Mein Name ist Schröder", stellte sich der Anrufer vor, "Henning Schröder aus Gummersbach." "Kenn ich nicht." " Aber Sie kennen doch sicher noch Tante Käthe?" "Von der hab ich seit 40 Jahren nichts mehr gehört. Lebt die denn noch?" "Deshalb ruf ich ja an."
Tante Käthe, erfuhr Professor Kurt D., war mit über 90 Jahren in einem Berliner Altersheim verstorben. Verwitwet, kinderlos. Und hatte ein Vermögen von 90 000 Euro hinterlassen, angehäuft auf einem gewöhnlichen Sparbuch.
"Was glauben Sie, wer das erbt?", fragte Anrufer Schröder weiter. "Keine Ahnung." "Na Sie als Neffe. Sie sind der einzige lebende Verwandte. Glückwunsch."
Dass die Schwester seines Vaters jeden nicht benötigten Cent jahrelang zur Seite legte, hätte der Professor normalerweise nie erfahren. Denn die Tante hatte, wie 70 Prozent aller Deutschen, kein Testament hinterlassen.
Deshalb hing im Amtsgericht Berlin-Schöneberg nach ihrem Tod ein in gestelztem Behördendeutsch verfasster Aushang: "Die Erben der am 19. 08. 1908 in Berlin-Friedrichshain geborenen, zuletzt in Berlin-Zehlendorf wohnhaft gewesenen Käthe Bertha Pauline Schulz geborene D. werden aufgefordert, ihre Erbrechte binnen sechs Wochen bei dem unterzeichneten Gericht anzumelden, andernfalls festgestellt wird, dass ein anderer Erbe als das Land Berlin nicht vorhanden ist."
Im Klartext: Wenn sich nicht ganz schnell Erben melden, kassiert Vater Staat Tante Käthes Mäuse.
Ein Fall für Henning Schröder aus Gummersbach. Der 44-Jährige, korrekter Kurzhaarschnitt, offenkundige Vorliebe für farbige Krawatten, liest solche Aushänge. Und reagiert blitzartig. Fahndet auf Standesämtern. Wühlt in Kirchenbüchern. Jagt CD-Roms mit Adressen und Telefonnummern durch den Computer.
Henning Schröder sucht Erben. "Tausende hab ich schon gefunden", versichert er. Ein Erbenfinder also. Oder, das klingt seriöser, ein Erbenermittler. So nennt sich
Schröder selbst. Sein Geschäftsmotto: "Ich helfe Erben."
Der Mann ist Rheinländer: ein bisschen fromm, ein bisschen schlitzohrig, meistens ziemlich fröhlich. Und verdammt hartnäckig, wenn es darum geht, herrenloses Vermögen dem Fiskus zu entreißen und dabei selbst einen Reibach zu machen.
Kaum hat er einen Erben aufgespürt, rückt er mit einem mehrseitigen Vertrag an. Inhalt: Alle lästigen Formalitäten werden zack, zack erledigt. Aber ein Viertel des ererbten Geldes kriegt der ehrliche Erbenfinder. Nämlich Schröder.
Dabei wollte der Gummersbacher mit dem rheinischen Singsang in der Stimme und den feinen Manieren eigentlich evangelischer Pfarrer werden, studierte mehrere Semester Theologie. Dann begann er aber, sich für Ahnenforschung zu interessieren, kramte in alten Unterlagen, zunächst von der eigenen Familie, später auch von Fremden.
Mit 23 macht Schröder sein Hobby zum Beruf, gründet eine Firma. Fabriziert zunächst Stammbäume für Amerikaner, die ihre europäischen Wurzeln schwarz auf weiß belegt haben wollen. Auf die Idee, nach Erben zu fahnden, bringt ihn ein Kölner Nachlasspfleger. Der beauftragt ihn, etwaige Nachkommen einer verstorbenen Großgrundbesitzerin ausfindig zu machen, die seit Jahren zu niemandem mehr persönliche Kontakte hatte. Weil er das prima hinkriegt, stellt er seinen Laden um.
Zwar ist Erbensucher kein Ausbildungsberuf mit Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer. Aber eine Profession mit Konjunktur: Jahr für Jahr werden in Deutschland Häuser, Firmen, Sparguthaben im Wert von über 150 Milliarden Euro vererbt, Tendenz steigend. Und immer häufiger suchen Nachlasspfleger vergebens nach den gesetzlichen Erben.
Denn durch Kriegswirren, Flucht oder Vertreibung haben viele Menschen, die heute alt sind, schon vor Jahrzehnten den Kontakt zu ihren Verwandten verloren. Oft leben sie nach dem Tod des Ehepartners einsam in Großstädten, verschwinden zum Schluss in Heimen, hochbetagt, häufig auch verwirrt. Hinzu kommt der Trend zur Kleinfamilie oder zum Dasein als Single, die gewollte Isolation. Wer kennt schon noch alle Tanten, Cousinen, Großneffen der Ursprungsfamilie?
"Bis sich ein Mosaik ergibt, muss man mühsam Steinchen für Steinchen zusammensetzen", schildert Schröder seinen Alltag. Hatte der Verstorbene Geschwister? Leben die noch? Hatten die Kinder? Oder Enkel? Sind die vielleicht ausgewandert?
"Familienrekonstruktion" nennt das der Erbenfinder - ohne sorgfältigen Nachweis familiärer Bande geht gar nichts. Erben können nach deutschem Recht, sofern es kein Testament gibt, grundsätzlich nur Ehegatten und Verwandte. "Das Gut rinnt wie das Blut", resümiert Schröder. Und
zählt am Finger einer Hand auf, in welcher Reihenfolge geerbt wird: Zuerst sind Ehepartner, Kinder und Enkel dran, gefolgt von Eltern, Geschwistern, Nichten und Neffen. Gibt es die nicht, kommen, was selten passiert, Oma und Opa an die Reihe, aber auch Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen. Fallen die alle aus, kriegen auch noch bislang nicht berücksichtigte Kinder und Kindeskinder der Urgroßeltern ihre Chance.
Bei weitverzweigten Großfamilien geht Laien da schnell der Überblick verloren. Ohne die Wühlarbeit des Erbenfinders Schröder etwa wäre der Nachlass der Kaufmannswitwe Elfriede K. wohl nie auseinanderklamüsert worden. Die Witwe, die mit 78 Jahren starb und eine viertel Million Euro zurücklassen musste, hatte 16 Onkel und Tanten mit Dutzenden Nachkommen.
Schröder ermittelte 93 Erben, die er auf einer fünf Meter langen Stammbaumrolle akribisch auflistete und die je nach Verwandtschaftsgrad zwischen 75 und 3000 Euro kassierten. Wer Elfriede K. war, wusste kaum jemand.
"80 Prozent meiner Kunden kennen den Erblasser überhaupt nicht", verrät der Nachlass-Spezialist. Hatten keinen Schimmer, dass irgendwo in Australien eine Tante lebte oder tief im Westerwald ein längst vergessener Großneffe. Und nehmen den unverhofften Reichtum wie einen Lottogewinn. "Nur dass Lottogewinne seltener sind", sagt Schröder.
Weil die Geschäfte florieren, hat der Erbenfinder seine Gummersbacher Firma aufgestockt, hat mehrere Filialen eröffnet, lässt sich inzwischen von 16 Fahndern beim Suchen helfen.
Um große Nachlässe aufzuspüren, studieren Mitarbeiter wie die Berlinerin Elisabeth Cremer-Witt täglich den Bundesanzeiger, lesen Aushänge an Amtsgerichten, gucken in Tageszeitungen nach vielversprechenden Offerten.
Es kann um Stunden gehen. Denn neben Schröders Company suchen noch rund 40 weitere Firmen in Deutschland nach Erben, wetteifern um die Abwicklung lukrativer Nachlässe. Und wer zu spät kommt, den bestraft auch in dieser Disziplin das Leben. "Drei Tage sind da eine Ewigkeit", weiß einer von Schröders Gehilfen.
"Spannend wird es sowieso erst ab 40 000 Euro", verrät der Erbenermittler, der sich über das Volumen beim Nachlassverwalter informiert - "vorher lohnt die Mühe nicht." Und vorher rührt er keinen Finger. Denn der Aufwand ist groß. Um komplizierte Fälle zu lösen, müssen oft uralte Dokumente ausgegraben und herbeigeschafft werden: Passagierlisten von Auswandererschiffen, Soldbücher aus dem Ersten Weltkrieg, Lebensmittelkarten aus dem Zweiten. Die größten Nachlässe ohne Erben, hat Schröder festgestellt, gibt es derzeit in Berlin. "In Schöneberg, in Charlottenburg, da liegt viel Geld."
In Berlin starb am 11. April 2001 auch die 71-jährige Christa Eva-Maria B. in ihrer feudalen Villa. Sie hinterließ Immobilien, Aktienpakete und Bares im Wert von 2,6 Millionen Euro - Schröders bislang größter Fall. Und einer der verzwicktesten.
Die kinderlose Witwe eines Briefmarkenauktionators hatte es nicht nur versäumt, ein Testament zu machen. Im Nachlass fanden sich auch Schwarzgeldkonten in der Schweiz und in Luxemburg. Außerdem gab es über zehn Erbberechtigte, die sich gegenseitig auszutricksen versuchten - beim Erben eher Regel als Ausnahme.
Haupterbe Rudi J., von Fahnder Schröder ermittelt, schlug aus Angst vor Steuerstrafverfahren und Zoff mit Verwandten die Hinterlassenschaft zunächst aus. Von der Cousine zu profitieren schien ihm ohnehin suspekt: "Als Mädchen war sie zwar sehr hübsch, nach der Heirat mit dem reichen Kerl aber sehr hochnäsig."
Inzwischen ist der Rentner heilfroh: Er hat fast 300 000 Euro geerbt. Der Herzkranke kann sich Kuren leisten, ein neues Auto kaufen, Auslandsreisen planen.
Schröder hatte die Auslandskonten dem Finanzamt offengelegt, sich mit den Anwälten der Miterben geeinigt, flugs Urkunden besorgt, ohne die der Erbschein nicht erteilt worden wäre.
"Allein hätt ich das nie geschafft", lobt Rudi J. Und akzeptierte deshalb ohne Murren den Vertrag, der dem Ermittler 25 Prozent der Erbsumme garantiert. "Das hat sich der Mann redlich verdient. Ohne ihn hätte ich doch auch nichts."
So denkt nicht jeder. Die Frau aus Hannover, die von ihrem seit Jahrzehnten verschollenen Bruder dank Schröders Hilfe rund 550 000 Euro erbte, ließ den Nachlass-Spezialisten kühl abblitzen. Statt seinen Vertrag zu unterschreiben, beauftragte sie einen Anwalt mit der Abwicklung des Nachlasses. Dass sie ohne Schröders Recherche womöglich nie erfahren hätte, dass der Bruder in einem winzigen bayerischen Dorf als reicher Mann starb, spielte rechtlich keine Rolle.
"Geizhälse sind mein Risiko, ich weiß", konstatiert der Ermittler. Wenn er auf einen Schundnickel trifft, hat er schlechte Karten. Das hat sogar der Bundesgerichtshof entschieden.
Die Richter wiesen die Klage eines Erbensuchers ab, der durch seine Wühlarbeit einem Geschwisterpaar zum Vermögen des verstorbenen Halbbruders verholfen hatte. Die beiden Erben weigerten sich, eine Vereinbarung zu unterschreiben, die dem Rechercheur 20 Prozent ihres Anteils gesichert hätte. Und bekamen recht.
Wer die Suche nach verschollenen Erben "gewerblich" betreibe, heißt es im Urteil, habe bei fehlender Honorarvereinbarung auch dann keinen Zahlungsanspruch, wenn er dem Erben tatsächlich zur Erbschaft verholfen habe. Basta.
Leer ging Ermittler Schröder auch im Fall einer alten Dame aus, für die er mit hohem Aufwand eine Erbschaft von 300 000 Euro aufgespürt hatte. Die Dame, die ihre verstorbene Verwandte nicht gekannt hatte, lehnte das Erbe ab. "Ich bin alt", beschied sie Schröder, "ich habe meine Rente, ich will nur noch meine Ruhe. Was soll ich mit dem Geld?"
"Eine große Ausnahme", versichert der Nachlass-Spezialist, "sonst hätte ich längst dichtmachen müssen." Ihm sind, na klar, Klienten wie Professor D. am liebsten, der Erbe von Tante Käthe. Klienten, die anstandslos ihren Obolus entrichten und sich trotzdem riesig freuen.
"Als das Geld auf dem Konto war, habe ich eine Flasche Winzersekt aufgemacht", erinnert sich der Professor. "Und mit meiner Frau auf unser Glück angestoßen."
Vor ein paar Wochen hat Erbenfinder Schröder erneut angerufen. Er sei auf etwas Ungewöhnliches gestoßen, erklärte er. Die gute Tante Käthe habe, als sie noch lebte, ihren Großcousin beerbt, jedoch nie von diesem Umstand erfahren. Jetzt, da sie tot sei, komme wieder der Professor an die Reihe. Es gehe so um 50 000 Euro. Also nochmals: Herzlichen Glückwunsch.
Da fiel dem Professor, der aus Darmstadt stammt, ein altes hessisches Sprichwort ein: "Wer nix erheirat und nix ererbt, bleibt ein armer Deubel, bis er sterbt."