Die F-104 "Starfighter" schwebte zum Landen ein. Aber als das Fahrwerk die Rollbahn berührte, startete die Maschine mit aufheulendem Triebwerk durch, drehte wenige Meter über der Piste eine Rolle, berührte noch einmal die Landebahn und zog dann in steilem Steigflug hoch.
Glenn Reaves, Einflieger der amerikanischen Lockheed-Werke, zeigte deutschen Luftwaffen-Piloten, was dem Starfighter zuzumuten ist, ohne daß die Maschine vom Himmel fällt. Luftwaffen-Generäle sahen es nicht ohne Beklemmung.
Sechs Jahre lang hatten sie sich gegen die Reaves-Vorführung gesperrt, aus Furcht, der US-Kunstflieger könne die noch ungeübten deutschen Flugzeugführer zum Leichtsinn in ihren technisch nicht immer perfekten Maschinen verführen. Heute sind zwar technische Mängel und Unerfahrenheit weitgehend beseitigt, aber gerade deshalb ist Leichtsinn zum entscheidenden Sicherheitsrisiko geworden.
Das übergroße Zutrauen (englisches Fachwort: overconfidence) der Piloten in ihre Fähigkeit, die Maschine zu beherrschen, vermindert oft die Konzentration beim Fliegen oder verleitet zu gewagten Flugmanövern. Laut Luftwaffen-Inspekteur Generalleutnant Johannes Steinhoff "ist die overconfidence jetzt unser größter Feind", denn "die F-104 ist ein delikates Luder. Sie verzeiht keinen Fehler".
Steinhoff hatte die Führung der Luftwaffe 1966 auf dem Gipfel der Starfighter-Krise übernommen. Im Jahr zuvor waren Monat für Monat zwei Maschinen abgestürzt, in den ersten neun Monaten des Jahres 1966 kamen allein 19 Abstürze hinzu. Der neue Chef sollte den katastrophalen Schwund von Maschinen und Menschen stoppen.
Ursprünglich war das Bonner Verteidigungsministerium geneigt gewesen, die hohe Unfall-Quote als normalen Preis für ein neues, technisch kompliziertes Waffensystem anzusehen. Denn bei den Vorgängern des Starfighters, dem Jagd-Bomber F-64 F "Thunderstreak und dem Jäger F-86 "Sabre", waren die Ausfälle noch höher. Von den insgesamt 450 Einsatzflugzeugen dieser Typen gingen in zehn Jahren Luftwaffendienst 180 verloren, darunter in einem Geschwader während eines einzigen Monats allein vier.
Erst als die Absturz-Misere der teuren Starfighter (Stückpreis: sechs Millionen Mark) Pressekritik hervorrief, entschloß sich Bonn, bei einem neuen Mann Hilfe zu suchen.
Steinhoff gab die Order "Fliegen, fliegen und nochmals fliegen", damit die Piloten Erfahrung sammeln konnten. Anfänglich war jeder Starfighter im Durchschnitt nur neun Stunden je Monat geflogen worden; bei der Werksüberholung standen die Maschinen jeweils zehn Monate lang ungenutzt. Steinhoff schaffte es, die Werks-Zeit auf fünf Monate zu verkürzen, und in diesem Jahr ist jeder Starfighter an jedem Werktag etwa eine Stunde in der Luft, auch "bei Wetter, wo Hubschrauber zu Fuß gehen" (Steinhoff).
Vor drei Jahren konnten die meisten Piloten kaum mehr als 200 Stunden im Starfighter nachweisen. Heute haben einige Dutzend bereits mehr als 1000 Flugstunden, etwa die Hälfte aller Flugzeugführer hat zwischen 500 und 1000 Stunden, die übrigen bringen es immerhin auf 200 bis 500 Stunden.
Inspekteur Steinhoff erhöhte die Flugsicherheit auch dadurch, daß er überdeckte Abstellplätze für alle Maschinen sowie Anflug-Blitzbefeuerung und optische Gleitwinkelanzeige für alle Landepisten durchsetzte.
Zudem wurden für 15 Millionen Mark bislang 52 Fanganlagen installiert, wie sie US-Flugzeugträger aufweisen. Zehn F-104 jagten bereits mit mehr als 200 Stundenkilometer Geschwindigkeit ins Fangseil, eine Maschine, die den Start abbrechen mußte. sogar mit fast 300 Stundenkilometer; sie alle wären ohne die Anlage zu Bruch gegangen. Im ganzen bewahrte die Neuheit schon 48 Luftwaffen-Flugzeuge, darunter 35 Starfighter, vor Schaden.
Schließlich ist auf Steinhoffs Drängen mittlerweile in fast alle Maschinen der Martin-Baker-Schleudersitz eingebaut worden, der auch unter "Null-Null-Verhältnissen" ("Geschwindigkeit Null, Höhe Null") den Piloten in Sicherheit katapultiert.
Mit der statistischen Quote von 17 schweren Unfällen auf je 100 000 Flugstunden hat Bonns fliegende Wehr erstmals den Stand anderer westlicher Länder erreicht. Von den Nato-Luftwaffen, die den Starfighter verwenden, fliegt derzeit nur die holländische noch sicherer als die deutsche.
Aber Steinhoff ("Totale Unfallfreiheit gibt es nur bei totalem Startverbot") will eine Quote von nur 15 Unfällen erreichen, die er für das unvermeidbare Minimum hält. Deshalb kämpft er gegen die overconfidence der Piloten.
Von den bisher zehn Totalverlusten dieses Jahres, bei denen fünf Piloten den Tod fanden, war keiner auf fehlerhafte Technik zurückzuführen; bei allen spielte vielmehr der "menschliche Faktor", früher "pilots error" genannt, die entscheidende Rolle. Er ist beispielsweise im Spiel, wenn ein Starfighter-Pilot
* beim Landeanflug vergißt, das Fahrwerk auszufahren, und die Maschine auf den Bauch setzt; > eine Schlechtwetter-Zone zu unterfliegen versucht und dabei den Boden berührt, statt hochzuziehen oder auf Instrumentenflug umzuschalten;
* einen Nachtflug fortsetzt, obwohl wichtige Instrumente mehrfach ausgefallen sind, und dann gegen einen Berg rast.
Im Juni dieses Jahres wollte ein Pilot über dem Nato-Schießplatz Capo della Frasca auf Sardinien den Weg seiner Rakete bis ins Ziel beobachten; er zog seine Maschine zu spät hoch, streifte den Boden und verlor einen Teil der Triebwerksverkleidung. "Ein typischer Fall von overconfidence", urteilen die Flugsicherheitsexperten.
Durch präzise Flug- und Verhaltensvorschriften sollen nun die jungen Piloten zu noch schärferer Flugdisziplin gezwungen werden. Inspekteur Steinhoff flog selbst mit seiner Dienstmaschine vom Typ Jetstar schon mehrfach die neun Starfighter-Flugplätze in der Bundesrepublik sowie die Waffenschule Jever an und vergatterte die Flugzeugführer. Ihm geht es darum, "im menschlichen Bereich mehr zu standardisieren und zu systematisieren
Darin bestärkte ihn ein Brief von Glenn Reaves, in dem der US-Testpilot die "hot tigers" unter den deutschen Starfighter-Piloten lobte, aber dem Luftwaffen-Chef zugleich ans Herz legte, das Flugtemperament der Tiger zu zügeln. Reaves. " Sonst werden sie sich zu Tode stürzen.