. Kurt Vonnegut fängt an zu essen. Er hat ein Steak bestellt. Für einen Lebensmüden isst er mit großem Appetit. Und so schreibt er auch.
"Mann ohne Land" erinnert an manchen Stellen an Woody Allen, an anderen an Peter Hahne. Vonnegut kalauert, flucht, fleht und betet. Sein Credo kann man vielleicht so zusammenfassen: "Ich hasse Wasserstoffbomben und die Jerry-Springer- Show." Oder auch so: "Die Wahrheit ist: Wir wissen so wenig über das Leben, dass wir nicht wirklich wissen, was die gute und was die schlechte Nachricht ist." Oder so: "Nur Irre wollen Präsident werden. Das stimmte sogar schon in der Schule. Nur eindeutig gestörte Menschen bewarben sich um das Amt des Klassensprechers." Oder so: "Ausländer lieben uns für unseren Jazz ... Jetzt hassen sie uns wegen unserer Arroganz." Oder so: Frauen wollen "reden", Männer wollen "viele Kumpels" und dass niemand sauer auf sie ist.
Manche Dinge klingen so, als hätte sie Daniel Simon direkt von einem Bierdeckel in "Mann ohne Land" übertragen.
Vonnegut erklärt Shakespeare, Kafka und Aschenputtel anhand von Koordinatensystemen, er vergleicht Hamlet mit Perry Mason, verknüpft die Bergpredigt mit der Arbeiterbewegung, Gott mit Marx und ruft alle Leute, die lieber in Binnenseen baden als im Meer, in sein Team, unter anderen Abraham Lincoln und einen Arbeiterführer namens Powers Hapgood, der erst in Harvard studierte und dann als Kohlekumpel arbeitete, um seinen Kollegen dabei zu helfen, sich zu organisieren. Die guten Männer baden in Seen, schreibt Vonnegut. Im Meer baden sei, als steige man in Hühnersuppe.
Aber wieso zog er nicht an einen See, sondern nach Long Island, an den Atlantik?
"Und wieso sind Sie nicht in Dresden?", fragt Vonnegut und lacht mit vollem Mund, tief und heiser. Es gibt universelle Zusammenhänge, die sich nicht sofort erschließen, sicher. "Unser Präsident ist Christ?", schreibt Vonnegut. "Das war Adolf Hitler auch."
Natürlich kann man den Erfolg seines Buches im heutigen Amerika aus dem Bush-Bashing herleiten. Alles, was gegen Bush geht, verkauft sich gut. Aber das ist zu einfach. Vonnegut schreibt nicht aus so einem kurzen Reflex. Er ist 83, und er liebt Amerika. Er liebt das Amerika von Abraham Lincoln und Mark Twain und die Bibliothekare, die sich weigern, bestimmte Bücher aus ihren Regalen zu nehmen. Für dieses Amerika zog er in den Krieg. Daraus speist sich sein Humanismus und auch sein Humor.
Der Kern des Buches liegt in seinen Kriegserlebnissen in Dresden, wo er als amerikanischer Gefangener die Bombardierung erlebte. Er nennt es das größte Massaker in der europäischen Geschichte. Es sieht bis heute keinen Grund für die Bombardierung. Er weiß nicht, warum er es überlebt hat, schreibt er.
Mit anderen Kriegsgefangenen barg er die deutschen Toten, die in den Kellern erstickt waren. Niemand zählte die Opfer. Sie schichteten sie auf Haufen und verbrannten sie. Sie saßen im Keller, als die Bomben auf Dresden fielen, die Arme schützend über ihren Köpfen, und jemand sagte: "Wie mag es jetzt wohl den armen Leuten gehen", schreibt Vonnegut. Krieg
weckt seltsame Emotionen. "Der Krieg war ein Wahnsinnsabenteuer", sagt Vonnegut.
Und: "Es gab eine Menge zu sehen, zu fühlen. Klar, es ist ein entscheidender Moment in meinem Leben. Krieg gibt Männern die Möglichkeit, sich zu lieben. Freundschaft, Brüderlichkeit, das ist Glück. Ein großer amerikanischer Anthropologe sagt, dass Männer am glücklichsten sind, wenn sie losziehen. Zur Jagd, in die Schlacht, wenn sie Kinder und Frauen zurücklassen. Nur einmal im Leben habe ich das Gefühl gehabt, genau die richtige Sache zu tun. Als meine Division sich zur Front bewegte. Wir fuhren in Lastern, nachts, die Scheinwerfer waren aus, die Waffe zwischen den Beinen, vornübergebeugt."
Gibt es Dinge, die zurückkehren, jetzt mit dem Krieg im Irak?
Vonnegut kaut, schweigt.
Sein Verleger sagt: "Kurt hat Wut und Entsetzen geäußert darüber, wie die Regierung unsere Soldaten behandelt. Wie ihr Spielzeug."
"Die Erinnerungen jedes Weltkriegssoldaten an die Schlacht sind, neben anderen Sachen, Kunstwerke", sagt Vonnegut."Du arbeitest ein Leben lang an deiner Geschichte. Wir sind sprechende Tiere, wir mögen über die Dinge reden, die uns zustoßen."
Kann man das Grauen wirklich beschreiben?
"Ernest Hemingway, der ja kein Soldat war, aber immer so tat, als wäre er mal einer gewesen, schrieb, es sei herzlos, einen heimkommenden Soldaten nach seinen Erfahrungen zu fragen. Und weil alle Hemingway lasen und bewunderten, wurde es irgendwann ein Gesetz. Aber das ist totaler Unsinn", sagt er und lacht wieder.
Vonnegut erzählt, wie er mal mit Heinrich Böll bei der BBC in London an einem Gespräch über das Deutschsein teilnahm und Böll ihn bat, nicht nach seinen Kriegserlebnissen zu fragen. "Er hatte sicher seine Gründe. Er war ja an der Ostfront. Ich habe ihn dann gefragt, was der größte Fehler im deutschen Charakter sei. Böll sagte: Gehorsam. Nach dem Gespräch, als er zum Flughafen fuhr, regnete es in London, und er drehte sich noch mal um und sagte: ,Oh, Kurt. Es ist so hart. So hart.' Das waren die letzten Worte."
Simon lächelt, ein bisschen unsicher. "Vielleicht sollten wir langsam zum Ende kommen", sagt er. "Bevor Kurt zu müde wird."
"Mir geht's gut", sagt Vonnegut. "Mein Freund in der Army fuhr nach dem Krieg mit mir nach Hause, wir kamen im Hafen in New Jersey an, wo wir uns trennten, er musste nach Philadelphia, ich nach Indianapolis, und ich fragte ihn: Und? Was hast du gelernt? Und er sagte: Ich glaube nie wieder meiner Regierung. Und wir waren doch die Guten."
Er war nach dem Krieg viermal in Dresden. Er hätte gern den jungen, deutschen Soldaten wiedergetroffen, der damals auf ihn aufpassen sollte. Ein 16-Jähriger, der ihm sagte, er heiße Christian Schachtelt. Er hat ihn nie wieder gesehen, und wahrscheinlich stimmte ja auch der Name nicht. Schade. Das wäre ihm wichtiger gewesen, als die Frauenkirche wiederaufgebaut zu sehen. Der letzte Besuch in Dresden sei ziemlich unheimlich gewesen. Er habe eine Menge Skinheads gesehen, sagt Vonnegut.
Albert Einstein und Mark Twain haben am Ende ihres Lebens die menschliche Rasse aufgegeben, schreibt Vonnegut in "Mann ohne Land". Ihm gehe es genauso. Er resigniere vor der mitleidslosen Kriegsmaschine.
Und dann erzählt er die Geschichte des Arztes Ignaz Semmelweis, der an der Ignoranz seiner Kollegen verzweifelte. Wir wissen nichts, wir schätzen nur. Auch heute werde geschätzt, obwohl unsere Führer es besser wissen. Und das lauteste, ignoranteste Schätzen werde zurzeit in Washington praktiziert. Wenn die Bescheidwisser etwas fürchteten, dann einen weisen Menschen. Also sei einer! Rette unsere Leben und deines! Sei ehrenvoll!
Also gibt es doch Hoffnung?
"Es gibt Leute, die sich anständig verhalten", sagt Vonnegut. "Susan Sontag hat mal gesagt: 10 Prozent jeder Gesellschaft sind grausam, 10 sind barmherzig, und die anderen 80 können in jede Richtung gezogen werden. Sie redete über Nazi-Deutschland, aber es stimmt auch für andere Gesellschaften, unsere zum Beispiel. Wenn ich einen Science-Fiction-Roman schriebe, würde er heißen: ,Versau die Party nicht'. Er würde von einem Meteor handeln, einem riesigen Meteor, der auf unseren Planeten zurast, der nicht aufzuhalten ist. Und weil es so ist, redet niemand darüber. Nein, eigentlich gibt es keine Hoffnung. Vorbei. Zu spät."
"Es gibt immer Hoffnung", sagt Daniel Simon. "Wenn die Welt morgen unterginge, würde er heute einen Apfelbaum pflanzen, so Luther. Ein Buch ist ein Akt der Hoffnung. Das gilt für Beckett wie für Vonnegut. Eine Fähigkeit von Kurt ist ja, verachtenswerte Dinge zu beschreiben, ohne den Leser zum Hassen zu bringen. Er predigt nicht Hass, sondern Hoffnung."
"Die meisten von uns leben ja nur 60, 70 Jahre und denken auch nicht weiter. Bush lebt vielleicht noch 25 Jahre und hinterlässt uns in der totalen Scheiße, aber es ist ihm wurscht", sagt Vonnegut.
Was, wenn alles zu Ende ist? "Man muss einen Fuß vor den anderen setzen, um sich in die richtige Richtung zu bewegen. Nach neuen Wegen suchen", sagt Simon.
Gegen Ende des Buches beschreibt Vonnegut ein Telefonat, das er mit seinem Alter Ego, einem durchgeknallten Science-Fiction-Schriftsteller kurz nach einer Stateof-the-Union-Rede von Präsident Bush führt. "Ich glaube, das Immunsystem des Planeten versucht, uns mit Aids und neuen Grippeviren und Tuberkuloseerregern und so weiter loszuwerden. Wir sind wirklich abscheuliche Tiere", sagt Vonnegut, und es klingt wie ein Schlusswort.
Kurt Vonnegut steht auf, nimmt seinen Stock, seinen Mantel, stülpt sich eine Mütze auf und stapft in den kalten New Yorker Wintertag. Eine große, leicht schwankende Gestalt. Der kleine Mann neben ihm sieht jetzt aus wie sein Pfleger.
Ein paar Tage später hält Bush wieder eine Rede zur Lage der Nation. Er trägt eine blaue Krawatte und spricht viel von Moral, Aufrichtigkeit und auch von umweltfreundlichen Hybrid-Autos. Wenn man ihm dabei in die Augen sieht, die langsam über die Teleprompter streichen, versteht man, warum Kurt Vonnegut immer noch nicht fertig ist.