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DER SPIEGEL 3/2007 vom 15.01.2007, Seite 126

Autoren: Per Hinrichs und Julia Koch

UNIVERSITÄTEN

Peanuts für die Besten

Acht Hochschulen dürfen auf Fördermillionen für Elite-Unis hoffen. Die TU München, Siegerin der ersten Runde, hat schon mit dem Geldausgeben angefangen.

Einer der Gründe für den Triumph der Technischen Universität München beim Wettstreit der Spitzenhochschulen hat rote Segelohren und Augen aus Tischtennisbällen: Im Institut für Autonome Systeme in der Theresienstraße steht "Eddie", ein Roboterkopf aus Metall und Schaumstoff.

Eddie ist ein sogenanntes Emotionsdisplay: Wenn Ingenieur Dirk Wollherr den Mauszeiger auf dem Steuerungscomputer in Richtung "überrascht" zieht, reißt Eddie die blauen Augen auf und lässt die Kinnlade herunterklappen.

Demnächst wollen die TU-Forscher Eddie auf den Rumpf von Laufroboter Johnnie schrauben, einer Entwicklung der Kollegen vom Lehrstuhl für Angewandte Mechanik. Denn das große Ziel von Wollherr und seinem Wissenschaftlerteam sind Kunstwesen, die selbständig hochkomplexe Aufgaben lösen.

"Die neuen Systeme sollen wissen, was sie selbst können und was ihre Umgebung gerade tut", erklärt Wollherr. Die Forscher möchten ihren Robotern etwa beibringen, über den Stachus in der Münchner Innenstadt zu schlendern, ohne dabei Passanten anzurempeln. Andere Replikanten sollen beim Zusammenschrauben eines Ikea-Regals assistieren.

Der Forschungsverbund Cognition for Technical Systems, in dem rund 80 Ingenieure, Psychologen und Neurobiologen gemeinsam an Lösungen tüfteln, hat das Gutachterteam der Exzellenzinitiative im vergangenen Oktober überzeugt - die Forscher dürfen bis 2011 jährlich 6,5 Millionen Euro Fördergelder ausgeben.

Mindestens ein solches "Cluster" und eine Graduiertenschule muss eine Hochschule vorweisen, um überhaupt Chancen auf den begehrten Titel der Elite-Uni zu haben. Zusammen mit der Universität Karlsruhe und der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hat die TU das Ziel bereits im vergangenen Jahr erreicht.

Auch die Ruhr-Universität Bochum würde gern in den erlesenen Zirkel vorstoßen - und darf nun hoffen: Am vergangenen Freitag winkten der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Lehranstalt durch ins Finale der zweiten Runde der Exzellenzinitiative.

Was in München die Roboter sind, soll in Bochum die Proteinchemie sein. Die Hochschule will mit einem Cluster punkten, in dem Bochumer Forscher gemeinsam mit Kollegen aus Dortmund und Bielefeld ergründen sollen, wie sich Proteine in lebenden Zellen zu Netzwerken zusammenfinden.

"Mit Bochum hat sicher nicht jeder gerechnet", sagt Peter Strohschneider, Chef des Wissenschaftsrats, "die Uni gilt nicht als sexy, ist aber besser als ihr Ruf." So halte Bochum einen Spitzenplatz bei DFGgeförderten Projekten. Zudem habe die Uni seit Jahren konsequent auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master gesetzt.

Neben dem westfälischen Überraschungssieger finden sich viele alte Bekannte unter den Erwählten. Außer Bochum sind nur Göttingen, Konstanz und die Berliner Humboldt-Uni neu hinzugekommen. Die Uni Bremen, Shooting-Star der Vorauswahl 2006, scheidet dagegen aus, ebenso die drei Ostkandidaten Jena, Leipzig und Dresden.

Das bange Warten auf die Endauswahl im Oktober hat der Münchner TU-Chef Wolfgang Herrmann schon hinter sich: "Unser Erfolg hat einen Identifikationsschub unter den Mitarbeitern ausgelöst", erinnert sich der Chemiker, "das ist für ein Unternehmen ein ganz wichtiger Faktor."

Längst möchte Herrmann seine TU viel lieber als wettbewerbsfähiges Unternehmen betrachten denn als staatliche Ausbildungsbehörde. Das zeigt auch der Titel des prämierten Zukunftskonzepts: "TUM. The Entrepreneurial University".

Der Elite-Titel als solcher, weiß Wissens-Unternehmer Herrmann, ist für eine Hochschule mindestens so wertvoll wie das Geld. Die rund 150 Millionen Euro, die bis 2011 fließen werden, sind ohnehin Peanuts im Vergleich zu den gewaltigen Etats USamerikanischer Elite-Unis. Auch die renommierte ETH Zürich hat pro Studienplatz rund dreimal so viel Geld zur Verfügung wie die Münchner.

Das Exzellenzprädikat soll zusätzliche Sponsoren locken: "Die Leute, die Geld haben, sehen, dass hier die Richtung stimmt", freut sich Herrmann. Für das geplante Institute for Advanced Study, auch Teil des Exzellenzkonzepts, muss der Präsident schon gar nicht mehr in den Elite-Topf greifen: Den Zehn-Millionen-Euro-Bau spendiert der Autobauer BMW.

So könnten die neuen Top-Hochschulen - wer hat, dem wird gegeben - künftig noch weiter an den glücklosen Bewerbern vorbeiziehen, und genau das ist ja ein Ziel der Exzellenzinitiative. "Wir sind in eine neue Ära des Wettbewerbs unter den Hochschulen eingetreten", sagt Herrmann.

Nur das deutsche Tarifrecht bremst den Präsidenten noch: Auch in Elite-Projekten muss er die Mitarbeiter nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst entlohnen. "So kann man nicht unternehmerisch handeln", klagt der Hochschulleiter.

Physik-Ordinarius Gerhard Abstreiter, der gemeinsam mit LMU-Kollegen ein Nanotechnologie-Cluster leitet, ist ganz seiner Meinung: "Wir können Nachwuchsforschern jetzt zwar Arbeitsbedingungen bieten, die international absolut konkurrenzfähig sind", sagt er, "nur anständig bezahlen können wir sie nicht."

Den ausgeschiedenen Kandidaten aus Bremen, Dresden und Frankfurt bleibt immerhin der Neid der Kollegen erspart. Denn eines musste Abstreiters Kollege Stephan Paul, Sprecher des TU-Clusters zur Struktur des Universums, in den letzten Monaten lernen: "Bei Treffen mit Wissenschaftlern von anderen Unis ist es besser, den Elite-Wettbewerb gar nicht zu erwähnen." PER HINRICHS, JULIA KOCH

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