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UniSPIEGEL 3/2007 vom 21.05.2007, Seite 16

Autor: HELENE ZUBER

Einfach genießen

Die Lieblingsstadt der Erasmus-Studenten ist Valencia. Auch Deutsche lassen sich gern in der spanischen Metropole treiben - nur das Studieren fällt schwer.

Am 31. Januar lieferte Colin Uffelmann, 25, gerade noch termingerecht einen Entwurf bei seinem Architektur-Professor ab. Tags darauf landete der Student von der Fachhochschule Kaiserslautern schon am Mittelmeer. Da stand er nun im spanischen Valencia vor der Jugendherberge, bepackt mit Kleidern, Büchern und was man sonst noch so braucht, wenn man ein halbes Jahr als Erasmus-Student im Ausland verbringen will.

"Anfangs war's die Hölle", sagt der Gaststudent an der Universidad Politécnica. Ohne Spanischkenntnisse, nur mit Handy und Stadtplan ausgestattet, ging er auf Wohnungssuche - "ich bin schrecklich abgezockt worden". Denn mit Englisch, das lernte der angehende Architekt schnell, kommt man in Valencia nicht durch. Fremdsprachen beherrscht kaum ein Vermieter. Und der freundliche Makler kassierte rasch 2000 Euro Provision und Kaution für ein Mini-Zimmer von acht Quadratmetern in einer Vierer-Wohngemeinschaft ohne Heizung.

Die Lage immerhin hat Colin inzwischen mit der Stadt seines großen Idols, des berühmten Architekten Santiago Calatrava, versöhnt: gleich hinter dessen blendend weißer "Stadt der Künste und Wissenschaften", zwischen dem Malvarrosa-Strand und seinem Uni-Campus. Nachts leuchtet das Imax-Kino, dessen Fenster sich wie Lider öffnen lassen, gleich einem gigantischen Auge.

Ähnlich schlecht startete Jenny Tepelmann, 24, aus Bonn ihr Erasmus-Semester in Valencia. Die Medizinerin hatte von zu Hause per Internet eine Bleibe gesucht und wurde von der Vermittleragentur gezwungen, einen Mietvertrag über die gesamte Zeit zu unterschreiben, ohne das Zimmer gesehen zu haben. Sie fand sich in einem "Loch im schlechtesten Viertel" wieder, für 260 Euro monatlich zuzüglich Nebenkosten.

Die Einstiegserfahrungen von Colin und Jenny dürften nicht verwundern. Denn Valencia mit seinen über 80 000 Studenten an zwei großen Universitäten - neben der Politécnica lockt noch die Universidad de Valencia beispielsweise Mediziner wie Jenny an - ist die Top-Stadt für Erasmus-Studenten in ganz Europa. Allein die Polytechnische Universität mit ihren 36 000 Studenten nahm im vergangenen Jahr 2123 Ausländer auf, davon waren 309 Deutsche, das sind 15 Prozent. Da lassen sich die Einheimischen oft Räume nahe dem Campus an der breiten Avenida de Vicente Blasco Ibáñez oder entlang der Ausfallstraße Avenida de los Naranjos, die trotz des romantischen Namens kein einziger Orangenbaum ziert, in Gold aufwiegen.

Trotzdem stimmen die deutschen Erasmus-Leute, die hier gerade den beginnenden Sommer erleben - dieses Jahr mit dem internationalen Segelwettbewerb America's Cup als Special Event -, ausnahmslos überein: "Es war die beste Idee, nach Valencia zu gehen", so Colin, "die beste und bewegendste Lebenserfahrung."

Die meisten EU-Studenten kommen nach Spanien, um die europäische Sprache zu lernen, die gleich nach dem Englischen in der Welt am meisten gesprochen wird. Viele verbinden das Nützliche mit dem Vergnügen, mindestens ein Semester am Mittelmeer zu leben. "Madrid ist zu teuer und hat keinen Strand, Bilbao liegt am Atlantik. Und Barcelona scheidet aus, weil dort Katalanisch vorausgesetzt wird", erklärt Fredrik Weege, 21, von der International School of Management in Dortmund seine Entscheidung für Valencia. Zudem sind die beiden örtlichen Unis Partnerschaften mit sehr vielen deutschen Hochschulen eingegangen.

So auch mit Weimar, wo Susanne Radelhof, 25, gebürtig aus Eisenach, im achten Semester Visuelle Kommunikation studiert. Eigentlich wäre sie viel lieber nach Helsinki gezogen, aber jetzt ist sie ganz

versöhnt: "Das Wetter ist besser." Da konnte sie selbst den Winter in ihrer unbeheizbaren Bleibe mitten im pittoresken Altstadtviertel Barrio del Carmen ohne Bronchitis überstehen. Dort lebt sie mit zwei Spanierinnen. Die neuen Freundinnen ließen sie in der drittgrößten Metropole Spaniens, die fünf Jahrhunderte unter arabischer Herrschaft stand, ganz in eine neue Kultur eintauchen. Valencia ist nicht so provinziell verschlafen wie Susannes Heimat, aber mit seinen 800 000 Einwohnern noch überschaubar. Die Fallas, das Volksfest im März, wo viel geknallt wird, täglich ein spektakuläres Feuerwerk und zum Höhepunkt überlebensgroße Pappmaché-Figuren abgebrannt werden und die Bewohner im Ausnahmezustand sich mit Ausländern und Touristen verbrüdern - "das war überwältigend".

Valencia gefällt der Video-begeisterten Studentin so gut, dass sie noch ein halbes Jahr anhängt. "Ich suche mir jetzt ein Praktikum", erklärt Susanne. Denn das Vorlesungsangebot an der Politécnica war gar nicht nach ihrem Geschmack. "Fachlich kann man das hier vergessen, man kann nicht profitieren, das ist alles sehr verschult."

So hart urteilen nicht alle. Doch die deutschen Erasmus-Studenten betonen, dass, wenn überhaupt etwas, die Praxisnähe des Angebots ihnen zugute komme. Dem künftigen Architekten Colin gefiel ein Kurs über künstlerische Farbenlehre, in dem er auch mit seinem Anfängerspanisch gut klarkam. "Das Studium hier ist sehr offen, ich kann auch Fächer an der Designhochschule belegen".

Claudia Wanke, 21, aus Stralsund, die ein Gastsemester Tourismus im zur Politécnica gehörenden Campus von Gandia, 70 Kilometer von Valencia direkt am Meer gelegen, verbringt, findet den starken Praxisbezug ebenfalls ideal. Mit einer Freundin von ihrer Heimatuni schreibt sie gerade an einer 50-seitigen Hausarbeit, natürlich auf Spanisch. Es geht darum, eine Tourismusstrategie für die Insel Rügen zu entwickeln. Beim Brainstorming in der Sonne am sogenannten Erasmus-Strand fällt den Mädchen dazu mehr ein als an der nebelverhangenen Ostsee.

Tobias Valgs, 25, von der RWTH Aachen, der im 8. Semester Informatik studiert, beklagt zwar das niedrige Niveau der Vorlesungen in Valencias Polytechnischer Universität. Aber hier konnte er tief in die Kunst des Programmierens einsteigen, "das hätte ich mir zu Hause alles selbst beibringen müssen". Deshalb ist der Erasmus-Mann, der sein Spanisch abends in den Kneipen verbessert, ganz sicher: "Bis

zum Juli werde ich viel gelernt haben, es war richtig, nach Valencia zu gehen."

Ausgerechnet für Mediziner allerdings bleibt die Praxis nahezu verschlossen, klagt Jenny. Weil der klinische Teil in Spanien dem letzten Studienjahr vorbehalten ist, "werde ich ein Krankenhaus wohl nie von innen sehen". Gelernt werde hier nicht am Patienten oder mit Hilfe von Fachbüchern, sondern nach Mitschriften der Vorlesungen. Nicht unproblematisch, so die Bonnerin: "Nur die Meinung des Profs zählt."

Der Informatiker Tobias und viele andere deutsche Erasmus-Studenten mussten an der Gastuniversität erfahren, dass die Anerkennung der besuchten Veranstaltungen und der erworbenen Scheine zumindest sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist. Es sei klug, das Auslandsjahr einfach als "was fürs Leben" zu genießen, meint Susanne.

Wer allerdings darauf angewiesen ist, in Valencia ECs zu leisten, also nach dem Bachelor-Studiengang "European Credits" zu sammeln, darf Laufereien und stundenlanges Schlangestehen nicht scheuen. Fredrik Weege muss für sein Management-Studium in Dortmund fünf benotete Kurse aus Valencia nachweisen. Wie alle bekam er einen Mentor zugeteilt, der ihm raten sollte, welche Veranstaltungen er belegen könnte. Doch der Helfer antwortete erst drei Monate später, da hatte Fredrik alles selbst geregelt. Dass man sich um das meiste allein kümmern muss, bestätigen andere Erasmus-Leute. "Am besten überall persönlich hinrennen", egal ob für den Studentenausweis oder die Wohnung, so die allgemeine Lehre aus Valencia.

Was ist nun so speziell an der aufstrebenden Stadt, wo das ganze Jahr die Orangenbäume blühen? Die Jugendstiljuwelen à la Gaudí in den eleganten Wohnvierteln hat der künftige Architekt Colin noch nicht erkundet. Dass Valencia diesen Sommer nicht nur den America's Cup, sondern auch eine Kunstbiennale ausrichtet, ist der Kommunikationsspezialistin Susanne bislang entgangen.

Macht nichts. Keiner hat die Zeit in Valencia bereut. Auch wenn die meisten deutschen Studenten in ihrer Erasmus-Welt leben, mit den WG-Genossen kochen und sich über die Preise im Supermarkt ärgern. Die filigrane Markthalle und den mit Orangen aus Keramik verzierten Hauptbahnhof nahmen sie kaum wahr. Viele sehen die Innenstadt nur im Dunklen aus dem Taxi, wenn sie gut betankt mit dem alkoholischen "Wasser von Valencia" aus der Disco in ihre Schlafkammern fahren.

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