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DER SPIEGEL 46/2006 vom 13.11.2006, Seite 106

Autor: Nils Klawitter

SPORTARTIKEL

Warme Mahlzeiten

In Herzogenaurach, der Wiege des deutschen Sportschuhs, stellten sich Adidas und Puma ihren Kritikern.

Im Windschatten der alten Adidas-Fabrik in Herzogenaurach steht das kleine Pfarrzentrum St. Magdalena, eine Art revolutionäre Zelle der Stadt.

Von hier aus wurde gegen Pershing-II-Raketen agitiert und gegen Staudammprojekte in Peru. Mitte der achtziger Jahre habe der Entwicklungshilfeminister sogar seinen Staatssekretär geschickt, um die brodelnde Gemeinde zu beruhigen, erzählt Bernhard Nix, 72 und "seit 35 Jahren in Sachen Dritte Welt unterwegs".

Seit ein paar Jahren sind Adidas und Puma dran. Kaum ein Herzogenauracher nervt die beiden Konzerne so nachhaltig wie Nix: Mal demonstriert er vor der Firmenzentrale, mal schiebt er eine Flut von Protestpostkarten wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen an. Ausfällig allerdings wird Nix nie. Er ist auch kein Boykotteur. Wahrscheinlich brauchte es genau so jemanden wie ihn, einen gebeugten Mann mit zwei Hörgeräten, bei dem Kritik so klingt, als erzählte er Kindern ein Märchen, um Adidas und Puma an ihrem fränkischen Stammsitz erstmals an einen Tisch mit ihren härtesten Kritikern zu bringen: der Christlichen Initiative Romero (Cir), dem deutschen Arm der "Clean Clothes Campaign".

Ein Herr vom Pfarrgemeinderat eröffnet den Abend mit weicher Bibelstimme und Zitaten von Papst Paul VI. Was vielerorts ein sicherer Rausschmeißer wäre, erzeugt hier in der katholischen Arbeiterstadt wohliges Nicken. Denn tatsächlich ist die Papstkritik des Profitstrebens ein erster Torpedo Richtung Podium.

Dort sitzen Stephan Seidel, der Leiter Umwelt und Soziales Europa bei Puma, und Frank Henke, "Weltdirektor" für Umwelt und Soziales bei Adidas. Da die PR-Abteilungen heute viel Energie auf Werte wie "corporate social responsibility" verwenden und die Firmen quasi als Wesen scheinen, die mit ihren Arbeitern in Asien und Mittelamerika mitleiden, braucht es Menschen, die dieses Leid verkörpern. Menschen wie Seidel und Henke, die nachdenklich ihre Stirn kneten. Sie sind die Sozialversicherung der Konzerne.

Henke leiert eine Liste sozialer Taten seiner Firma herunter. Durch den überfüllten Raum schwirren Codices und Standards, unabhängige Audits von Zulieferern. Außerdem sei Adidas "Branchenführer im Dow Jones Sustainability Index". Henke spricht wie ein Entwicklungshelfer, redet von Erziehung zur Eigenverantwortung und "Sparvolumina", die ein jeder Arbeiter bilden könne. Seine Rede perlt an den Zuhörern ab.

Von 157 Dollar, die eine Adidas-Näherin in El Salvador bekomme, könne sie gar nichts zurücklegen, sagt Maik Pflaum von der Cir. Das seien Mindestlöhne, die nur festgesetzt würden, "um ausländische Investoren anzulocken". Für ein Leben in Würde brauche eine normale Familie, so das dortige Amt für Statistik, 687 Dollar. Pflaum, der seit mehr als zwölf Jahren über die Arbeitsbedingungen in Weltmarktfabriken recherchiert, hat Arbeiterinnen gesehen, die Aufputschmittel nehmen, um 15- oder 20-Stunden-Schichten zu schaffen, und solche, die hungrig ins Bett gehen, weil sie lieber ihre Kinder versorgen.

"Wir sorgen dafür, dass die Leute warme Mahlzeiten bekommen", sagt Seidel. Man müsse zudem achtgeben, dass mit zu hohen Löhnen das Gehaltsgefüge im jeweiligen Land nicht destabilisiert werde, sagt Henke. Als Pflaum an das Gehalt von Adidas-Chef Herbert Hainer (4,17 Millionen Euro) und die kürzlich eingelösten Aktienoptionen von Puma-Chef Jochen Zeitz (9,4 Millionen Euro) erinnert, geht ein Raunen durch den Saal.

Dennoch: Auch Pflaum sieht, dass sich Puma und Adidas bewegen, dass Sozialstandards überprüft und fragwürdige Billigzulieferer abgelehnt werden. Allerdings scheint die Reichweite der Sozialmanager begrenzt: Gerade scheiterte ein Projekt zwischen Puma und der Clean Clothes Campaign in Mexiko - in erster Linie an einigen zehntausend Euro.

Zum Ende des Abends steht Gotthard Lohmaier auf. "Sie sind doch auch Vorbild für die Jugend", sagt er leise. So hat er es zumindest erlebt, 1948, nach der Trennung der Dassler-Brüder. Damals ging seine Mutter als eine der ersten 13 Arbeiterinnen zum "Puma"-Dassler. Auch sein Vater fand dort Arbeit, und er bekam zu Weihnachten vom Chef immer einen Karl-May-Band. "Puma-Aff" nannten ihn seine Mitschüler. Zuerst ärgerte sich Lohmaier, dann war er stolz darauf.

Doch Lohmaier musste mitansehen, wie die letzten Fabriken der Stadt schlossen, wie Zuschüsse für Vereine eingefroren wurden und die Produktion auf ein Heer von Hunderttausenden Billiglöhnern in aller Welt verlagert wurde.

Die Puma-Welt versteht er schon lange nicht mehr.

NILS KLAWITTER

DER SPIEGEL 46/2006
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