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DER SPIEGEL 4/1964 vom 22.01.1964, Seite 36

FC SCHALKE

Kummer mit Kuckucks

FUSSBALL

Die Zukunft eines der ruhmreichsten deutschen Fußballvereine hängt nicht mehr ab von der Schußkraft und den Dribbelkünsten seiner Spieler. Gelsenkirchens Stadtväter haben sich aufgemacht, das lebende Wahrzeichen ihrer Stadt vor dem drohenden Ruin zu retten: Deutschlands siebenfachen Fußbaumeister FC Schalke 04, in dessen Strafraum bereits der Gerichtsvollzieher eindrang.

"Man spricht davon, daß Verbindlichkeiten von 600 000 Mark bestehen", bekundete letzte Woche Gelsenkirchens Oberbürgermeister Hubert Scharley. Es sei den Schalkern jedoch gelungen, den Gerichtsvollzieher und seine Kuckucks abzuwehren. Scharley: "Wir sind kommunalpolitisch daran interessiert, daß der FC Schalke erhalten bleibt."

Der Oberbürgermeister führt Schalkes Misere auf "Geburtswehen der Bundesliga" zurück. Die Bundesliga wurde im August 1963 als neue höchste Spielklasse (SPIEGEL 35/1963) etabliert. Sie bescherte den Spielern höhere Einkünfte, belastete aber auch die Vereine mit höheren Ausgaben, die durch höhere Einnahmen gedeckt werden sollten. Während sich nun die erste Bundesligasaison für 15 der 16 Vereine geschäftlich günstig anließ, mußte der Vorsitzende des FC Schalke 04, Dr. Hans-Georg König, feststellen: "Wir sind nicht zufrieden. Es kamen zuwenig Zuschauer."

Als ein Handikap wirkte sich offenbar aus, daß die Schalker "Glückauf -Kampfbahn" (Fassungsvermögen: 37 000 Zuschauer) nur 1600 überdachte Tribünen-Sitzplätze aufweist. Solche Plätze sind für die Einnahmen stets ein bedeutender Faktor. Schalke lockte bei den acht Heimspielen der ersten Serie 184 000 Besucher an. Zum Vergleich: Den besten Zuspruch aller Bundesligavereine fand mit 364 000 Zuschauern der VfB Stuttgart, dessen "Neckar-Stadion" (Fassungsvermögen: 77 000 Besucher) 3051 überdachte Tribünen-Sitzplätze hat.

Trotz ihres absehbaren Handikaps waren die Schalker offenbar - speziell beim schwer durchschaubaren Spieler -Einkauf - zusätzlich einer verhängnisvollen Fehlkalkulation erlegen: Sie haben mehr Geld ausgegeben, als sie mit Einnahmen decken konnten.

"Schon zu Beginn der Saison", so wußte der Kölner "Fußball-Mittwoch" jüngst zu berichten, "war Schalke nicht zahlungskräftig, und dieser Zustand scheint noch nicht behoben zu sein." Tatsächlich hatte Schalke bei Saisonbeginn neue Spieler nicht, wie üblich und vorgeschrieben, gegen bar, sondern gegen Schuldscheine angeheuert,

So geriet der traditionsreiche Verein trotz sportlichen Erfolgs - am Ende der ersten Saisonhälfte hielt Schalke den zweiten Tabellenplatz - derart in finanzielle Bedrängnis, daß Hilfe von außen dringend vonnöten ist. Ein Ausweg, den andere Vereine in ähnlichen Situationen einschlugen -Verkauf ihres Stadions -, ist für Schalke versperrt: Schalkes "Glückauf-Kampfbahn" steht auf gepachtetem Gelände der Mannesmann AG.

Schalkes König schwächte zwar ab: "Von Schulden im eigentlichen Sinne kann man nicht sprechen." Doch hielten Gelsenkirchens Stadt-Obere die Lage für so ernst, daß Oberbürgermeister Scharley bereits bei der Behörde des zuständigen Regierungspräsidenten in Münster vorsprach. Scharley wollte erkunden, auf welche Weise den Schalkern mit Hilfe von Steuergeldern beigesprungen werden darf.

"Am 31. ist der Erste, da halten die Spieler die Hand auf", sagte Scharley. Und: "Wir müssen sehen, wie weit wir Möglichkeiten haben in der Übernahme von belastenden Rechnungen des Vereins."

Die Hilfswilligkeit der Stadtväter gilt ihrem berühmtesten Schuldner: Ein erklecklicher Teil der Schalker Schuldenlast umfaßt rückständige Steuern, die Gelsenkirchen dem Verein zum Unwillen der Regierung in Münster bisher immer wieder gestundet hat.

Mehr noch, am 18. Februar soll sieben Schalke-Funktionären der Prozeß gemacht werden, weil sie, laut Anklage, von 1953 bis 1961 über 200 000 Mark an Steuern und an Fußballverbandsabgaben hinterzogen haben und dieses Geld zu Nutz und Frommen des Vereins in Füßballspieler investierten.

Hauptangeklagter: Gelsenkirchens beurlaubter Stadtkämmerer und Schalke-Boß Dr. König.

DER SPIEGEL 4/1964
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