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DER SPIEGEL 34/2007 vom 20.08.2007, Seite 154

Autoren: Volker Hage, Malte Herwig, Joachim Kronsbein, Romain Leick und Martin Wolf

AUTOREN

Die Stunde des Krimis

Der Bestsellererfolg von Andrea Maria Schenkel - auf ihren Erstling "Tannöd" folgt jetzt "Kalteis" - macht das Spannungsgenre wieder attraktiv: auch für neue deutschsprachige Autoren.

Sie schaffte es, Daniel Kehlmann mit seinem Millionenerfolg "Die Vermessung der Welt" vom ersten Platz auf der Bestsellerliste mit einem schmalen Kriminalroman zu verdrängen. Die bis dahin völlig unbekannte Debütantin Andrea Maria Schenkel landete mit ihrem aus Fakten und Fiktion gemischten Buch "Tannöd" einen Überraschungscoup: Der Anfang 2006 in einem Hamburger Kleinverlag ohne viel Aufhebens publizierte, eher spröde als spektakuläre Krimi erreichte bis heute eine Auflage von mehr als 300 000 Exemplaren.

In dieser Woche nun steht die Autorin, Mutter von drei Kindern und verheiratet mit einem Arzt bei Regensburg, gleich mit zwei Werken auf der SPIEGEL-Bestsellerliste: "Tannöd" und ihr neues Buch "Kalteis", Anfang des Monats erschienen, belegen Seite an Seite die Plätze drei und vier.

Wie schon in ihrem Erstling greift die Autorin Schenkel, 45, in "Kalteis" auf historische Vorkommnisse zurück. Vorlage ist der Fall des Frauenmörders Johann Eichhorn. Der Eisenbahnarbeiter hatte in und um München von 1928 an Dutzende Frauen vergewaltigt und zwischen 1931 und 1938 fünf Morde begangen.

Im Buch heißt der Täter Josef Kalteis, und auch die Namen der Opfer sind verändert. Dass die Autorin sich dennoch stark an die Tatsachen hält, belegt ein Literaturverzeichnis: Vier Quellen werden genannt, darunter die Vernehmungsprotokolle der Münchner Polizei - Schenkel dürfte schon deswegen großen Wert auf diese Angaben gelegt haben, weil nach dem Erfolg von "Tannöd" ein Sachbuchautor einen Plagiatsvorwurf erhoben hat.

In "Kalteis" geht es Schenkel nicht um die politischen Aspekte des Falls, obwohl die einer ausgiebigen Betrachtung durchaus wert wären. Die Nazis hatten Johann Eichhorn, den historischen Täter, still und heimlich aburteilen lassen. Überregionale Zeitungen berichteten kaum oder nur marginal über den Fall, der kurz nach Kriegsbeginn vor Gericht kam. Es sollte offenbar der Eindruck vermieden werden, dass an der Heimatfront perverse Volksgenossen wehrlose deutsche Frauen umbrachten. Der geständige Eichhorn starb einen Tag nach der Urteilsverkündung am 1. Dezember 1939 unter dem Fallbeil.

Mehr als die Zeitumstände interessiert die Autorin das, was die Zeugen und der Täter ausgesagt haben - wobei die Frage, was an diesen Berichten fiktiv oder historisch belegt ist, eine geringe Rolle spielt. Schenkel knüpft aus den Aussagen ein Bewegungs- und Schicksalsmuster: wie Zufälle das Aufeinandertreffen von Täter und Opfer bestimmen, eine kleine Familienstreiterei etwa, die dazu führt, dass eine Frau allein eine Radtour unternimmt und so ihrem Mörder begegnet.

Schenkel liefert, wie auch schon in "Tannöd", keinen klassischen Krimi. Sie ist eine Autorin, die sich, inspiriert von historischer Wirklichkeit, in eine kriminelle Konstellation hineinversetzt. Ihre Intuition, verbunden mit der Fähigkeit, sie suggestiv auszudrücken, kreiert einen eigenwilligen deutschen Krimi-Typus, den tastenden Tatsachenroman, der sich an historischen Quellen locker orientiert.

Schenkels Kollege Jan Costin Wagner, 34, dessen vierter Roman "Das Schweigen" schon vor einigen Wochen erschienen ist, sagt: "Die großen Erfolge einiger Kriminalromane zeigen, dass junge deutsche Autoren heute anders mit dem Genre umgehen. Sie nehmen sich beim Schreiben jetzt mehr Freiheiten und werfen die üblichen Regeln über Bord. Es scheint, als gebe es unter Schriftstellern hierzulande ein neues Selbstbewusstsein."

Der August könnte zum Monat des deutschsprachigen Kriminalromans werden. Neben Schenkels "Kalteis" wird ein Großaufgebot an neuer Krimi-Ware offeriert wie lange nicht mehr. Allein in diesen Tagen erscheint auf einen Schlag ein halbes Dutzend - zum Teil sehr umfangreiche - Werke.

Es sind Bücher schon etablierter Autoren wie Friedrich Ani, Veit Heinichen, Ulrich Ritzel und Heinrich Steinfest, aber auch Werke von bisher Unbekannten wie

Volker Kutscher und Silvia Roth (deren Verlage schon weitere Bücher mit dem gleichen Romanpersonal in Aussicht stellen). Und auch Schriftsteller, die bisher nicht einschlägig tätig waren, wagen sich ans Krimi-Genre: Evelyn Grill etwa oder Bruno Preisendörfer.

Publikumserfolge in der Größenordnung, wie sie die Schenkel-Romane erzielen, waren bisher nur bei ausländischen Krimis üblich. Vor allem angelsächsische Autoren liefern schon fast routinemäßig Bestseller ab, auch schwedische Autoren mischen kräftig mit, etwa Henning Mankell, Liza Marklund oder Håkan Nesser.

Dabei ist der Kriminalroman, anders als ein Vorurteil will, von deutschen Dichtern und Denkern stets als "kultivierter Literaturzweig" (Bertolt Brecht) respektiert worden, selbst prominente Schriftsteller wie der Schweizer Friedrich Dürrenmatt ("Das Versprechen") haben sich des Genres erfolgreich bemächtigt. Der deutsche Erfolgsautor Bernhard Schlink hat als Verfasser von Kriminalromanen begonnen und es sich nicht nehmen lassen, den dritten Band der Trilogie mit dem Privatdetektiv Gerhard Selb ("Selbs Mord") auch noch nach seinem Bestsellertriumph mit dem Roman "Der Vorleser" abzuliefern.

Seit sich der deutsche Krimi in den siebziger Jahren unter gesellschaftskritischer Flagge und in Taschenbuchformat erstmals erfolgreich auf dem Markt durchsetzte (mit Autoren wie Horst Bosetzky alias -ky, Richard Hey, Felix Huby, Hansjörg Martin und anderen), hat mittlerweile eine ganze Reihe von Autoren deutscher Sprache Geltung erlangt: von Jakob Arjouni über Christine Grän, Doris Gercke, Wolf Haas, Ingrid Noll bis hin zu Peter Zeindler.

Die deutschsprachigen Krimi-Schriftsteller sind lässiger und selbstbewusster geworden. So macht sich etwa Heinrich Steinfest, 1961 in Australien geborener Österreicher, von dem es mittlerweile zehn Bücher gibt, über die sonstige Gegenwartsliteratur lustig. In seinem neuen Roman "Die feine Nase der Lilli Steinbeck" kommt ein Betäubungsmittel mit dem populären Namen "Fräuleinwunder" zum Einsatz, ein Begriff, der dem Autor Anlass zu folgender Bemerkung gibt: "Ob damit die narkotisierende Wirkung neuester deutscher Literatur gemeint war oder auch etwas ganz anderes, blieb unbekannt."

Die Ermittlerin Steinbeck, die (wie ihr Autor) von Wien nach Stuttgart gezogen ist und als "Spezialistin für Entführungsfälle" gilt, ist die Hauptperson. Sie soll helfen, das nächtliche Verschwinden eines Familienvaters aufzuklären. Die Geschichte selbst, die in ein mörderisches Räuber-und-Gendarm-Spiel mündet, ist bei dem Autor Steinfest eher Nebensache: Er ist ein Meister skurriler Sprachbilder und alltagsphilosophischer Exkurse.

Der klassische Kommissar trägt neue Kleider. Volker Kutscher lässt in seinem Roman "Der nasse Fisch" den jungen Kripobeamten Gereon Rath im Berlin der zu Ende gehenden Weimarer Republik ermitteln. Eine Stadt im morbiden Rausch, Chicago an der Spree, ein Tanz auf dem Vulkan. In Nachtclubs und Bordellen stöbert der Held Rath herum und geht fast unter im tödlichen Intrigenspiel zwischen sozialdemokratisch geführter Polizei, Reichswehr, SA und Exilrussen. Kutscher, 1962 geboren, gelingt ein opulentes Sittengemälde einer Metropole, die in ihrer Hektik und Amüsiersucht damals als die amerikanischste Stadt Europas galt und deren Schicksal doch schon unausweichlich war.

Der Münchner Autor Friedrich Ani lässt in seinem in dieser Woche erscheinenden Krimi "Hinter blinden Fenstern" wieder Polonius Fischer auftreten, einen ehemaligen Mönch, der schon im letzten Ani-Buch "Idylle der Hyänen" tätig war.

In seinem zweiten Fall muss der Mann herausfinden, wie der Ladenbesitzer Cornelius Mora ums Leben kam. Offenbar ist Mora seiner Leidenschaft erlegen, in einem Sexclub bei einer Domina, die ihn mit einem Peitschenhieb unglücklich an der Halsschlagader traf. Mora war ein Unglücksmensch, und seine Domina ist es auch. Fischer spürt das, er muss es gar nicht erst ermitteln. Die Tätersuche ist nur eine unumgängliche Dreingabe. Ani, 48, ist der Philosoph, gar der Sozialphilosoph unter den deutschen Krimi-Autoren.

Durchaus konventioneller, wenn auch nicht weniger packend, geht Veit Heinichen, 50, zu Werke. Sein Commissario heißt Proteo Laurenti, wirkt in Triest (wo Heinichen wohnt) und löst seine Fälle brummelnd-bärbeißig. Ein italienischer Individualist mit anarchischen Zügen - ehelich untreu, aber ein Familienmensch, staatsfern, dennoch patriotisch. Henry Hübchen hat ihm in der TV-Verfilmung glaubwürdig Gestalt gegeben.

Im neuesten und fünften Fall, "Totentanz", verliert Laurenti erst seine Geliebte

an die Gewohnheit, beinahe seine Gattin an einen Maler und um ein Haar den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität. Heinichen hat sich eine Lesergemeinde erschrieben, die seine Italien-Krimis für raffinierter hält als die von Donna Leon.

Der ehemalige Gerichtsreporter Ulrich Ritzel, 66, hat sich mit seinen inzwischen sechs Büchern ebenfalls längst einen Stammplatz bei Krimi-Freunden erschrieben. In seinem neuesten Werk "Forellen-Quintett" geht es kosmopolitisch los, um dann in der Provinz zu enden.

In Krakau wird die kopflose Leiche einer Freundin der Ulmer Kommissarin Tamar Wegenast gefunden. Die etwas verzwickte Geschichte um Drogenschmuggel, Rechtsradikale, einen verschwiemelt-päderastischen Klavierpädagogen und einen vor 17 Jahren verschwundenen Schüler verknüpft Ritzel souverän zu einem Panorama provinziellen Schreckens. So viele Abgründe wirken selbst bei bestem Willen etwas inflationär. Da bleibt die Tatsache, dass Kommissarin Wegenast lesbisch ist, eine erfreulich beiläufig mitgeteilte Information.

Die Krimi-Debütantin Silvia Roth, vom Verlag mit einem blutrünstigen Psychopathen-Thriller und großer Zuversicht in den umkämpften Markt geschoben, setzt nach eher klassischer Manier auf die Identifikation mit dem Ermittlerteam, hier mit Kommissar Hendrik Verhoeven und seiner Kollegin Winnie Heller, die in dem Roman "Der Beutegänger" ihren ersten Auftritt haben und gleich einen ziemlich grausigen Fall lösen müssen.

Im Wiesbadener Stadtwald wird die schrecklich zugerichtete Leiche einer Joggerin gefunden. Der Täter hat seinem Opfer den Bauch aufgeschlitzt und eine Chrysantheme in den Eingeweiden deponiert. Einige Wochen später geschieht ein zweiter, ähnlich bestialischer Mord.

Im ersten Krimi der österreichischen Schriftstellerin Evelyn Grill - Titel: "Schöne Künste" - kommt der exzentrische Museumsdirektor Carlo Morwitz auf makabre Weise ums Leben. Er wird, nackt und gefesselt, von einem Unbekannten mit dem Gesicht in den Fettstuhl gedrückt, eine Plastik von Joseph Beuys. Der Museumsdirektor erstickt.

Wer war's? Diese Frage interessiert die Autorin Grill nur am Rande. Mitleid mit dem Opfer kennt sie nicht; der Kommissar bleibt nur eine Nebenfigur. Vielmehr nutzt Grill, 65, das - fiktive - Museumsambiente, um ausgiebig über den modernen Kunstbetrieb zu lästern.

Der Journalist und Autor Bruno Preisendörfer, 50, hat einen Roman geschrieben, der zwar nicht als Krimi ausgewiesen ist, aber von der ersten Seite an einen Mord aus Rache in Aussicht stellt: "Die Vergeltung"*. Ein Mann, dessen Frau zwei Jahrzehnte zuvor bei einem Raubmord ums Leben gekommen ist, steigt in Frankfurt am Main in ein Taxi, das der mittlerweile aus der Haft entlassene Täter fährt.

Wird die von langer Hand geplante Vergeltung am Ende auf der Fahrt nach Düsseldorf durchzuführen sein? Oder könnte der entschlossene Rächer sich von der Freundlichkeit des gereiften und geläuterten Taxifahrers beeinflussen lassen?

Selbst viele routinierte Krimi-Autoren wollen mehr bieten als reine Spannung. Dabei zeigt sich, dass gerade jene Kriminalromane auch literarisch am anspruchsvollsten sind, die bei sich bleiben und ihre Aufgabe, spannend zu unterhalten, ganz ernst nehmen - und dabei wie nebenbei das Alltagsleben betrachten.

Doch sogar die derzeitige Krimi-Königin Schenkel, deren erstes Buch vom Verlag noch als "Krimi" annonciert wurde, lässt ihr zweites Werk jetzt lieber "Roman" nennen. VOLKER HAGE, MALTE HERWIG,

JOACHIM KRONSBEIN, ROMAIN LEICK,

MARTIN WOLF

* Bruno Preisendörfer: "Die Vergeltung". Verlag Liebeskind, München; 240 Seiten; 18,90 Euro.
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