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DER SPIEGEL 48/2006 vom 27.11.2006, Seite 50

Autoren: Lutz Ackermann und Michael Fröhlingsdorf

GLÜCKSSPIEL

Full House im Netz

Das Pokerspiel breitet sich in Deutschland aus. Zehntausende meist junger Zocker treffen sich in Kneipen und Casinos oder spielen im Internet. Fernsehen und Kino heizen den Boom an.

Die Schweißperlen verraten die Anspannung. Es ist die letzte Pokerrunde, das entscheidende Spiel, der Held riskiert alles. Mit beiden Händen schiebt der Blondschopf sämtliche Chips in die Mitte des Tisches. Ein Raunen geht durch das Casino. 150 Millionen Dollar stehen auf dem Spiel.

Doch James Bond behält die Nerven, und er hat ein starkes Blatt, einen "Royal Flush". Das reicht. Der böse Terror-Financier Le Chiffre kann sein "Full House" gleich wieder einpacken. Der Schuft ist pleite - aber weil er ein schlechter Verlierer ist, entführt er kurzerhand die Geliebte des Geheimagenten 007.

Die Pokerszene ist die zentrale Sequenz im neuen James Bond "Casino Royale", der seit vergangener Woche in deutschen Kinos läuft. Der Film könnte einen aktuellen Boom weiter befeuern: Seit Monaten schon erobert Poker, das einst schmuddelige Unterweltglücksspiel, Deutschland. Vor allem junge Männer treffen sich in Kneipen oder in privaten Runden mit Freunden zum Zocken. Beim Online-Poker hoffen etliche Spieler auf das große Geld, und auch den Casinos der Republik beschert das alte Spiel neue Kunden, die davon träumen, Millionen abzuräumen.

"Poker ist einfach, das versteht jeder", sagt Fabio Murolo. Der Mann aus Heilbronn nutzt den Trend auf seine Art. Im April erst gründete er eine Firma, die unter dem Namen Pokerwelle nun bundesweit in Kneipen oder Discotheken Pokerturniere organisiert. "Es ist Wahnsinn, was da los ist", sagt er, 25 000 Spieler seien schon in der Firmenkartei registiert. Im Dezember sollen 90 Turniere mit jeweils Hunderten Spielern stattfinden.

Die Teilnehmer zahlen 15 Euro Eintritt, Gewinner werden mit Flugreisen, DVD-Playern oder Handys belohnt. Wer ausscheidet, kann - gegen neuen Eintritt - von vorn anfangen.

Als Branchen-Guru gilt Horst Koch, ehemaliger Deutscher Pokermeister und Gründer der German Poker Player Association. Auch er veranstaltet Turniere. 5000 Spieler nähmen pro Monat teil, so Koch. Und jetzt will er aufrüsten: Nächstes Jahr soll die Deutsche Poker Liga starten.

Zurzeit lässt er schon mal "Dealer" ausbilden, die Croupiers beim Poker. In einem Essener Vereinsheim sitzt Ausbilder Christian Toboc deshalb mit zwölf Bewerbern am grünen Pokertisch, ein 19-Jähriger muss austeilen. "Rücken gerade halten und aus dem Handgelenk austeilen", korrigiert Toboc, "und den Stapel nicht so hoch halten, da kann jeder reingucken." Wenn die Liga startet und der Eleve dann fit sein sollte, kann er für bis zu 15 Euro die Stunde bei den Turnieren arbeiten. "Das sind Tausende Jobs, die wir schaffen", so Koch.

"Zurzeit kann man Blumentöpfe verkaufen, wenn nur Poker draufsteht", sagt Detlef Erhardt, Geschäftsführer von AniMazing, dem nach eigenen Angaben größten Fachmarkt für Casinobedarf in Europa. Bei ihm kaufen nicht nur die Betreiber von Profi-Spielhallen, sondern auch Privatleute ihre Pokertische, Karten, Chips und verspiegelten Brillen. 3,5 Millionen Euro Umsatz will AniMazing allein mit seinem Pokersortiment in diesem Jahr machen - doppelt so viel wie im Vorjahr.

"Früher war Pokern ein Schmuddelspiel. Die Leute haben sich in ihrem Schal versteckt, wenn sie hier reinkamen", sagt Erhardt, "inzwischen kommt sogar der biedere Familienpapi." Topseller unter den Pokertischen ist das Modell "Nevada 4", 2,10 Meter lang mit Getränkehaltern und gepolsterter Armauflage für rund 400 Euro. Die letzten beiden Container mit 220 Tischen reichten nur für zwei Wochen, dann war alles ausverkauft.

Wie viele Pokerspieler es in Deutschland gibt, vermag niemand zu sagen. Vor drei Jahren gingen Schätzungen noch von 260 000 aus, heute könnten es drei- oder viermal so viel sein.

Die Welle spüren auch die Spielcasinos, in denen es um ernsthafte Summen geht. "Früher hatten wir ein Turnier pro Woche, jetzt sind es vier", so Jennifer Sielaff von der Spielbank Wiesbaden. Der Platz an den Pokertischen reiche für den Ansturm kaum aus. Dabei müssen die Mitspieler je nach Turnier schon mal mehrere hundert Euro auf den Tisch legen, um dabei zu sein. Die Teilnehmer sind vor allem junge Männer - Sonnenbrille und iPod gehören zur Standardausstattung. "Die meisten haben Spielpraxis aus dem Internet", glaubt Sielaff.

Alex Jalali macht mit Poker schon das große Geld. Eigentlich hat der 32-Jährige aus Bochum gerade seine Facharztausbildung abgeschlossen, doch nun reist er als Profi-Zocker durch die Welt: "Das ist mein Traumberuf." 764 000 Euro Preisgeld habe er in den vergangenen zwölf Monaten verdient, erzählt er, allein 690 000 Euro bei einem Turnier in Amsterdam - er ist damit wohl der erfolgreichste deutsche Spieler im Profi-Zirkus.

"Ich verdiene zwar mehr als ein Chefarzt", sagt er, "aber Gewinne

kommen und gehen." Seine Regel lautet: "Wer sich über eine verlorene Runde ärgert, verliert schnell das ganze Turnier."

Das Glück bestimmt das Spiel, das Pokerfieber in Deutschland ist dagegen das Ergebnis kalkulierten Marketings, vor allem mit Hilfe des Internet und des Fernsehens. Seit dem Frühjahr vergangenen Jahres überträgt der Sender DSF Pokerturniere. Die Profi-Zocker auf der Mattscheibe begeistern angeblich die Zuschauer. "Manchmal sehen bis zu 500 000 Menschen zu", so DSF-Mann Christian Henßel.

Auch ProSieben will verstärkt ins Pokergeschäft einsteigen. Entertainer Stefan Raab soll im Dezember mit Prominenten und einem Zuschauer um 100 000 Euro zocken. Für das kommende Jahr sind fünf weitere Pokernächte geplant. Raabs Preisgeld wird gesponsert, es stammt von der Firma Pokerstars, einer der größten Internet-Pokerplattformen für den US-Markt. Sie bezahlt auch die Preise, die es bei Murolos Turnieren zu gewinnen gibt.

Dabei geht es vor allem um Wer-bung für das Internet-Zocken, denn das Geschäft im Netz verspricht gewaltige Gewinnmargen. Der Online-Marktführer PartyGaming etwa steigerte seinen Pokerumsatz zwischen 2002 und 2005 um fast 850 Millionen Dollar, 487 Millionen Dollar blieben 2005 als Betriebsergebnis übrig.

Nur hat der US-Kongress im September das Internet-Glücksspiel in den Staaten wegen der Suchtgefahr de facto verboten - und die Branche ruiniert. "80 Prozent des Marktes sind verschwunden", sagt Martin Oelbermann vom Münchner Medien-Beratungsunternehmen MECN. Die US-Firmen drängen nun unter anderem verstärkt nach Deutschland.

Mit Tickets für Freispiele versuchen sie Kunden anzulocken, die davon träumen, über Nacht vom Nobody zum Millionär zu werden. Die Freude vieler Internet-Zocker hält sich allerdings in Grenzen. Im Netz häufen sich Beschwerden. Immer wieder kommt es vor, dass sich Spieler heimlich absprechen oder gar ein und derselbe Spieler unter mehreren Identitäten am virtuellen Spieltisch Platz nimmt. Berüchtigt sind auch Computerprogramme, sogenannte Bots, mit denen Gegner analysiert und bespitzelt werden.

Deutsche Behörden sind unsicher, wie sie auf das Treiben reagieren sollen. Eigentlich sind Glücksspiele in Deutschland streng geregelt, Pokern für Geld ist nur in lizenzierten Spielcasinos eindeutig erlaubt. Tatsächlich aber berufen sich die Veranstalter der Kneipenturniere auf das Gewerberecht: Sie würden nicht um Geld spielen, sondern nur um Sachpreise und benötigten deshalb keine Erlaubnis, argumentieren sie. "Wir beobachten das kritisch, schreiten aber nicht ein", sagt Rainer Riedl vom bayerischen Innenministerium. In anderen Bundesländern wie Niedersachsen hingegen genehmigen die Ordnungsämter die Pokertreffs nicht.

Stark reglementiert ist in Deutschland zwar auch die Online-Zockerei, aber das bleibt Theorie: Es lässt sich schließlich kaum verhindern, dass sich deutsche Spieler bei ausländischen Anbietern einloggen. Schwieriger könnte die Situation indes durch einen Staatsvertrag werden, mit dem die Länder bis Ende des Jahres das Glücksspiel in Deutschland neu regeln wollen: TV- und Internet-Werbung für Lotto und Sportwetten sollen weitgehend eingeschränkt werden, um der Spielsucht vorzubeugen. Auch Pokern würde wohl unter diese Regelung fallen.

Tückisch sei beim Poker, so Suchtexperten, vor allem, dass viele Spieler glauben, sie könnten das Spiel mit Intelligenz und Können lenken. "Tatsächlich", so der Bremer Psychologieprofessor Gerhard Meyer, "entscheiden nur die richtigen Karten." Vor allem, wenn die Spielrunden schnell aufeinanderfolgen, steige die Gefahr. "Süchtige versuchen dann sofort, Verluste durch neue Einsätze auszugleichen."

Der Herforder Fachverband Glücksspielsucht registiert bereits verstärkt Anfragen von Menschen, die dem Pokerspiel verfallen sind, so die Vorsitzende Ilona Füchtenschnieder. Und das dürfte nur der Anfang sein: "Wenn das Angebot steigt, wächst auch die Zahl der Opfer."

Das aggressive Marketing der Pokerbranche wurmt gelegentlich sogar Menschen, die sich selbst gern im Spiel mit anderen messen: Als zwei Schachgroßmeister jetzt in einschlägigen Fachzeitschriften mit ganzseitigen Anzeigen für das Kartenspiel warben ("Poker ist Schach mit anderen Mitteln"), erstattete der Deutsche Schachbund Strafanzeige. Die beiden Kollegen hätten ja für ein illegales Glücksspiel geworben. LUTZ ACKERMANN,

MICHAEL FRÖHLINGSDORF

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