Die Mutter aller deutschen Castingshows ist hart, aber herzlich - und total erfolglos gewesen.
Sie startete 1981 im öffentlich-rechtlichen dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Paul Kuhn war der Moderator. In der Jury saßen Karl Dall, Elisabeth Volkmann und Carlo von Tiedemann. Die Teilnehmer waren unbekannte Talente, die mit Hilfe der "Gong-Show" bekannt werden wollten.
Das Format hatte seinen Namen deshalb, weil Nieten von der Jury gelegentlich mitten in der Darbietung weggegongt wurden. Wer seinen Akt zu Ende bringen durfte, wurde immerhin benotet. Und wer am Ende die meisten Punkte hatte, bekam eine Trophäe als Andenken. Das war's.
Nach nur vier Folgen wurde die "Gong-Show" abgesetzt und tauchte 1992 im damals noch sehr pubertären Privatfernsehen von RTL wieder auf, moderiert von Götz Alsmann. Zu den Juroren gehörten unter anderen Wigald Boning und Ingolf Lück. Die Kandidaten waren, wie schon beim NDR, ambitionierte Amateure. Unvergessen der Auftritt einer jungen Frau, die "Oh mein Papa" sang - im Kopfstand, ohne dass ihr das lange Kleid über den Kopf rutschte.
Die Parade der Dilettanten lief spätabends, war in Wohngemeinschaften ein Hit, hatte aber auch bei RTL schlechte Quoten. Sogar ihr Ende blieb weitgehend unbemerkt, ähnlich wie der dritte Aufguss, den Sat.1 zehn Jahre später noch einmal probierte.
Das alles war lediglich eine müde Ouvertüre zu "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") mit Chefjuror Dieter Bohlen, der 1981, als alles anfing, gerade mal 27 Jahre alt war und als Produzent die Band "The Teens" betreute. Die ist inzwischen spurlos im Abgrund der Popmusik verschwunden, während Bohlen eine Karriere gemacht hat, die ihm nicht einmal ein bestochener Wahrsager prophezeit hätte.
Seinen Durchmarsch zum Erfolg hat er vor allem zwei Tugenden zu verdanken: einem Riecher für den Massengeschmack, den er gnadenlos mit musikalischen Grausamkeiten ("Cheri Cheri Lady") bedient, und einem nicht vorhandenen Peinlichkeits-Gen, das es ihm ermöglicht, immer das zu sagen, was er gerade denkt, auch wenn er mal nichts denkt, ohne sich um etwaige Folgen zu kümmern.
Im Showbusiness, das auf Opportunismus und Verlogenheit basiert, ist das eine extrem seltene und deswegen sympathisch anmutende Eigenart.
So kommt nun bei "DSDS" zusammen, was zusammengehört: ein alternder Pop-Proll mit der Weisheit gefühlter 150 Jahre Jugend-, Musik- und vor allem Boulevarderfahrung. Und Zehntausende Teenager, bei deren Stimmchen selbst stressresistente Wanderratten glatt zerplatzen - und die vor allem eines gemeinsam haben: ihr kaum noch zu überbietendes Maß an Selbstüberschätzung, deren Bedeutung für jede Gesellschaft aber gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann.
Denn gerade diese Selbstüberschätzung ist eine extrem produktive Haltung, ja letztlich der Motor jedes Fortschritts überhaupt.
Von Gutenberg bis Bill Gates, von Luther bis Lassalle, von Marco Polo über Humboldt
bis zu Steve Fossett, Realisten treten immer auf der Stelle, Phantasten kommen voran - oder stürzen ab. Und natürlich stürzen die meisten ab, auch bei "DSDS".
Dabei schafft es der Zeremonienmeister Bohlen, sich immer wieder selbst zu toppen. Kaum hat er einem "DSDS"-Kandidaten bescheinigt, "Scheiße zu singen ist auch 'ne Begabung", fällt ihm zu einem anderen Kandidaten ein noch deftigeres Kompliment ein: "Das klingt, als wenn sie dir den Arsch zugenäht haben."
Solche Sätze sind es, mit denen er sich den Vorwurf der "Menschenverachtung" hart erarbeitet hat. Freilich geht die Klage am Kern der Sache vorbei: "DSDS" ist keine Selbsthilfegruppe für Legastheniker, die man nur liebevoll auf ihre Rechtschreibfehler hinweisen darf, damit sie nicht verschreckt reagieren. Es ist ein Spiel, dessen erste und einzige Regel lautet: "Survival of the fittest."
Folglich kommt es nicht nur auf ein wie immer definiertes musikalisches "Talent" an, sondern noch mehr auf Originalität, Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen; Eigenschaften, die in der Welt der Wirtschaft, der Wissenschaft und selbst der Kultur heute von jedem verlangt werden, der was werden möchte. Im Sport sowieso. Alle übrigen können ja bei Attac oder Greenpeace als ehrenamtliche Helfer anheuern.
Obwohl also die Voraussetzungen klar sind und kein Kandidat unter Androhung oder Anwendung körperlicher Gewalt in den Ausleseprozess getrieben wird, hagelt es nun Abscheu und Empörung. Der Deutsche Kulturrat, von dem man auf Anhieb nicht sagen kann, was er sonst so macht, fordert bereits Maßnahmen gegen die RTL-Verantwortlichen, nachdem einer der Kandidaten, Raymund R., vor laufender Kamera zusammenklappt war.
Auch das klassische Feuilleton bringt sich in eine erhabene Stellung: "Denn sie wissen nicht, was sie tun", schrieb vergangene Woche die "Süddeutsche Zeitung" und ernannte die Gesangskandidaten zu Bohlens Opfern, die "kein bisschen" verstünden, "worauf sie sich einlassen". Soll heißen: Sie müssen nicht nur vor Bohlen, sondern auch vor sich selbst geschützt werden.
Was also tun mit Menschen, die zu Tausenden Schlange stehen, um auf dem Altar ihrer eigenen Hoffnungen geopfert zu werden, entsprechend der Maxime von Herbert Achternbusch: "Du hast keine Chance, aber nutze sie."
Jennifer, 16, Schülerin und Mitglied in einem Geflügelzuchtverein, will "ein Star sein und auf Partys gehen". Mitten in ihrem Song ("Heul doch") bleibt sie stecken. Bohlen legt die Füße auf den Tisch und sagt: "Schnucki, jetzt sing!"
Thomas, 23, kommt mit einer Ukulele zum Casting, die er sich gegen die Stirn schlägt, während er ein polnisches Geburtstagslied singt: "Sto lat". Derweil sieht man, wie die Juroren aufstehen, ins Freie treten, Tee trinken und sich unterhalten. Am Ende der Einlage hat die Ukulele einen Knacks, und Thomas fragt mit rotunterlaufener Stirn: "Bin ich weiter?"
Sigrid, 28, hat zum Casting ein Zeugnis mitgebracht, "das zeigt, dass ich singen kann". Die Jury ist nicht überzeugt und will was hören. Die "staatlich geprüfte Musikerin" versagt und fängt eine Debatte mit Bohlen und Co. an, die ja "keine Ahnung" hätten. "Das Einzige, was du wirklich hast, ist 'n Rad ab", sagt Bohlen. Aus, du Maus! Ende der Vorstellung. Es
ist auch ein raffiniert inszenierter Generationskonflikt und ein grusliger Blick in die intellektuellen Armutsregionen, was RTL da nun zweimal wöchentlich zur besten Sendezeit und mit besten Quoten liefert.
Dominik, 22, von Beruf Friseur und arbeitslos, träumt davon, "berühmt zu werden". Seine "innere Stimme" sagt ihm, "dass ich halt dafür geboren bin". Die Stimme irrt sich. "Käse", resümiert Boh-len. "Das ist nix." Dominik schaltet auf stur: "Das seh ich nicht so. Ich sehe aus wie ein Superstar, ich hab das Zeug zum Superstar", woraufhin Bohlen komplett ausflippt: "Du wirst dein ganzes Leben lang ein scheiß-erfolgloser Friseur bleiben!"
Es ist unmöglich, all diese von RTL noch sorgsam auf ihre absurden Höhepunkte hin komponierten Selbstüberschätzungskatastrophen anders als komisch zu finden. Es ist die gleiche Komik, von der Amateurvideos und Sendungen wie "Vorsicht Kamera!" und "Pleiten, Pech und Pannen" leben.
Das Selbstbewusstsein der Kandidaten, die zu Hause offenkundig weder einen Spiegel noch Angehörige haben, denen sie zur Probe vorsingen könnten, ist so überwältigend, dass der Zuschauer kaum dazu kommt, so etwas wie Mitleid mit den Versagern zu entwickeln. "Die trauen sich was", denkt er und freut sich schon auf den nächsten Spruch von Dieter: "Das ist eins meiner Lieblingslieder, das lass ich mir von dir nicht kaputtsingen."
Zwischendurch zeigt die Jury auch mehr guten Willen als Sachverstand; erstens um das eigene Gewissen zu beruhigen und zweitens um die Show voranzubringen.
Denn die TV-Bruchpiloten haben zwar einen hohen Unterhaltungswert, aber wie bei jedem Glücksspiel muss es auch ein paar Gewinner geben, sonst wird's auf die Dauer fad.
Benjamin, 16, Schüler an einer Berufsschule, ist zum Beispiel 161 Zentimeter groß, 55 Kilo schwer und platzt vor Selbstbewusstsein. "Die Frauenwelt steht auf mich", behauptet er vor seinem Auftritt und begrüßt die Jury mit der Frage: "Na, wie geht's euch so?"
Bohlen ist beeindruckt. "Du, einssechzig, und so 'ne dicke Fresse, ja?" Benjamin ist eine Runde weiter und verspricht: "Ich mach die alle platt!" Auch Ole, 29, Koch und arbeitslos, freut sich: "Deutschland, ich komme!"
Über 100 000 haben sich laut RTL für die fünf "DSDS"-Staffeln seit 2002 beworben. Das ist die Einwohnerzahl einer Stadt wie Erlangen, Cottbus oder Trier.
Das sind 100 000 Menschen, die mit dem Leben, das sie schon hinter oder noch vor sich haben, nicht zufrieden sind und aus einem Gehege ausbrechen wollen, in dem nur ein Flachbildschirm vom Media Markt etwas Besseres verheißt. Menschen, die jeden Tag "Exclusiv" und "Explosiv", "taff" und "Leute heute" schauen und wenig Ahnung davon haben, was in der Welt sonst so passiert.
Dafür wissen sie ganz genau, dass Jeanette Biedermann eine Friseurlehre bei Udo Walz abbrach, nachdem sie 1999 zur "Bild"-Schlagerkönigin gewählt wurde; dass Yvonne Catterfeld an dem Wettbewerb "Stimme 2000" teilnahm und dabei von dem Plattenboss Thomas Stein, einem späteren "DSDS"-Juror, entdeckt wurde; dass Daniel Küblböck nach seinem dritten Platz bei "DSDS" eine Single auf den Markt brachte ("You drive me crazy"), die es prompt an die Spitze der Charts schaffte - und zwar nicht nur in Deutschland, sondern sogar in Thailand.
Es ist nicht nur die suggestive Kraft solcher Geschichten, die viele Menschen zu einer Fehleinschätzung ihrer persönlichen Talente verführt; es ist das Überangebot an Gelegenheiten.
Noch nie war es so einfach, in die Öffentlichkeit zu kommen. Wer es noch nicht in eine der zahllosen Dokusoaps geschafft hat, in denen heute gekocht, gezimmert, entschuldet oder wenigstens gewandert wird, der muss nur abwarten, bis die Super Nanny an der Tür klingelt und Hilfe bei der Erziehung renitenter Kinder anbietet.
So betrachtet ist "DSDS" kein Grund, die Endzeitglocken läuten zu lassen wie weiland schon bei "Big Brother" oder dem Dschungelcamp. Es ist auch kein Festival der Schadenfreude, bei dem Menschen "zum bloßen Objekt" ("SZ") der Schaulust degradiert werden.
Erstens trifft es keine Unschuldigen: Wer mit 14 strafmündig wird, mit 16 allein bis Mitternacht Kneipen besuchen darf, mit 18 heiraten, den Führerschein machen und wählen darf, der muss auch wissen, worauf er sich einlässt, wenn er bei "DSDS" mitmacht.
Die Menschen vor sich selbst zu schützen ist eine schöne, aber tendenziell totalitäre Idee, die am Ende zu einer Auslagerung jeder Verantwortung führt.
Wer nach Sanktionen gegen "DSDS" ruft, der müsste konsequenterweise auch jede Werbung verbieten und dazu auch gleich Bergsteigen, Bungeejumping und alle anderen Extremsportarten.
Zweitens: Wenn Kurt Beck Bundeskanzler werden möchte, kann man es dann dem 24-jährigen Politologiestudenten Oliver verübeln, dass er von einer Karriere als Superstar träumt? Er sang den patinierten Bohlen-Hit "You can win if you want", fiel durch - und war glücklich.
Am Ende sagte er: "Danke schön, dass ich dabei sein durfte."