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DER SPIEGEL 39/2006 vom 25.09.2006, Seite 50

Autor: Holger Stark

GEHEIMDIENSTE

Flug ins Schattenreich

Ein Buch enthüllt neue Details, wie Greifkommandos der CIA weltweit Terrorverdächtige jagen - und verschwinden lassen.

Als es das erste Mal passierte, war Osama Bin Laden so unbekannt wie Bill Gates in den Anfangsjahren von Microsoft. Es war im Sommer 1995 in Kairo, draußen flirrte die Luft bei 35 Grad und mehr, aber der geheime Besprechungsraum der US-Botschaft war angenehm temperiert, wie sich der damalige Botschafter Edward S. Walker erinnert.

Der örtliche CIA-Stationschef präsentierte Walker dort einen gewagten Plan: Zur Bekämpfung der Opposition sollten die USA der ägyptischen Regierung helfen - die CIA könne doch die Führer der Islamisten-Truppe Gamaa Islamija weltweit jagen und nach Kairo schaffen. Um alles Weitere werde sich dort der ägyptische Geheimdienst kümmern. In Washington, so der damalige Botschafter, habe US-Präsident Bill Clinton zeitgleich eine Weisung an die CIA unterzeichnet - das Signal zur Jagd.

Die erste Operation fand Monate später statt, am 13. September 1995: In Kroatien fing ein CIA-Kommando den Ägypter Talaat Kassem. Erst verhörten Spezialisten den Mann auf einem US-Kriegsschiff, dann lieferten sie ihn bei den Ägyptern ab - die ihn für immer verschwinden ließen.

Die Mission war der Beginn jenes Systems, das seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zu Washingtons schärfster Waffe im Kampf gegen Bin Ladens Qaida werden sollte - und zugleich zur umstrittensten: Immer wieder entführt ein Spezialkommando von sechs bis acht mit Masken, schwarzen Handschuhen und schweren Trekkingschuhen gekleideten CIA-Agenten Terrorverdächtige. Die Spezialeinheit fliegt die Gefangenen mit eigenen Flugzeugen rund um den Globus, nach Thailand, nach Afghanistan oder nach Marokko, in Geheimgefängnisse der CIA oder befreundeter Staaten, wo oftmals Folterprofis die Islamisten zum Reden bringen.

"Etwas weniger als hundert" solcher Gefangenen hat die US-Regierung nach Angaben des Rechtsberaters im Außenministerium, John Bellinger, seit 2001 gemacht. Das sei doch "eine kultivierte Möglichkeit, Menschen außer Gefecht zu setzen", befand der spätere CIA-Chef Porter Goss.

Details der weltweit heftig umstrittenen Aktionen enthüllt nun das SPIEGEL-Buch "Das Schattenreich der CIA" des britischen Journalisten Stephen Grey*. Es ermöglicht einen Blick in das Innenleben der geheimen Entführungskommandos. Grey decouvriert nicht nur Großteile der CIA-Luftflotte, mit der die Häftlinge transportiert wurden. Er liefert auch Munition für Staatsanwälte und Untersuchungsausschüsse in Europa, die das transatlantische Gebaren derzeit überprüfen.

Die Insider-Informationen werden in einer Phase publik, in der die Bush-Administration ohnehin scharf kritisiert wird. Die Agenten würden "Opfer eines Windes, der sich dreht", klagt der frühere CIA-Berater Robert M. McNamara jr. Erst Anfang dieses Monats musste US-Präsident George W. Bush einräumen, dass die Geheimgefängnisse existieren.

Die sogenannten Überstellungen ("Renditions") wären kaum möglich ohne die Existenz einer geheimen Flotte aus Flugzeugen, die aus Gründen der Tarnung auf Privatfirmen zugelassen sind. Die Geister-Airline wird von Geheimdienstkennern spöttisch "Air America" genannt. Grey hat die Bordbücher von mehr als 20 Fliegern ausgewertet, die meist von einer obskuren Firma namens Aero Contractors genutzt oder gewartet wurden. Seit 2001 boomt das Geschäft: Aero Contractors schaffte zehn neue Maschinen an - darunter auch jene Boeing 737 mit der Kennung N313P, die nicht nur den Deutschen Khaled el-Masri nach Afghanistan brachte, sondern auch Binyam Mohamed, einen in England lebenden Exil-Äthiopier. Er war im April 2002 in Karachi festgenommen worden, wegen angeblich gefälschter Papiere.

Den ersten Kontakt mit der CIA-Einheit machte Mohamed, als mehrere maskierte Amerikaner seine Zelle betraten. "Sie zogen mich nackt aus, machten Fotos, schoben mir den Finger in den After und zogen mir einen Trainingsanzug an", erinnert sich Mohamed. "Dann wurde ich gefesselt, sie steckten mir Stöpsel in die Ohren und verbanden mir die Augen." Später flog ihn das Kommando nach Marokko.

Seinem Anwalt berichtete Binyam Mohamed, dort hätten marokkanische Beamte die Verhöre übernommen. "Sie schnitten mir mit einer Art Chirurgenskalpell die Kleider vom Leib", erinnert sich Mohamed. "Sie setzten mir das Skalpell rechts an die Brust. Es war nur ein kleiner Schnitt, vielleicht zwei Zentimeter lang." Und weiter: "Einer der Männer nahm meinen Penis in die Hand und begann ihn anzuritzen. Sie wiederholten das vielleicht 20- oder 30-mal in etwa ein bis zwei Stunden. Alles war voller Blut."

Folterberichte wie der Mohameds sind kaum nachprüfbar, aber zumindest in diesem Fall stimmen sowohl die Beschreibung des mutmaßlichen Folterknasts als auch die Angaben über die Flüge mit "Air America" mit Greys Recherchen überein.

Den US-Piloten ("Wir sind die Busfahrer im Krieg gegen den Terror"), die Mohamed und auch den Deutschen Masri später mit der Boeing 737 nach Afghanistan flogen, dürfte die Lust auf künftige Jobs freilich vergehen. Weil die spanische Guardia Civil Hotelrechnungen der CIA-Agenten bei Zwischenstopps auf Mallorca beschlagnahmte, müssen die enttarnten Terroristen-Jäger Captain James Fairing, Eric Fain, Patricia O'Riley und eine Handvoll weiterer Amerikaner nun mit regulären Haftbefehlen rechnen - die es für ihre Jagdbeute nie gab. HOLGER STARK

* Stephen Grey: "Das Schattenreich der CIA". DVA; 431 Seiten; 17,90 Euro.
DER SPIEGEL 39/2006
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