Mein Gott, wenn es diese empfindsamen Nachbarn nicht gäbe. Dann wäre alles viel einfacher. Aber die beschwerten sich ständig: "Wegen Ruhestörung ...!" Don Gabriele hat zu viel erlebt, um sich noch aufzuregen. Aber diese Proteste waren einfach lästig und dumm. "Ruhestörung ... Die beschwerten sich der Schreie wegen. Aber ohne Schreien geht es nun mal nicht bei den harten Fällen."
Also kann Don Gabriele Amorth bei sich zu Hause nur noch die harmloseren Fälle behandeln. Aber: "Zum Glück hat mir ein Kollege einen Raum in der Innenstadt zur Verfügung gestellt. Dort habe ich fünf, sechs Helfer, falls jemand gewalttätig wird. Da können sie schreien." Die vom Teufel Besessenen. Jeden Di. und Fr., ab 9 Uhr.
Don Gabriele ist der offiziell beauftragte Exorzist der Diözese Rom und damit auch der zuständige Teufelsaustreiber für den Bischof Roms, Papst Benedikt XVI. Der 82-jährige Priester trägt die Soutane mit den 33 Knöpfen. Sein Schädel ist bis auf einige weiße Stoppeln nahezu kahl, das Doppelkinn hängt herunter, ein wenig wie bei einem Basset. Er trägt eine Bifokal-Brille, seine Augen sind graublau und lassen einen nicht los. Für Padre Amorth ist der Teufel keine Metapher, sondern tägliche Praxis. Er sagt:
Ich bin der einzige Exorzist, der sieben Tage die Woche arbeitet, von morgens bis nachmittags, einschließlich Heiligabend und Ostern. Ich habe in 21 Jahren über 70 000 Exorzismen durchgeführt. Als ich noch jünger war, schaffte ich im Schnitt 15, 16 Austreibungen am Tag. Sehen Sie meinen Terminkalender? In den nächsten zwei Monaten ist schon alles voll.
Amorth wohnt in einem großen Wohnheim für Geistliche, einem Neubau aus den Siebzigern, unterhalb der Basilika Sankt Paul vor den Mauern an der Via Ostiense. Das Gelände gehört dem Orden Sankt-Paulus-Gesellschaft, einst gegründet, um das Evangelium mit den Mitteln modernster Technik zu verbreiten.
Die Privatpraxis des Teufelsaustreibers sieht aus wie eine Teeküche. Sie ist zur Hälfte gekachelt, mit Spüle, einem kleinen Altar und einem Tischchen, auf dem Plastikbecher und eine Flasche Mineralwasser "San Benedetto" stehen. An den Wänden Bilder von Padre Pio, Johannes Paul II. und Amorths Lehrmeister Don Candido Amantini. Es ist nichts Unheimliches zu bemerken, kein Schwefelgeruch, keine Kohlebecken oder Streckbänke.
Amorth ist ein ernsthafter Mensch. Neben dem Theologie- hat er auch ein Jurastudium abgeschlossen. Seine Bücher sind, wie er sogleich mitteilt, in 21 Sprachen übersetzt, darunter ins Japanische. Der Pater gilt als Kapazität auf dem Gebiet der Mariologie, der Wissenschaft von der Muttergottes.
1990 gründete Amorth die "Internationale Gesellschaft der Exorzisten". Bis heute ist er deren Ehrenpräsident. Er sagt:
Ich sage allen, sie sollen zuerst die Ärzte und Psychologen um Rat fragen. In den allermeisten Fällen gibt es psychische oder physische Ursachen für das Leiden. Psychiater schicken mir die unheilbaren Fälle. Es gibt keine Konkurrenz. Der Psychiater sagt, ob es sich um Symptome einer psychischen Krankheit handelt. Der Exorzist sagt, ob es sich um spezifische Symptome eines Fluchs handelt. Er kann feststellen, ob ein Hexer einen Fluch ausgesprochen hat.
Wer davon überzeugt ist, dass die Welt voll von Teufeln und Teufelchen ist, der entwickelt eine Technik des Umgangs mit dem Bösen, die sich in Vokabular und Denkstruktur nicht wesentlich von der Welt eines Automechanikers unterscheidet. Es käme Amorth nicht in den Sinn, dass jemand es ungewöhnlich finden könnte, von schwebenden oder nägelspeienden Signoras berichtet zu bekommen. Der Pater spricht über den Teufel wie ein Handwerker über die Kunst, einen Rohrbruch zu reparieren. Don Gabriele ist der Klempner des Bösen. Er sagt:
Im Allgemeinen riecht man nichts. Aber manchmal speien sie Dinge aus. Gestern kam ein geheilter Patient vorbei. Mit den Nägeln, die er ausgespien hatte, hätten wir einen Eisenwarenladen aufmachen können. Es gibt aber auch Besessenheiten, die allein durch Gebet und Fasten verschwinden.
Er empfiehlt für den Hausgebrauch das "Befreiungsgebet". Es geht so: "Herr, allmächtiger und barmherziger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, befreie mich von allen Einflüssen des Bösen, Vater, im Namen Christi bitte ich dich, dass du jede Kette, die der Teufel über mich hat, zerbrichst. Vergieße das kostbarste Blut deines Sohnes über mich. Damit sein unbeflecktes und heilbringendes Blut jegliche Einflüsse über meinen Körper und meinen Geist vernichtet."
Das Gebet ist kostenlos aus dem Netz herunterzuladen und sollte bei Symptomen von Besessenheit täglich gesprochen werden.
Wenn alles nicht hilft, dann bleibt nur der Gang zu Don Gabriele.
Die "Kirche der Unbefleckten Empfängnis auf dem Esquilin" liegt an einer starkbefahrenen Straße unweit des römischen Hauptbahnhofs Termini. Energiesparlampen und einige elektrische Gebetsbirnchen erhellen den hohen, mit Deckenfresken ausgemalten Raum nur kümmerlich. Hier ist Padre Amorths Ort für harte Fälle.
Zur Morgenmesse an diesem Freitag haben zwei, drei Dutzend Besucher in den Bänken gesessen, in der ersten Reihe eine rundliche, hübsche junge Frau mit modischen Schuhen. Vor dem Pater wurden Mineralwasser, Haushaltssalz und Fotos von einer Hochzeit ausgepackt. Amorth hat diesen Dingen den Segen gegeben und ist dann mit drei Diakonen in den Nebenraum verschwunden, wo schon drei Gehilfinnen warteten, ältere und freundlich nickende Hausfrauen mit Rosenkränzen.
Die Tür mit dem gehäkelten Spitzenvorhang schließt sich, und wenig später ist ein an- und abschwellendes Murmeln zu hören, in dem bisweilen die Stimme des Paters zu erkennen ist. Dann schreit es. Obszön laut. Als würde ein Schwein zur Schlachtbank gezerrt. Sogleich wird auch das Murmeln lauter. Es schreit: "Maledetto!" Eine Frauenstimme.
Im Neuen Testament heißt es: "Der Teufel geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann" (1. Petrus Kapitel 5, Vers 8).
Nach einer Weile kommt eine der Hausfrauen heraus und wäscht sich die Hände. Sie lächelt freundlich, als wäre in dem Raum hinter ihr nicht gerade ein spitzes Toben, ein gurgelndes Gebrüll, ein Pesten und Schluchzen zu hören. "Ich verfluche dich!", ist zu hören, dann wieder Amorths Stimme: "Wie ist dein Name? Wie ist dein Name?" Man hört ein Gurgeln, das sich in einem langgezogenen, hohen Schrei entlädt. "Dein Name! Ist es Astaroth?!" Die Stimme bleibt nicht nur die Antwort schuldig, sondern auch jegliche Ehrerbietung: "Nein! Nein!! Porrrrca Madonna!!!"
Eine halbe Stunde ringt es hin und her, Gebrüll übertönt Murmeln, Murmeln steigt an und senkt sich wieder, ab und zu ein Stampfen und ein Heulen. Dann ist es vorbei.
Einer der Diakone erscheint in der Tür, fragt: "Wie geht's?" und zieht, noch die
violette Stola um den Hals, ein Handy aus der Tasche, um eine SMS einzutippen.
Dann kommt die Besessene aus dem Exorzistenzimmer. Es ist die Frau, die in der Frühmesse in der ersten Reihe gesessen hatte. Jetzt ist ihr Gesicht etwas gerötet, sie nickt allen grüßend zu, macht eine Bemerkung über den Bahnstreik und strahlt, als hätte sie soeben ein Autogramm von Leonardo DiCaprio bekommen. Das Schreien muss ihr gutgetan haben.
Im Wartezimmer sitzt schon Tonino mit seinen Eltern. Sie wohnen in einer ärmlichen Vorstadt im Osten Roms und haben das Problem, dass sich die Möbel in ihrem Schlafzimmer bewegen. "Tonino wacht nachts auf und sieht Schatten mit Kapuzen", sagt die Mutter. Sie ist eine untersetzte Frau mit kurzem Haar, unansehnlich und direkt wie die Armut. Niemals würde sie mit ihrem Jungen zu einem Psychiater gehen. Das ist was für Verrückte.
Ihr Mann schweigt. Tonino schweigt auch. Er trägt tiefgelegte Jeans, Bomberjacke mit Kaninchenpelz und zwischen den Schulterblättern seit neuestem ein Tattoo: "Zwei Flügel, und dazwischen irgendein Schädel", flüstert ein sehr ernster junger Mann in Soutane, der Gemeindepriester der Familie. Und fügt hinzu: "Der Dämon nutzt diese Tattoos aus ..." - "Kommen Sie doch herein", sagt Don Gabriele. Hinter ihm ist ein enger Raum zu sehen, mit einem schäbigen Sessel, einigen Stühlen und einer Massageliege in der Mitte. Drum herum sitzen bereits die drei Hausfrauen mit ihren Rosenkränzen und reden über irgendein Sonderangebot. Außerdem stehen drei junge und kräftige Diakone bereit.
Als Erstes frage ich den Dämon nach seinem Namen. Oft will er ihn nicht sagen. Denn sobald er seinen Namen nennt, ist er schon angreifbarer. Er hat viele Namen. Es gibt natürlich die Fachbegriffe aus der Bibel, Satan, Beelzebub, Aschmodai, das sind die mächtigsten. Es gibt auch andere, die nicht aus der Bibel kommen. Man darf nie idiotische Fragen stellen, etwa ob Roma gegen Lazio im Fußball gewinnt. Man stellt nur Fragen, die unmittelbar mit der Heilung zu tun haben. Also zuerst den Namen, dann den Tag des Eintritts, den Grund und den Namen dessen, der ihn geschickt hat.
Tonino liegt inzwischen auf einer Liege. Eine Frau hält seinen Kopf, ein Priester seine Linke. Die Eltern stehen am Fußende, der Hauspriester gegenüber. Plötzlich fängt der ganze Raum an zu zittern. Das ist die Metro-Linie A, die unter der Kirche verläuft.
Der Exorzist besprengt den Jungen mit ein paar Tropfen Weihwasser. "Lasse ab, Tonino, von Satanismus, von Hexerei, von Dämonen, von Kartenlesern ..." Tonino schaut auf die Neonlampe. Er hat zwei Stahlknöpfe im Ohr.
Don Gabriele salbt dem Jungen einige Male die Stirn, mit festem Daumen, in Form eines Kreuzes, dann patscht er ihm wiederholt auf die Stirn: "Wie heißt du?", er hält sein Ohr an die Lippen Toninos. Nichts.
Wie heißt du? "Skarbrick oder so ...", flüstert der Gemeindepriester. Die Mutter reicht eifrig einen Zettel herüber, auf der einige Namen stehen. Skarbrick, das klingt wie eine Figur aus "World of Warcraft", einem Fantasy-Computerspiel. Don Gabriele kennt das Spiel nicht.
Tonino sagt nichts. Ihm ist unwohl. Auf cool gemacht hat er die ganze Zeit nicht. Das hier ist kein Spaß, auch für einen 17-jährigen Vorstadt-Ragazzo nicht.
"Mit Hilfe von Don Candido, mit Hilfe von Johannes Paul II., mit Hilfe der allerunbeflecktesten Jungfrau Maria - lasse ab von Tonino ...", psalmodiert der Pater und patscht Tonino immer wieder mit der Hand auf die Stirn. Der Junge schwitzt, ver- zieht das Gesicht wie unter Schmerz, verkrampft die Beine. "Lasse ab von Tonino, lasse ab ..." Bei jedem Krampf halten die Priester ihre rechte Hand segnend in die Richtung des Patienten, als wollten sie etwas abwehren. Ein wenig so wie in "Star Wars".
Jetzt versucht er sich aufzubäumen, wölbt den Bauch nach oben. Die kräftigste der Helferinnen setzt sich auf seinen Oberschenkel. Eine andere holt eine Serviette, falls Tonino anfängt zu spucken. Es ist jetzt nicht mehr ganz geheuer in dem kleinen Nebenraum. Wenn Tonino jetzt anfangen würde, Zimmermannsnägel auszuspucken oder Rasierklingen oder anfangen würde zu schweben, müsste man sein Weltbild überdenken.
Aber Tonino spuckt nicht, und er sagt auch keinen anderen Namen als den in seinen Pass geschriebenen. Tonino kneift die
Augen zusammen, dann ist es vorbei. Alle Anwesenden beten ein Ave Maria. Tonino betet das Ave Maria mit, zur Erleichterung aller Anwesenden.
"Na, geht's dir schon besser?", fragt der Exorzist. Tonino nickt. "Ein Exorzist kann dir helfen, aber heilen kannst nur du dich. Du musst täglich beten und das hier befolgen", Amorth reicht ihm eine fotokopierte Liste der Zehn Gebote.
"Aber was sollen wir mit den Möbeln machen, die sich bewegen, Pater?", fragt die Mutter. "Weihwasser hilft meistens. Ein paar Tropfen in jede Zimmerecke."
Die Mutter drückt Amorth die Hand und schiebt einen zerknitterten 20-Euro-Schein hinein. "Für die Armen", sagt Don Gabriele. Seine Behandlung ist gratis.
Der stämmigste Diakon reibt Tonino noch Salböl zwischen die Schulterblätter. Der Junge stöhnt auf. Offenbar ist sein Tattoo noch frisch.
Dann gehen sie. Keiner hat den Eindruck gemacht, als sei es ihm peinlich, beim Exorzisten gesehen zu werden. Der Besuch beim Teufelsaustreiber scheint für sie nicht ungewöhnlicher als ein Zahnarzttermin.
"Ein scheinbar schwacher Fall", sagt Don Gabriele entschuldigend. Und weil der nächste Fall vom Streik der Nahverkehrsbetriebe aufgehalten worden ist, setzt der Pater sich und sagt:
Nein, natürlich bin auch ich nicht gegen den Dämon gefeit. Jeder ist ihm ausgesetzt. Selbst Mutter Teresa ist exorzisiert worden, in ihren letzten Jahren. Auch andere Heilige. Ihr Leben lang konnten sie sich zur Wehr setzen, aber am Ende des Lebens nutzt der Dämon die Schwäche aus. Der Dämon ist überaus intelligent. Weil er die Intelligenz der Engel behalten hat. Auch deren strenge Rangordnung übrigens. Wie oft habe ich einen Dämon gefragt: Warum gehst du nicht? Und er antwortete: Weil Satanas, der oberste Dämon, es mir verboten hat.
Nach katholischer Lehrmeinung gibt es Teufel als "geschöpfliche Wirklichkeiten", genauso wie es Engel gibt, die jungfräuliche Empfängnis und das Klavier im Apartment des jetzigen Papstes. Das Böse ist der Preis für die menschliche Freiheit. Nur weil der Mensch als freies Wesen geschaffen wurde, hat er die Möglichkeit zum bösen Tun.
Aber was hat das mit dem Teufel zu tun? Wie ist Besessenheit bei der Annahme eines freien Willens denkbar?
Die Offenbarung sagt uns, dass die Geister des Bösen Engel waren, die sich gegen Gott erhoben haben. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Menschen in die Sünde zu ziehen. Es kommt vor, dass jemand neidisch auf Ihren Job ist und Ihnen einen Fluch anhexen lässt. Dann werden Sie krank und können nicht mehr arbeiten. In 90 Prozent meiner Fälle ist eine Verwünschung die Ursache. Der Rest sind Satanssekten, Teilnahme an einer spiritistischen Sitzung oder Magie. Der Teufel hat die außergewöhnliche Fähigkeit, in manchen Fällen einen Körper zu besetzen. Aber ...
Don Gabriele deutet mit dem Zeigefinger auf sein Gegenüber, in Höhe des Solarplexus.
... nur den Körper, nicht die Seele. Wenn Sie in Einklang mit Gott leben, ist es sehr viel schwieriger, Sie zu verfluchen.
Bei der ersten internationalen Exorzismuskonferenz, in Mexiko 2004, hat die katholische Kirche beschlossen, verstärkt gegen den Teufel vorzugehen. Auch nach dem Tod Karol Wojtylas hat sich daran nichts geändert. Während der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 14. September 2005 wandte sich auch der frischgewählte deutsche Papst ausdrücklich an die Teilnehmer des Nationalkongresses der italienischen Exorzisten. Er ermutigte sie, "mit ihrem wertvollen Dienst an der Kirche fortzufahren". Der Intellektuelle auf dem Petrus-Thron hat mit dem Exorzismus nicht gebrochen, im Gegenteil. Mit Nachdruck werden unter Benedikt XVI. in Rom Fortbildungskurse für Teufelsaustreiber durchgeführt. Es gibt Nachwuchsmangel.
Der Papst unterstützt uns Exorzisten. Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Ratzinger am neuen Katechismus mitgearbeitet, in dem der Exorzismus erklärt ist. Er hat mich immer sehr ermutigt. Allerdings glaube ich nicht, dass er jemals einen Exorzismus durchgeführt hat, anders als Wojtyla.Wir waren früher neun Exorzisten hier in Rom. Einer ist krank, einer ist befördert worden und einer umgezogen. Im Vatikan ist seither kein Exorzist mehr tätig. Dafür gibt es satanische Sekten dort. Sie sind überall. Man sieht sie nicht. Aber es gibt sie. Der Dämon arbeitet überall. Der Teufel ist in Fátima, in Lourdes, überall. Und ganz sicherlich ist er im Vatikan tätig, dem Zentrum des Christentums.
Deutschland ist, zum Leidwesen Don Gabrieles, ein exorzistenloses Land. Die Austreiber sind in den Untergrund getrieben worden, seit jenem Fall der jungen Anneliese Michel aus Klingenberg am Main, die 1976 nach einer monatelangen Exorzismusbehandlung an Unterernährung starb. Die Affäre kam 2006 ins Kino, als Spielfilm mit dem Titel "Requiem".
Zwar gebe es in Süddeutschland charismatische Bewegungen, die mit Bordmitteln gegen Satan kämpften ("Sie lesen privat das Befreiungsgebet - das ist besser als nichts"), aber letztlich bleibe die Last auf seinen eigenen Schultern liegen. Jede Woche bekommt Amorth Briefe von deutschen Priestern oder Gläubigen, die einen "Grande esorcismo" erbitten - die echte, wahre, komplette Austreibung nach allen Regeln des Tridentinischen Konzils.
Aber das geht nicht. Schon weil ich kein Deutsch spreche. Und eine Behandlung kann Jahre dauern. Bei 3 bis 4 Jahren bin ich schon zufrieden. Ich hatte Fälle von 16, 18 Jahren. Manche sind auch dann nicht vollständig erlöst, sondern kommen dann noch zweimal im Jahr. Sie können aber ihr Leben weiterführen.
Im Kino wird Besessenheit gern mit Levitationen bebildert. Die Person schwebt dann an der Zimmerdecke und spricht mit der Stimme von Charles Bronson. Auf das Thema angesprochen, sagt Don Gabriele: "Levitationen, jaja ..." - in einem Tonfall, als wäre er nach der Existenz von Tauben in Rom gefragt worden. "Die gibt es, wenn auch selten. Ich erinnere mich an einen jungen Bauern, aus meiner Anfangszeit. Wir brauchten sechs Mann, um ihn zu halten. Er kam und sagte: I am Lucifer! König der Skorpione und der Schlangen. Und spuckte mir ins Gesicht. Er sprach nur Englisch, obwohl er noch nicht einmal richtig Italienisch konnte. Er schwebte ungefähr so hoch ..."
Padre Amorth könnte jetzt beeindruckende Flughöhen angeben. Er tut es nicht. "So hoch schwebte er", sagt er und hält die Hand eine Ellenbogenlänge über dem Tisch.
Es gibt in Italien mehr Hexer als Priester. Und mit den Hexern hat die Zahl der
Verfluchungen zugenommen. Die Jungen haben keinen Glauben mehr. Das nutzt der Teufel aus.
Am 2. April 1978 nahm der spätere Ministerpräsident Romano Prodi an einer spiritistischen Sitzung im Landhaus eines Freundes teil. In jenen Tagen suchte das ganze Land nach dem von Rotbrigadisten entführten Politiker Aldo Moro. So befragten die elf Versammelten, darunter fünf Kinder, auch den Geist des im Jahr zuvor verstorbenen Christdemokraten Giorgio La Pira, übrigens ein enger politischer Freund auch von Don Gabriele Amorth. Die Frage an den Geist La Piras war schlicht: Wo ist Moro?
Eine Untertasse sei auf einem Buchstabenfeld herumgeschoben worden. Dabei habe sich, so gab Romano Prodi am 10. Juni 1981 der Untersuchungskommission zu Protokoll, unter anderem das Wort Gradoli gebildet, der Name eines Dörfchens nördlich von Rom. Es sei zwar nur ein Spiel gewesen, dennoch habe man sofort die Polizei benachrichtigt: Denn keiner der Anwesenden habe den Namen des Dorfes vorher je gehört. Durchsuchungen in Gradoli blieben erfolglos. Erst nach der Ermordung Moros kam heraus, dass sich in der Via Gradoli Nr. 96 in Rom ein Versteck der Roten Brigaden befand.
Laut Gesetz ist "der Beruf des Scharlatans" in Italien verboten. Das faschistische Gesetz von 1931 ist nie abgeschafft worden und wurde 1994 sogar verschärft. Dennoch gehen etwa 150 000 Menschen, großteils Einwanderer, ihrem Beruf als Kartenleser, Hexer oder Liebesbeschwörer nach.
Nach Angaben des renommierten Sozialforschungsinstituts Eurispes von 2001 kos-tet eine Verfluchung, je nach Region und Schwere, zwischen 100 und 3000 Euro. Noch heute gehen etwa zwölf Millionen Italiener zu Scharlatanen. Rund sechs Milliarden Euro nehmen diese jährlich ein, und weil sie nur in seltenen Fällen Steuern bezahlen, entsteht dem Staat ein erheblicher Schaden. Unter das Scharlatanerie-Gesetz fällt übrigens auch der Beruf des Exorzisten.
Nicht immer kann ein Exorzismus eine Besessenheit vollständig beenden. Aber man kommt zur Quasi-Befreiung, so dass die Person arbeiten, ihr Familienleben weiterführen kann. Die Leiden hören auf. Sie können wieder beten, in die Kirche gehen, das Abendmahl einnehmen. Aber nein, es gibt keinen perfekten Schutz. Selbst der Papst ist nicht immun. Allerdings verfügt der über eine Formation von Schutzengeln.
Don Gabriele benutzt an dieser Stelle einen militärischen Ausdruck: Schieramento - Formation. Das Wort kommt aus einem früheren Leben des Paters, einer Vergangenheit, die nicht weniger dunkel und heroisch ist als seine späteren Aktivitäten. Amorth hat bereits früher gegen das Böse gekämpft. Im Zweiten Weltkrieg war Gabriele Amorth ein Untergrundkämpfer gegen die Deutschen.
In der Wohnung des Exorzisten liegt noch die Militärmedaille der Repubblica Italiana. Mit 18 Jahren hatte er sich den Partisanen in Modena angeschlossen. Sein Kampfname war "Alberto", er wurde Kommandeur des 3. Bataillons der Brigade "Italia".
Nach dem Ende des Faschismus versuchte Giulio Andreotti, den Kommandeur Alberto in die Politik zu holen, als seinen Stellvertreter im christdemokratischen Studentenverband FUCI. Amorth ging nach Rom und sollte Andreottis Nachfolger werden. Er entschied sich dagegen, Amorth wurde lieber Priester.
Die Freundschaft des Exorzisten mit Andreotti ist bis heute geblieben. Die beiden alten Männer sehen sich gelegentlich. Giulio Andreotti wurde nach dem Krieg siebenmal Ministerpräsident und war in etliche Skandale Nachkriegsitaliens verwickelt. Jeder kennt Andreotti. In den Zeitungen wird er oft nur beim Spitznamen genannt: Beelzebub.
Natürlich gibt es das Böse in der Politik, sehr häufig sogar! Der Dämon bemächtigt sich mit Vorliebe derer, die große Verantwortung tragen, Industrielle, Politiker. Hitler und Stalin waren mit Gewissheit besessen vom Dämon. Woher ich das weiß? Sie haben Millionen umgebracht. Im Evangelium heißt es: An den Früchten erkennst du die Pflanze. Ein Exorzismus hätte leider auch nichts genützt, weil Hitler und Stalin sich völlig über ihr Tun im Klaren waren. Es war keine Besessenheit im eigentlichen Sinne, sondern ein ständiges Befolgen der Einflüsterungen des Dämons.
Amorth sagt, auch nach 70 000 Fällen könne er einen Teufel nicht vom bloßen Augenschein her erkennen. "Jeder Fall ist unterschiedlich", sagt der Padre. Dann kommt ihm eine Idee: "Wir können es bei Ihnen versuchen. Bleiben Sie ganz ruhig. Es dauert nur wenige Minuten."
Kalt wie Marmor und schwer ruht die Greisenhand auf der Stirn. Padre Amorth spricht ein lateinisches Gebet. Ein Verfluchter müsste jetzt wohl wimmernd auf die Knie fallen. Es kribbelt ein wenig im Bauch. Vielleicht nur die Fagioli von gestern Abend.
Vielleicht.