Die Schriftstellerin und Juristin Zeh, 34, lebt in Brandenburg. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Schilf". Schon 2002 hatte sie einen Bericht über ihre Reise durch die bosnischen Kriegsgebiete veröffentlicht ("Die Stille ist ein Geräusch").
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Wer in Deutschland einen Roman oder Film über die Bundeswehr produzieren will, hat sich für eine Komödie entschieden. Der Stoff könnte noch so dramatisch, die Geschichte noch so tragisch sein - in dem Augenblick, da der erste Obergefreite die Szene betritt, Pommes auf der Schulter und Bumsknochen in der Hand, ist die Lachnummer perfekt. Während der amerikanische GI mit cooler Sonnenbrille, Supermacht-Ausrüstung und kantigem Unterkiefer den Helden verkörpert, gibt der Bundeswehrsoldat in allen Lebenslagen die Witzfigur.
Warum das so ist? Weil Satire die einzige Form darstellt, in der sich das deutsche Militär behandeln lässt. Wir ziehen uns Spott und Hohn wie Gummihandschuhe über, bevor wir das Thema anfassen, als könnte man sich andernfalls die Finger daran schmutzig machen. Ironie schafft Distanz. Sie dient als Schutzschild gegen die Abwehrsysteme der öffentlichen Meinung, die sich, bewusst oder unbewusst, einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Militär noch immer widersetzt. Für die meisten Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen ist die Bundeswehr tabu. Erlaubt ist ein diffuses Dagegensein. Ansonsten gilt: tarnen, täuschen und verpissen.
Zu meiner Schulzeit bestand Antiwehrpflicht. Männliche Abiturienten mussten den Wehrdienst verweigern, wenn sie sich nicht lächerlich oder politisch verdächtig machen wollten. Zum Bund gingen die Dummen. Zwar wurden auf dem Schulhof fast ebenso viele Armeeparkas getragen wie in einer Kaserne. Aber die Deutschlandfahnen an den Oberarmen waren abgerissen, an den Revers steckten Buttons mit weißen Friedenstauben auf blauem Grund, und die Rücken zierten schwarze Anarcho-Sterne.
Wer das Gymnasium besuchte, war intellektuell; wer sich für intellektuell hielt, war links; und "links" bedeutete: gegen die Bundeswehr. In dieser Gleichung zeigte sich der Umgang mit historischer Verantwortung zugegebenermaßen nicht in seiner anspruchsvollsten Gestalt. Aber wir waren eben Teenager, Kinder der Achtziger, und für Demonstrationen vor der amerikanischen Botschaft gab es in Bonn schulfrei.
Schon vier Jahre später, im Jahrgang meines Bruders, durften sich die Jungs zum Bund melden, wenn sie die Zeit bis zum Studium verkürzen wollten, den Wehrdienst als Selbstfindungsstrategie betrachteten oder nachweisen konnten, dass sie ihre Verweigerung vor lauter Rumhängen und Partymachen verbimmelt hatten.
Weitere vier Jahre später hatte ich mein Völkerrechtsstudium abgeschlossen und fuhr nach Bosnien-Herzegowina, um zu sehen, wie sich das ehemalige Bürgerkriegsgebiet jenseits von Uno und "Tagesschau" ausnahm. Als ich mich für einen Truppenbesuch bei den Sfor-Einheiten anmeldete, entpuppten sich die Buhmänner meiner Jugend als überraschend normale Menschen. Gerade bei den Deutschen standen Neutralität, Wiederaufbau und Kontakte zur Zivilbevölkerung im Vordergrund. Man achtete auf möglichst bescheidenes Auftreten in der Öffentlichkeit, während sich die amerikanischen Soldaten wie mit Kriegsgerät behängte Weihnachtsbäume seitlich durch die engen Türen der Bäckereien quetschten.
Vielleicht waren die Bundeswehrsoldaten weniger cool und sexy als GIs auf der Kinoleinwand. Aber vielleicht lag das eben daran, dass man Krieg bei uns aus nachvollziehbaren Gründen weder cool noch sexy findet. Eigentlich ein Anlass, sich zu freuen, anstatt darüber zu lachen.
Offensichtlich hatte ich das Alter überwunden, in dem es ausreicht, für den Weltfrieden zu sein. Anders als zu Schulhofzeiten sah ich auf meiner Reise durch Bosnien keinen Sinn mehr darin, eine verfassungsmäßige und tragischerweise notwendige Institution wie die Bundeswehr einfach nur mies zu finden. Das heißt nicht, dass ich deutschen Auslandseinsätzen unkritisch gegenüberstand. Sowohl die Völkerrechtlerin als auch die Normalbürgerin in mir bekam damals wie heute Bauchschmerzen beim Gedanken an Militäreinsätze - und seien sie noch so "humanitär" -, wenn diese nicht auf Grundlage eines Uno-Mandats erfolgen.
Aus diesem Grund hatte ich den Nato-Einsatz im Kosovo abgelehnt und mich deswegen nächtelang mit meinen juristischen Kollegen gestritten. Aber die Soldaten in Bosnien hatten ein Uno-Mandat, und das zurückhaltende militärische Selbstverständnis der Deutschen überraschte mich positiv. Ich dachte, so etwas könne man durchaus lobend erwähnen, ohne deshalb zum Kriegstreiber zu werden.
So kann man sich täuschen. Als in Deutschland ein Fernsehbeitrag über meinen Besuch bei der Sfor berichtete, schlug mir jene Ablehnung entgegen, die ich als Schülerin gegenüber jedem Wehrdienstleistenden zur Schau getragen hatte. Unter anderem wurde versucht, meine Aufnahme in den Pen-Club zu verhindern. Ein deutscher Schriftsteller, erläuterte mir ein Pen-Mitglied, dürfe sich nicht öffentlich mit Soldaten zeigen.
Wie bequem. Die Friedensbewegung der achtziger Jahre verfolgte einen differenzierteren Ansatz. Sie wandte sich gegen atomare Aufrüstung und den Nato-Doppelbeschluss mit der Stationierung von Pershing-2-Raketen, nicht jedoch pauschal gegen die Bundeswehr. Selbst als im Jahr 1983 Schriftsteller und Intellektuelle öffentlich gegen den entsprechenden Stationierungsbeschluss protestierten, wurde immer wieder beteuert, dass es nicht um eine grundsätzliche Ablehnung von militärischer Verteidigung, sondern um eine Infragestellung des aktuellen Sicherheitskonzepts ging.
Von notwendigen politischen Auseinandersetzungen dieser Art ist heute nicht mehr als ein Eiertanz übrig geblieben. Relikte linken Denkens führen ein Untergrunddasein in der diffusen Überzeugung, dass man, gerade als Intellektueller, den Einsatz deutscher Soldaten im Ausland eigentlich grundsätzlich abzulehnen habe. Andererseits steht diese Auffassung auf wackligen Füßen, seit "Menschenrechte", gern auch in Etikettenform, zum standesgemäßen Argumentationsrepertoire aller billig und gerecht Denkenden gehören. Manch ein Linker, scheint es, sieht die Bundeswehr insgeheim als militärischen Arm von Amnesty International. Das sind aber gleich zwei Wünsche auf einmal, und sie schließen sich gegenseitig aus.
Bitter anschaulich wurde dieses Dilemma in den konkreten Entscheidungsnöten der rot-grünen Regierung anlässlich der Kosovo-Krise. Es wirkt fort in der Rhetorik der aktuellen Politik, die das Wort "Krieg" scheut wie der Teufel das Weihwasser. Lieber spricht man von "humanitären Einsätzen", von "internationaler Verantwortung" und globalen Sachzwängen. Man tut so, als könne man Krieg führen und gleichzeitig auch nicht. Anschließend schickt man Soldaten in Einsätze, manchmal ohne ihnen die nötige Ausrüstung und Ausbildung mit auf den Weg zu geben.
Soweit ich das beurteilen kann, hat sich inzwischen in Schriftstellerkreisen, jedenfalls der jüngeren Generation, die Erkenntnis verbreitet, dass es seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr so einfach ist, in militärischen Fragen eine heroische Protesthaltung einzunehmen. Da bedeutete der Irak-Krieg eine regelrechte Erleichterung. Es war vergleichsweise leicht, dagegen zu sein. Aber Bosnien, Kosovo, Afghanistan? Und was mag da noch kommen?
Am Kneipentisch mag manch einer die Meinung äußern, dass eine militärische Beteiligung Deutschlands an internationalen Einsätzen wohl nicht immer vermeidbar ist. In der Öffentlichkeit aber hält man sich bedeckt. Es fehlt an einer substantiellen Debatte darüber, ob und unter welchen Bedingungen militärische Einsätze in Zukunft stattfinden sollen. Wie sie zu rechtfertigen sind. Und welche Rolle die zunehmend marginalisierte Uno zu spielen hat.
Antworten auf solche Fragen lassen sich nicht durch Imagepflege ersetzen. Es reicht nicht, wenn die Bundeswehr durch feierliche Gelöbnisse am Jahrestag des Stauffenberg-Attentats versuchsweise in die Tradition eines Widerstands gegen Hitler gestellt wird. Die Bundeswehr ist nicht "böse" oder "gut". Sie ist ein Instrument, das zu bestimmten Zwecken eingesetzt wird. Und diese müssen diskutiert werden.
Wenn Deutschland keine eigene Linie entwickelt, wird es immer wieder in die Lage geraten, widerstrebend seinen Verbündeten hinterherzutrotten. Das hat mit Verantwortung nichts zu tun. Der Irak-Krieg hat gezeigt, wie wichtig es sein kann, eigene Entscheidungen zu treffen.
Niemand hat etwas davon, grundsätzliche Probleme der politischen Einzelfallentscheidung zu überlassen. In einer Demokratie spiegelt die Politik optimalerweise ein Mehrheitsinteresse. Das gilt, man höre und staune, auch bei militärischen Themen. Wenn die Öffentlichkeit, vertreten unter anderem durch ihre Intellektuellen, ein solches Interesse nicht definiert und zum Ausdruck bringt, dann tun es eben andere Kräfte.
Kann es wirklich sein, dass kaum einer den Kopf hebt, wenn im Zuge der Terrorismusbekämpfung der Einsatz von Soldaten im Landesinneren gefordert wird? Auch wenn es um die Bundeswehr geht - mit Lachen ist es dabei nicht getan.